01.08.1995

Die MacherDer Parade-Deutsche

special-Reporter Christoph Scheuring über den ewigen Höhenflug des Dieter Thomas Heck
Man sollte so was nicht tun. Man sollte einen Typ nicht verurteilen, bloß weil er aussieht wie ein schwuler Krawattenverkäufer. Auch dann nicht, wenn dieser Typ ein Auftreten hat, daß es eine empfindsame Seele aus den Schuhen haut: Dieses gefönte, über Lockenwickler gedrehte Silberhaar. Diese ewig gebleckten Zähne. Das tonnenschwere Zuhälter-Armband. Die runde Colani-Brille. Eine Kleidung, die immer maßgeschneidert, aber nie maßvoll ist. Und dazu diese brachiale Stimme, die jeden Zwischenton niederwalzt. Jede Geste gerät ihm zu groß, jeder Lacher zu laut, und auch die Souveränität ist meist demonstrativ und aufdringlich und ein klein wenig peinlich.
Trotzdem sollte man diesen Typen nicht wegen so was beschimpfen. Vor allem nicht, wenn man ihn bisher nur aus dem Fernsehen kannte. Fernsehmenschen sind in Wirklichkeit immer anders. Da wird auch Dieter Thomas Heck keine Ausnahme sein. Obwohl es immer eine besondere Prüfung war, die "Hitparade" beim ZDF zu betrachten. Wie er da in seinem Foxtrott-Wiegeschritt durch die Kulissen federte und wie er dabei das Mikrofon mit den Fingerkuppen hielt, als wäre es ein Pinzettchen zum Augenbrauen-Auszupfen, und wie er sich dann bei irgendwelchen Schlagern an die Brust griff und dabei das Gesicht verzerrte, als wäre ihm gerade ein Eisenträger auf die Füße gefallen. Das war nicht unbedingt zugeschnitten auf den Geschmack gebildeter Leute.
Deshalb gibt es immer noch Menschen in diesem Land, bei denen er schlicht "das Grauen" heißt. Für die er alles verkörpert, was sie verachten, und für die es eines der ganz großen Rätsel dieses Jahrhunderts ist, wie solch ein Mensch mit einem solchen Aussehen eine solche Karriere beim Fernsehen hat machen können.
Wie konnte das nur passieren, daß Dieter Thomas Heck der erfolgreichste Verkäufer deutscher Schlagermusik wurde? Daß er ein populärer Rätselonkel und der ideale Moderator für diese sentimentalen Wohltätigkeitsgalas wurde, die immer "Ein Herz für Tiere" heißen oder "Ein Herz für Kinder" und die so deutsch sind wie die Liebe der Deutschen zum deutschen Wald? Wurde er dadurch zum Synonym für das Nationale im deutschen Fernsehen? Die Verkörperung von deutscher, öffentlich-rechtlicher Unterhaltung?
Oder ist er der deutscheste Moderator geworden, weil er auch der deutscheste Mensch ist - was nichts mit deutsch-national zu tun hat und auch nichts mit Ernst Jünger und Blut und Boden und schon gar nichts mit irgendwelchen Phantasien der Neofaschisten. Heck ist im Fernsehen eher so deutsch wie Doornkaat oder HB oder eine 80-Kubik-Hercules: erdnah, solide, und ganz ohne Glamour und Flair und all die anderen Dinge, für die es in der deutschen Sprache keine Entsprechung gibt. Heck funktioniert nicht mit Raffinesse.
Heck funktioniert wie ein Vorderlader. "Wumm" macht es, wenn er irgendwo auftritt, und dann sprengt die geballte Sprachladung Löcher in die Gehirne der Fans, und danach hat keiner ein Ohr mehr für das, was Heck sagt oder singt oder kalauert. Alles weggefegt durch seine gnadenlose Präsenz. Alles erstickt in seinem heimelnden Ambiente. Heck kann man nicht zuhören. Vor Heck kann man nur kapitulieren.
