01.01.1995

DER GEKAUFTE JOURNALIST

In der Theorie ist alles ganz einfach. Nach Richtlinie 15.1 des Deutschen Presserats, vor kurzem erst verschärft, gefährden Geschenke und Einladungen, "deren Wert das im gesellschaftlichen Verkehr übliche Maß übersteigt", das unabhängige Urteil von Journalisten.
Voller guter ethischer Vorsätze postuliert das Selbstkontrollorgan der deutschen Verleger und Journalisten, Recherche und Berichterstattung dürften durch materielle Gaben weder "beeinflußt noch be- oder gar verhindert werden". Wer sich bestechen lasse, handele "unehrenhaft und berufswidrig". Auch Werbung und Redaktion, das besagt ein weiterer publizistischer Grundsatz, sollen strikt getrennt werden.
Wo Journalismus drauf steht, muß auch Journalismus drin sein. Die Wirklichkeit sieht anders aus.
Firmen, Verbände, Parteien und Behörden bringen ihre Botschaften über einen feinmaschigen Verteiler in die Medien und damit zu den Zielgruppen. Geschenke, Gratisreisen, Geschäftsaufträge und bisweilen handfeste Korruption sollen die Angehörigen der Schreib- und Rundfunkzunft zu Propagandisten machen. Schließlich geht es um viel Geld: Ein willfähriger Zeitungsartikel, ein positiver Fernsehbericht sind die beste Werbung.
Redaktionelle Beiträge sichern höhere Glaubwürdigkeit als Reklamespots und Anzeigenseiten. Umgekehrt kann ein einziger enthüllender Skandalartikel die langfristige Verkaufsplanung zunichte machen.
Die Allianz mit Jubeljournalisten, wenn sie funktioniert, macht das gutgläubige Publikum zum Opfer einer Inszenierung: Leser und Zuschauer stufen manipulierte Informationen als objektiv recherchierte Redaktionsarbeit ein.
Ein Prototyp dieses von der Industrie so geschätzten Schleichwerbers ist HansJürgen Raabe, 42. Der Münchner Pharma-Journalist verdiente sich seit Jahren eine goldene Nase mit getarnter Reklame.
Bis April 1992 schrieb Raabe, Autor mehrerer Gesundheitsbücher, für den Münchner Burda-Verlag, und dort meistens in der Bilder-Illustrierten Bunte. Später verdingte er sich bei Bild aus dem Axel Springer Verlag, mit 4,6 Millionen Auflage die größte Zeitung Europas.
In seinen Texten dichtete er Präparaten und Produkten, für die er heimlich kassierte, verblüffende Heilkräfte an - in Bild vorzugsweise auf der ersten Seite.
"Super-Pille putzt Adern", schwärmte er in dem Massenblatt über Adenosin, das zugleich gegen Schlaganfall, Herzinfarkt, Krampfadern, Raucherbeine und sogar Vergeßlichkeit helfen soll. Die "Smiss-Seidenkosmetik" pries Bild als "neues Mittel gegen Falten", die angebliche Jungbrunnen-Kapsel "Brench 200" als "Pille für ein längeres Leben".
Mit solchen Pulvern, Pillen und Drinks machen die Hersteller in kurzer Zeit immense Gewinne. Kennzeichen der Präparate: hoher Preis, geringer Materialwert und zweifelhafte Wirkung.
Die Details seiner geheimen PR-Einsätze im Dienst der Pharmaindustrie regelte Raabe bisweilen in einer Art Lizenzvertrag. Darin verpflichtete er sich zur publizistischen Betreuung von Produkten und zu "gezielten journalistischen Maßnahmen". Das Jahreshonorar bemaß sich nach Umsatz, es lag leicht bei einigen hunderttausend Mark.
Eine bayerische Pharma- und Diätunternehmerin plauderte aus, Raabe habe von ihr für Gefälligkeitsartikel in der Bunten zehn Prozent Umsatzprovision erhalten, etwa 1,3 Millionen Mark. "Wir haben produziert, er hat geschrieben", berichtet ein Pharmamanager über die Arbeitsteilung. Ein erfolgreicher Deal: Ein Bild-Text bringt erfahrungsgemäß ein Plus von bis zu 250000 verkauften Packungen.
Immer wieder puschte Raabe dieselben Behandlungszentren, Ärzte und Wundermittel - beispielsweise Caspers Naturheilklinik in Bad Füssing, den Düsseldorfer Schönheitschirurgen Axel Neuroth sowie die Schlankmacher und Blutreinigungsmittel der Duisburger Firma Makolpharm. Um den Markt anzukurbeln, riet Raabe den Herstellern auch zur Entwicklung neuer Produkte, für die er dann werben konnte.
