01.10.1996

„MOND & REGEN ERSTE QUALITÄT“

Seine grüne Lederjoppe hängt gleich neben der steilen Treppe, die oben von einer massiven Falltür abgegrenzt wird. Auf dem Schreibtisch im Arbeitszimmer liegen zwei Brillen, Schreibutensilien, Barometer, ein kleiner Weltempfänger, ein Notizblock und die alte Adler-Schreibmaschine.
Wer in diesen Tagen im Dorf Bargfeld das kleine, hinter hohen Hecken versteckte Häuschen des 1979 verstorbenen Schriftstellers Arno Schmidt besichtigt, hat den Eindruck, der "Solipsist in der Heide" (Helmut Heißenbüttel) habe sich nur kurz von seinen legendären Zettelkästen getrennt, um sich auf seiner idyllischen Veranda mit dem Blick auf die eiserne Wasserpumpe und den mit Wacholder und Obstbäumen bewachsenen Garten auszuruhen. Oder um aus dem Keller eines der Weckgläser zu holen, in denen das selbsteingemachte Obst noch immer frisch aussieht.
Am äußersten Rand des Grundstücks markiert ein unscheinbarer Findling ohne Namensangabe die Stelle, an der Jan Philipp Reemtsma, der ebenso großzügige wie sensible Schmidt-Bewunderer, die Urne mit der Asche des Autors im Morgengrauen des 23. September 1979 heimlich begrub.
Mit Werken wie "Kaff auch Mare Crisium " oder seinem Opus magnum, dem 1330 Seiten umfassenden, 17pfündigen DIN-A3-Monstrum "Zettels Traum", hat Arno Schmidt das Nest Bargfeld, 20 Kilometer nordöstlich von Celle gelegen, in die Weltkarte der Literatur eingetragen. Auch in der Topographie des Planeten hat der Meister den Flecken einst minuziös verortet: 10 Grad, 20 Minuten, 53 Sekunden östliche Länge, 52 Grad, 42 Minuten, 20 Sekunden nördliche Breite. "In dieser Richtung kann man fünfzig Kilometer gehen, ohne irgendein Haus zu erblicken!" begeisterte sich der "niedersächsische Diderot" (Ernst Jünger), als er Haus 37 für 16700 Mark gekauft hatte. Doch bevor er mit seiner Frau Alice und mehreren Katzen von Darmstadt in die Einöde übersiedelte, listete der gelernte Buchhalter nach der Besichtigung im Oktober 1958 in einer "Akte Bargfeld" erst mal Vorteile und Nachteile dieses einsamen Wohnsitzes auf:
"Die Landstraße selbst hört im Dorf auf, da weiterhin nur Moor und ödeheide, also keinerlei Durchgangsverkehr; absolute Stille garantiert (und durch 2 Übernachtungen erprobt). Poststelle beim Gastwirt (Dort auch ein öffentlicher Fernsprecher). Keine Kirche(!), Waldungen nicht ideal, da allzusehr ,verspitzelt', aber doch die erforderliche Landschaft für Bücher mühelos hergebend. Mond, Nebel & Regen erste Qualität; auch im Trinkwasser war, selbst mit dem bösesten Willen, kein Jauchegeschmack spürbar."
Wie der erstklassige Bargfelder Nebel das literarische Schaffen beflügelt haben muß! Aber nicht einmal der Bann der feuchten Schwaden und das köstlich jauchefreie Wasser vermochten die Schrumpfung der Einwohnerschaft aufzuhalten. Von 350 Bargfeldern, die das Dorf zu Lebzeiten des Zettel-Zauberers bevölkerten, sind heute 156 übriggeblieben.
Auch Frau Bokelmanns Krämerladen, der ehedem dem Ehepaar Schmidt das Nötigste lieferte, ist nicht mehr. Allein die "Kühe in Halbtrauer", die ein Romantitel des Meisters besingt, bringen noch immer ihr Leben mit Wiederkäuen und Verdauen hin.
Just hier haben sich nicht weniger als vier Verlage angesiedelt. Über die bibliomanen Forscher und Antiquare, die in diesem Dorf ihre liebevoll edierten Erkenntnisse veröffentlichen, wäre wohl auch das allen gemeinsame Leitbild entzückt gewesen.
Nicht umsonst hat sich Arno Schmidt als Wiederentdecker verkannter Außenseiter hervorgetan, als er "Gehirntiere" wie Johannes von Müller (1752 bis 1809) und Karl Gutzkow (1811 bis 1878) dem Vergessen entriß. Die Arno-Schmidt-Stiftung mit ihrem Selbstverlag, dem ehemaligen Wohnhaus des Heidepoeten vorgelagert, mag noch der eine oder andere kennen. Aber wer hat schon vom "Luttertaler Händedruck", dem Verlag "Bücherhaus Bargfeld" oder von der "Edition Huflattich, Stümper & FF" gehört?
