01.09.1995

Der Club der reichen Erben

Rosa Zäune, Gitterstab an Gitterstab, eisengeschmiedet, lackiert in zartem Pastell.
Hunderte von Metern winden sich die Zaungirlanden den Hang hinauf, vorbei an stattlichen Villen, als sollten sie von ihrer Bestimmung, etwas einzuzäunen, durch freundliche Farbe ablenken. Üppige Kastanien verdecken, was hinter dem rosa Saum liegt: Kafkas Schloß oder Alices Wunderland?
Wo die Zäune enden und die Straße nicht mehr weitergeht, überwölbt ein Schild den Eingang zu einem herrschaftlichen Haus. Der Name in Schnörkelschrift verrät nichts über das Innere des Anwesens: Institut auf dem Rosenberg. Hier oben, am Stadtrand von St. Gallen, in Sichtweite des Bodensees, liegt die teuerste Privatschule der Schweiz.
"Ich habe nun mal eine Schwäche für Pastellfarben", erklärt Direktor Otto Gademann, 50, den Anstrich seiner Zäune, "ich finde das lustig." Eine Einfriedung herkömmlicher Art könne ganz falsche Signale setzen: "Schließlich", sagt der Schulleiter, "ist mein Institut ja kein Gefängnis."
Die Anstalt sieht aus wie ein Fünf-Sterne-Hotel. Hinter dem "Haus Nußbaum", in dem der Direktor residiert, schwingen breite Rasenflächen hinab zu den Tennisplätzen. Der "Ulrichshof", wo die Schüler ihre Mahlzeiten einnehmen, glitzert in der Sonne wie ein Solitär; ein imposanter Glasvorbau und ein gläserner Aufzug ergänzen postmodern den aufwendig restaurierten Wiener Jugendstil. Ein Idyll.
Jan, der Sohn eines Textilfabrikanten, fuhr vor vier Jahren mit seinen Eltern das erstemal die Serpentinen hinauf zum Rosenberg. 13 Jahre war er alt, frech, renitent und faul. Ein Unschuldsteufel mit großen braunen Augen, dem die Jungen Prügel androhten, weil ihm die Mädchen nachliefen.
Mehr als 100 Stunden hatte er geschwänzt, bis ihn keine staatliche Schule mehr aufnehmen wollte. Also ab ins Internat. Auf dem Weg vorbei an den Zäunen wußte Jan: "Hier komm ich nicht wieder raus, bis ich das Abitur in der Tasche habe."
So geht es den meisten, die auf dem Dornröschen-Campus ihre Schulzeit absitzen: Sie sind nicht eingesperrt und doch nicht freiwillig hier.
Melanie kam, als sie in jenem Lebensabschnitt steckte, den sie "meine Revoluzzerphase" nennt. Am Gymnasium in Düsseldorf verstand sie sich mit den Lehrern nicht. Vielleicht, weil ihr gerader, forschender Blick auf manche Erwachsene allzu herausfordernd wirkt. Wie das eben so ist mit 17, wenn man schmollen kann wie Tatjana Patitz, frech ist wie Pippi Langstrumpf, trotzig, verletzlich, und all das nicht in verträglichen Portionen, sondern heftig und unkontrolliert.
Zu Hundertausenden scheitern Kinder an staatlichen Schulen, weil sie mit sich, mit dem Stoff oder dem Erwachsenwerden Schwierigkeiten haben. Nur daß jemand wie Melanie es in dieser luxuriösen Sonderschule noch einmal versuchen darf.
Die 230 Kinder und Jugendlichen, die auf dem Rosenberg in 14 Villen leben und lernen, stammen aus 40 Nationen, aus unterschiedlichen Kulturkreisen, und sie gehören verschiedenen Religionsgemeinschaften an - aber alle haben Eltern, die ihnen Chancen kaufen können. Gesellschaftlich sind die Kunden des St. Gallener Instituts homogen. "Wir wenden uns", sagt der stellvertretende Internatsleiter Michael Koschel, 44, "an das weltweite Großbürgertum."
