01.01.1995

Die Wahrheit über Amerika

Matussek, 40, lebt seit drei Jahren als SPIEGEL-Korrespondent in New York. Seine Amerika-Reportagen sind unter dem Titel „Showdown“ im Diogenes Verlag erschienen.
Zunächst sei ein Kino-Mythos abgeräumt: Auslandskorrespondenten sterben nicht den Heldentod im Kugelhagel, sondern eher den am Büffet. An Verschleißerscheinungen, die sie sich bei den zahlreichen, gnadenlosen Essen für die gute Sache zuziehen. Etwa bei einem Power-Diner des New Yorker "Komitees zum Schutze von Journalisten", auf dem Kollegen geehrt werden, die tatsächlich den Tod im Kugelhagel sterben.
Es sind nicht die Auslandskorrespondenten mit ihren Machtapparaten im Rücken, sondern die ungeschützten Lokaljournalisten, die für das Aufschreiben der Wahrheit Kopf und Kragen riskieren. Journalisten wie der Kolumbianer Manuel Martinez Espinoza, der nach Korruptionsrecherchen erschossen wurde, oder Fan Jianping, Redakteur der Beijing Ribao, der 1989 in einem chinesischen Lager verschwand.
Nein, der natürliche Feind eines jeden Auslandskorrespondenten ist nicht der örtliche Polizeichef, sondern der aus der Heimat anreisende Kollege, der einmal quer durch die Beete trampelt, wieder zurückfährt und Artikel schreibt, die mit den Worten beginnen: "Die Wahrheit über Amerika (Afrika/Rußland/Asien) ist, daß ..."
Der Job eines Korrespondenten ist schon dann gut erledigt, wenn er ein verläßliches Netz aus Informanten und Kontakten etabliert, sich bei seinen Recherchen nicht nur auf die Arbeit von Kollegen verläßt und ab und zu einen treffenden Hintergrundbericht, eine vernünftige politische Analyse absetzen kann. Insgesamt: dem Publikum zu Hause mit einiger Zuverlässigkeit und Regelmäßigkeit das Land interpretiert, aus dem er berichtet. Schon das aber ist keine Kleinigkeit.
Einige der Korrespondenten, die auf dem Fund-Raiser für ihre kolumbianischen und chinesischen und türkischen Kollegen spendeten, hatten sich ein paar Wochen zuvor im New Yorker Foreign Press Club getroffen, um öffentlich über die gemeinsame Arbeit zu diskutieren: Amerika-Korrespondenten aus Japan, Italien, Frankreich, England, Deutschland. Auf dem Podium herrschte schnell Einigkeit in zwei Fragen. Berichten wir regelmäßig und fair über Amerika? Antwort: Absolut. Berichten die amerikanischen Medien fair über unsere Herkunftsländer? Antwort: Keine Spur.
Der italienische Kollege beklagte, daß Italien nur in Verbindung mit Mafia-Storys auftauche. Vom japanischen Kollegen war zu hören, daß Japaner nur als Golfplätze kaufende Yen-Armeen Erwähnung fänden. Und ich sah "den Deutschen" in amerikanischen Zeitungen und TV-Sendungen, wenn überhaupt, als Ausländer prügelnden Skinhead repräsentiert.
Sicher haben wir uns später alle unserer lokalpatriotischen Wehleidigkeiten geschämt. Doch kurz darauf schuf mir ein Artikel der New York Times Entlastung. Es war ein Korrespondentenbericht aus Berlin, der sich wie ein spätes weinerliches Echo auf unsere Podiumsdiskussion ausnahm. Nur war es diesmal umgekehrt der SPIEGEL, dem vorgeworfen wurde, daß er "oft alles, was amerikanisch ist, abtut und vernachlässigt, besonders im Bereich der Populärkultur".
Diese eigentümliche Einmütigkeit von Auslandskorrespondenten über die Ignoranz der jeweils anderen läßt nur einen tiefenpsychologischen Rückschluß zu: Sie trauen den anderen nicht über den Weg, weil sie sich selber nicht trauen. Der Verzerrungsverdacht - nur eine Projektion, eine verkleidete Selbstverdächtigung.
Je länger wir ein Land erleben, je genauer wir es kennen, desto besser wissen wir natürlich, wie oft die Jagd nach dem Typischen bei Stereotypen landet. Jeder weiß, daß Afrika mehr ist als Hunger und Seuchen, Fernost mehr als Fleiß und Uniformität, Rußland mehr als Ikonen und Armut, Amerika mehr als Glamour und Verfall. Doch jeder weiß ebenso, daß es diese Geschichten sind, die in den vergröbernden Sortierungen des heimischen Marktes hängen bleiben: Nichts liest man zu Hause lieber als das, was man sich schon immer gedacht hat. Und nichts, so läßt sich mit einiger Sicherheit vermuten, landet schneller im Heft oder auf einem Sendeplatz als die Bestätigung eines Vorurteils.
