01.04.1995

IM REICH DER TOTEN

Die Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsenjavax.xml.bind.JAXBElement@247d5ec6javax.xml.bind.JAXBElement@22d92be1 Von Jürgen Hogrefe

Von Jürgen Hogrefe

Das KZ Bergen-Belsen wurde 1943 von der SS als Sammellager für Juden eingerichtet. Entweder wollte man für deren Freilassung Geld aus dem Ausland erpressen oder sie gegen im Ausland internierte Deutsche austauschen. Doch höchstens 3000 Juden, überwiegend aus Ungarn, gelangten auf diesem Weg nach Palästina und in die Schweiz. Ab Mitte 1944 verschlechterten sich die ohnehin miserablen Verhältnisse im Lager dramatisch: Zehntausende von Insassen anderer KZ, die wegen der näherrückenden Front geräumt wurden, erreichten nach oft wochenlangen Eisenbahntransporten in Viehwaggons das KZ in der Lüneburger Heide: politische Gefangene, Partisanen, Bibelforscher, Homosexuelle, Sinti und Roma - überwiegend jedoch Juden aus vielen Ländern Europas. Anders als Auschwitz oder Treblinka war Bergen-Belsen kein "Vernichtungslager"; gleichwohl wurde auch dort vernichtet. Ursache des Massensterbens waren die grauenhaften Lebensverhältnisse. Die waren keineswegs zufällig und den schwierigen Umständen der letzten Kriegsmonate geschuldet. Die Katastrophe von Bergen-Belsen war das Ergebnis der zynischen Planung der SS und der Lagerführung. Bergen-Belsen, schreibt der Historiker Eberhard Kolb, war "der letzte große nationalsozialistische Massenmord, nach dem Ende der Massentötungen in den Gaskammern der Vernichtungslager".

Es ist ein strahlend schöner Vorfrühlingstag, die Hecken schlagen schon aus, als Oberstleutnant Robert Daniell mit ein paar Panzern als Vorhut des 13. britischen Artillerieregimentes in der Heide bei Celle mehr zufällig das Eingangstor zu einem unbekannten Lager entdeckt, dessen Charakter sich ihm nicht sofort erschließt.

Die SS-Männer und die Wachmannschaften am Tor leisten keinen Widerstand; Daniell beginnt das Barackendorf hinter dem Stacheldraht zu inspizieren. Auf einem Pferdewagen sieht er 20 bis 30 nackte Tote, Männer und Frauen, dann schaut er durch die verdreckten Fensterhöhlen in eine der zahllosen Hütten. Auf schmalen Holzpritschen liegen zwei, manchmal drei "menschliche Lebewesen", in drei Etagen übereinander, die meisten nackt und abgemagert. Daniell erstattet seiner Einheit per Feldtelefon einen Bericht über die "schier unfaßbaren Zustände".

Tags darauf, am 12. April 1945, vereinbaren die britische Armee und die auf dem Rückzug befindliche deutsche Wehrmacht einen örtlichen Waffenstillstand und die Einrichtung einer 48 Quadratkilometer großen neutralen Zone um das Lager Belsen. Als der britische Offizier Derek Sington, Leutnant einer Propagandaeinheit, schließlich an der Spitze der Befreiungstruppen am 15. April im Lager eintrifft, glaubt er schon zu wissen, was ihn erwartet: "60000 politische Gefangene, einiges SS-Personal und eine wütende Typhus-Epidemie".

Singtons Fahrt mit dem Lautsprecherwagen durch die Lagerstraßen gleicht einer Fahrt ins Reich der Toten. Der Offizier sieht statt der erwarteten freudigen Menschen, die das Ende ihrer Haft bejubeln, eine "seltsame, affenartige Schar mit geschorenen Köpfen und scheußlicher, entwürdigender Sträflingskleidung", die sich an den Stacheldrahtzäunen entlangschleppt.

Diese "fast verlorenen Männer, diese Clowns in ihrer schrecklichen Narrenkleidung", wie Sington notiert, stoßen nur schwache, "halbgläubige Hochrufe" auf die Befreier aus. Eine gespenstische Gestalt wirft ihre Krücken hin, fällt auf die Knie und faltet die Hände.

