01.06.1995

Explosion im Design

Vitra-Chef Rolf Fehlbaum über Gestaltung und Marktchancen

Rolf Fehlbaum ist einer der ungewöhnlichsten Unternehmer im deutschsprachigen Raum. Der Chef der Stuhl- und Büromöbelfabrik Vitra in Weil am Rhein studierte Sozialwissenschaften, promovierte mit einer Arbeit über den Frühsozialisten Saint-Simon und arbeitete unter anderem als Redakteur bei der Münchner Filmproduktion Bavaria, ehe er 1977 die väterliche Firma übernahm. Seinem Engagement für Architektur und Design verdankt Vitra das Image als Qualitätsmarke. Der "Herr der Stühle", wie der geschäftstüchtige Schöngeist bisweilen genannt wird, verpflichtete für seine Kollektion die bedeutendsten Designer der Gegenwart: von Ron Arad bis Jasper Morrison, von Mario Bellini bis Philippe Starck. Für sämtliche Entwürfe des Designer-Paares Charles und Ray Eames besitzt Vitra die Lizenzrechte für Europa. Der firmeneigenen Selbstdarstellung dient das von Frank Gehry erbaute Museum: ein aus Quadern und Kuben verschachteltes Schneckenhaus, in dem hauptsächlich Objekte aus Fehlbaums weltweit einzigartiger, aus 1600 Exemplaren bestehender Stühle-Sammlung gezeigt werden. Im vergangenen Jahr wurde Fehlbaum für seine Verdienste um gutes Design mit dem "Lucky Strike Designer Award" der Raymond Loewy Stiftung ausgezeichnet. Mit dem Preisgeld von 60000 Mark will er sein neues Projekt "World Design" starten, das den Austausch zwischen Designern der Industriestaaten und der Dritten Welt fördern soll.

special: Herr Fehlbaum, auf welchem Stuhl sitzen Sie am liebsten?

Fehlbaum: Ich sitze zwischen allen Stühlen. Denn ich probiere alle unsere Stühle aus, um zu sehen, was gut ist und was schlecht ist.

special: Und wenn Sie alle ausgesessen haben?

Fehlbaum: Am Abend sitze ich am liebsten in dem Lounge Chair von Charles und Ray Eames.

special: Was gefällt Ihnen an diesem Sessel? Die Form oder der Komfort?

Fehlbaum: Das läßt sich so gar nicht beantworten. Komfort und Form bedingen einander. Ein Stuhl, dessen Form nicht Komfort verheißt, kann nicht komfortabel sein, auch wenn er sich komfortabel verhält. Bei einer anderen Aufgabenstellung, etwa bei einem Bürostuhl, ergeben sich andere Ansprüche und damit andere Gestaltungsmöglichkeiten für den Designer.

special: Welche Bedeutung hat das Design für den Verkauf Ihrer Produkte?

Fehlbaum: Mit Designer-Möbeln haben wir jedenfalls nichts zu tun. Diese unerfreuliche Wortkombination suggeriert, daß das Produkt besonders auffällig oder besonders laut ist. Ich finde es aber gut, wenn ein Unternehmen und eine Designer-Persönlichkeit eng zusammenarbeiten. Das ist für beide Seiten inspirierend und stimulierend.

special: Wie funktioniert diese Zusammenarbeit?

Fehlbaum: Die Entwicklung eines erfolgreichen Produkts ist meistens ein sehr langwieriger Prozeß. Es ist nur selten so, daß ein Designer mit einer Idee oder einem Produkt zu einem Hersteller kommt. Design ist meistens eine kollektive Arbeit mit dem Designer als Regisseur. Er vermittelt zwischen den verschiedenen Experten. Das ist vor allem deswegen schwierig, weil oft ganz unterschiedliche, manchmal sogar widersprüchliche Anforderungen befriedigt werden müssen.

special: Gibt es bei einem so banalen Möbel wie einem Stuhl überhaupt noch neue Anforderungen?

Fehlbaum: Erstaunlicherweise ja. Der Stuhl ist ein Zeitausdruck, und in der Folge von gesellschaftlichen Veränderungen und technischen Innovationen ergeben sich neue Ausdrucksmöglichkeiten. Seien es neue Vorstellungen vom Wohnen und Leben, wie etwa zur Zeit des Bauhauses, oder in der Nachkriegszeit der Optimismus und die neuen Technologien, die Eames und Saarinen inspirierten.

special: Was ist gutes Design?

