01.06.1995

das jahrhundert des designs

von Jörg Stürzebecher
1900
Mit dem ersten Zeppelin beginnt die Ära des modernen Luftverkehrs.
1901
In Darmstadt wird die Bau- und Kunsthandwerksausstellung "Ein Dokument deutscher Kunst" eröffnet.
1903
Gründung der "Wiener Werkstätte".
Wiener Werkstätte
Zwischen 1903 und 1932 versorgte die Wiener Werkstätte das bürgerliche Publikum mit Fruchtschalen und Sesseln, Schmuck und Vitrinen. Bei aller Formenvielfalt der kunsthandwerklichen Kleinserien und Unikate griffen Entwerfer wie Moser oder Wimmer immer wieder auf die kleinteiligen Quadrat- und Schwarz-Weiß-Muster des Gründers Josef Hoffmann zurück. Als Folge zunehmender Konkurrenz industriell gefertigter Produkte wurde die Wiener Werkstätte 1932 liquidiert.
1907
Der Deutsche Werkbund wird gegründet.
Deutscher Werkbund
Am 5. und 6. Oktober 1907 gründeten 12 Künstler - unter ihnen der AEG-Berater Peter Behrens und der Jugendstil-Künstler Henry van de Velde - und 12 Firmen den Deutschen Werkbund. Die lange Zeit bedeutendste Organisation zur Förderung des Kunstgewerbes galt schon bald als "Zusammenschluß intimer Feinde" (Julius Posener). Sie sollte "die Veredelung der gewerblichen Arbeit im Zusammenwirken von Kunst, Industrie und Handwerk, durch Erziehung, Propaganda und geschlossene Stellungnahme zu einschlägigen Fragen" fördern. Vorangegangen waren der Initiative zur Vereinsgründung Überlegungen im preußischen Innenministerium, wie der deutsche Export gesteigert und Waren aus Deutschland zu einem Gütebegriff werden könnten. "Ein solches Ziel wird sich nur erreichen lassen, wenn ihm die besten Kräfte der Nation in Einmütigkeit zustreben (...) In seinem Zusammenschluß zur Hebung der Qualität erblickt der Deutsche Werkbund sein höchstes Ziel, in ihm allein die Gewähr einer deutschen Kultur", hieß es in der Gründungssatzung.
Peter Behrens
Der Maler und autodidaktische Architekt Peter Behrens (1868 - 1940) entwickelte zwischen 1907 und 1914 für die AEG ein einheitliches Erscheinungsbild: Vom Firmenzeichen bis zum Teekessel, von der Fabrikhalle bis zur Stechuhr gestaltete Behrens das Bild des Elektrokonzerns nach innen und außen - das erste Beispiel für Corporate Identity.
1909
F. T. Marinetti veröffentlicht das 1. Futuristische Manifest.
1913
In Prag werden kubistische Möbel entworfen.
1914
Werkbund-Ausstellung in Köln. Hermann Muthesius und Henry van de Velde streiten über Typisierung und individuelle Künstlerentwürfe.
Werkbund-Streit
1914 kam es in Köln zur ersten Theoriedebatte der Gebrauchsformgestalter. Auf dem Messegelände der Domstadt - zwischen Bruno Tauts Glashaus mit Architektursprüchen des Prädadaisten Paul Scheerbart ("Das Ungeziefer ist nicht fein, ins Glashaus kommt es niemals rein") und Walter Gropius' Musterfabrik - stritten Hermann Muthesius und Henry van de Velde um den richtigen Weg zur gültigen Form. Muthesius, preußischer Staatsbeamter und Architekt, forderte in zehn Thesen die Typisierung der Industriegüter zur Steigerung des deutschen Exports: "Mit dem vom Künstler für den Einzelfall entworfenen Gegenstand kann nicht einmal der einheimische Bedarf gedeckt werden". Van de Velde, Leiter der Weimarer Kunstgewerbeschule, eines Vorläufers des Bauhauses, konterte, Künstlern liege es fern, die von ihnen "gefundenen Formen oder Verzierungen anderen nunmehr als Typen aufzwingen zu wollen". Bei aller Kritik an Muthesius' Expansionismus und van de Veldes Angst vor Vermassung durch serienproduzierte Ornamente - die Debatte zeigte die Möglichkeit der Prototypenentwicklung und begründete so die Aufgabe kommender Industrie-Designer.
1917
Theo van Doesburg begründet mit Piet Mondrian die Kunst- und Architekturbewegung "De Stijl".
De Stijl
Die niederländische Kunstbewegung wurde von dem Maler, Theoretiker und Produktentwerfer Theo van Doesburg initiiert. Mitglieder waren neben anderen Piet Mondrian, Bart van der Leck, J. J. P. Oud und Gerrit Th. Rietveld. Kennzeichnend für "De Stijl" war die Betonung von Primärfarben und Elementargeometrien. Mustergültige Arbeiten wurden in der Zeitschrift De Stijl veröffentlicht. Theo van Doesburg hatte auch Verbindungen zu Dada und der Merzkunst von Kurt Schwitters. 1921 veranstaltete van Doesburg in Opposition zum expressionistischen Bauhaus einen "De-Stijl-Kurs" in Weimar, der die elementargeometrische Phase am Bauhaus mitbegründete.
1908
Mit dem Ford Modell T beginnt die Fließbandfertigung im Automobilbau.
Adolf Loos
Adolf Loos publiziert "Ornament und Verbrechen".