Plötzlich fallen Schüsse. SS-Wachmannschaften, die immer noch für "Ruhe und Ordnung" sorgen, haben einige KZ-Insassen erschossen, die auf der verzweifelten Suche nach Eßbarem die Lagerküche stürmen wollten. Sie haben den Tod riskiert - in der Sekunde der Befreiung. Sofort wird die SS entwaffnet, der KZ-Kommandant Josef Kramer muß vor aller Augen einen toten Häftling auf seinen Schultern durch das Lager tragen. Irgendwie muß doch den apathischen Lagerinsassen begreiflich zu machen sein, daß sie nun frei sind.

Doch diese Gefangenen im Lager, versteht Sington allmählich, sind nicht mehr zu normalen Gefühlen und Gedanken in der Lage. "Worte wie ,Befreiung'', ,morgen'', ,abwarten'' haben allen Sinn für sie verloren", notiert er später. Diese Menschen sind beherrscht vom Hunger, der in ihnen brennt. Das jahrelange Leben mit dem Tod vor Augen hat sie stumpf und leer gemacht. Sie sind dem Wahnsinn näher als der Vernunft. Der Tod hat für sie längst seinen Schrecken verloren - das Leben ist die Hölle.

Erst am nächsten Tag beginnt der erfahrene Kriegsoffizier Sington, das ganze Ausmaß des Grauens zu begreifen. Bei seinem Gang durch das weitläufige Massenlager sieht er vier ausgemergelte nackte Frauen, die im Hof ihre Notdurft verrichten. Die Würdelosigkeit der Situation läßt ihn erschrecken, doch dem kleinen Schrecken folgt ein Schock.

Dicht hinter den Frauen türmt sich ein Gewirr von Armen, Beinen und Hinterteilen, dazwischen hin und wieder ein verfilzter Haarschopf. Ein Berg von Leichen. Im Umkreis von wenigen Metern entdeckt Sington noch vier weitere mächtige Haufen toter Menschen. Ein Windstoß wirbelt den Sand auf und trägt den Gestank verwesenden Fleisches durch die Luft.

Die britischen Soldaten sind drei Wochen vor Kriegsende auf eine der grausigsten Hinterlassenschaften von Hitler-Deutschland gestoßen. Zehntausende von ausgemergelten Leichen liegen bei Belsen im Heidesand, in Haufen und vereinzelt. In über 100 Baracken hausen Tausende von Menschen, dem Tod näher als dem Leben: 5000 weisen Hungerödeme auf, 3500 haben Typhus, 20000 verwahrloste, völlig entkräftete Menschen leiden unter Ruhr und schlimmster Diarrhoe, 10000 haben Tuberkulose, Fleckfieber grassiert.

Die meisten der rund 60000 Häftlinge sind unfähig, ihre Befreier zu begrüßen. Sie bleiben fiebernd, hungernd und ermattet auf ihren Pritschen liegen. Einige der Kräftigeren, die erst vor wenigen Tagen aus anderen Lagern nach Belsen transportiert worden waren, plündern die Lebensmittellager der SS. Am nächsten Morgen liegen mehrere der verhaßten Kapos und Blockältesten, die mit der SS kollaboriert hatten, erschlagen im Sand.

Die Befreiung kann das Sterben nicht beenden. Die britischen Soldaten, auf dieses ungeheure Ausmaß an Elend nicht im geringsten vorbereitet, können erst am 17. April mit einer gezielten medizinischen Versorgung beginnen.

Sanitäter gehen durch die Hütten und zeichnen Kreuze auf die Stirnen der Menschen, denen sie noch eine Überlebenschance einräumen. "Nimm mich, nimm mich", rufen auch die anderen. "Eine Aufgabe, die uns das Herz zerrissen hat", erinnert sich der Sanitätsoffizier Marvin Gonin: "Praktisch bedeutete das, daß wir Hunderte der armen menschlichen Wracks zum Sterben zurücklassen mußten." Auch nach der Befreiung verenden 600 Menschen pro Tag. Bis Ende Juni, sechs Wochen nach der Befreiung, sterben noch einmal rund 13000 Menschen. Die genaue Zahl kennt niemand.