Fehlbaum: Design ist zunächst einmal die Lösung einer Aufgabe. Dazu gehört natürlich auch, daß das Ergebnis fürs Auge erfreulich ist, daß man es gern anfaßt oder gern um sich hat.

special: Ist das alles?

Fehlbaum: Gutes Design übt einen Reiz aus, der sich immer wieder erneuert. Das dauerhaft Stimulierende ist das, was einen Klassiker ausmacht.

special: Und was ist schlechtes Design?

Fehlbaum: Schlechtes Design bringt keine Balance der verschiedenen Anforderungen zustande. Es erfüllt entweder die praktische Funktion geistlos-mechanisch, oder es ist so sehr von einer Gestaltidee besessen, daß die anderen Anforderungen nicht mehr eingelöst werden. Es ist immer schlecht, wenn Design zuviel will, wenn es überladen ist oder krampfhaft anders sein will.

special: Gibt es überhaupt objektive Maßstäbe für gutes oder schlechtes Design?

Fehlbaum: Was innerhalb einer Kategorie gut oder schlecht ist, das läßt sich sehr klar sagen. Subjektiv ist nur die Emotionalität, mit der die Menschen auf Visuelles reagieren. Jemand mit strengem Wesen mag mehr angezogen sein von einer reduzierten Gestalt, ein barocker Mensch mehr von einer barocken Form, wobei die Anziehung auch umgekehrt funktionieren kann. Aber was gutes Barock ist oder guter Minimalismus, das ist eindeutig.

special: Spielt nicht der Zeitgeschmack eine große Rolle?

Fehlbaum: Jede Zeit hat epochale Merkmale und oberflächige Strömungen. Das starke Design drückt eine epochale Idee mustergültig aus. Es ist solange aktuell, wie diese Epoche dauert. Leichtigkeit und Transparenz zum Beispiel sind Ideale unserer Zeit. Ein Objekt, das dieses Ideal ausdrückt, hat eine lange Lebensdauer. Strenge Geometrie oder organische Formen waren aber nicht Ausdruck einer epochalen Idee, sondern von kurzfristig wirksamen Vorlieben.

special: Macht das Kurzfristige die Mode aus?

Fehlbaum: Es gibt auch in der Mode epochale Entwürfe, etwa die Blue jeans. Aber zum Wesen der Mode gehört das Ephemere, das Flüchtige. Gute Mode kann also durchaus kurzlebig sein.

special: Design nicht?

Fehlbaum: Bei langlebigen Gütern sollte eine epochale Idee sichtbar werden, auch aus ökologischen Gründen. Ein Bauhaus-Stuhl oder ein Eames-Sessel erscheinen uns aktuell, weil sie eine Idee vermitteln, die heute noch lebendig ist. Ihre Langlebigkeit macht sie auch ökologisch sinnvoll.

special: Was ist denn heute bei den Designern angesagt?

Fehlbaum: Fragen der Ergonomie, Ökonomie und Ökologie spielen eine wichtige Rolle. Nach den hedonistischen achtziger Jahren ist eine nachdenklichere Zeit angebrochen. Langlebigkeit und ein vernünftiges Preis-/Leistungsverhältnis werden verlangt. Immer mehr Menschen wollen auch wissen, wie die Produkte hergestellt wurden und welche ökologischen Folgen damit verbunden sind.

special: Wie drückt sich dieser Trend im Design aus?

Fehlbaum: Es gab in den achtziger Jahren eine richtige Explosion im Design. Es wurde im formalen Bereich ungeheuer viel ausprobiert. Heute sind viele Designer auf der Suche nach einer neuen Normalität und Selbstverständlichkeit.

special: Will Design nicht eher zum Konsum verführen?

Fehlbaum: Wir bewegen uns in der Warenwelt, da spielen das Neue und das Habenwollen natürlich eine große Rolle. Eine andere Frage ist, ob es nicht aus ökologischen Gründen sinnvoll ist, Dinge leihweise zu nutzen statt sie für die Ewigkeit zu besitzen. Das ist eine Problematik, die ein Designer oder Unternehmer zwar zur Diskussion stellen, aber nur im Einklang mit einem gesellschaftlichen Willen realisieren kann.

special: Soll der Designer, wie es Otl Aicher formuliert hat, ein Moralist sein?

Fehlbaum: Er soll eine Moral haben, aber er sollte kein Moralist sein. Das führt sehr schnell zur Rechthaberei und zu einer Art Diktatur des Guten. Offenheit und Liberalität scheinen mir der bessere Weg zu sein.


SPIEGEL SPECIAL 6/1995
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