Das war auch diesmal auf seinem Schloß in der Nähe von Baden-Baden so. Es war Vatertag und reichlich schwül für die Jahreszeit, und Heck stand auf Zehenspitzen in seinem Garten und knüpfte irgendwelche Stricke am Carport fest. Er trug eine weiße Baumwollhose und ein grünes Poloshirt von Le Frog, das bei Karstadt ungefähr 39 Mark kostet und jetzt Schwitzflecken unter den Achseln hatte. Dann drehte er sich um und schlenderte über den Rasen zu einer zugewachsenen Pforte. "Kinder", sagte er, "ist das nicht ein herrlicher Blick." Dabei deutete er nach Westen, wo in der Ferne, klein wie ein Streichholzkopf, das Straßburger Münster ragte. "Ja mein Schatz, ganz wunderschön", antwortete seine Frau, obwohl sie die Aussicht seit neun Jahren kannte.
Sie stand ein paar Meter weiter, zwischen lauter gelben 50-Liter-Säcken mit Blumenerde, und versenkte Geranien in einem Pflanzkübel aus weißem Plastik. "Hecki", sagte sie, "du hast noch gar nicht gesagt, daß ich das schön mache", und Hecki sagte: "Aber ja, mein Hildchen, du machst das ganz wunderschön", und dann ging er rüber zu ihr und drückte ihr einen Kuß auf die Lippen. Dabei legte Frau Heck den Kopf auf die Seite und zog die Schultern hoch und strahlte ein erfülltes Madonnenlachen, das so innig war und voll stiller Wärme, wie es sonst nur Gaby Dohm in der Schwarzwaldklinik zustande bringt. Oder die Sängerinnen der deutschen Schlagerparade.
Herr Heck beherrschte das Lächeln weniger. Wenn er lachte, rutschten nicht die Mundwinkel nach oben, sondern die Oberlippe, und darunter leuchtete keine stille Wärme, sondern nur das Polarweiß der Zähne. Wahrscheinlich waren auch ein paar Jacketkronen darunter.
Die aber sind so ziemlich das einzige Falsche in seinem Leben - falls man denn glauben will, was er alles über sich selbst erzählte: "Wenn das Herz nicht dabei wäre, bei dem, was ich mache, das wäre doch furchtbar, nicht", sagte er beispielsweise. Oder: "Geradlinigkeit, Pünktlichkeit, Verläßlichkeit, das sind wirkliche Werte für mich. Die Leute merken doch sofort, wenn jemand unehrlich ist."
Das sagte er sehr nachdenklich und bedeutungschwer, mit vielen Pausen, die immer an der richtigen Stelle saßen, und mit einem Blick, der fest und ruhig war und in dem die ganze Weisheit eines gereiften Menschen steckte. "Ich bin kein Intellektueller", meinte er noch, "deshalb rede ich, wie mir der Schnabel gewachsen ist." Das Problem war nur, daß er gar keinen richtigen Schnabel hatte.
Es passierte 1943 in einer Bombennacht, noch bevor er sechs Jahre alt wurde. Damals hieß er noch Carl-Dieter Heckscher und saß mit seiner Mutter im Luftschutzkeller, und die Engländer flogen pausenlos Angriffe auf die Wohnbezirke Hamburgs. Irgendwann detonierte eine Bombe auch in ihrem Haus direkt über den Köpfen. Da knackten die Balken weg, und überall war nur noch Schutt und Feuer, und der Junge lag eingeklemmt unter der Treppe. Er war unverletzt, aber konnte sich keinen Millimeter bewegen. Durch ein halbverschüttetes Kellerfenster sah er, wie im Garten die Bäume brannten. Dann sah er die Mutter. Sie stand im Freien und fragte: "Mein Junge, um Gottes willen, bist Du verletzt?", aber er selbst bekam kein zusammenhängendes Wort mehr über die Lippen. "H-h-h-ilfe", stammelte er. "Ganz ruhig, wir holen Dich raus", sagte die Mutter. Als die Männer dann am nächsten Tag ein Loch in den Schutt stemmten, hatte der Kleine seine Sprache verloren.
Weder zu Hause noch in der Schule schaffte er einen Satz, ohne dabei zu straucheln. Er spuckte und stotterte wie ein Schiffsdiesel und blamierte sich jeden Tag wieder aufs neue und war für die kindlichen Grausamkeiten der anderen ein ganz leichtes Opfer. Plötzlich erlebte er sich ausgestoßen aus der Gemeinschaft, und neue Freunde konnte er so auch nicht für sich begeistern.
Er litt darunter so total, wie ein Kind eben leiden kann, und kämpfte verbissen gegen seine Behinderung, ohne daß es sonderlich viel genutzt hätte: Er sprach irgendwelche Sätze auf sein TK-5-Tonbandgerät von Grundig, um die Fehler zu analysieren, und übte das laute Lesen, indem er das Hamburger Abendblatt deklamierte, und weil ihm das peinlich war, tat er es nachts im Bett mit dem Kopf unter der Decke. Geholfen hat ihm das trotzdem wenig.