Der KZ-Kommandant Josef Kramer hatte wenige Tage vor der Befreiung die Lagerlisten vernichtet und noch eilig versucht, alle herumliegenden Toten beseitigen zu lassen. Doch die 2000 dazu eingesetzten KZ-Insassen taugten nicht zu Totengräbern, sie brachen beim Leichenschleppen geschwächt zusammen. Da half auch nicht, daß die Kapos mit Knüppeln auf sie eindroschen und SS-Kramer in den letzten Tagen vor dem Ende zwei Lagerkapellen "zur Aufmunterung" der Totengräber Tanzmusik von Franz Lehar und Johann Strauß aufspielen ließ - ein apokalyptischer Danse macabre.

Die Verbrennung der Leichen war Kramer schnell wieder verboten worden: Die örtliche Forstverwaltung wollte ihr kostbares Holz für diesen Zweck nicht hergeben. Und die Offiziere des nahegelegenen Truppenübungsplatzes fühlten sich durch den abscheulichen Gestank verbrennenden Fleisches belästigt. Gegen den Tod war in Belsen nicht mehr anzukommen, 18168 Menschen waren allein im März gestorben.

Drei Tage nach der Befreiung, am 18. April, beginnt die Bestattung der herumliegenden Toten. Die rund 80 SS- und Wachleute, die nicht vor den Briten geflohen waren, müssen ihre Opfer selbst zu Grabe tragen. Tagelang heben sie Massengräber aus und werfen die Toten hinein. Aber es sind zu viele, in der Frühlingssonne schreitet die Verwesung schnell voran. Schließlich schieben britische Bulldozer die Leichenberge in die Gruben.

Die Briten befürchten, daß ihnen niemand das Ausmaß des Terrors von Belsen glauben wird. So werden die Bürgermeister der umliegenden Ortschaften herbeibefohlen; sie müssen dem Massenbegräbnis zuschauen. Ein Team der BBC macht Filmaufnahmen. In den Wochen danach erfährt die Welt von "Hitlers Horror-Camp in Bergen-Belsen". Zehn Tage brauchen die Bestatter, dann sind alle 50000 Toten unter der Erde.

Herman Sachnowitz, ein norwegischer Jude, hört am 15. April gegen zwölf Uhr den Lautsprecherwagen: "Ihr seid befreit! You are free men again! Take it easy, take it easy! Bitte Ruhe bewahren!" Er spürt die helle Frühlingssonne, doch noch mehr nimmt er die Schatten wahr, "so schwarz und dicht, als wollten sie sich für immer über mein Leben legen". Er fühlt einen unbändigen Schrei in sich hochkommen, "einen Schrei, den keine Menschenseele von sich geben konnte".

Wie bei Herman Sachnowitz mischt sich bei vielen KZ-Insassen mit der Erleichterung über das Ende der Pein eine Bestürzung über die Abgründe menschlichen Verhaltens, die sie erleben mußten: Die kalten Bürokraten des Todes, Menschen, die in der Schule Schiller und Goethe gelesen und dabei vom Wahren, Guten und Schönen erfahren haben mußten, waren fähig zum Mord an Millionen.

Auschwitz, die Todesmaschine, war ein Alptraum. Doch die meisten, die Auschwitz durchgemacht hatten und dann am Ende nach Bergen-Belsen kamen, erlebten hier eine für unmöglich gehaltene Steigerung des Grauens.

"Auschwitz war die Hölle", berichtet Lin Jaldati, eine Freundin der Anne Frank, die in Bergen-Belsen starb, doch "Bergen-Belsen war die Hölle ohne Gnade, das Chaos". Bergen-Belsen kam ohne Gaskammern aus. Hier gaben die Nazis den Insassen monatelang keine frische Kleidung, keine Medikamente, keine Toiletten, keine Nahrung, zuletzt nicht einmal mehr Wasser.