Kaufleute, Ärzte, Anwälte, Diplomaten schicken ihre Kinder, weil die in anderen Schulen versagt haben oder weil sie mit ihnen einfach nicht fertig werden. Manche wollen den lieben Kleinen die Erkenntnis, daß die Welt nicht rundum heil ist, möglichst lange ersparen und stecken Sohn oder Tochter in diesen Tennisklub mit Schulanschluß, damit sie ganz unter ihresgleichen heranreifen. Und viele sind einfach so mit Geldverdienen beschäftigt, daß keine Zeit für den Nachwuchs bleibt.
"Ich bin ein Einzelkind, und meine Eltern sind viel auf Reisen", sagt David, 10. Vor drei Jahren zog er samt Teddybär im Haus für die Jüngsten ein. Anfangs plagte ihn schreckliches Heimweh. Jetzt erklärt der kleine Berliner tapfer, warum es gut und richtig sei, daß er 1000 Kilometer entfernt von seiner Mama lebe: "In meiner Schule in Wilmersdorf gab es dauernd Schlägereien. Da haben die Schüler alles kaputt gemacht."
Auf Methas Nase tanzen die Sommersprossen, wenn er spricht. Seine Mutter lebt in Teneriffa; der Vater, ein deutscher Diamantenhändler, hat den Sohn zum Rosenberg geschickt. "Weil dies eine ordentliche Schule ist", erklärt Metha, 12, "weil ich hier in einer Gemeinschaft aufwachse. Weil es gut ist, schon mal zu lernen, daß man sich zum Essen einen Schlips umbindet."
Brav, Metha, setzen. So sollen Internatskinder sein: aufgeweckt, doch nicht aufmüpfig, rührend vernünftig, früh gereift durchs Abschiednehmen und den Zwang zur Fügsamkeit.
Junge Schüler dieser Sorte hätte der Direktor gern mehr. Die Alterspyramide steht in Privatschulen, verglichen mit öffentlichen Anstalten, nämlich Kopf. Nur zwei Dutzend Sieben- bis Zwölfjährige besuchen auf dem Rosenberg die Grundstufe. Die Jüngste, eine Prinzessin, wird mit acht Kindern der Klassen drei bis fünf nach Zwergschulart unterrichtet. "Die meisten Mütter lassen ihre Lieblinge erst los", sagt Gademann, "wenn es schon zu spät ist."
Der Direktor ist Schweizer und Unternehmer, eine Verbindung, die für Pragmatismus steht und für wirtschaftlichen Erfolg. Pädagogik ist nicht sein Fach. Er ist Jurist. Eigentlich war sein Bruder ausersehen, das Institut zu leiten. Doch als der plötzlich starb, übernahm Gademann vor 20 Jahren in dritter Generation die Leitung der Familienfirma Schule.
Kulinarischen Genüssen sichtlich zugetan, verfügt der "OG", wie ihn die Schüler nennen, über ein unerschöpfliches Lächel-Repertoire. Er sitzt, eine bunte Versace-Krawatte um den Hals, in einem Amtszimmer zwischen der Napoleon-Figurensammlung seiner Mutter und einer Marienstatue und könnte eigentlich ebensogut Zirkusvorstellungen verkaufen wie Reifezeugnisse.
Doch Bonhomie ist nur seine eine Seite. Als Geschäftsmann weiß er, was jene Kunden erwarten, die er über den rosa Teppichboden zu der kleinen Sitzgruppe im Louis-XVI-Stil geleitet: "Disziplin, Ordnung, Pünktlichkeit." 70 festangestellte und 30 freiberufliche Lehrer sollen auch noch aus dem frechsten Früchtchen einen wohlerzogenen, vorzeigbaren Bürger der Oberklasse machen.
Hehre Bildungsideale spielen dabei keine große Rolle. Andere Internate, räumt der Direktor ein, seien "schulisch womöglich besser". Auf dem Rosenberg hat kein Klopstock oder Fichte Abitur gemacht wie im sachsen-anhaltinischen Schulpforta, hier zählt keine Hildegard Hamm-Brücher und kein Golo Mann zu den Ehemaligen wie im Internat von Salem.
Gründervater Ulrich Schmidt, ein Bauernsohn, den es in die Welt des Geistes und des Geldes trieb, siedelte sein Institut 1889 mit Bedacht in der schönen voralpinen Landschaft an. "Umkränzt von Parks, Wiesen und Wäldern", wirbt das Internat noch heute, solle "der junge Mensch" seinen "Blick für das Große und Schöne in der Welt" kultivieren.