Eigentlich funktionierte sein Sprechen nur, wenn es jemand anders war, der aus ihm redete, wie beim Vortragen von Shakespeare-Dramen oder bei Proben für das Schülertheater, und selbst bei der Aufführung hatte er keinen einzigen Hänger. Null Sprachfehler auf der Bühne. Und zum erstenmal so was wie Anerkennung in Form von Applaus. Zu Hause brachte er dann wieder kein Wort mehr über die Lippen.
Das war ein fatales Erlebnis: Als Mensch ausgegrenzt und verspottet, aber als Darsteller im Mittelpunkt - was sollte ihn also abhalten, das Eigene in sich auszuradieren?
Und so klaubte er sich von überall her die Zutaten zusammen für sein menschliches Siegermodell. Er entwickelte den Bombast in der Gestik und das Prahlerische im Auftritt und das Demonstrative, das in der Stille liegt. Wie alle Verstoßenen hatte er eine feine Nase für Wirkung und ein monströses Bedürfnis nach Gemeinschaft und Nähe, und das machte ihn mit der Zeit zu einem perfekten Personendarsteller.
Im Grunde war er keine Persönlichkeit, sondern nur Simulation derselben. Statt Stärke kultivierte er Kampfespose. Statt Engagement nur den Eindruck, er hätte welches. Heck wollte nichts bewirken in dieser Welt. Er wollte Wirkung. Die aber wollte er so sehr, daß er wie eine Tauchpumpe alles einsaugte, was irgendwie den Beifall der Massen versprach. Und das waren in seiner Jugend eben die Ideale der fünfziger und frühen sechziger Jahre.
Er wurde ein angepaßtes Bürschchen, strebsam, diszipliniert und ein klein bißchen halbstark, ohne die Bereitschaft zu einer wirklichen Rebellion. "Eigentlich", sagt sein Bruder heute, "war er ein Weichei. Der hat sich niemals geprügelt. Und wenn den jemand vorne rauswarf, kam er hinten wieder herein." Das machte ihn zum idealen Automobilverkäufer.
Heck hatte keine Hemmungen, Klinken zu putzen, und spürte immer, welchen Vortrag ein Kunde brauchte und welche Tricks bei wem funktionieren konnten. Er lernte bei einem Borgward-Händler in Hamburg und war in kürzester Zeit der erfolgreichste Juniorverkäufer. Fuhr selbst einen 2400 Pullman, gegen den ein heutiger S-Klasse-Mercedes wie ein wendiger Kleinwagen wirkt, und meistens saß daneben ein Mädchen, das meistens jeden Tag ein anderes war. "Dieter hatte einen unglaublichen Schmiß bei den Frauen", behauptet sein Bruder. "Der hatte immer die hübschesten Mädchen."
Und das war nicht wenig bei einem Gesicht wie dem seinen, wie er heute sagt, aber es war ihm lange noch nicht genug. Eigentlich träumte er nur davon, "einmal oben zu stehen und zu reden". Und alle hören ihm zu. Er nahm Gesangsunterricht (was ihn endgültig vom Stottern befreite), und dann versuchte er sich ziemlich erfolglos als Kopie von Peter Alexander und danach als das, was er wirklich war: eine laute Kopie der schweigenden Mehrheit.
Zu diesem Zeitpunkt war er schon Rundfunkmoderator bei RTL und seine Karriere bereits auf der Rampe. Er erfand "Die deutsche Hitparade" und spielte ausschließlich deutsche Schlager, und das war eine Ungeheuerlichkeit, weil zu dieser Zeit jeder kritische Mensch das Kleinbürgertum ignorierte. Das hatte sich ja auch durch Nazi-Deutschland selbst diskreditiert. Heck aber war da anders. Er besaß diese unglaubliche Sensibilität für das Allzumenschliche, und ein intellektueller Vorbehalt war ihm sowieso wesensfremd, und wie man sich der Mehrheit verkaufen muß, wußte auch niemand besser als er.