Als er "Ornament und Verbrechen" geschrieben hatte, feierte sein Haßobjekt fünfjähriges Jubiläum. Der Architekt, Lebens- und Kleidungsreformer Adolf Loos (1870 - 1933) träumte davon, alle Erzeugnisse der "Wiener Werkstätte" ständig in einem "Hausgreuelmuseum" auszustellen. Der Dekorationsgegner forderte in der Architektur wie im Kunsthandwerk erlesene Materialien und genaue Verarbeitung statt geschönter Oberflächen.
Evolution der kultur ist gleichbedeutend mit dem entfernen des ornamentes aus dem gebrauchsgegenstand.
Adolf Loos 1908
1920
Gründung der Wchutemas-Schulen in Moskau, in denen die sowjetische Avantgarde den Konstruktivismus in die Produktionskunst überträgt.
Wchutemas
In der Moskauer Kunstschule für Architektur und die produktive Anwendung der experimentellen und dekorativen Künste (1920 - 1930) entstanden organisch geformte Teegefäße und die Revolution verherrlichende Stoffentwürfe, Einbauküchen und Schreibtischlampen. Wegen anfänglicher Materialprobleme und späterer politischer Schwierigkeiten blieben viele Projekte dieses Laboratoriums der Moderne, das den gestalterischen mit dem politischen Fortschritt verbinden wollte, letztendlich auf dem Papier.
1921
Der Flugzeugkonstrukteur Edmund Rumpler stellt seinen ersten "Tropfenwagen" vor.
1922
Der Stromlinienwagen von Paul Jaray wird patentiert.
1925
Exposition internationale des arts decoratifs et industriels modernes in Paris.
1925
Das Bauhaus zieht von Weimar nach Dessau.
Farbiger Würfel
"Was fand ich bei meiner Berufung vor? Ein Bauhaus, dessen Leistungsfähigkeit von seinem Ruf um das Mehrfache übertroffen wurde und mit dem eine beispiellose Reklame getrieben wurde. Eine ,Hochschule für Gestaltung', in welcher aus jedem Teeglas ein problematisch-konstruktivistelndes Gebilde gemacht wurde. (...) Inzüchtige Theorien versperrten jeden Zugang zur lebensrichtigen Gestaltung: Der Würfel war Trumpf, und seine Seiten waren gelb, rot, blau, weiß, grau, schwarz. Diesen Bauhauswürfel gab man dem Kind zum Spielen und dem Bauhaus-Snob zur Spielerei. Das Quadrat war rot. Der Kreis war blau. Das Dreieck war gelb. Man saß und schlief auf der farbigen Geometrie der Möbel. Man bewohnte die gefärbten Plastiken der Häuser. Auf den Fußböden lagen als Teppiche die seelischen Komplexe junger Mädchen."
1919
Gründung des Bauhauses.
Walter Gropius
Wie Le Corbusier und Ludwig Mies van der Rohe arbeitete auch Walter Gropius (1883 - 1969) zunächst im Atelier von Peter Behrens. Zwar entwarf der gelernte Architekt auch einige Möbel, Öfen und Fahrzeuge, sein sicher bekanntestes Werk aber ist das 1919 von ihm gegründete Bauhaus, das er bis 1928 leitete.
"Kunst und Technik - eine neue Einheit"
Walter Gropius
Leben am Bauhaus / Von Tom Wolfe
Das Bauhaus war mehr als eine Schule; es war eine Kommune, eine spirituelle Bewegung, ein radikaler Zugang zur Kunst in all ihren Formen, ein philosophisches Zentrum, dem Garten des Epikur vergleichbar. Gropius, der Epikur auf diesem Gemälde, schlank, schlicht, aber peinlich exakt frisiert; das volle schwarze Haar zurückgekämmt, für Frauen unwiderstehlich gut aussehend, auf klassische Art korrekt und weltläufig, im Kriege Kavallerieleutnant, wegen Tapferkeit dekoriert: eine Gestalt, die im Zentrum des Mahlstroms Überlegtheit, Überlegenheit und Überzeugungskraft ausstrahlte.
Der Maler Paul Klee, der im Bauhaus lehrte, nannte Gropius den "Silberprinzen". Genau: Silber. Gold wäre für so einen feinen und präzisen Mann zu prunkvoll gewesen. Gropius scheint ein Aristokrat gewesen zu sein, der sich durch eine geradezu wundersame Sensibilität jede Tugend dieser Rasse bewahrt, allen Ballast der Vergangenheit dagegen über Bord geworfen hatte.
Die jungen Architekten und Künstler, die ins Bauhaus kamen, um dort zu leben und zu studieren und vom Silberprinzen zu lernen, sagten, man müsse "bei Null anfangen". Diese Redensart hörte man ständig: "bei Null anfangen". Gropius unterstützte jedes Experiment, das ihnen in den Sinn kam, solange es im Namen einer sauberen, reinen Zukunft geschah. Sogar neue Religionen, wie Mazdaznan. Sogar Reformhaus-Diät. Es gab in Weimar eine Phase, da bestand die Bauhaus-Diät ausschließlich aus einem Mus von rohem Gemüse. Das Mus war so schlaff und faserig, daß man Knoblauch beigeben mußte, um irgendeinen Geschmack zu erzielen. Zu der Zeit war Gropius mit Alma Mahler verheiratet, der früheren Mrs. Gustav Mahler, dem ersten und stärksten Exemplar dieser wunderbaren Gattung, die das 20. Jahrhundert hervorgebracht hat, der Künstlerwitwe. Die Historiker sagen, bemerkte sie später, die Merkmale des Bauhaus-Stils seien gläserne Ecken, Flachdächer sowie als solche erkennbar verwendete Materialien gewesen. Sie aber, Alma Mahler-Gropius-Werfel - sie hatte unterdessen den Dichter Franz Werfel in ihre Frohschar aufgenommen -, versichert uns, das unvergeßlichste Charakteristikum des Bauhaus-Stils sei gewesen, "wenn jemand nach Knoblauch aus dem Hals stank".