Als hätte die gezielte Verwahrlosung den Nazis noch nicht gereicht, errichtete die SS im Lager ein Disziplinar- und Kontrollsystem, das auf die Entmenschlichung setzte, die Hunger und Verwahrlosung mit sich brachten. Aus den Reihen der Gefangenen wählten die Nazis Kapos und Blockälteste, die zu jeder Gemeinheit bereit waren, wenn sie nur ihr Überleben sicherte. Gezielt wurden Polen gegen Russen, Holländer gegen Deutsche, tschechische Juden gegen Juden aus Jugoslawien aufgehetzt.

"Welche Schande. Welch trauriges Schauspiel", schreibt Hanna Levy-Hass in ihr KZ-Tagebuch. Die jugoslawische Kommunistin, beseelt vom Glauben an das Gute im Menschen, kann kaum fassen, was sie sieht: Die Menschen "werden gezwungen, unter den unwürdigsten Bedingungen und den brutalsten Entbehrungen zu leben, so daß alle menschlichen Leidenschaften und Schwächen entfesselt werden und manchmal tierische Formen annehmen".

Die Kapos stehlen das Essen, wohl wissend, daß der schäbige Diebstahl für Leidensgenossen den Tod bedeutet. Der Geist der Korruption weht durch das Lager, Frauen geben sich den Kapos hin, um Essen für ihre Männer zu ergattern. Um sich bei der SS anzubiedern, verraten KZ-Insassen ihre Mitgefangenen. Rudolf Küstermeier, ein deutscher Sozialist, der zehn Jahre im Zuchthaus saß, bevor er 1944 als "Politischer" ins KZ kam, war im Moment der Befreiung tief deprimiert: "Ich lag und grübelte." Es könne wohl "niemand, der es nicht erlebt hat, glauben, wie tief Menschen sinken können, wenn sie gezwungen sind, lange ohne Nahrung, Kleidung und ausreichende Unterkunft zu leben. Es scheint, daß es einen gewissen Punkt der Erniedrigung gibt, der nicht ohne den Verlust jeglicher Selbstachtung und Moral überschritten werden kann." Er hatte das Grauen gesehen: Leichen von Mitgefangenen, denen Lungen, Herz und Leber fehlten. Aus ihren Hinterteilen und Oberschenkeln waren Stücke herausgeschnitten.

Lucille Eichengreen, eine junge Jüdin aus Hamburg, war gar vom Moment der Befreiung enttäuscht. "Ich vermißte die Fanfare, Euphorie, Freude." Oft hatte sie sich ihr Leben nach dem KZ vorgestellt als Fortsetzung ihrer Träume vor der Verhaftung. Sie hatte an Feiern, Tanz, Jungen und den Besuch einer Kunstschule gedacht. Doch jetzt spürt das junge Mädchen, daß eine neue, andere Form der Gefangenschaft auf sie wartet: "Allmählich wurde mir klar, daß ich nie mehr zu dem zurückkehren konnte, was gewesen war. Ich war noch immer nicht frei."

Am 12. April verzeichnet die Chronik des Pfarrhauses von Bergen "große Aufregung". Es geht unter den 3000 Bewohnern des Heidedorfes das Gerücht von der bevorstehenden Übergabe des Konzentrationslagers um, das acht Kilometer südlich vom Ortsrand im Wald liegt.

Sofort starten die Bürger von Bergen und Umgebung eine Rettungsaktion. Doch die Rettung gilt nicht den verelendeten KZ-Häftlingen - sie gilt ihrem eigenen Besitz. Wie auf ein geheimes Kommando beginnen die Bergener ihr Eigentum in Sicherheit zu bringen. "Überall wird gebuddelt", verzeichnet die Chronik.

Kisten mit Fleischdosen werden unter einem Hühnerstall vergraben, große Milchkannen, vollgestopft mit Speck und Wurst, landen in Gärten und hinter Schweineställen. Tafelsilber, sorgsam mit Paraffin bestäubt und in festes Tuch gewickelt, Erbsen, Zucker, Mehl und Zwiebeln wandern in die Erde.