Er war wohl der erste Unterhaltungsmensch, der sich konsequent als Produkt verstand und mit Marketingmethoden durchzusetzen versuchte: Er startete beispielsweise in der Bravo eine große Suchaktion unter der Überschrift "Diskjockey ohne Namen". So kam der Dieter Heck zu seinem "Thomas". Und als er 1969 die neue "ZDF-Hitparade" übernahm, durften die Menschen im Land auch noch entscheiden, wie ihr Moderator für die Zukunft aussehen sollte. 80000 opferten für diese Frage Zeit und Porto. 72000 entschieden sich für einen Heck ohne den Ziegenbart, der zu jener Zeit an seiner Kinnlade klebte. Wahrscheinlich hätte er sich auch ein Ohr wegoperiert, wenn die Mehrheit der Zuschauer dies gewollt hätte. Die Meinung der Kritiker war ihm dagegen ziemlich egal. Heck interessierten Millionen. Nicht fünf schlaue Köpfe.
Sein Geheimnis war, daß er keines hatte. Seine Person spiegelte all die Eigenschaften, die auch den deutschen Bürger charakterisierten, das Pflichtgefühl und die Disziplin, das Ärmel-Hochkrempeln und die zünftige Feier. Er stand für Anstand und Sitte, Harmonie und Heimat und für den heiligen Respekt vor dem Wert des Geldes.
Das gab es nicht, daß Heck einfach in einen Laden ging und sich irgendwas Schönes kaufte. Vorher lief er noch dreimal um den Block, bis er die Kraft fand, sich von seinen Scheinen zu trennen. Und wenn ein Zuschauer ihn um ein Autogramm auf einem Geldschein bat, beförderte er diesen Typen eigenhändig wieder nach draußen. Mit Geld treibt man keine Späße. Dazu steckt zuviel Arbeit drin.
Sonst aber gab er sich freundlich und reagierte niemals gereizt auf die Wünsche der Fans, selbst wenn sie einmal unpassend kamen. Wie damals, als sein Bruder ziemlich verzweifelt auf seinem Sofa hockte und sofort einen Rat brauchte und dann ein Soldat bei ihm klingelte, weil der gewettet hatte, daß er es schafft, den Moderator in die Kaserne zu schleifen. Natürlich kam Heck mit zur Kaserne. Das Recht der Öffentlichkeit wog für ihn immer schwerer als eigene Lust oder private Pflicht, da gab es kein Diskutieren. "Ich repräsentiere das deutsche Fernsehen", sagte er gern "wenn ich aus der Tür trete, bin ich im Dienst."
Deshalb trank er in der Öffentlichkeit auch nur Bier oder Doornkaat, und auf Autobahnraststätten aß er meistens einen Kübel voll Erbsensuppe, und wenn er im Hotel doch mal Lust auf Kaviar spürte, mußte jemand anders nach dem Zeug telefonieren. Kaviar war nicht kompatibel mit seinem öffentlich-rechtlichen Selbstentwurf. Genausowenig wie abstrakte Kunst oder experimentelles Theater und schon gar nicht obszöne Liedzeilen in seiner Sendung.
Nie wären bei ihm Lieder aufgeführt worden, in denen "Gabi ein Schwein" war oder jemand den "Schwanz" besang. Solche Interpreten lud Heck gar nicht erst ein, da kannte er keine Gnade. War ihm egal, daß er dadurch für manche Musiker in die Nähe eines Radikalkonservativen rückte. In Wirklichkeit hatte es eher mit Schicklichkeit und Anstand zu tun. Und mit der Gespaltenheit der kleindeutschen Ideale: Das mochte noch angehen, daß Leute manchmal einen Schwanz im Mund haben. Die Vokabel im Mund war auf jeden Fall schlimmer.
Diese Doppelmoral war das zwangsläufige Resultat eines Lebens, daß ein Abziehbild der öffentlichen Meinung war. Und sie war der Grund, warum solch ein Leben immer Risse bekommt, ganz egal, wie elastisch eine Person reagieren kann. Bei Heck bröckelte das Bild zum Ende der ersten Ehe.
Er hatte diese Frau in einer Zeit kennengelernt, als er noch Autos verkaufte und sie 16 Jahre alt war und von einer Liebe nicht viel mehr wollte als ein warmes Nest und später mal ein paar niedliche Kinder. Er dagegen brauchte sie als Beleg für das private Glück.