Gerrit Th. Rietveld
Sein rot-blauer Stuhl (1918/23) gehört zu den frühesten Kunst-Design-Manifestationen. In den dreißiger Jahren begründete Gerrit Th. Rietveld (1888 - 1964) den Mitnahme- und Selbstbaumöbelmarkt mit einfachen Brettersesseln, -tischen und -regalen. Einige seiner Möbeleinfälle wie den Zig-Zag-Stuhl (1932) variierte er mit immer neuen Materialien oder Nutzungsmöglichkeiten.
Wilhelm Wagenfeld
Er reduzierte eine starre Schreibtischleuchte auf ihre notwendigen Teile und verband Geometrie mit industriellen Halbzeugen. Wilhelm Wagenfeld (1900 - 1990) entwarf mit seiner Bauhaus-Lampe einen seinerzeit zwar häufig abgebildeten, in der Produktion aber - auch heute noch - recht teuren Gegenstand. Sein erster Bestseller gelang dem enorm produktiven Gestalter handlicher Dinge 1938 mit dem Kubusgeschirr, in den Nachkriegsjahren folgten Eierbecher und die in unzähligen Haushalten verwendeten Salz- und Pfefferstreuer "Max und Moritz". Wagenfelds Design war ebenso einfallsreich wie unspektakulär und wurde zum Vorbild der "Guten Form".
1926
Die ersten Stahlrohrmöbel Marcel Breuers werden vorgestellt.
"Müssen starkes Stuhl sein"
Briefwechsel aus dem Jahr 1926 zwischen dem Möbel-Entwerfer Marcel Breuer und dem Dadaisten Kurt Schwitters:
Breuer: "(...) Und nun suche ich eine Frau. Muß dick und groß sein, nicht unter 180 cm hoch, Anflug von Schnurrbart, koch- und stopflustig, Bubikopf ausgeschlossen. (...) Vor allem muß sie eine feine Seele haben, Gefühl für zarte Sachen, Verständnis für alles, und so beschaffen, daß ich jederzeit mein Schmerz an ihren Busen zerweinen kann. (...)"
Schwitters: "Haben gefunden großes Frau für Ihnen. Ist 227,4 Kubikmeter groß. Hat Brüste, jeder zwei Zentner netto. (...) Können Schmerz überall an ihr zerweinen, an jede Stelle. Ist Frau so breit, braucht für sich allein 3 Stühle von Bauhaus. Müssen starkes Stuhl sein, hat Frau hier auch starkes Stuhl immer schon. (...)
Das Neue Frankfurt
Zeitschriftentitel (1926 - 1931) und Name einer Gruppe von Architekten und Gestaltern um den Frankfurter Stadtbaurat Ernst May. "Das Neue Frankfurt" stellte soziale Fragen wie die "Wohnung für das Existenzminimum" in den Mittelpunkt seiner Tätigkeit. Viele Siedlungsbauten wurden mit der "Frankfurter Küche" von Grete Schütte-Lihotzky, Vorbild aller späteren Einbauküchen, ausgestattet.
Mart Stam fertigt aus Gasrohrstücken das Urmodell des hinterbeinlosen Kragstuhles.
1927
Unter der Leitung von Ludwig Mies van der Rohe entsteht am Stuttgarter Weißenhof eine Mustersiedlung des Neuen Bauens.
Ludwig Mies van der Rohe
Aus Mart Stams Kragstuhl entwickelte der Architekt und gelegentliche Möbelentwerfer Ludwig Mies van der Rohe (1886 - 1969) 1927 den ersten echten Freischwinger. Dessen Präsentation in der Weißenhofsiedlung wurde zur Sensation. Auch spätere Entwürfe des letzten Bauhaus-Direktors, wie etwa die "Barcelona"- und "Tugendhat"-Sessel, waren vorbildlich. Die Stadt Berlin setzte ihm ein Denkmal mit der nach seinen Entwürfen gebauten Nationalgalerie.
1929
Marcel Breuer setzt Wiener Geflecht für seine Stahlrohrstühle ein.
1930
Die "Wchutemas" in Moskau werden geschlossen.
El Lissitzky
Er brachte die russische Avantgarde nach Deutschland. El Lissitzky (1890 - 1941) war Maler, Architekt, Typograf, Fotograf und Ausstellungsmacher. Für Majakowskis Gedichte erfand er ein Buch mit Register zur Unterstützung der Rezitatoren und für sowjetische Ausstellungen einen zerlegbaren Lehnsessel. Den "kapitalistischen" Hochhäusern wollte er horizontale "Wolkenbügel" entgegensetzen: sozialistische Architektur, die sich über das Alte erhebt. Das aber blieb, wie das meiste von Lissitzkys Werken, Utopie.
1931
Gründung der "wohnbedarf" in Zürich zum Vertrieb modernen Gebrauchsgerätes.
1932
Der Amerikaner Norman Bel Geddes veröffentlicht seine Stromlinienvisionen "Horizons".
Erster Prototyp des Dymaxion Car von Richard Buckminster Fuller.
Dominanz der Technik
Gegen das Styling im Automobilbau - ob betont geometrisch wie bei Walter Gropius oder mit fließenden Linien wie später bei Raymond Loewy - wandte sich der amerikanische Selfmade-Ingenieur Richard Buckminster Fuller mit seinem heckmotorgetriebenen Frontlenker "Dymaxion Car". Der Pionier des industriellen Bauens, Wolfgang Döring, bemerkt 1970 zu Fullers Konstruktion: "Ein neues, weil technisches Produkt, ohne jeden ästhetischen Anspruch. Das Ergebnis mag äußerlich vielleicht fragwürdig sein, aber es ist entwickelt worden aufgrund umfassender technologischer Bemühungen mit Hilfe von Spezialisten für die einzelnen technischen Details."