Besonders emsig empfahl der Kungler ein Honigwein-Gebräu aus Blütenpollen, Weizenkeimen, Hagebutten, Holunder und Gelee Royale, dem Futtersaft der Bienenkönigin. Als "Basis 7" der Firma Gräsler Pharma kostet es knapp 150 Mark in der Apotheke.
Von Februar 1991 an erwirtschaftete Raabe, laut Vertrag, durch seine verdeckten Basis-Aktivitäten vier Prozent vom Umsatz des Präparates. Die Bunte spickte er mit hochgejazzten Storys über "die Schönheitsgeheimnisse der eleganten Frauen" und mit Lobeshymnen einer Hamburger PR-Beraterin namens Alexandra von Rehlingen.
Angeblich lief der pikante Vertrag zwischen Raabe und Firmenchef Rolf Gräsler Mitte 1993 aus. Doch der gedungene Journalist legte, in Bild, erst richtig los. Im November 1991 stellte das Blatt "Basis 7" als Vitalitätshilfe für Senioren vor, im März 1994 empfahl es Raabe als Rezept für "seidige Haut in drei Monaten". Frauen müßten nur Problemzonen wie Busen, Po und Oberschenkel zweimal täglich mit dem übelriechenden Saft einreiben und ihn 20 Minuten später mit Leitungswasser abwaschen.
Eine letzte Meisterleistung Raabes war die Förderung von "Figura Fit". Seit Dezember 1993 hat die aus vier Fertigspeisen bestehende Mixtur schätzungsweise 70 Millionen Mark Umsatz gemacht.
Für seine PR-Kampagne spannte der Journalist den beliebt-beleibten Schauspieler Günter Strack ein. Auf der Titelseite von Bild suggerierte Raabe, Strack sei dank "Figura Fit" 40 Pfund schlanker geworden - eine "Wunderdiät". Auch die Bestellnummer, höchst ungewöhnlich, durfte Raabe veröffentlichen. Wochen später schob das Blatt sogar mehrere Folgen seines Buchs über die Strack-Kur nach. Das wurde schließlich dem Springer-Management zuviel: Es bestand auf Trennung von Werbung und Redaktion.
Presse-Reklametexte geraten immer wieder in das Visier von Abmahnvereinen wie dem Verband Sozialer Wettbewerb in Berlin. Vor Gericht erwirken die Rechtsexperten oft Unterlassungserklärungen. Der Presserat kann im Extremfall eine Rüge aussprechen.
Ein wirksamer Schutz ist das nicht. Der graue Markt der gekauften Informationen floriert. Immer mehr Journalisten ließen sich "zu Büchsenspannern von Interessierten und zu Handlangern von Interessen machen", notiert der Publizist Herbert Riehl-Heyse.
Zur Ethik des Journalismus gehöre "unzweifelhaft die Abwehr der ihm spezifischen Form der Korruption", sagt Johannes Gross, Herausgeber von Capital und Impulse. Die Forderung nach wahrheitsgemäßer Berichterstattung enthalte "die Ablehnung jeder interessengebundenen Fremdbestimmung der publizistischen Inhalte".
Angesichts der lukrativen PR-Artikel sind solche Grundsätze schnell vergessen. Wie Raabe lassen sich auch andere Pressebüros und freie Journalisten zweimal bezahlen - vom Hersteller und vom Medium. Für eine Pharma-Jubelstory in der Yellow Press sind Pauschalen zwischen 5000 und 10000 Mark üblich.
Bekannt werden solche Vereinbarungen nur selten. Die Branche sei "unübersichtlich", meint Bild-Chefredakteur Claus Larass.
Die Unternehmerin Cornelia Ahlering von Wülfing vermarktete ihr Diätmittel "Redupect" - ein Bio-Apfelgelee - mit Hilfe zweier Prominenter, die sonst im Fernsehen für Recht und Gesetz sorgen. Die TV-Kriminalbeamten Fritz Wepper ("Derrick") und Bernd Herzsprung ("SoKo 5113") brüsteten sich 1989 im redaktionellen Teil von Bild der Frau, dank "Redupect" könnten sie schlemmen und nähmen doch ab. Elf Monate später schickte Ahlering von Wülfings Firma der Chefin vom Dienst von Bild der Frau einen 6840-Mark-Scheck - als Honorar "für die Gestaltung der ,Redupect'-Anzeigen". Die Journalistin rechtfertigte den Betrag damit, daß sie, lange nach der Story, um Hilfe beim Layout gebeten worden sei.
Nicht immer geht es um direkte Zahlungen; subtilere Formen der Medienkooperation haben sich eingebürgert.
