01.08.1995

TV totalHaie, Schlangen, Elefanten

Der Machtkampf der Mediengiganten um die Vorherrschaft in Europa / Von Hans-Jürgen Jakobs
Jan Mojto, 46, legte bei der Fernsehmesse Mip-TV in Cannes seine gewohnte Zurückhaltung ab. Keck erklärte der Manager des Münchner TV-Tycoons Leo Kirch, 68, den Programmhändlern bei einem großen Empfang, er sehe im Saal nur drei Gruppen: eigene Mitarbeiter, ehemalige Mitarbeiter und Leute, die gern bei Kirch arbeiten würden.
Der selbstbewußte Auftritt beim wichtigsten europäischen TV-Treff symbolisiert Kirchs Anspruch im Fernsehgeschäft: Für ihn, so die Botschaft, gebe es keine Grenzen, an seinem Konzern führe kein Weg vorbei.
Der deutsche Fernseh-Großunternehmer, der nach eigenen Angaben über 80000 Stunden TV-Programm disponiert, hat zusammen mit seinem Sohn Thomas quer über den Kontinent ein Netz von Beteiligungen und Firmen geknüpft. Kirch produziert europaweit Filme und TV-Serien, betreibt Sender und vermarktet Programme.
Gemeinsam mit dem italienischen Fernsehchef und ehemaligen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi sowie dem südafrikanischen Tabakmagnaten Johann Rupert besitzt der Internationalist aus München mehrere TV-Kanäle in Italien sowie das Deutsche Sport-Fernsehen (DSF). In Spanien teilen sich Berlusconi und Kirch einen weiteren Sender. Das Bündnis soll Kirch beim Versuch helfen, die heftige Schlacht um den riesigen europäischen Fernsehmarkt zu gewinnen.
Bis zum Jahr 2000, prognostiziert der Agenturkonzern Saatchi und Saatchi, steigen die jährlichen Werbeaufwendungen für Europas Satellitenkanäle von derzeit rund 19 Milliarden auf knapp 23,4 Milliarden Dollar. Noch besser könnte das Geschäft mit verschlüsselten Pay-TV-Programmen laufen, bei dem die Zuschauer direkt zahlen, was sie sehen. Auf diese Pfründen haben es alle Medienriesen abgesehen.
Der global tätige TV-Unternehmer Rupert Murdoch, dessen Konzern News Corporation in Sydney, New York und London sitzt, möchte beispielsweise viele der 22 Pay-TV-Kanäle seiner englischen Erfolgsfirma B Sky B aufs europäische Festland bringen. Wo immer Sender zum Verkauf stehen - der "Hai im Gewand einer Schlange" (Time) ist schon da.
Auch der Südafrikaner Johann Rupert, dessen Familie mit Zigaretten (Dunhill, Rothmans, Martin Brinkmann) und Luxusgütern (Cartier, Montblanc) rund zwölf Milliarden Mark Vermögen angehäuft hat, plant eine großflächige Pay-TV-Versorgung. Die Konzerntochter FilmNet ist in Skandinavien und den Benelux-Ländern erfolgreich.
Einige wenige Medienhäuser lancieren eine wachsende Zahl populärer Spartenprogramme für Kinoknüller, Rührserien, Sportübertragungen, Musikclips oder Nachrichten.
Die Claims stecken sie in teils ungewöhnlich anmutenden Allianzen ab. Seit diesem Frühjahr etwa betreibt die öffentliche BBC mit dem privaten britischen Verlagshaus Pearson europäische Informationskanäle.
Das wilde Treiben war Anfang der achtziger Jahre noch nicht zu erahnen. Die nationalen Fernsehmärkte waren abgeschottet, öffentliche und staatliche Sender hatten das Monopol auf die bunten Bilder. Mit dem Siegeszug des Privatfunks und des Satellitenfernsehens jedoch brachen die Dämme.
Pioniere wie Berlusconi, die auf rasches paneuropäisches Geschäft hofften, zahlten reichlich Lehrgeld. In Frankreich havarierte der Sender La Cinq, in Deutschland ging die Berlusconi-Beteiligung Tele 5 im Sportkanal DSF auf.
Heute ist Berlusconi, dessen drei größte Sender in Italien rund 45 Prozent des Zuschauermarktes kontrollieren (siehe auch Seite 116), im europäischen Kampf der Giganten eher Opfer als Täter. Auf seinem Konzern Fininvest (Gesamtumsatz: 11 Milliarden Mark) lasten rund 4 Milliarden Mark Schulden.