Richard Buckminster Fuller
Der mit 43 Ehrendoktortiteln ausgezeichnete Autodidakt Richard Buckminster Fuller (1895 - 1983) setzte sorgfältig durchdachte Ingenieurkonstruktionen gegen die als Design bezeichnete Oberflächengestaltung. Der visionäre Technokrat arbeitete für die Nasa, regte Kuppelbauten für Landkommunen an und schrieb eine "Bedienungsanleitung für das Raumschiff Erde". Am Bauhaus mißfiel ihm die "unkonstruktive Einfachheit".
"Der kompromißlos tropfenförmig gestaltete Wagen erreichte mit dem gleichen Motor, der dem Serien-Ford V8 die Höchstgeschwindigkeit von 128 km/h verlieh, auf Anhieb mehr als 200 km/h."
Bernd Meurer 1983
1933
Am 20. Juli beschließt das Lehrerkollegium die Auflösung des 1932 nach Berlin gezogenen Bauhauses.
"Volksbedarf statt Luxusbedarf"
Hannes Meyer, 2. Direktor des Bauhauses
1934
Nach der Gleichschaltung 1933 wird der Deutsche Werkbund in die Reichskulturkammer integriert.
Jean Prouve
Statt schön zu zeichnen, skizzierte er bestenfalls flüchtig. Vor allem aber experimentierte er in der eigenen Werkstatt: Jean Prouve (1901 - 1984) begann als Kunstschlosser zwischen Art Nouveau und Art Deco, schon bald aber tauschte er die Welt des Luxus und der Moden gegen die Teilnahme am Aufbruch in das von ihm erhoffte sozial gerechte Industriezeitalter. Sein Lieblingsmaterial waren gestanzte und gebogene Bleche. Die manufakturelle Produktion in Nancy, die Einzel- und Serienfertigung erlaubte, umfaßte Standardstühle und Schulmöbel ebenso wie Ruhesessel und Schreibtische.
1937
Raymond Loewy veröffentlicht mit "The Locomotive" das Buch zum Streamline-Styling.
Raymond Loewy
Mit Henry Dreyfuss, Norman Bel Geddes und Walter Dorwin Teague gehört Raymond Loewy (1893 - 1986) zu den Begründern des amerikanischen Streamline-Stylings. Die Anwendung der Stromlinienform auf Autos wie Toaster wurde zum wichtigen Signal für die Emanzipation des amerikanischen Industrie- und Lifestyle-Designs von den bis dahin üblichen Art-Deco- oder Stahlrohr-Imitaten. Vor allem in Deutschland veränderte Loewys Buch "Häßlichkeit verkauft sich schlecht" das Bild vom Produktgestalter: Nicht mehr bastelnde Ingenieure, tüftelnde Handwerker oder unausgelastete Künstler bestimmten fortan das Klischee vom Designer, sondern der immer lachende, immer erfolgreiche Selfmademan mit Welterfahrung.
1938
Der Prototyp des VW "Käfer" wird vorgestellt.
Frank Lloyd Wright
Als Gropius in den späten dreißiger Jahren dem amerikanischen Begründer der offenen Grundrisse in Wisconsin seine Aufwartung machte, sagte Frank Lloyd Wright (1867 - 1959) nur: "Herr Gropius, Sie sind Gast der Universität hier. Ich möchte Ihnen nur sagen, daß man hierzulande so versnobt ist wie in Harvard, nur hat man hier keinen New-England-Akzent." Energisch verteidigte Wright den amerikanischen Individualismus. Er verachtete die Normierung und vertrat ein eigenständig amerikanisch-expressives Design von den frühen Prairie-Häusern bis zur Guggenheim-Museumsspirale.
Volkswagen
Im nationalsozialistischen Deutschland wurde die Stromlinie als biodynamische und damit naturgegebene Form propagiert. Hitler soll zum Design des Volkswagen bemerkt haben: "Wie ein Maikäfer soll er aussehen. Man braucht nur die Natur zu betrachten, um zu wissen, wie sie mit der Stromlinie fertig wird."
1939
Auf der Schweizer "Landi"-Ausstellung dominiert der Heimatstil.
Citroen präsentiert den 2CV, der als "Ente" in die Automobilgeschichte eingeht.
1940
Auf der "Organic Design" zeigen Charles Eames und Eero Saarinen leichte Sitzmöbel und modulare Schrankbausysteme.
1946
In London stellt die Ausstellung "Britain Can Make It" Konversions-Design für Rüstungsgüter vor.
"Britain Can't Have It"
Zeitungsreaktion auf die Tatsache, daß die meisten Produkte der Ausstellung "Britain Can Make It" für den Export bestimmt waren.
1948
Die Schreibmaschine "Lexikon 80" für Olivetti begründet das italienische Nachkriegs-Design.
Skandinavisches Design
Skandinavisches Design wird zum internationalen Einrichtungsstil.
Als nach dem Zweiten Weltkrieg die Handelswege in Europa wieder geöffnet wurden, gelangte bald Skandinavisches in die Wohnungen. Ob Poul-Henningsen-Lampen oder Stühle von Arne Jacobsen, Aalto-Hocker oder Kaj Francks "Kilta"-Geschirr - die einfachen und zierlichen Gebrauchsgüter paßten in die kleineren Wohnungen der Nachkriegszeit und vermittelten bei aller Modernität mit ihren natürlichen Materialien und handwerklicher Verarbeitung doch Behaglichkeit.