Da schreibt der Wirtschaftskorrespondent einer angesehenen Tageszeitung nebenbei die Firmenchronik jenes Konzerns, über den er seit Jahren berichtet. Da lobt der Journalist einer Insider-Publikation jene Unternehmen seiner Branche, denen er als Berater dient. Da geben gestandene öffentlich-rechtliche Redakteure den Managern großer Konzerne Tips für den Umgang mit bissigen Reportern. Und da peppte zum Beispiel der langjährige Münchner Korrespondent der Welt, Hannes Burger, jahrelang nebenbei die Reden des früheren bayerischen Ministerpräsidenten Max Streibl auf - man kennt sich ja.
Was aber bewegt Günther Jauch, Moderator des kritischen Magazins "Stern TV" und des "Aktuellen Sport Studios" im ZDF, auf Kongressen und in PR-Filmen für dubiose Firmen aufzutreten?
Jauch warb 1991 in einem 20minütigen Streifen für die US-Firma Amway, die Wasch- und Körperpflegeprodukte im Schneeballverfahren vertreibt. 1992 war er für die Kosmetikfirma L R aktiv und trat in der Dortmunder Westfalenhalle bei einer Mobilisierungsveranstaltung auf. Branchenüblich ist ein Honorar von 25000 Mark; Jauch bestreitet, diese Summe kassiert zu haben.
Der zuweilen tutig wirkende Moderator kennt durchaus das Dilemma solcher Gefälligkeiten - vor einigen Jahren noch bekannte er, es fehle ihm zwar nicht an Angeboten für Werbeauftritte, mit denen er sich finanziell sanieren könnte: "Aber ein großes Stück Glaubwürdigkeit wäre futsch."
Gegen die Verlockungen des PR-Geldes sind auch bekannte Journalisten mit hohen Einkommen nicht gefeit. Andreas Z'Graggen, langjähriger Chefredakteur des Schweizer Monatsblattes Bilanz, ließ sich von einem Immobilienhändler ein Aktienpaket im Kurswert von 230000 Schweizer Franken schenken. Chefredakteur Z'Graggen bot über ein Jahr lang in Bilanz US-Immobilien des Gönners seinen Lesern an. Später ging der Geschäftsfreund ("Er drängte einem die besten Weine oder Kunstwerke geradezu auf") in Konkurs, und der Journalist verlor seinen Job.
Sanfte Varianten der Gunstbezeugung sind aufwendige Pressekonferenzen, mit denen Unternehmen die Journalisten bei Laune halten. Sat 1 karrte über hundert Journalisten zu einer Programm-Präsentation für ein Wochenende nach Ibiza, Discobesuch inklusive. Siemens quartierte geladene Redakteure aus aller Welt vor einigen Jahren zur Jahresbilanz ins Pariser Nobelhotel George V ein; die Telekom bat zur Hauptstadttour durch Europa, um ihr neues Postleitzahlensystem vorzustellen.
Da werden "Journalisten mit Hungerlöhnen von einem Unternehmen nach Nizza geflogen und mit der großen Welt konfrontiert", sorgt sich selbst ein hartgesottener PR-Agenturchef wie Jürg Leipziger aus Frankfurt - die Phantasie der PR-Gastgeber kennt kaum Grenzen.
In der Wochenpost verulkte ein Redakteur die Präsentation einer Versicherungsfirma des ADAC auf Sardinien als "Grappa-Reise". Die Journalisten blieben vier Tage in einem Feriendorf (Übernachtungspreis: 430 Mark) und durften die letzten beiden Tage mit einem Auto, gemietet vom ADAC, über die Insel juckeln. 80000 Lira Taschengeld lagen in einem Umschlag, den jeder für den Ausflug in Empfang nahm.
Ungeniert versprach auch der Autokonzern Volkswagen Anfang 1994 Presse-Vertretern Vorzugsbehandlung, falls sie über "das Volkswagen-Engagement der Pink-Floyd-Tournee" berichteten. "Je nach Umfang der Kooperation", so die Offerte, finanziere VW als Preise für eine Promotion CDs, einen Monats-Leasingvertrag für einen Golf oder eine Reise nebst Eintrittskarten zu einem Konzert der Altherren-Band.
"Worauf es ankommt", sagt Thomas Rommerskirchen, Verleger der Blätter PR Magazin und Journalist, "sind Abhängigkeiten." Rommerskirchen hat dafür den Begriff "Billard-Kommunikation" geprägt.
Was als Journalismus begann, endet als Spiel über die Bande. Der Glaubwürdigkeitsverlust, den ein ganzer Berufsstand dadurch erleidet, ist schwer zu ermessen.
Von Hans-Jürgen Jakobs

SPIEGEL SPECIAL 1/1995
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