Korrespondent - die Berufsbezeichnung stammt aus einer vorindustriellen, heimeligeren Wirklichkeit. Der Korrespondent war der Briefeschreiber. Er berichtete nach Hause, wo man keine Ahnung hatte, aber Interesse. Er schrieb den Staunenden daheim von Tieren mit drei Köpfen.
Unter den Bedingungen des globalen Dorfes hat sich die Geschäftsgrundlage verändert. Abgesehen von ein paar blinden Flecken ist der Zustand kompletter Geheimnislosigkeit erreicht. Der Korrespondent ist kein Informationsmonopolist mehr. Alle haben zumindest ein bißchen Ahnung, doch haben längst nicht mehr alle Interesse. Der Korrespondent hat nicht mehr mit Zensur und Fremdheit, sondern mit Übersättigung und Nähe zu kämpfen: Alles ist bereits da.
Der Korrespondent selektiert im Wirbel der Informationen und Bilder. Er ist nicht mehr der auf sich selbst gestellte Abenteurer, sondern im schlechtesten Falle nur noch Oberkellner: Er serviert exotische Gerichte als verdaubare Wirklichkeitsportion.
Er ist kein vorgeschobener einzelner mehr, sondern Teil einer Info-Kette, die die Welt durchzieht und im übrigen nach westlichen und eurozentrischen Wahrnehmungsweisen organisiert ist: Den überwiegenden Teil der weltweit zirkulierenden Informationen teilen die vier großen Nachrichtenagenturen AP, UPI, Reuter und AFP unter sich auf.
Dabei kommt es zu bizarren Echo-Effekten. In Klemens Ludwigs Buch "Augenzeugen lügen nicht" gibt der Afrika-Korrespondent der Frankfurter Rundschau ein Beispiel für die manchmal absurde, tautologische Selbstverschlingung in der Nachrichtengesellschaft. Er erzählt von dem in Nairobi stationierten Afrika-Korrespondenten, der aktuelle Vorgänge in Nigeria kommentieren soll.
Der Korrespondent hat zwei Möglichkeiten, sich schnell über die Lage zu informieren. Er hört BBC oder nutzt die Agenturen.
"In beiden Fällen bezieht er sich auf Informationen, die zuerst von Nigeria nach Europa geflossen sind, dort gefiltert wurden und dann wieder nach Afrika zurückkommen. Worauf sie der Korrespondent - ein reichlich absurder Vorgang - noch einmal wertet und wieder an seine Zeitung nach Europa schickt."
Dieser Kollege zumindest war Afrika-Kenner und hatte Nigeria wiederholt bereist. Ein Reporter vom Süddeutschen Rundfunk dagegen brachte das Kunststück fertig, eine Nahost-Reportage aus dem Heizungskeller des Rundfunkgebäudes zu senden. Sie begann mit den Worten: "Unter mir schwimmen 300000 Tonnen Öl ..."
Oft erleben sich Auslandskorrespondenten merkwürdig deplaziert. Was die Welt, in der sie leben, aufregt, muß längst nicht jene Welt interessieren, aus der sie kommen und für die sie berichten. Er steht mit beiden Beinen in beiden Welten, also fest in der Luft.
Afrika- und Asien-Korrespondenten machen die Erfahrung, daß viele ihrer Stoffangebote unbeachtet bleiben, denn sie berichten für eine westorientierte Mediengesellschaft, die in einer Flut aus Info-Partikeln und Entertainment ertrinkt. In diesen Wahnsinn hinein darf aus Afrika eben nur das Nötigste: Hungersnöte, Kriege, Seuchen. Das Übliche.
Für den Amerika-Korrespondenten gilt das Umgekehrte. Hier interessiert alles. Für das deutsche Publikum ist Amerika wie Fußball: Jeder kennt sich aus, jeder ist Spezialist, vor allem die Angehörigen der Nachkriegsgeneration, die mit amerikanischen Pop-Mythen, amerikanischen TV-Serien aufgewachsen sind. Jeder hat die Straßen von San Francisco gesehen, jeder zweite hat mal in Florida Urlaub gemacht.
Vor diesem Publikum ist der Amerika-Korrespondent eine Art Saalkandidat. Er turnt stellvertretend auf der Bühne herum. Es ist wie bei Lou van Burgs legendärem "Goldenen Schuß". Alle schauen ihm über die Schulter und brüllen: "Höher, tiefer, rechts, Schuß". Und alle wissen, längst vor ihm, daß er danebengeschossen hat.
Amerika ist gemeinsamer Besitz. Die Leserbriefe, die Korrespondenten in Nairobi oder Stockholm erhalten, vermute ich, werden hauptsächlich über Sachfragen streiten. Die Leserbriefe, die der Amerika-Korrespondent erhält, sprechen über Wertungen und emotionale Bindungen.
