01.02.1995

FÜR GOTTES LOHN

Sehen Sie mal durch das Fernrohr, was für ein Leben da!" Manfred Knake steht auf dem Deich bei Dornum vor "seinem" Wattenmeer. Hunderte von Vögeln, mit dem bloßen Auge kaum erkennbar, picken im nährstoffreichen Schlick.
"Es ist sehr schwer, jemandem etwas über die Knutts zu erklären." Hunderttausende kommen jedes Jahr aus Kanada ins Wattenmeer. Die Muschelbänke vor der Küste waren für die Vögel eine große Attraktion - solange es sie noch gab.
Das Wattenmeer ist 1986 nach zehnjähriger Kampagne der Naturschutz-Initiativen zum "Nationalpark" erklärt worden, aber kein Schild sagt den Touristen, daß sie hier die Vögel ungestört lassen sollen. Hinter dem Deich hat Knake vier Hektar gepachtet - um dort alles, was der Boden hergibt, wild wuchern zu lassen.
Der Naturschützer ist seit Jahren Landschaftswart des Kreises Aurich für den Nationalpark - verantwortlich für Betreuung und Artenschutz. Er arbeitet "für Gottes Lohn". Fast täglich fährt er zum Deich, verteilt Aufklärungszettel an die Touristen. Er stellte sich staatlichen Küstenschützern in den Weg, als die noch mit schwerem Gerät über die Salzwiesen fahren wollten, er vertreibt Touristen samt ihren Lenkdrachen.
Daß die Nationalpark-Verwaltung hier Info-Tafeln aufstellt, hat er bisher nicht erreichen können. Neun Jahre nach der Nationalpark-Gründung ist nun gerade mal die Jagd auf Rastvögel untersagt worden. Einen Plan für das, was einmal aus dem Nationalpark werden soll, gibt es bis heute nicht.
Auf dem Wasser am Horizont dümpelt das Baggerschiff für die Erdgasleitung Europipe. Am Himmel knattert ein Privatflugzeug vorbei und scheucht die Vögel auf. "Der fliegt viel zu tief", knurrt Knake. Er ist machtlos. Fast mit Genugtuung berichtet er, daß dieser "Nationalpark" nach internationalen Maßstäben nicht anerkannt worden ist. Sein Urteil ist scharf: "Ein Ökoschnuller."
Zwar wird die Europipe auf einer Strecke von 2,5 Kilometern unter dem Wattenmeer in einem Tunnel geführt. Doch 2,6 Kilometer vor der Küste fängt die Baggerei im Naturschutzpark dann doch an.
Sein Kampf für den Nationalpark Wattenmeer sei "Kampf um die Restflächen". Die Region, die früher bitterarm war, lebt nämlich verstärkt vom Tourismus. Und jede Gemeinde ficht gegen alle Pläne, weite Flächen an der Küste für den Menschen zu sperren. Die Natur aber braucht diese Weite. "Die heimische Bevölkerung hat kaum Verständnis für die Natur", sagt Knake. "Es gibt keinen sanften Tourismus, nicht hier."
Selbst Wattwanderungen belasten das empfindliche Ökosystem. Dennoch sieht er inzwischen die Notwendigkeit, ein "konstruktives" Verhältnis zum Tourismus zu suchen, denn der "Naturschutz steht mit dem Rücken zur Wand". Die Erkenntnis, daß "der Tourismus seine eigene Grundlage zerstört", soll am Anfang eines Dialoges stehen.
Das niedersächsische Kultusministerium hat den studierten Englischlehrer und Biologen vor fast 20 Jahren nach Ostfriesland geschickt, mittlerweile unterrichtet er in einer kleinen Dorfschule in Blomberg am Rande eines Moores. Dort fand er fast unberührte Natur vor - und bedenkenloses Verhalten derer, die sie ausbeuten wollen.
Knake, anfangs SPD-Mitglied, machte ein halbes Dutzend Naturschutzverbände durch. Er war für die Grüne Liste Umweltschutz (GLU) im Rat der Samtgemeinde Esens. Aber auch bei den Grünen trat Knake schon vor Jahren enttäuscht aus.
Viele Umweltverbände seien zu reinen Geschäftsstellen ohne Basis verkommen, sagt er bitter. Greenpeace? "Es reicht nicht, sich mit einem Schlauchboot vor die Kamera zu stellen." Leise Töne, findet Knake aus Erfahrung, "nützen überhaupt nichts".
Der Wattenmeer-Experte und Geschäftsführer des WWF in Bremen, Holger Wesemüller, nimmt seinen Mann vor Ort in Schutz: "Ein einzelkämpfer wie die alle da. Oft unbequem, aber unverzichtbar." Knake über die Naturschutzverbände: "Wir sind manchmal die nützlichen Idioten für die Verbände. Wir arbeiten weitgehend ehrenamtlich, die sitzen in den warmen Büros."
Naturschützer seines Schlages sind einsame Menschen. "Es gibt in ganz Ostfriesland vielleicht fünf Leute, die sich aktiv für das Wattenmeer einsetzen", sagt er. An seinem Wohnort Holtgast hat er keinen einzigen Mitstreiter. Es gebe da keinen vorzeigbaren Grünen, bestätigt auch der CDU-Bürgermeister. Was er von Knake hält? "Der war schon mal schlechter."
Knake ist gelassener geworden, wie auch er selber meint. Er ringt damit, sich mit der Begrenztheit seines Engagements abzufinden. "Nicht mehr so nahe an mich herankommen lassen" dürfe er das alles, sagt er.
Hoffnungen? Nicht für das Wattenmeer. Der Naturschützer träumt vom Leben in weiter Fläche. Kanada vielleicht. Irgendwann.
Klaus Wolschner
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Von Klaus Wolschner

SPIEGEL SPECIAL 2/1995
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