Die nächste Fernseh-Revolution wird Berlusconi kaum an vorderster Stelle mitmachen. Spätestens im kommenden Jahr soll die elektronische Ware, so wollen es die Strategen, über eine neue Generation von Satelliten en gros in die Haushalte flimmern. Jeder dieser Himmelskörper wird dann bis zu 200 Programme transportieren - Sternstunden für die Besitzer von Fernsehrechten.
Europaweites Privatfernsehen habe den Vorteil, "Senderechte für Filme und Serien billiger zu bekommen", meint der frühere Luxemburger Ministerpräsident und EG-Kommissionschef Gaston Thorn, der als Präsident der Compagnie Luxembourgeoise de Telediffusion (CLT) jahrelang selbst die Fernsehlandschaft verändert hat.
Thorn trimmte seine Firma auf Euro-Norm - mit dem Ziel, "zum ersten Medienunternehmen in Europa zu werden". Anfang 1994 meldete er Erfolg: Die Leute würden langsam merken, "daß wir die Größten sind", meinte der Alt-Politiker.
Die CLT gehört zu einem verwirrenden Geflecht, das belgische und französische Banken sowie der französische Mischkonzern Compagnie Generale des Eaux geknüpft haben. Über einen gemeinsamen Aktionär, den in Neuilly-sur-Seine ansässigen Medienkonzern Havas, sind die Luxemburger mit dem ertragsstarken Pay-TV-Giganten Canal Plus verbandelt, der 1994 rund 2,8 Milliarden Mark umsetzte und fast alle französischen Kinofilme mitfinanziert.
Das Trio hat große Pläne. Es gehe darum, erklärt Havas-Chef Pierre Dauzier, den amerikanischen Fernsehriesen mit einer europäischen Achse zu widerstehen. Am liebsten würde Dauzier auch noch den deutschen Konzern Bertelsmann in die Elefantenrunde aufnehmen. Die Formation soll erreichen, was den EU-Politikern bisher versagt blieb: den Einfluß Hollywoods zu reduzieren. Denn eine EU-Richtlinie, die von den TV-Managern verlangt, ihre Sendezeit vor allem mit europäischen Produktionen zu füllen, hat bislang kaum die erhoffte Stärkung heimischer Film- und Fernsehfirmen bewirkt.
Die Hauptrolle im franko-belgischen Fernsehkartell spielt ein distinguierter Bankbaron aus Brüssel, der frühere Stahlhändler Albert Frere. Die belgische Großbank Bruxelles Lambert, bei der Frere als Hauptaktionär und Präsident wirkt, trägt und finanziert die unaufhörliche Expansion der CLT.
Die Luxemburger, die 1954 als erstes europäisches Privatunternehmen mit Tele Luxembourg ins Fernsehgeschäft einstiegen, machten ihre Stammfirma RTL (Radio-Television-Luxembourg) zur paneuropäischen Fernsehmarke.
Mittlerweile besitzt der Konzern, der 1994 über vier Milliarden Mark umsetzte, in acht europäischen Ländern zwölf Fernsehsender, neun davon unter dem Titel RTL. Das meiste Geld spielt der deutsche Ableger RTL ein, den Helmut Thoma, 56, und dessen Stellvertreter, der Luxemburger Marc Conrad, 34, lenken.
Ausbreiten will sich die CLT in Großbritannien und Osteuropa, aber auch im Programmhandel. Die Luxemburger akquirierten in schneller Folge rund tausend Spielfilme. Über eine interne Newsbörse, die European News Exchange (Enex), tauschen die vielen CLT-Sender Nachrichten aus, ihre Werbeaufträge koordiniert europaweit und größtenteils die zum Havas-Konzern gehörende Firma IP.
Im Kampf um die Macht über Europas Fernsehen fühlt sich Kirch vor allem von dem stillen Riesen aus dem Großherzogtum herausgefordert. Die CLT sei, wettert der Münchner, ein "Medienkonglomerat von europäischer Dimension", das in einigen Märkten "eine monopolartige Stellung" genieße. Die schlimmsten Vorwürfe faßte Kirch in einem Dossier zusammen, das er ausgewählten Journalisten und Meinungsmultiplikatoren zukommen ließ.
Wer am Ende die Nase vorn hat, darüber entscheidet zum guten Teil bereits die Belegung der TV-Satellitenkanäle. Im Mittelpunkt steht dabei das marktbeherrschende Luxemburger Unternehmen Societe Europeenne des Satellites (SES), das mit seinen vier Satelliten Astra 1A, 1B, 1C und 1D europaweit 16 Millionen Haushalte bedient, die Hälfte davon in Deutschland - ohne Astra kein europäisches Fernsehen.
Zum Streit der Medienkonzerne kam es wegen des Astra-Satelliten 1D und seiner digitalen Nachfolger 1E und 1F, deren Start für Mitte 1995 und 1996 angesetzt war. Die üppige Senderkapazität wollte SES-Chef Pierre Meyrat im Block an Kirch, Murdoch, Rupert und Bertelsmann geben.