Sie enthalten zwei Grundkritiken: Der Korrespondent habe a) zu positiv, oder b) zu negativ über sein Gastland berichtet. Manchmal gilt c) - beides gleichzeitig. Das muß wohl so sein, denn Amerika ist mehr als nur ein reales Land mit realen Problemen, Niederlagen und Triumphen - es ist ein kollektives Epos, an dem viele, überall in der Welt, weiterdichten und weiterträumen, und das ist so, seit die ersten europäischen Immigranten ins Land strömten und nach ihnen, selbstverständlich, die Schriftsteller und später die rasenden Reporter und Feuilletonisten, die Kisch und Kerr und Toller.
In der Sphäre der Images und kulturellen Codes gehört Amerika allen - und alles gehört Amerika. Der Amerika-Sog ist so mächtig, daß selbst die amerikanische Kritik an Amerika zum Exportschlager werden kann - von Angela Davis über die Beatpoeten bis zum schwarzen Rap.
Amerikanische Stars werden in Osnabrück oder Freising auch ohne Beihilfe des Korrespondenten vergöttert, und manchmal auch solche, die gar keine sind. Nennen wir es das Hasselhoff-Syndrom: David Hasselhoff, ein in den USA kaum auffälliger TV-Schauspieler, der in einer Serie einen Strand-Bademeister gibt, ist in Deutschland als Sänger ein Mega-Star, dem ein eigenes Fan-Magazin gewidmet ist. Er wird vergöttert, eine US-Ikone, nach der sich in den USA kaum ein Mensch auf der Straße umdrehen würde.
Das Hasselhoff-Syndrom gibt es auf jeder Ebene, besonders bei Feuilletonisten. Jüngstes Beispiel: Oliver Stones Film "Natural Born Killers", eine dämliche Hackfleischorgie, die von der seriösen amerikanischen Kritik vernichtet wurde. In Deutschland dagegen wurde der Film zum Kultereignis hochgeseufzt, weil er "die bittere amerikanische Wirklichkeit" schildere - eben jene Wirklichkeit, die deutsche Kultur-Redakteure im Kopf haben.
Die enorme Anteilnahme der Restwelt an Amerika wird von Amerika nicht erwidert. So verbringen Amerika-Korrespondenten großer europäischer Medien manchmal viel Zeit mit Erklärungen, zu erklären, für wen sie arbeiten. Im amerikanischen Bewußtsein ist alles, was östlich von Long Island liegt, nur noch eine obskure Skizze. Tests haben ergeben, daß viele College-Schüler Norwegen für die Hauptstadt von Dänemark halten.
Die Obskurität hat ihre guten Seiten. Die Gesprächspartner verschweigen nichts. Sie wissen: Was jenseits des Ozeans in einer Sprache erscheint, die Pünktchen auf Vokale setzt, erscheint praktisch unter Ausschluß der Öffentlichkeit.
Die amerikanische Selbstbesessenheit hat erstaunlicherweise nach dem Ende des Kalten Krieges eher zu- als abgenommen. Nie waren die USA so unangefochten führende Weltmacht. Doch nie erschienen sie den eigenen Problemen gegenüber ratloser.
Als ich vor drei Jahren nach New York zog, hatte ich, wie jeder Neuankömmling, eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was Amerika ausmacht. Heute weiß ich es nicht mehr. Mein Trost: Amerika selber weiß es auch nicht. Die letzte politische Wende nach rechts ist nur die schlagzeilenträchtige Dramatisierung einer schon länger dauernden nationalen Therapiesitzung, auf der es um den traumatischen Alltag einer zunehmend dysfunktionalen Völkerfamilie geht.
Der Korrespondent hat die Chance, diesen Alltag zu verstehen, weil er ihn lebt. Ich stöhne mit meinen amerikanischen Freunden über die gleichen Steuern, ärgere mich über den gleichen Kongreßabgeordneten und freue mich natürlich, wenn das eigene Eishockey-Team den Stanley Cup gewinnt. Wenn ich über jüdische Sekten schreibe, die auf den Messias warten, oder über schwarze Basketball-Kids, die vom Starruhm träumen, schreibe ich über Nachbarn, mit denen ich Tage und Wochen verbringe.
Ich kann Geduld aufbringen, was wichtig ist, denn entscheidende Aufschlüsse ergeben sich oft nebenbei. Im letzten Jahr erlebte ich, nach einer mehrwöchigen Reise durch den Mittleren Westen, die Parade zum 4. Juli in einem vergessenen 200-Seelen-Kaff in Wyoming, und ich glaube, daß ich dort mehr über die Größe des amerikanischen Traums, die Strahlkraft seiner Civil Religion begriffen habe als im angeberischen New York.
Dann wiederum hat keine Stadt auf der Welt so viel Grund, zum Angeben, wie dieser prächtige Moloch, in dem 178 Rassen und Stämme relativ friedlich nebeneinander leben. New York ist die Stadt, die viele der Probleme, die auf den Rest der Welt morgen zukommen, schon heute lösen muß.
Welch besseren Standort kann sich ein Auslandskorrespondent wünschen?
Von Matthias Matussek

SPIEGEL SPECIAL 1/1995
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