Ulrich Goerdten, Bibliothekar an der FU Berlin, betreibt in Bargfeld seinen Kleinverlag Luttertaler Händedruck. Seit 1985 hat er hier sein Haus, in dem er neuerdings mit Frau und dreijährigem Sohn die Ferien und die meisten Wochenenden verbringt.
In seinem Verlagsprogramm wird "Zettels Traum" weitergeträumt: Die Texte, die er verlegt, sollen "möglichst unbekannt und entlegen sein und nur für Spezialisten Interesse haben", betont er.
Kommerzielle Absichten hegt er nicht. Er zieht es vor, seine Hefte an handverlesene Leser zu verschenken, wenngleich der Buchhandel seine Pretiosen beschaffen kann.
Zu ihnen gehört die fabelhafte Enthüllung eines gewissen Rudolph Genee, der unter dem Titel "Wir aber sind objektiv" im Pluralis majestatis schlüssig beweist, daß Goethes Dramen allesamt von Schiller verfaßt wurden. Das wegweisende Werk aus dem Jahr 1897 hatte Goerdten zufällig in der Uni-Bibliothek aufgestöbert.
Die mitgedruckten "Randbemerkungen von einem gebildeten Dummkopf", der sich über die Schändung des Denkmals Goethe entrüstet ("Lächerlich! Empörend! Beweise!") machen das Traktat zur vergnüglichen Satire. Es ist Goerdtens Bestseller geworden - ohne Risiko konnte er davon eine Auflage von 300 Stück produzieren. Sein übriges Sortiment bringt es auf die Hälfte.
Der Name Luttertaler Händedruck ist leicht erklärt. Die Verlagsadresse lautet "Im Luttertal 13B"; ein Hand-Druck wird mit Bleilettern gesetzt und ist deshalb besonders aufwendig. "So edel wollte ich gerade nicht sein", bemerkt Verleger Goerdten. Seine schlichten Ausgaben müßten aber "für Kenner wertvoll sein".
Wie etwa der kleine Band "Klage und Trost. Gesänge mit Pianofortebegleitung" von Leopold Schefer (1784 bis 1862), einem Zeitgenossen Goethes und Vertrauten des kauzigen Fürsten Pückler-Muskau. Auf Schefer, aber auch auf Karl Gutzkow ist Verleger Goerdten durch Rundfunkessays von Arno Schmidt über verkannte Genies gestoßen. Doch Goerdten, der auch einige Studien über Arno Schmidt veröffentlichte, ist keineswegs ein unkritischer Verehrer von "Muhamed Ali Arno" (so Alfred Andersch über Schmidt).
"Symbolisches im Genitalgelände" nannte er seine Untersuchung der Schmidt-Erzählung "Windmühlen", in der er latent homosexuellen Aspekten nachspürte. Die verschworene Schmidt-Gemeinde reagierte erstaunlich gelassen auf diese Studie, die womöglich der Arno-Schmidt-Forschung eine neue Richtung weist. Immerhin hatte der Meister in "Sitara" das Werk von Karl May ziemlich grobschlächtig als "reinrassiges Schwulenbrevier" gedeutet. Bei der Arbeit an dieser Karl-May-Interpretation, vermutet Goerdten, müsse dem Heidedichter aufgefallen sein, "daß er sich auch mit eigenen Problemen beschäftigte".
Angenehm überrascht ist der vielseitige Kleinverleger, der gerade eine Homepage der FU im Fachbereich Germanistik für das Internet eingerichtet hat, über das kulturelle Interesse der Dorfbewohner. Denn die Büchernarren, die hier in Bargfeld versammelt sind, veranstalten auch Lesungen und Konzerte. Zu ihnen reisen nicht nur hochliterarische Kader aus Hannover oder Hamburg an; zwecks Bildung und Erbauung findet sich auch so mancher Dörfler ein.
Derartige Veranstaltungen organisiert zumeist der rührige Antiquar und Verleger Hermann Wiedenroth in seinem idyllischen Firmensitz am Rand von Bargfeld. Als Goerdten mit der Schrift über den Autor Leopold Schefer auch den bis dahin kaum bekannten Komponisten Schefer wiederentdeckt hatte, veranstaltete Wiedenroth alsbald ein Schefer-Konzert.
Das gepflegte Ambiente, die großzügige Veranda des weiß-roten Holzbaus könnten auch zum Landsitz einer Tschechow-Figur gehören. Bevor der Besucher in die deckenhohe Bibliothek mit dem Flügel und der riesigen, schweinsledernen Cervantes-Ausgabe vorgelassen wird, muß er Filzpantoffeln überstreifen und an etlichen Metern Karl May vorbeidefilieren. Wiedenroth nämlich ist nicht nur Antiquar, sondern auch Karl-May-Verleger.