Am 22. April um 9 Uhr morgens, Sonntag, "Jubilate", befiehlt der britische Kommandant den Einwohnern, Bergen innerhalb von zwei Stunden zu räumen. Ein Treck von eilig bepackten Handwagen, Fahrrädern und Fuhrwagen zieht in die umliegenden Dörfer, in denen die Bergener unterkommen sollen. Bergen ist von den Briten zur Plünderung freigegeben.

Noch am gleichen Tage strömen italienische und französische Soldaten aus befreiten Kriegsgefangenenlagern der Umgebung in den geräumten Ort, auch einige befreite russische und polnische Fremdarbeiter sind dabei. Durch die Häuser streifen auch die kräftigsten der freigelassenen KZ-Insassen, verzweifelt auf der Suche nach Nahrung, Kleidung und nützlichen Dingen. Der Ablauf der nachfolgenden Ereignisse bietet den Bürgern von Bergen hinfort Gelegenheit, sich selbst als Opfer zu fühlen.

"Was sich während dieser Zeit abspielte", gibt Rudolf Habermann, der spätere Gemeindedirektor von Bergen, 1949 empört zu Protokoll, "ist wohl das schrecklichste seit dem Dreißigjährigen Krieg." Zu Tausenden seien die "Unholde" durch Bergen und dann auch die umliegenden Bauerndörfer gezogen. Zunächst "waren die KZler so schlapp", erinnert sich der Bauer Julius Brandes aus dem nahegelegenen Bollersen. Aber dann wurden sie "frech", und nach acht Tagen fingen sie an "zu rauben und zu plündern", sie haben "sogar meine Feuerwehruniform mitgenommen".

Das am eigenen Leib gespürte Ungemach verzerrt den Bergenern die Wahrnehmung. Für sie sind hinfort nicht die 50000 Toten vom benachbarten KZ die Tragödie, die Bergener empfinden die Plünderung ihrer Speisekammern als die eigentliche Katastrophe. Und zu den Tätern werden - Verdrehung der Geschichte - die Insassen des KZ.

In dem seit einer Woche befreiten Konzentrationslager sterben noch täglich mehrere hundert Menschen, noch immer ist die englische Armee außerstande, die Ernährung der 60000 Insassen sicherzustellen. Doch den Landwirt Hermann Schulze plagen andere Sorgen. Er hat seinen Hof gegenüber des Kasernengeländes in Belsen. "Die KZ-Leute haben mit Russen und Polen zusammen 19 Schweine, 18 Rinder und Kälber, zwei Schafe, alle Gänse, Enten und Puten sowie 100 Hühner in drei Nächten durch Einbruch und Zerschlagen der Türen und Fenster gestohlen", schimpft der Bauer.

Die Bewohner von Bergen fühlen sich als unschuldig verfolgte Opfer. "Man nannte uns Mörder, und es soll sogar die Absicht bestanden haben, ganz Bergen aus Vergeltung niederzubrennen", empört sich der Bergener Amtsrichter Ernst von Briesen noch im Oktober 1950 in einem Aufsatz über die "Wahrheit mit Belsen".

Von Briesen, einer der wenigen Akademiker im Ort, bemüht sich um die Ehrenrettung seiner Bewohner. Sein vielfach verbreitetes Traktat kursiert bald in Haushalten und an Stammtischen. Doch der Amtsgerichtsrat hält sich wenig an die Fakten. So gerät sein Aufsatz zur Mustervorlage von Leugnung, Verdrängung und (Bergen-Belsen-)Lüge.

Er stellt darin sogar dem KZ-Kommandanten einen Persilschein aus: Kramer sei ein "anständiger Mann und redlich bemüht", alles "für die ihm anvertrauten Häftlinge zu tun". Von Briesen verschweigt, daß Kramer zuvor schon Kommandant im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau gewesen war. Kramer ist im November 1945 von einem britischen Militärgericht zum Tode verurteilt worden. In diesem Verfahren kamen auch sadistische Quälereien an Gefangenen zur Sprache, für die Kramer Verantwortung trug.

