01.12.1996

Die Gaffer auf der Goldader

Zu viele Besucher, zu wenig Käufer - so klagen Galeristen über die Kunstmessen. Viele möchten lieber wieder unter sich sein. Der Grafiker Klaus Staeck hält dagegen.

Von Klaus Staeck

Das Loblied auf die Galeristen ist oft und oft auch zu Recht gesungen worden. Leisten sie doch schließlich in vielen Fällen jene aufreibende Pionierarbeit, um auch jene Kunst am Markt durchzusetzen, die noch nicht zu den gesicherten Werten der Anleger gehört, noch nicht den heute so oft begehrten Wertzuwachs garantiert.

In den letzten Jahrzehnten hat sich die Zahl der Galerie- und Kunsthändler vervielfacht. Immer häufiger steht der Kunstfreund ratlos vor dieser neuen Unübersichtlichkeit, sucht Halt im Gestrüpp der Angebote zwischen kleiner Privatgalerie und Bildersilo mit Autobahnanschluß.

Seit Ende der sechziger Jahre versprechen Kunstmärkte und Messen Orientierung. Begonnen hat alles 1967. Knapp zwei Dutzend Galeristen zeitgenössischer Kunst veranstalteten im Kölner Gürzenich ihren ersten Kunstmarkt. Doch wie das mit erfolgreichen Ideen so ist, sie schreien nach Sozialisierung. Das böse Blut der Nichteingeladenen suchte nach einem Ventil.

So kam es 1970 zu einem spektakulären Eklat. Joseph Beuys, Wolf Vostell, Jan Voss, der Galerist Helmut Rywelski und ich klopften während der Pressekonferenz zum Kölner Kunstmarkt mit Schlüsseln gegen die Glasscheiben der Kölner Kunsthalle. Es ging um die Öffnung dieser exklusiven Veranstaltung einiger Marktführer, die die Kunden auf Dauer unter sich aufteilen wollten.

Verständlicherweise wollten die ursprünglich Beteiligten die Ausbeutung der einmal entdeckten Goldader mit niemandem teilen. Man hatte die Claims unter sich abgesteckt. Basta. Allenfalls nach den Regeln besonderen Wohlverhaltens wurden weitere Ausstellerlizenzen an jene Mitbewerber vergeben, die mit dem Gründerkreis nicht unmittelbar konkurrierten.

Doch das Glück der Tüchtigen währte nicht allzu lange. Denn die freie Marktwirtschaft duldet auf Dauer keine Exklusivität in der abgeschotteten Wagenburg. Neue Rudel rotteten sich in freier Wildbahn zusammen, um auf ähnlichen Wegen Kunst an den Mann zu bringen.

Mit der Schweizer "Art" entstand 1970 die erste ernstzunehmende Konkurrenzveranstaltung zu Köln. Zunächst wenig professionell zwar, aber in Basel lernte man schnell.

Dort fanden zunächst auch all jene Galerien Aufnahme, die sich in Köln vergebens um eine Teilnahme bemüht hatten. Zweifellos zählt die "Art" heute zu den führenden Kunstmessen, mit großem internationalem Renommee.

Im gleichen Jahr wurde in Düsseldorf eine Gegenmesse zum Kölner Kunstmarkt gegründet. Wenn ich mich der auch unter wohlwollender Betrachtung recht bescheidenen Zusammensetzung der Gründungsversammlung erinnere, scheint mir im nachhinein der Spott der Kölner Exklusiven über die neue "Konkurrenz", die die alten Hasen das Fürchten lehren wollte, nicht ganz unbegründet.

Nach einiger Zeit jagten Köln und Düsseldorf einander die kunstsinnigen Kunden ab oder trieben sie sich zu - je nach Sichtweise. Die traditionelle Städte-Rivalität begünstigte eine Entwicklung, die zum Crash oder zur Vereinigung führen mußte. Zwei Messen auf so engem Raum waren auf Dauer nicht zu verkraften.

Als es schließlich 1975 zur Vereinigung kam, hatte sich auch das wesentliche Unterscheidungsmerkmal erledigt: exklusive, das heißt ganz eng begrenzte Neuzulassungen. Kunst und Vernunft gingen eine nicht alltägliche Liaison ein und firmierten später unter dem Namen "Art Cologne". Die heutige Kölner Kunstmesse ist ein weitgehend offener Markt mit einigen hundert Galerien, vor deren Zulassungsausschuß zahlreiche weitere in Wartestellung verharren.

Hier liegt jedoch genau das Problem, das zu einer neuerlichen Abspaltung geführt hat. Die Messe sei inzwischen viel zu groß und damit zu unübersichtlich geworden sagen einige, darunter auch solche, die schon einmal das Exklusiv-Modell mit Vollgas gegen die Kunstwand gefahren haben.

Einmal gemachte Fehler rufen offenbar nach Wiederholung. Denn wieder einmal wird die Masse der Besucher, die man sich einst immer gewünscht hatte, als störend empfunden. Angeblich werden auf diese Weise Kaufinteressenten für Größeres durch zuviel Volk von ihren Erwerbungen abgehalten. Man möchte lieber wieder unter sich sein. Ein diffuser Qualitätsmaßstab soll künftig die Spreu vom Kunstweizen trennen.

In Berlin, so hoffte man, würden sich die Brieftaschen bereitwilliger öffnen, unbeobachtet und unbelästigt vom Fußvolk der Gucker und Gaffer.

Dieser neuerliche Aufbruch, den man auch als Flucht interpretieren könnte, provoziert die Frage: Wie viele Kunstmärkte oder Messen braucht - besser: verträgt - das Land?

Schon seit dem Start der "Art Frankfurt" wartet diese fürsorgliche Nachfrage dringend auf eine plausible Antwort aller am Kunstgeschehen Beteiligten. Der alltägliche Umgang mit der hehren Kunst scheint die Beteiligten nicht unbedingt klüger gemacht zu haben.

Anders gesagt: Die Ignorierung kollektiver Erfahrungen spricht nicht gerade für die Weisheit eines Berufsstandes, dessen Aktivisten sich der geschäftsmäßigen Verbreitung von Kunst verschrieben haben. Aber vielleicht wird ja auch dieses vermutete Defizit mit abgedeckt durch die Erkenntnis: ars longa, vita brevis.

* Wolf Vostell, Helmut Rywelski, Joseph Beuys, Klaus Staeck und Jan Voss.

SPIEGEL SPECIAL 12/1996
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