Das entsprach nicht mehr ihrem Wesen. Sie brachte die nötige Disziplin für eine solche Existenz nicht lange auf, vernachlässigte ihre Kleidung, pöbelte manchmal alkoholisiert herum und wurde insgesamt eine Gefahr für die glatte Fassade seines Lebens. Trennung kam für Heck trotzdem nicht wirklich in Frage. Auch eine Trennung hätte das sorgsam aufgebaute Klischee zerstört, und so wahrte er eisern den Schein. Selbst seine Freunde wußten nichts von der Tragödie.
Sie kulminierte an jenem Abend, als er eine Eurovisionssendung moderieren mußte und danach ein Festbankett hatte beim Intendanten des ZDF. Beides war für ihn von unendlicher Wichtigkeit, Höhepunkte sogar in seinem Leben, aber die Frau hockte betrunken auf ihrem Zimmer. Nicht bereit, sich für ihn zu bewegen. Statt dessen wollte sie reden, über sich und die Ehe und den ganzen Müll, der sich bei ihnen gesammelt hatte.
Heck hatte kein Ohr dafür. Dazu war er auch zu angespannt, wie vor jedem großen Ereignis. "Ich rede nicht mit jemandem, der getrunken hat", sagte er. Da begann sie zu schreien.
Sie brüllte das ganze Hotel zusammen, und Heck sagte: "Sei still", aber sie wurde nur immer lauter, und wahrscheinlich wußten schon alle Gäste, was bei Familie Heck gerade passierte. Er hielt ihr den Mund zu, und dann legten sich seine Hände um ihren Hals, und fast hätte er ihr die Luft abgedreht, es fehlten nur ein paar Millimeter. Seine Frau aber kämpfte und schlug mit den Armen wie ein Windrad bei Sturm und kam auch irgendwann frei, und dann rannte sie aus dem Zimmer. Heck aber zog seinen Smoking an, band sich die Fliege korrekt um den Hals und ging zum Bankett. "War nichts", sagte er zu den Menschen, die ihn nach seinem verstörten Gesichtsausdruck fragten.
Warum er so detailgenau und ganz ohne Not davon erzählte? Und sogar die Bild-Zeitung informierte? Weil er alles erzählt. Und weil zu dieser Zeit der Schauspieler Gunnar Möller ähnliches erlebt hatte und im Gefängnis saß und allein war mit seinem Schicksal. "Kein Mensch", sagte Heck in seinem Schloßgarten neben der Pforte, "konnte ihn besser verstehen als ich. Ich wollte ihm wohl mein Mitgefühl zeigen."
Das war nicht bloß eine Phrase. Heck fühlte immer schon einen Drang zur Solidarität mit den Ausgestoßenen der Gesellschaft. Hatte diese Erfahrung schließlich lange genug geteilt. Er wurde Mitglied beim Hamburger SV, als den Fußballern der Abstieg drohte. Er wurde Mitglied der CDU, genau in der Nacht, als Rainer Barzel die Wahl gegen Willy Brandt verloren hatte. Und auch seine Freundschaft zu Barzel wurde fester, als der von Helmut Kohl endlich aus den Ämtern gequetscht worden war.
Bewundert hatte Heck den Mensch Rainer Barzel schon früher: Seine unglaubliche Präzision in den Reden. Seinen geschliffenen Verstand und den scholastischen Rigorismus und die vornehme Distanziertheit, die keinen Menschen mit Nähe beleidigen wollte. Barzel war der menschliche Gegenentwurf zu Heck und betete doch zu den gleichen Tugenden: war pünktlich, zuverlässig, diszipliniert und hörte sich gern reden. Für Barzel tingelte Heck mit seiner Hitparade durchs Land, um Wahlkampf zu machen. Dabei hatte er drei Jahre zuvor noch Willy Brandt seine Stimme gegeben.
Aber das hatte nichts mit "Fähnchen im Wind" zu tun oder einer Affinität zur Macht; Heck legte keinen Wert auf den Dunstkreis der Großen. Deshalb fragte er den Bundeskanzler jedesmal, wenn er ihn auf dem Gartenfest traf, wo Rainer Barzel sei, oder ob er vielleicht gar nicht geladen wäre. Man kann nicht sagen, daß Helmut Kohl schon einmal darüber geschmunzelt hätte.
"Dieter Thomas Heck", sagt Barzel heute, "hat ein feines Gespür für Gerechtigkeit. Er hat sehr viel Mitgefühl, und die Ehe spielt für ihn eine große Rolle." Deshalb wurde er am Ende auch Trauzeuge bei Hecks zweiter Heirat, auch wenn er dies als Jesuitenschüler eigentlich nicht gutheißen konnte. "Aber die beiden haben mich überzeugt, daß sie es wirklich ernst miteinander meinen."