Diesem Auftrag widmet sich Direktor Gademann mit Hingabe und beträchtlichen Investitionen. Zweieinhalb bis drei Millionen Mark gehen pro Jahr für Renovierungen drauf.
Die 13 N sitzt auf Thonet-Stühlen an liebevoll restaurierten Pulten aus der Gründerzeit. Grüngeränderte Milchglaslampen in Nachthaubenform beleuchten die zartgelbe Holzvertäfelung; abgetretenes Linoleum wurde ersetzt durch polierten Granit.
Die acht Jungen und fünf Mädchen machen nächstes Jahr Abitur. Sie können zwischen dem deutschen, dem schweizerischen und dem italienischen Reifezeugnis wählen, aber die Mehrzahl springt kurz vor den Prüfungen ab und wechselt in die amerikanische Abteilung - "weil der Highschool-Abschluß einfacher ist", sagt Melanie. Sie will "in dem spießigen Deutschland" sowieso nicht studieren. Bei den Amis gehe es "irgendwie lockerer" zu.
Melanie schläft gern aus. "6.50 Uhr wecken, waschen, duschen, Betten zurückschlagen, Fenster öffnen", wie es die Hausordnung vorschreibt - alles nicht ihr Ding. Sie kommt oft zu spät, und da trifft es sich günstig, daß die Lehrer in der US-Sektion wenig Autorität verbreiten; die meisten gehen gleich nach dem Examen mal für ein Jahr oder zwei in die Schweiz. Sie sind kaum älter als ihre Zöglinge.
Ann-Marie Griffin, 27, zum Beispiel, ist bei den Schülern ziemlich beliebt, sie läßt sich weder durch Faulheit noch durch Flegelei provozieren. Trotzdem kann sie sich nur schwer durchsetzen - weil sie ziemlich selbstbewußte Sprüche kassieren muß: "Wozu soll ich Englisch lernen, mein Alter kauft mir einen Dolmetscher, wenn ich auf Reisen gehe."
Über die Abiturienten der deutschen Abteilung wacht die Konferenz der Kultusminister. Die Politiker sind in 23 Jahren nicht dazu gekommen, auf dem Rosenberg die reformierte Oberstufe einzuführen, die in Deutschland 1972 eingerichtet wurde. Lehrpläne gibt es nicht. Viele Lehrer landen hier, weil in Deutschland kein Platz für ein Referendariat frei war, und sie gestalten den Unterricht nach Belieben.
Immerhin sichert die Exklusivität der Anstalt kleine Klassen. Hier wird jeder, notfalls einzeln, solange bearbeitet, bis er irgendeinen der vier Abschlüsse garantiert schafft.
"Ansonsten sind wir pädagogisch nicht festgelegt", sagt Gademann. Nett formuliert. Sein Adlatus Koschel, in der Internatsleitung zuständig fürs Lehren und Lernen, bedauert, daß es nicht mal ein Lehrerzimmer gibt, in dem sich die Kollegen austauschen könnten: "Hier wird ein Erziehungskonzept vermieden." Diese Bildungsanstalt ist ein Dienstleistungsunternehmen.
Wo alles mit klaren Ge- und Verboten geregelt ist, wird auch didaktisch und methodisch nicht experimentiert. Der Chef hält nichts von "Verwöhn-Pädagogik". Sein Internat setzt von jeher auf Zucht und Strenge. Die Hausordnung von 1989 enthält viele Vorschriften, die unverändert bleiben konnten, "weil wir das immer so gemacht haben".
Brav nach Vorschrift, in Kleidern oder Röcken, trotten die Mädchen Punkt zwölf in den Speisesaal. Die jungen Männer, in Anzug und Krawatte, werden überprüft, ob sie sauber rasiert sind, und im Sommer wird kontrolliert, ob etwa jemand barfuß in den Schuhen steht. Alles in Ordnung, zügig stellen sie sich hinter ihren Stuhlreihen auf. Neben den Flügeltüren des langgestreckten Raumes grüßen Schulgründer Ulrich Schmidt nebst Gattin, in Marmor gehauen wie Abgesandte aus dem Film "Die Feuerzangenbowle".
Erstes Läuten: Ruhe. Zweites Läuten: Mädchen setzen. Drittes Läuten: Jungen setzen. "Ein wohlerzogener Mensch", sagt die Hausordnung, "läßt keine Speisen auf dem Teller und kein Brot auf dem Tisch zurück."