Für den Amtsgerichtsrat von Briesen ist die Bevölkerung von Bergen "Gegenstand eines Grauenfeldzuges geworden"; für den Tod der Juden im nahen KZ sei sie ohnehin nicht verantwortlich zu machen, denn auf die "Judenverfolgung hatte das deutsche Volk nicht den geringsten Einfluß".

Die frühen Schilderungen der Plünderung Bergens lassen erkennen, daß die Herrenmenschen-Ideologie auch den Bewohnern Bergens nicht fremd war. In einschlägigem Vokabular wird die vorgebliche Quelle der "entsetzlichen Plünderei" geortet: Ein "solches Untermenschentum, wie hier gehaust hat, habe ich nicht für möglich gehalten", entrüstete sich der spätere Gemeindevorsteher Heinrich Ahrens.

Außer "dem Russen" und "dem Polen", die allein schon durch Herkunft und Volkscharakter leicht als Bösewichte gelten, sei es vor allem "der Jude", der das Unheil bringe. Zwar "ist allgemein bekannt", schreibt Bergens Gemeindedirektor Habermann im Juni 1949 über die Plünderung Bergens, "daß der Jude nicht selbst zum Diebstahl greift. Aber aus den Reihen (der) Fremden fand er genug Mittelsmänner. Diese taten sich zu Räuberbanden zusammen, um ... Einbrüche zu veranstalten, um Schweine und Rindvieh den Juden in die Hände zu spielen."

Nachdem das KZ evakuiert war, richtete die britische Armee im ehemaligen Wehrmachts-Kasernengelände von Belsen ein Lager für "Displaced Persons" (DPs) ein und legte die Leitung des DP-Camps in die Hände eines jüdischen Komitees.

Damit begann für manchen Bergener schon wieder das Unheil. "Was dieses Lager ... durch die Besitzergreifung des jüdischen Komitees an Schaden aufweist, ist unbeschreiblich", entrüstete sich der Belsener Landwirt Karl Kohrs. So sei "das mit allem Komfort eingerichtete Offizierskasino" der Nazi-Wehrmacht "ein Raub dieser Unholde" geworden.

"Die Juden" dieses Lagers, so Gemeindedirektor Habermann 1949, "bekamen reichlich viel Unterstützung durch Rassengenossen aus aller Welt". Sie seien "in ganz kurzer Zeit mit allerlei Produkten erfreut" worden, über die die einheimische Bevölkerung schon lange nicht mehr verfügt habe. Die Folge: "Tausende von jungen Frauen umlagerten die Zäune des Lagers", klagt Habermann, "und ließen sich da anheuern, um für schmutziges Geld dort zu arbeiten oder sich mit den dreckigen, schmutzigen Juden in eine Liebschaft einzulassen."

Die meisten Bewohner Bergens freilich hatten klare Vorstellungen über den künftigen Weg: Er sollte wieder zurückführen.

Bei den zweiten Wahlen zum Niedersächsischen Landtag im Mai 1951 erhielt die Sozialistische Reichspartei in Bergen mit Abstand die meisten Stimmen: 31,7 Prozent. Als die SRP 1952 als Nazi-Nachfolgepartei verboten worden war, trat die Deutsche Reichspartei (DRP) ihre Nachfolge an und wurde bei den Landtagswahlen 1955 in Bergen immer noch klarer Sieger.

Sie war mit einem "Programm der zehn Gebote" angetreten, das vierte Gebot lautete: "Du sollst Dich zum deutschen Reich und den echten Werten seiner ganzen Geschichte bekennen. Nur Emporkömmlinge leugnen ihre Vergangenheit!"

* Nach der Gefangennahme durch die Engländer. * Mit Hilfe britischer Bulldozer. * Briten setzen Häftlingsbaracken in Brand.

SPIEGEL SPECIAL 4/1995
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

SPIEGEL SPECIAL 4/1995
Titelbild
Abo-Angebote

Sichern Sie sich weitere SPIEGEL-Titel im Abo zum Vorteilspreis!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

IM REICH DER TOTEN