Luxemburgische und französische Banken, die bei der SES die meisten Stimmen aufbringen, betrieben daraufhin im vergangenen Herbst den Abgang von Meyrat, der vor seinem Astra-Job für Kirch gearbeitet hatte. Nun bekamen auch andere TV-Veranstalter einige Kanäle.
Es gehe nicht an, daß ein Quasi-Monopolist über den europäischen Fernsehmarkt entscheide, kommentiert der bayerische Medienanstaltsdirektor Wolf-Dieter Ring die Macht der SES. Es sei ärgerlich, so Ring, "daß das Astra-Konsortium großen Medienunternehmen mehrere Plätze auf einem Satelliten als Paket verkauft, während kleinere Mitbewerber dann keine Chance haben".
Womöglich wird die Spitze bei den europäischen Fernsehveranstaltern künftig noch dünner besetzt sein. Seit 1992 halten sich Gerüchte, der CLT-Miteigentümer Frere wolle seine Fernsehanteile versilbern, um einen schönen Gewinn auf seine Investitionen einzustreichen.
Auf eine solche Hinterlassenschaft würde Bertelsmann-Chef Mark Wössner Kaufwünsche anmelden. Sein Konzern, mit einem kleinen Anteil bereits CLT-Mitgesellschafter, ist weltweit mit einem Jahresumsatz von rund 20 Milliarden Mark zwar die Nummer zwei der Medienbranche - doch im Fernseh-Business spielt der Presse-, Buch-, Druck- und Musikriese Bertelsmann international nur eine Statistenrolle.
Beim deutschen RTL-Programm ist Bertelsmann wenig mehr als ein Couponschneider; die Führung mußten die Gütersloher der CLT überlassen. Auf dem europäischen Pay-TV-Zukunftsmarkt möchte Wössner endlich die Rangordnung umkehren.
Mit der erfolgreichen Fernsehfirma Canal Plus schloß er eine strategische Allianz. Immerhin haben die Franzosen digitale Decoder zur Entschlüsselung der neuen Satellitenprogramme zur Hand.
Eine gemeinsame Filmhandelsfirma soll helfen, Bertelsmanns magere Bestände an Programmrechten aufzubessern. "Das muß ein Powerplay werden", fordert Fernsehvorstand Michael Dornemann.
Auch von Kirch will Wössner nicht lassen. Die Partner beim Hamburger Pay-Kanal Premiere, so hofft er, werden sich die teuren Investitionen für das Zukunftsfernsehen teilen.
Kirch-Mitarbeiter jedoch glauben, ihr Chef fühle sich stark genug, das Feld ohne Bertelsmann aufzurollen. Allein der deutsche Spielfilmsender Pro Sieben brachte der Kirch-Familie 1994 Netto-Werbeeinnahmen von 1,1 Milliarden Mark. Und den einst angeschlagenen Sender Sat 1 renoviert seit Anfang Mai der alerte Programm-Geschäftsführer Fred Kogel, 34, der allerlei frische Shows im Angebot hat.
Im Kirch-Konzern brüten etliche Experten über digitalen Fernsehprojekten. Gleich mehrere neue Kanäle sind in Planung, beispielsweise für Tele-Shopping, Spielfilme, Kinderprogramme oder klassische Musik (Arbeitstitel: "Mozart-TV"). Kirchs Techniker haben einen speziellen digitalen Decoder entwickelt, mit dem die Zuschauer ihre Pay-TV-Wunschprogramme beim Münchner Filmhändler bestellen können.
Und selbstverständlich steht Kirch bereit, wenn bei seinem härtesten Rivalen CLT wirklich Anteile zu haben sind. In der Vergangenheit ließ Kirch über Mittelsmänner sondieren, ob er nicht mit Bankier Frere ins Geschäft kommen könne.
Auch Bundeskanzler Helmut Kohl, ein persönlicher Freund Kirchs, soll bei Luxemburgs Alt-Politiker Thorn auf den expansionslüsternen Münchner Filmhändler hingewiesen haben, wie RTL-Chef Thoma erzählt. Erst im vergangenen Jahr jedenfalls avisierte Kohl dem Großbankier und heimlichen TV-Herrscher Frere, er wolle ihn gern einmal treffen.
Bei soviel hohem Beistand ist Kirch wohl weiter auf dem Vormarsch. Von Anfang an, erzählt sein Manager Mojto, war das Unternehmen groß gedacht: Der Münchner Medienzar habe "als einziger in Europa ein Gesamtkonzept im Programmbereich gehabt".
Von Hans-Jürgen Jakobs

SPIEGEL SPECIAL 8/1995
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