1949
Charles und Ray Eames entwerfen ein Regalstapelsystem mit Metallprofilen.
Charles und Ray Eames
Sie waren das Designer-Paar des Jahrhunderts: Charles (1907 - 1978) und Ray Eames (1912 - 1988) experimentierten mit geformtem Schichtholz und glasfiberverstärkten Kunstharzpressungen, gelangten von Halbzeugen zu immer komplexeren Teilen, organisierten Ausstellungs-Synopsen und filmten Spielzeugeisenbahnen. Sie erfanden das einsturzsichere Kartenhaus und bequeme Sitz- und Ruhemöbel, und jede ihrer Möbelserien regte neben Inneneinrichtern auch Imitatoren an.
1950
Hans Gugelot präsentiert das modulare Schrankwandsystem M 125, Vorbild für die Wohnzimmer-Moderne bis Memphis.
Hans Gugelot
Ohne ihn hätte es keinen Ulmer Hocker, keine Systemschrankwände und auch nicht das nüchterne Braun-Design gegeben: Hans Gugelot (1920 - 1965), in Indonesien geborener Niederländer, der vor allem in der Schweiz, der Bundesrepublik und Indien arbeitete, war neben dem mathematisch interessierten Walter Zeischegg der einflußreichste Designer an der Ulmer Hochschule für Gestaltung (HfG). Seine Hamburger U-Bahn-Wagen sind ebenso Klassiker geworden wie das Kodak-Diakarussell.
1951
Charles und Ray Eames entwickeln ihr Sitzschalenprogramm.
Der Deutsche Bundestag beschließt die Einrichtung eines "Rates für Formgebung".
Mia Seeger
Sie war die große Dame des Nachkriegs-Design in der Bundesrepublik. Angefangen hatte Mia Seeger (1903 - 1991) Mitte der zwanziger Jahre bei den Werkbund-Ausstellungen "Die Form ohne Ornament" und der Schau "Die Wohnung", die zeitgleich mit der Einweihung der Weißenhofsiedlung stattfand. Als Schlicht-Gemütliches in Deutschland verlangt wurde, bekannte sie sich 1935 zum sachlichen Gebrauchsgerät: "Der neue Wohnbedarf" hieß ihre Zusammenstellung des noch lieferbaren progressiven Designs Mitte der dreißiger Jahre. 1953 berief Ludwig Erhard die "Advokatin der Dinge" zur Geschäftsführerin des Rates für Formgebung.
"Die gute Form"
Schon 1957 warnte der Kunstkritiker Albert Schulze-Vellinghausen in der FAZ vor der Allgegenwart der "Guten Form": "Ich will die Greuel-Fabrik der unvergeßlichen Powenz-Bande (Gott habe ihn seelig, den guten Ernst Petzoldt) gewiß nicht als Gegenmuster beschwören. Aber es besteht Anlaß, Angst zu haben vor einem ,1984' der perfekten Vorzeichnung: wir alle in Schönheit genormt; in Cellophan gebeutelt auf dem Jahrmarkt des Nicht-mehr-Lebens; mit Augen aus Jenaer Glas; die Lippen von Arzberg, das Gesäß von Knoll, die Füße als fertige Gashebel vom Volkswagenwerk geliefert. Mit einer Tastatur aus zehn Fingern, von Gott speziell für Olivetti-Bedienung vorgeformt ... Der Himmel behüte uns."
1953
Die ersten Flugzeuge des Typs Super Constellation fliegen über den Atlantik.
1955
Auf dem Pariser Automobil-Herbstsalon wird der Citroen DS präsentiert.
Offizielle Eröffnung der Ulmer Hochschule für Gestaltung.
Max Bill
Die Aufgaben des Designers sah Max Bill (1908 - 1994) umfassend: "Vom Löffel bis zur Stadt" sollte die Welt nach konkreten Vorgaben geformt werden, und Bill selbst entwickelte Beispiele von der Küchenuhr bis zu den Bauten der "Hochschule für Gestaltung" (HfG) in Ulm. Als Beruf gab der Bauhaus-Schüler stets Architekt an, bekannt aber wurde er als Theoretiker und Praktiker der konkreten Kunst.
Design aus Ulm
"es wird auf dem kuhberg meist sehr schnell und ziemlich leise und in allen möglichen sprachen geredet, aber vor allem sehr schnell, von unerhörten dingen: sandwichplatten, rasterdeformierung, zeichenprozesse, stimulus, synchronische methoden, designatum und denotatum und significatum, von plurisituationalen zeichen und von piktogrammen, es wird nie konversation an der kaffeebar getrieben. (...) der berichter sass stundenlang vor produkten, die in ulm entwickelt wurden. er hat sie angestarrt wie ein andachtsbild, um ihnen ihr geheimnis zu entlocken: ascher, brillen, türgriffe, hocker, radios, waschbecken. und er dachte: was bloss geht von diesen dingen aus? sind sie so suggestiv, weil sie so frappieren? wieso frappieren sie? ihre formen sind an keinen aus der natur bekannten formen orientierbar und mit keinen bisher von menschen produzierten formen zu vergleichen. sie sind ohne gemüt, ohne stimmung. (...) sie sind genau, dicht, sicher, nicht weiter zu reduzieren, letztmöglich, definitiv, sie sind in sich begründet, sie sind notwendig." Aus: Bernhard Rübenach: "der rechte winkel von ulm", 1959.