Hecks zweite Frau entsprach den Anforderungen an ein öffentliches Leben sehr viel genauer. Das gleiche Bedürfnis nach Harmonie. Und den gleichen Drang, dies nach außen zu zeigen. "Heckilein, trink nicht soviel", sagt sie, wenn er wie immer nach einem Auftritt mit den Künstlern noch einen bechert. "Aber nein, mein Schätzchen, das weißt du doch", sagt dann Heck und haucht ihr einen Kuß zu, quer durch die ganze Versammlung. Und je wichtiger die Menschen dort sind, desto demonstrativer gerät ihm die Geste. "Die gehen miteinander um wie Kleinkinder", meint sein Bruder dazu.
Was nicht bedeutet, daß diese Beziehung nichts weiter wäre als pures Theater. "Heckilein und Hildchen" ist ohne Frage die ganz große Liebe. Aber selbst wenn sie es nicht wäre, besäße Heck die Fähigkeit, trotzdem daran zu glauben.
Heck glaubt immer an das, was er gerade macht. Hielt natürlich den Borgward damals für das beste Auto des Landes. Glaubte wirklich, daß er Deutschland was Gutes tut, wenn er den Schlager rettet. Und ist natürlich davon überzeugt, daß das Vaterland nicht bloß eine Floskel ist, sondern die Kraftquelle jedes Deutschen. Als die Mauer fiel, saß er im Kempinski in München, und die Tränen liefen ihm aus den Augen.
Nie hätte er Deutschland verlassen, schon gar nicht zum Steuersparen. Als er in der Nähe von Baden-Baden ein Haus suchte und im Elsaß einen Resthof fand, bei dem alles paßte, sogar der Preis, konnte er das Ding doch nicht kaufen. Heck im Elsaß wäre nicht richtig gegangen. Hätten ihm auch seine Fans nicht verziehen.
Statt dessen bezog er dieses 600-Quadratmeter-Schloß mit der zugewucherten Pforte. Das roch zwar ein bißchen zu sehr nach Kaviar und zu wenig nach Erbsensuppe, aber Heck ist auch ruhiger geworden in solchen Sachen. Wann, wenn nicht jetzt, wo die Grenze zur Rente schon am Horizont schimmert? "Es ist ein Paradies", sagte er mit reichlich Kitsch in der Stimme. Dann lud er zum Essen ein, hinauf in den Schwarzwald.
Dort war es kühler, und Heck spannte den Brustkorb und zog die Luft durch die Nase, so wie es alle Wanderer machen, wenn sie mitten in der Natur aus dem Wagen steigen. Im Lokal bestellte er dann Forelle blau, und die Frau bestellte dasselbe. Lustlos kauten sie auf den Gräten herum, der Koch hatte zuviel Essig ins Wasser gegeben. Dann pirschte ein "Ernst" heran und wollte eine Unterschrift auf seinen Bierkrug. Später wogte "Marion" an den Tisch, drängte sich zwischen das Ehepaar und schob ihm den Ausschnitt unter die Brille. "Ein Autogramm bitte, Herr Heck", sagte sie, und Heck sagte "aber gern" und lächelte so ein routiniertes, grauenhaft joviales Showmaster-Lächeln. "Wenn ich den Menschen durch den Fernseher die Hand reiche, muß ich es auch in Wirklichkeit tun", sagte er.
Dann kam die Wirtin zum Tisch geschlichen.
Sie trug ein rosafarbenes Dirndl und eine schwarze Perücke, und am Hals hatte sie ein paar fette Warzen. "Das ist aber nett, daß sie mal vorbeischauen", sagte sie, und dann sah sie den armen Reporter an und meinte: "Der junge Mann da, der ist jetzt bestimmt ihr Sohn, wie heißt er noch gleich, na der, wo jetzt in Afrika lebt. Sieht man sofort, ganz wie der Vater."
Großer Gott, so diszipliniert und deutsch und demonstrativ bodenständig - man sollte einen Menschen einfach nicht beurteilen nach seinem Aussehen.
* Mit dem Schlagersänger Gerhard Wendland.
Von Christoph Scheuring

SPIEGEL SPECIAL 8/1995
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