01.02.1995

BITTERES AUS BITTERFELD

Am besten, man betrinkt sich abends." So drastisch schilderten Anfang der achtziger Jahre Einwohner aus stark belasteten Industrieregionen der DDR ihr Leben, das mancherorts schier unerträglich war.
Luft-, Wasser- und Bodenverschmutzung hatten ein horrendes Ausmaß angenommen:
- Durch Abbau und Verbrennung schwefelhaltiger Braunkohle waren ganze Landstriche verwüstet worden;
- gigantische offene Giftmülldeponien wie der "Silbersee" bei Bitterfeld verursachten Krankheiten und Mißbildungen bei Kindern und Anwohnern;
- Krebserkrankungen grassierten in den Regionen des Wismut-Uranbergbaus im Süden der DDR;
- Atomkraftwerke und -endlager wurden unter Ausschluß der Öffentlichkeit betrieben;
- die industrialisierte Landwirtschaft hatte das Antlitz ganzer Regionen unwiederbringlich zerstört. Doch Gelegenheit zu offenen Klagen gab es lange Zeit nur bei Kirchentreffen. Denn Diskussionen über Umweltfragen waren in den DDR-Massenmedien praktisch nicht zugelassen.
Nachdem in den siebziger Jahren vereinzelt "Club of Rome"-Berichte und andere Umweltbücher von Freunden und Verwandten über die Grenze geschmuggelt worden waren, entstanden erste Gesprächsforen bei Jugendtreffen der evangelischen Kirchen. Daraus entwickelten sich kleinere Gruppen, zuerst in Schwerin, Leipzig und Berlin.
Von 1980 an wurden zaghafte Versuche unternommen, das Debattieren durch öffentliche und praktische Aktionen zu begleiten, die vom Staat halbwegs toleriert werden konnten: Gemeinsam mit kommunalen Betrieben wie dem "VEB Stadtgrün" pflanzte die Kirchenjugend neue Bäume, zum Beispiel in einem Betonplatten-Ghetto von Schwerin. Es folgen "Öko-Seminare" und landesweite "Vertretertreffen".
In Potsdam kamen 1983 immerhin schon mehr als 700 Mitglieder von Öko-Gruppen, teilweise per Fahrrad, aus der ganzen DDR zusammen. Getagt wurde in Kirchenräumen.
Das protestantische "Forschungsheim Wittenberg" diente als eine Art Zentrale für diese Arbeit. Hier konnten auch hektografierte Umwelt-Infoblätter in bescheidener Auflage hergestellt und verbreitet werden. Die Umweltaktivisten mühten sich, den Staat möglichst wenig zu provozieren. Die Kirche wagte sich ohnehin erst auf das gesellschaftliche Neuland, wenn es von den nach vorn drängenden Gruppen schon gewonnen worden war.
Umwelt-Engagement setzte der Staat mit grün getarnter Opposition gleich. Mancherorts - wie 1983 in Potsdam - endete bereits der Versuch, kranke Bäume aus dem Erzgebirge in einer Kirche auszustellen, für die Beteiligten im Gefängnis der Stasi. Ähnlich hart ging der Staat gegen Gruppen vor, die gemeinsame Radtouren organisierten, bei denen kleine Schilder wie "Saubere Luft" den gewöhnlichen Trabi-Fahrer aufrütteln sollten.
Mit Mundtüchern radelten Umweltschützer vor die rauchenden Schlote apokalyptisch anmutender Industrielandschaften, wo der Sozialismus mit Transparenten warb wie: "Unser Ziel - die maximale Erfüllung der Produktion!"
Jedes Eingreifen der Sicherheitsorgane hatte neue Widerstandsformen zur Folge: In Berlin fungierte lange Zeit nur noch eine weiße Stoffschleife am Fahrradlenker als Zeichen des Protests - bis die Behörden auch das begriffen hatten und die Volkspolizei mit Scheren losschickte. Das Fahrrad war in der aufkommenden Öko-Szene längst zum Symbol geworden, bevor die Kirche die alljährliche Aktion "Mobil ohne Auto" absegnete.
Im Juni 1983 war eine DDR-weite Demo gegen die geplante Autobahn zwischen Schwerin und Wismar angesetzt - ein Tag mit Parallelen zu Brokdorf-Demos im Westen. Die Stasi riegelte ganze Bahnhöfe ab; vielerorts wurden Reisende mit Ziel Schwerin zurückgehalten.
Rädelsführer wurden in Vorbeugehaft genommen und verwarnt, leitende Kirchenleute unter Druck gesetzt. Schließlich verbot die Regierung jegliches Radfahren in Schwerin und Umgebung.
Nur ein paar Dutzend Radler erreichten nach abenteuerlichen Umwegen den Treffpunkt. Sie fuhren die geplante Autobahnstrecke ab, verteilten selbstgefertigte Flugblätter - und setzten damit ein kleines Zeichen des Sieges über den Staat.
Die Themen der DDR-Ökobewegung unterschieden sich kaum von denen im Westen: Waldsterben, Atomkraft, Agrar- und Chemieindustrie.
Ein Hauptproblem war immer wieder der mangelnde Zugang zu Informationen. Deswegen wurde 1986 in den Kellerräumen eines Pfarrhauses der Berliner Zionskirche im Stadtbezirk Prenzlauer Berg die "Umweltbibliothek" eingerichtet.
Der Pfarrer überließ einer Gruppe um Carlo Jordan und Wolfgang Rüddenklau die kirchlichen Räume, die fortan von Umweltbewegung und Opposition als strategische Stützpunkte genutzt wurden. Hier gab es sämtliche verbotene Schriften und Bücher, hier konnten Treffs stattfinden, Materialien hektografiert und verbreitet werden.
Im November 1987 versuchte der Staat die Aufbruchstimmung noch einmal zurückzudrehen. In einer Nacht- und Nebelaktion (StasiCodewort: "Aktion Falle") stürmten 20 Stasi-Mitarbeiter die "UB" und verhafteten 7 Mitarbeiter.
Die folgende Solidarisierungswelle bewirkte das Gegenteil dessen, was der Repressionsapparat erwünscht hatte: Nach dem Vorbild der UB entstanden 15 Umweltbibliotheken als Kommunikationszentren der Bewegung, im Jahre 1988 konstituierte sich das grüne "Netzwerk Arche", das mit Videofilmen ("Bitteres aus Bitterfeld") und Umweltprojekten zum Waldsterben die Arbeit der ÖkoInitiativen forcierte.
Im Mai 1989 versuchten Umweltschützer vergeblich, neben der Einheitsliste der "Nationalen Front" mit einer unabhängigen "Grünen Liste" an den Kommunalwahlen teilzunehmen. Durch Kontrollen bei der Auszählung konnten die unabhängigen Gruppen dem SED-Regime erstmals einen Wahlbetrug nachweisen. Daraufhin wurden Demonstrationen gegen die Wahlfälschungen organisiert.
In den Wendemonaten entstanden dann eine Grüne Partei und die Grüne Liga. Deren Vertreter konnten schon bald am "Runden Tisch" die Wende mitgestalten - und damit die Voraussetzung für die Vereinigung auch der Öko-Bewegungen im Osten und im Westen Deutschlands schaffen.
Peter Wensierski
Von Peter Wensierski

SPIEGEL SPECIAL 2/1995
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