Braun-Design
In den fünfziger Jahren begann der Elektrogeräte-Hersteller die Zusammenarbeit mit Gestaltern der "Guten Form". Der Ex-Bauhäusler Herbert Hirche entwarf Fernseher und Musiktruhen, Gerd A. Müller eine Küchenmaschine. Vor allem aber machten die Radio-Phono-Geräte des Ulmer Dozenten Hans Gugelot auf der Funkausstellung Düsseldorf 1955 und der Berliner Interbau 1957 auf das kühle Braun-Design aufmerksam, das seit dem "Schneewittchensarg" 1956 - einer Radio-Phono-Kombination - von Dieter Rams bestimmt wurde.
1956
In Mittel- und Osteuropa Abkehr vom "Sozialistischen Realismus" in Architektur und Design.
1957
Max Bill verläßt das Rektorat der HfG Ulm. Otl Aicher, Hans Gugelot und Tomas Maldonado bilden das neue Leitungsgremium der Schule.
Otl Aicher
Er stellte sich die Welt als Entwurf vor, hielt das Auto für einen nützlichen Gegenstand und plädierte für die Küche als Kommunikationsraum: Otl Aicher (1922 - 1991) begann als Bildhauer, gehörte zu dem Kreis um die Widerstandsgruppe der "Weißen Rose" und - zusammen mit Max Bill und seiner späteren Frau Inge Scholl - zu den Initiatoren der HfG Ulm. Aicher mißtraute dem Rückzug auf die individuelle künstlerische Position und suchte nach der jeweils besten Lösung - für das Corporate Design der Lufthansa ebenso wie der Olympiade in München. Von 1972 an arbeitete er in Rotis im Allgäu - dem Ort, nach dem er seine Schrift, die Rotis, benannte.
"Der Versuch, das Bauhaus buchstäblich weiterzuführen, käme einem nur restaurativen Bemühen gleich."
Tomas Maldonado 1957
Die Brüder Achille und Pier Giacomo Castiglioni erfinden das Ready-Made-Design.
1959
Düsenflugzeuge ersetzen im zivilen Flugverkehr zunehmend die Propeller-Maschinen.
Der Austin-Mini begründet das Kompaktwagen-Design.
1960
Der Knoll-International-Stil wird Titelthema des SPIEGEL.
Dieter Rams entwirft den Regal-Klassiker 606 für Vitsoe.
Dieter Rams
Der gelernte Architekt (*1932), derzeit Vorsitzender des Rates für Formgebung, feiert in diesem Jahr 40jähriges Betriebsjubiläum bei Braun. Der strenge Ausformer des von Hans Gugelot begründeten "Braun"-Design und der Vitsoe-Möbelprogramme setzt dem Styling der kurzlebigen Design-Moden entgegen: "Gutes Design ist möglichst wenig Design."
1964
Der erste Vollkunststoffstuhl aus einem Stück: Helmut Bätzners Bofinger-Stuhl.
1966
Verner Panton bringt das Kunststoffsitzen in Schwung.
Verner Panton
1958 kam der Eistütenstuhl von Verner Panton (*1926) auf den Markt: ein auf den Schwerpunkt gebrachter Protest gegen den Spätfunktionalismus. 1960 stellte Panton den Prototyp seines Kunststoffstuhles vor, und zwischen 1966 und 1968 entwarf er Farbräume für die "Visiona" der Bayer AG. Im SPIEGEL-Haus in Hamburg gestaltete er 1969 Eingangshalle, Flure und Kantine zu einem prototypischen Environment des Pop-Design. Der Panton-Stuhl ist heute wieder im Programm von Vitra.
DDR-Design
Nach dem 20. Parteitag der KPdSU ersetzten funktionalistische Auffassungen auch in der DDR zunehmend die Verpflichtung auf die NatiTradi-Stile ("Nationale Traditionen") zwischen neoklassizistischen Stühlen und Dresdner Barock-Buffets. Technische Gebrauchs- und Konsumgüter wurden zentrales Thema des DDR-Designs. Clauss Dietel und Lutz Rudolph setzten nicht nur bei dem Urspungskonzept des "Wartburg"-Mehrzweckwagens auf einen emanzipatorischen Funktionalismus: Die Dinge sollten dem Nutzer dienen und nicht als Statussymbole entfremdet werden können.
1968
Ministerpräsident Hans Filbinger schließt die HfG Ulm.
"Wir wollen etwas Neues machen, und dazu bedarf es der Liquidation des Alten."
Hans Filbinger zur Schließung der HfG Ulm
Mit der Concorde beginnt das Überschall-Zeitalter im Passagier-Flugverkehr.
1970
Kleinmöbel aus Kunststoff rollen in Wohn- und Büroräume.
Richard Sapper
Der in Italien lebende deutsche Designer (*1932) begann mit Türgriffen für Mercedes-Benz-Sportwagen. Seit Anfang der sechziger Jahre entwickelte er - teilweise zusammen mit Marco Zanuso - erfolgreiche Entwürfe für Brionvega wie den Fernseher "Doney" und das Klappradio TS 502. Zum bekanntesten Produkt Sappers aber wurde die bewegliche Tischleuchte "Tizio" 1970 für Artemide. Mit dieser Lampe wurde die Niedervolttechnik erstmals von Fahrzeugen auf einen Einrichtungsgegenstand übertragen.
1971
Minimal-, Pop- und Konzept-Art in Kunst und Design.
1972
Otl Aicher entwirft das Erscheinungsbild der Olympischen Spiele in München.
Das neue italienische Design gewinnt weltweit Anerkennung durch die Ausstellung "Italy: The New Domestic Landscape" in New York.
