01.02.1995

MISTER DENNOCH

Der Mann ist ein Markenzeichen. Nicht austauschbar, unnachahmlich. So einer hat keinen Doppelgänger. Aschgraues, schulterlanges Haar umwallt das vom Wetter zerklüftete Gesicht von Karl Partsch, der wohl sonderlichsten Erscheinung unter Deutschlands Umweltschützern.
In seiner Wahlheimat im Oberallgäu nennen sie den 73jährigen mit dem Habitus eines Prärieläufers - mal spöttisch, mal respektvoll - "Alpen-Indianer", "Waldschrat" oder "Guru von Ofterschwang".
Wer dem diplomierten Biologen in den letzten 20 Jahren begegnete, ob in den Bergwäldern über Hindelang und Sonthofen, beim Diskurs in einer Dorfkneipe oder beim Referat in einem Hörsaal, der sah ihn nie anders als in abgewetzter Lederhose und im groben Leinenwams. In diesem Outfit trat er fünf Jahre lang auch im Europaparlament zu Straßburg auf, dem er bis Juni 1994 als parteiloser Abgeordneter angehörte, erst in der Fraktion der Grünen, dann als Mitglied der Liberalen.
Karl Partsch, der sich seinen Lebensunterhalt jetzt wieder mit dem Züchten von Stauden, Gräsern und Farnen verdient, wohnt zur Untermiete, hat kein Auto, keine Krankenversicherung und keine Altersversorgung. "Reichtum", sagt er, "verachte ich, versichert bin ich durch Gottvertrauen."
Ansonsten ist Partsch alles andere als ein Sonderling, nämlich ein realistisch kalkulierender, praktisch handelnder Umweltkämpfer - gewissermaßen der Berg-Arbeiter im "steinigen Geschäft" der Alpenschützer, wie es Horst Stern einmal nannte.
Mitte der siebziger Jahre machte er erstmals von sich reden. Als damals der laut Partsch einst "schönste Blumenberg Deutschlands", das Fellhorn bei Oberstdorf, in einer Nacht- und Nebelaktion mit Schubraupen und Schaufelbaggern für den Skisport "erschlossen" wurde, begann er seine einzigartige Dia-Dokumentation der Alpenzerstörung und initiierte im Allgäu die erste Begrünungs- und Pflanzaktionen zur Eindämmung des Bergwaldsterbens.
Früh erkannte der "Alpen-Indianer" die Auswirkungen des Sauren Regens auf die gesamte Gebirgsvegetation, die fundamentale Bedeutung der sogenannten Pioniergehölze für die Stabilität erosionsgefährdeter Böden und des Bergwalds. Er warnte vor einer "Apokalypse unvorstellbaren Ausmaßes" - und wurde erst mal belächelt und geschmäht: als "Alpen-Kassandra" und "Panikmacher".
Jahrelang war Partsch, der sich auch mit der mächtigen Jagdlobby anlegte und den "katastrophalen Wildverbiß" anprangerte, "so etwas wie ein Vogelfreier", das Ziel von Diffamierungen, aber auch von mysteriösen Anschlägen und Drohungen. "Wir werden dafür sorgen", schrieben ihm Unbekannte, "daß Sie bald auf dem Ofterschwanger Friedhof liegen. Weidmannsheil!"
Inzwischen ist "Mister Dennoch" (so die Zeitschrift Natur), zu Ansehen gekommen, bei Geologen wie Forstwissenschaftlern, Bodenkundlern und Wasserwirtschaftsexperten. Karl Partsch wird vom World Wide Fund for Nature ebenso zum Vortrag geladen wie von den Damen des "Gardenclub of Bavaria". Die Uno-Umweltorganisation hat ihn 1988 in ihre "Ehrenliste" aufgenommen.
Auch hat er seinen Frieden mit den Behörden gefunden: Die unterstützen jetzt seine Sanierungsaktionen, bei denen Partsch unter anderem mit Junggärtnern, Lehrlings- und Seniorengruppen zusammenarbeitet - und international Schule macht.
"Es ist eine Sisyphusarbeit, der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein", sagt der Aktivist. Unermüdlich schleppt er weiter Topfballen und Sämlinge auf die Allgäuer Berge: "Die beste Erziehung ist das Beispiel."
Nur mit den Grünen, deren Fundamentalisten-Fraktion ihn abgeschreckt hat, ist der alte Haudegen noch nicht wieder ins reine gekommen. Zwar kann Karl Partsch stolz sein auf seine Arbeit im Europaparlament, wo er nicht nur für die Alpen, sondern auch für das Wattenmeer stritt.
Aber ganz falsch ist die Diagnose des bayrischen Grünen-Sprechers Gerald Häfner, eines ausgewiesenen Realos, wohl nicht: "Partsch ist in den Alpen wichtiger als in Brüssel oder Straßburg."
Joachim Reimann
BUCH-TIP Karl Partsch empfiehlt zum Thema Biotopschutz: Wunderland Wattenmeer, Augen-Blicke aus einer langjährigen leidenschaftlichen Liebschaft von Christian Eisbein. Küstenverlag Dr. Joachim Krug, Wangerland-Hohenkirchen; 96 Seiten; 39 Mark.
Von Joachim Reimann

SPIEGEL SPECIAL 2/1995
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