Melanie trägt, wie auffällig viele Mädchen, einen bodenlangen Rock. Mit Eleganz hat das nichts zu tun. Kurz vor dem Essen holen sie die Schlabberteile aus dem Schulbeutel, um darunter die Jeans zu verstecken. Heute hat kein Aufpasser etwas gemerkt. Sonst gäbe es eine Ermahnung, im Wiederholungsfall eine Rüge, dann ein Ultimatum. "Und wenn sich die Erziehung zur Sozialen Intelligenz nicht verwirklichen läßt", heißt es im Hausgesetz, folgt kurzum der "Ausschluß".
Dazu kommt es selten. Denn wo die Einsicht in strenge Regeln fehlt, helfen jede Menge Kontrollen. Detektoren überwachen das Rauchverbot in den Zimmern. Wer beim Alkoholtest wiederholt mehr als 0,3 Promille im Blut hat (Mädchen 0,0 Promille), fliegt. Urinproben sollen Drogenmißbrauch aufdecken - harte Sitten, die aber von den meisten akzeptiert werden. Wer könnte noch Abi machen, wenn er koksen dürfte wie beim Skilaufen in St. Moritz?
Philipp hat gerade ein Ultimatum bekommen - drei davon, und er ist draußen. OG hat den 19jährigen bei einem Delikt erwischt, das im Hausbrauch als "Zurschaustellung persönlicher Gefühle" verurteilt wird: Philipp hat seine Freundin geküßt. "Wir können niemanden bestrafen", sagt Internatsleiterin Monika Schmidt, 40, "weil er sich verliebt, aber weil er sich zur falschen Zeit am falschen Ort verliebt."
Selbst der Schlaf wird überwacht. "Find ich nicht so angenehm", sagt Anna, 17, die gern unbekleidet schläft, "wenn so'n Nachtwächter mit der Taschenlampe bis in mein Bett leuchtet."
Spätestens Viertel vor zehn steht auch für die Zwanzigjährigen "Bettgang" im Stundenplan. Wer danach stört, wird zur Kasse gebeten: 150 Mark Geldbuße bis 24 Uhr, später bis zu 200 Mark. Die Strafzettel erscheinen auf der Abrechnung der Eltern unter dem Stichwort "Nachtrapport". Der Direktor mit dem Dauerlächeln verspricht sich davon mehr als von sozialen Hilfsdiensten: "Wer in Mercedes-Einheiten großgeworden ist, den kann man auch nur mit Mercedes-Einheiten beeindrucken."
Dreimal im Jahr werden knapp 20000 Mark Schulgeld fällig, zuzüglich Taschengeld, Arztkosten, Heimreisen. Sportarten wie Fußballspielen oder Volleyball sind inklusive. Beliebte Freizeitaktivitäten wie Golf und Go-Cart-Fahren kosten jedesmal extra. Die schuleigene Disco nimmt 36 Mark.
"Das summiert sich", sagt Philipp. Auch er trägt eine Versace-Krawatte - der Designer mit den grellen Schlipsen (Stückpreis um die 150 Mark) hat hier Konjunktur. 1500 Mark braucht Philipp für Extras im Monat. Das ist auch in seinen Kreisen viel, er weiß das. Andere müssen mit 60 Mark die Woche hinkommen.
Der Arztsohn aus Düsseldorf wiegt seinen hochrasierten Schädel und streicht sich über den gelharten Stachelkamm. Er will in den USA studieren und Sportreporter werden. Bis dahin macht er es sich in diesem rosa Käfig so nett wie möglich. Die Kohle ist schließlich da.
Philipp ist kein Angeber. Das sind die wenigsten hier. Mit Handys und Designer-Klamotten protzen allenfalls die Uncoolen, Kinder, deren Eltern so schnell zu Geld gekommen sind, daß sie keine Zeit hatten, sich an den Reichtum zu gewöhnen. Die Ossis zum Beispiel oder Kinder aus Osteuropa, die schon nach Deutschen und Schweizern die drittstärkste Fraktion bilden, noch vor den Japanern.