Luigi Colani
Flug- und Fahrzeuge, Kugelküchen und Kinderhocker - mit seinen biomorph gerundeten Formen eckte Luigi Colani (*1928) in der Industrie an und schreckte die Vertreter der langweilig gewordenen "Guten Form" auf. Der deutsche Staatsbürger mit dem italienischen Namen brachte das Wort "Design" ins Pantoffelkino und in die Boulevardpresse. Seine Schaumschlägereien und Schimpfkaskaden wurden von Kollegen meist mit Achselzucken und der Bemerkung, Colani sei kein richtiger Industrie-Designer, gekontert. Für sein Rosenthal-Teeservice bekam der "Kinski des Design" 1972 gleichwohl den hannoverschen Preis "Gute Industrieform".
"In unserem Bereich sind 99,9 Prozent Deppen."
Luigi Colani über seine Berufskollegen
"Brionvega-Design"
In den sechziger Jahren gehörten die audiovisuellen Geräte des Mailänder Herstellers zu den komplexesten Verbindungen von Kunst und Design in Italien. Von Achille Castiglionis Pop-Phono-Kombination "126" bis zur minimalistischen Klangskulptur "Totem" von Mario Bellini stellte Brionvega individuelle Einzelgeräte statt aufeinander abgestimmter Systemkomponenten vor. Bis auf den seit mittlerweile 30 Jahren produzierten Pop-Klapp-Klassiker "TS 502" von Richard Sapper und Marco Zanuso hat sich das Unternehmen heute aus dem Radio-Phono-Geschäft zurückgezogen und auf Fernsehobjekte konzentriert.
Italy: The New Domestic Landscape
1972 wurde das neue italienische Design erstmals in New York in einem großen Überblick präsentiert: Das Museum of Modern Art hatte sechs Designer beziehungsweise Designer-Gruppen aufgefordert, technologisch-utopische Zukunftsentwürfe zu entwickeln: Von der variablen Kunststoff-Kompaktwohnzelle bis zur fahrtüchtigen Sitz- und Liegelandschaft "Kar-A-Sutra" reichten die Plastikwelten. Der Ausstellungstitel "The New Domestic Landscape" wurde schließlich zum Schlagwort für den Einrichtungstrend der siebziger Jahre schlechthin: Statt Sessel, Stuhl und Sofa war jetzt die Wohnlandschaft aus Schaumstoff gefragt.
Mario Bellini
Für Brionvega entwarf er Kubisches zum Hören, für Olivetti Haptisches zum Rechnen und für Cassina Behagliches zum Sitzen: Für seinen Kleinkalkulator "Divisumma 18" für Olivetti 1972 verpackte Mario Bellini (*1935) die Tastatur unter einer weichen Oberfläche. Zusammengeklappt erinnerte seine Klangskulptur "Totem" an Minimal-Art. Charakteristisch für den frühen Ergonomie-Kritiker Bellini ist, daß er seine Produkte immer über die bloße Benutzbarkeit hinaus gestaltet.
1974
Die DES-IN Gruppe stellt ihr Protest-Design vor.
1976
Gründung von "Alchimia" als "Projekt für das Erscheinungsbild des 20. Jahrhunderts".
Alessandro Mendini
Mit 39 Jahren wurde der gelernte Architekt (*1931) Chefredakteur der italienischen Zeitschrift Casabella, die er bis zur Gründung von "Alchimia" 1976 leitete. Für Alchimia entwickelte Mendini zunächst Re-Design-Konzepte, die Art-Deco-Anrichten und Möbelklassiker mit Zusätzen und häufig von Kandinsky inspirierten Bemalungen verfremdeten.
Studio Alchimia und Memphis
"Studio Alchimia", das intellektuelle Labor, in dem dreidimensionale Thesen erprobt wurden, ist 1976 von dem Architekten und Aktionskünstler Alessandro Guerriero gegründet worden. "Bau.Haus" hieß eine der ersten Alchimia-Kollektionen von 1979, an der neben Mendini auch Andrea Branzi, Ettore Sottsass und Michele De Lucchi beteiligt waren. Banal-Design und Kitsch waren die bevorzugten Themen. "Re-Design" ironisierte die modernen "Klassiker" von Marcel Breuer, Charles Rennie Mackintosh oder Gerrit Rietveld. Die Abkehr von funktionalistischen Prinzipien der Formgestaltung einte die Protagonisten von Alchimia mit der fünf Jahre später gegründeten Gruppe Memphis. Doch Methoden und Ziele der beiden Strömungen, die zeitweise parallel bestanden, unterschieden sich grundlegend. Guerriero plädierte in seinen Manifesten für "das neue Handwerk" - ein Gedanke, der dem Memphis-Protagonisten Sottsass fern lag. Alchimia führte seiner Ansicht nach nicht weiter als all die Radical- und Anti-Design-Bemühungen, die letztlich nur "zehn oder fünfzehn Jahre des Debattierens und der allgemeinen Aufregung" gebracht hatten. Sottsass wollte unter Marktbedingungen experimentieren. Alessandro Mendini dagegen verstand Alchimia als rückwärtsgewandtes Forschungsprojekt. Objekte der Vergangenheit waren das Spielmaterial, das es neu zu kombinieren galt. Im holländischen Groningen baute Mendini jüngst zusammen mit De Lucchi und Philippe Starck ein Museum. Mit dem bizarren Bau setzte sich das schrille Design der achtziger Jahre ein letztes Monument (siehe auch Seite 109).
Gegen die Jugendstil-Nostalgie veranstalten Friedrich Friedl und Gerd Ohlhauser in Darmstadt die Ausstellung "Das gewöhnliche Design".
1977
Mit der Eröffnung des Pariser Centre Pompidou wird High-Tech zum neuen Architekten- und Designer-Stil.
1979
Der Walkman bringt den individuellen Geräuschpegel in die Öffentlichkeit.