So schließt sich der Kreis der Arno-Schmidt-Experten. Denn zusammen mit Hans Wollschläger, dem Schmidt-Kenner und Herausgeber, ediert Wiedenroth die Karl-May-Gesamtausgabe, die ursprünglich beim Verlag Greno erscheinen sollte und vorübergehend vom Haffmans Verlag fortgeführt wurde.
Die "Magie des Ortes" habe ihn gleich beim ersten Besuch verzaubert, sagt Wiedenroth. Von Krähenwinkel bei Hannover - der Ort heißt wirklich so - ist er 1990 mit seinem Antiquariat nach Bargfeld gezogen. Schon zu Lebzeiten des grantigen Eremiten war Wiedenroth sehnsüchtig um des Meisters Häuschen geschlichen. Aber mit eiserner Selbstdisziplin hielt er sich an die von Schmidt propagierte Devise: "While respecting spiritual beings, keep aloof from them" ("Man darf Geistesgrößen zwar verehren, sollte sich aber von ihnen fernhalten").
Der 40jährige Wiedenroth ist auch als Rezitator ein Talent: Er geht regelmäßig auf Lese-Tournee und hat schon, unter anderem zusammen mit Jan Philipp Reemtsma, Simultanlesungen aus "Zettels Traum" veranstaltet. Die sind als Tonbandkassetten erhältlich ("Reihe Mitschnitt", Verlag Knape, Augsburg).
Wiedenroth dient freilich nicht nur dem Andenken Arno Schmidts, er macht sich auch eines unerhörten Sakrilegs schuldig: Er offeriert einen Raubdruck von "Zettels Traum". Der aus dem Berliner Kollektiv "Göthe" stammende Band von 1981 ("grünschwarz meliertes Leinen, 1330 Seiten") wird im Katalog für 500 Mark feilgeboten. Dabei ist hinlänglich bekannt, daß Schmidt Raubdrucke mehr als alles auf der Welt haßte.
"Ich habe Herrn Schmidt jedenfalls nur einmal ganz außer sich und völlig unansprechbar erlebt", erinnert sich Erika Knop, die in jungen Jahren, von 1967 bis zu Schmidts Tod 1979, beim Schriftsteller als Haushälterin arbeitete. "Das war nach dem Erscheinen des Raubdrucks, da war er drei Tage fuchsteufelswild."
Die heute 55jährige führt auf Wunsch im Auftrag der Schmidt-Stiftung durch das Schriftsteller-Haus. Sie schildert ihren früheren Arbeitgeber, der ihr einen Stundenlohn von 2,50 Mark zahlte, als "immer freundlich und auf Harmonie bedacht". Er habe sie aufgefordert, Fragen zu seinen Büchern zu stellen. "Sogar ,Zettels Traum' hat er mir dann geschenkt, nachdem ich ,Das Steinerne Herz' gelesen hatte und darüber begeistert war."
Sie erzählt von der Geschichte des auf Hochglanz polierten Fahrrad-Tandems, das im Foyer der Arno-Schmidt-Stiftung zu besichtigen ist. "Vorn saß immer Frau Alice, denn Arno Schmidt sah einfach zu schlecht. Ende der vierziger Jahre radelten die beiden zum Hamburger Rowohlt Verlag noch auf der Autobahn, da hat sie niemand angehalten."
Zu den dörflichen Kleinverlegern gehört nicht zuletzt der 44jährige Bernd Rauschenbach, Sekretär der von Reemtsma gegründeten Arno-Schmidt-Stiftung. Zusammen mit seinem ehemaligen Schulfreund, dem Publizisten Jörg W. Gronius, gibt er die Reihe mit dem fröhlichen Namen "Huflattich, Stümper & FF" heraus. Diese auf edelstem Papier besonders liebevoll gedruckten Texte - meist dadaistisch inspirierte Dialoge und Szenen fürs Theater - sind auf 150 Exemplare limitiert, von beiden Autoren handsigniert und werden, elitärer geht's nimmer, "ausgewählten Lesern verliehen".
Mit einem "Stück" müßten die beiden eigentlich im "Guinness-Buch der Rekorde" vertreten sein. Denn "Sine loco et anno" dürfte das kürzeste Drama der Kulturgeschichte sein: "Wenn der Vorhang aufgeht, sieht man weder Zeit noch Raum. Dunkel. Vorhang." Das war's.
Bei derartigen Gipfelleistungen der Lakonie nimmt es nicht wunder, daß die Bargfelder Dramatiker bei der Wiener Uraufführung gleich 24 solcher Stücke in die große weite Welt brachten.
Kein Zweifel: Bargfeld lebt.
Von Peter Münder

SPIEGEL SPECIAL 10/1996
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