Der Vater des 16jährigen Arek etwa hat nach dem Zusammenbruch des Sozialismus in Polen ein Vermögen gemacht und drei Kinder am Rosenberg einquartiert. Arek wirft seine asymmetrische Frisur in Form: "Hier macht mich niemand an, bloß weil wir wohlhabend sind." Oder Eliza aus Rußland: Ihr Zimmer duftet wie ein französisches Etablissement; neben ihren Plüschtieren steht eine Magnum-Flasche Chanel No. 5.
Rund 100000 paradiesisch grüne Quadratmeter mit alten Bäumen, von einem halben Dutzend Gärtnern gepflegt - da "atmet der junge Mensch reine Luft" und "treibt Sport inmitten einer herrlichen Natur", tönt die hauseigene Werbung.
Tut er nicht. Nur zwei Jungen spielen Tennis hinter Haus Nußbaum. Ansonsten zieht der junge Mensch es in seiner knappen Freizeit vor, im Cafe abzuhängen und zu rauchen.
Die Cafeteria im Souterrain des Ulrichshofs, benannt nach Gründervater Ulrich Schmidt, ist die einzige designfreie Zone in all dem Jugendstil und Art Deco. Der Raum, von milchig-blauen Schwaden erfüllt, hat den Charme eines Reihenhaus-Hobbykellers. Auf Resopaltischen kleben Cola- und Kaffeeränder. Am Tresen gibt es Nahrhaftes aus der Abteilung Hot Dogs und Schokoriegel. Hier im Keller wettern sie gegen das Klischee von den Bonzenkindern: reich, aber doof - so sind sie wirklich nicht alle.
Jan ist heute nicht mehr stolz darauf, von der Schule geflogen zu sein. Er weiß, daß er mit 13 seine Zukunft hinter sich gehabt hätte, wenn ihm niemand dieses Gutsherren-Abitur finanziert hätte. Er ist so verträumt wie eigensinnig, aber Nachhilfe und Sonderunterricht braucht er nicht. Vielleicht geht er nach dem Abitur auf eine Business School in Antwerpen oder Brüssel, die Direktor Gademann seinen Absolventen gern empfiehlt. Aber vielleicht besucht Jan doch lieber eine Schauspielschule; er gäbe einen hübschen Hamlet ab.
Anna demonstriert mit blauschwarz gefärbten Haaren, abgeschabter Lederjacke und silbernen Plateauschuhen, daß sie nicht zu den Kaschmir-Mädchen gehören will. Sicher, sie brauchte eine Zeitlang wohl einen gewissen Druck, um sich einer Ordnung und einer Gemeinschaft einzufügen. Ja, sie hat hier gelernt, sich durchzusetzen. "Aber diese Nähe zu Leuten, die allen Ernstes erzählen: ,Mein Vater hat sich den neuen Ferrari gekauft, ich krieg' jetzt den Daimler'", sagt Anna, "die kann einen fast erdrücken."
Anna wird nie eine echte Rosenberg-Prinzessin. Hat sie denn nicht kapiert, daß hier niemand auf eine soziale Gemeinschaft vorbereitet wird? "Da möchte ich das Wörtchen sozial streichen", sagt doch Direktor Gademann.
Auf dem Berg, hinter den rosa Zäunen, geht es um andere Werte: "Hier lernen Kinder, sich in einem feudalen Leben zu bewegen", erklärt Lehrer Koschel.
Er lebt mit seinen Schülern Tag und Nacht. Er kontrolliert sie, bestraft sie, aber er respektiert sie auch. Mit Melanie ist er neulich lange spazieren gegangen. Sie rang wieder mal mit sich und dem Erwachsenwerden. "Wenn der Lack ab ist", sagt Koschel, "wenn sie Heimweh, Zahnweh, Liebeskummer haben, dann sind sie eigentlich ganz normal." Dann gehen sie zu dem Graukopf mit dem offenen Gesicht, obwohl der anscheinend der einzige hier ist, der ihnen herbe Wahrheiten zumutet.
Die Seite 53 in den "Ansichten eines Clowns" ist ganz abgegriffen, so oft hat Lehrer Koschel, den sie "rote Socke" nennen, den Satz von Heinrich Böll schon vorgelesen: "Ich würde irgendeine Gesellschaft gründen, die sich um die Kinder reicher Leute kümmert. Die Dummköpfe wenden den Begriff asozial immer nur auf die Armen an."
Von Bettina Musall

SPIEGEL SPECIAL 9/1995
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