1981
In der DDR erscheint Lothar Kühnes Buch "Gegenstand und Raum", das für einen "behutsamen Funktionalismus" plädiert.
Erste Memphis-Ausstellung in Mailand.
Ettore Sottsass
Mit Olivettis "ELEA 9003"-Systemkomponenten gestaltete Ettore Sottsass jr. (* 1917) 1959 die Anfänge des Computer-Zeitalters in Europa. Seine Valentine-Kofferschreibmaschine wurde 1969 zum Gadget der Pop-Generation. Das erfolgreichste Werk des gelernten Architekten, der schon früh auf Gruppenarbeit setzte, aber wurde die Idee, Design in saisonal wechselnden Kollektionen zu vermarkten: Seit 1981 kombiniert die von Sottsass gegründete Memphis-Gruppe Triviales mit Erhabenem - so wie auch das Label die alte ägyptische Herrscherstadt ebenso wie den Wohnort von Elvis Presley assoziiert.
"Die gute Form betört mich nicht."
Ettore Sottsass
1982
Die Ausstellung "Provokationen" in Hannover zeigt die neuen Tendenzen um Memphis.
Claudia Schneider-Esleben und andere zeigen "Möbel Perdu" in Hamburg, ein Jahr später wird die gleichnamige Design-Galerie gegründet.
Frogdesign
1969 gründete Hartmut Esslinger (*1944) noch während des Studiums sein Design-Büro, das seit 1982 unter dem Namen Frogdesign firmiert. Nach frühen Erfolgen mit Hifi-Geräten für Wega und Armaturen für Grohe wurde das mittlerweile in Silicon Valley angesiedelte Büro in den achtziger Jahren vor allem durch Computergehäuse für Apple und NeXT bekannt. Wie Dieter Rams ist Hartmut Esslinger Porsche-Fahrer, seine Arbeiten hat er im Verhältnis zum Braun-Chef-Designer einmal so charakterisiert: "Die Entwürfe von Dieter Rams sind cool wie das Modern Jazz Quartet, unsere sind heiß wie die Rolling Stones."
1983
Mit der "Swatch" erobert das Wegwerf-Design den Modemarkt.
"'Design heute' ist praktisch und theoretisch populär, fast a la mode geworden."
Volker Fischer
1984
Mit dem Renault Espace beginnt die Van-Ära in Europa.
Philippe Starck richtet das Cafe Costes in Paris ein.
1987
Für die Documenta 8 stellt Michael Erlhoff die Design-Tendenzen der achtziger Jahre zusammen.
"Wohnen von Sinnen"
Ausstellungstitel von Volker Albus 1987
1990
Das Design hat Türgriffe und Zahnbürsten erreicht.
Philippe Starck
Der französische Designer (*1949) entwarf für Staatspräsident Mitterrand ebenso wie für jeden anderen Zähneputzer. Starcks Stühle, Lampen und Tische mit ihrer Mischung aus organischen Formen, dünnen Stäben und polierten Oberflächen machten Design in den achtziger Jahren populär und - erschwinglich. Vor Starck war Design etwas für Technikbegeisterte - mit ihm wurde es zum Begriff für Wohngegenstände.
"Wer sich jetzt nicht schnellstens und gründlichst um das Design als Marktfaktor sorgt, wird langfristig zu den Verlierern gehören."
Michael Erlhoff 1990
1992
Der Theoretiker des neuen deutschen Design, Christian Borngräber, stirbt.
Neues deutsches Design
Das deutsche Autoren-Design begann mit Design-Galerien und endete schon bald in Museen. Christian Borngräber hatte die Devise ausgegeben: "Der Sehnerv darf gereizt werden, das Sitzfleisch nicht", und zwischen Berlin und Köln, Hamburg und Frankfurt werkelten Designer und Designer-Gruppen an Geschweißtem und Geschraubtem, mit Stahl und Fundstücken aus der Warenwelt. Das meiste blieb Prototyp oder limitierte Kleinserie. Zum Erfolgsstück des neuen deutschen Design wurde das "verspannte Regal" von Wolfgang Laubersheimer, der zur Kölner Design-Gruppe "Pentagon" gehörte.
Laboratorium der Zivilisation
1991 begann in Darmstadt das mit dem Werkbund verbundene, von Regine Halter und Bernd Meurer geleitete "Laboratorium der Zivilisation" seine Arbeit: eine Akademie ohne feste Mitglieder für die Untersuchung der Zusammenhänge von Design und Nutzern, an der unter Design freilich anderes verstanden wird als exquisite Oberflächengestaltung. Der Theorie-Workshop mit praktischen Konsequenzen beschäftigt sich mit "Entwürfen des Verstehens" und dem Zusammenhang von technischen und psychosozialen Neuerungen ebenso wie mit der Verknüpfung von virtuellen und realen Räumen.
1995
Design zwischen neuer Bescheidenheit und alter Gemütlichkeit
Neue Trends
Das Design der neunziger Jahre schwankt zwischen neuer Einfachheit und alter Behaglichkeit. Neobarocke Gläser und minimalistischer Plattenverband gehören ebenso zu den aktuellen Tendenzen wie naturbelassene Oberflächen für den Öko-Fan. Protagonist der Reduktion auf das Notwendige ist der Brite Jasper Morrison. Für die Wiederkehr des Dekorativen, das so schön zur Lebensform des "Cocooning" (sich einspinnen) paßt, stehen Borek Sipek und Matteo Thun. Neu in den Neunzigern: Die Verbindung vergangener Stilelemente mit gegenwärtiger Technik in hochwertigen Retro-Look-Produkten. Und über allem: Der Tausendsassa Philippe Starck.
Von Jörg Stürzebecher

SPIEGEL SPECIAL 6/1995
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