01.11.1995

Mythos Greenpeace

Rostige Plattform

Von Caroline Fetscher

Helden im Gummiboot, die selbst Großmächte und Großkonzerne in die Defensive manövrieren - keine Umweltorganisation der Welt ist einflußreicher (und reicher) als Greenpeace. Doch der Kampf des straff geführten Öko-Konzerns gegen demokratische Regierungen weckt auch Zweifel. Wer kontrolliert Greenpeace?

Greenpeace ist eine heterogene, komplexe Organisation. Bislang hat die Fraktion, die Shell und anderen Öl-Multis nach dem "Brent Spar"-Spektakel wirklich an den Kragen wollte, sich bei Greenpeace nicht durchgesetzt. Die "Brent Spar", erklären ihre Vertreter, sei lediglich ein "wirksames Symbol".

Jene, die weiterdenken, wünschen sich, daß Greenpeace im Zuge des "Brent Spar"-Erfolges jetzt die groben Umweltverbrechen der großen Ölkonzerne frontal attackiert; etwa im ölreichen Nigeria, wo die Opposition gegen Shell brutal und blutig unterdrückt wird, oder in Ecuadors ölverseuchten Regenwäldern, wo lecke Pipelines von Texaco, Conoco, Petroecuador, Maxus und anderen die Fischgründe und die Böden verschmutzen.

Doch um diese Themen in Angriff zu nehmen, fehlt, so scheint es, bei Greenpeace wie bei anderen der politische Wille. Die Protestierenden vor Ort bleiben allein, Solidarität mit ihnen würde mehr erfordern als postmoderne "sexy action". In diesen Ländern nämlich ist die Kulisse nicht so PR-gerecht, aber der Angriff träfe das Herz der Konzerne, nicht nur eine rostige Plattform an der Peripherie des Profits irgendwo draußen im Meer.

Was Greenpeace und anderen Organisationen in den Industrienationen bevorsteht, ist eine neue Phase der Nord-Süd-Kooperation im Einsatz gegen skrupellose Multis. In den vielen jüngeren Greenpeace-Büros von Tunesien bis Guatemala arbeiten hochmotivierte Leute. In der Zusammenarbeit mit ihnen könnten die PR-Agenten im Norden sich wirksam repolitisieren - und viel politische Glaubwürdigkeit gewinnen.

Caroline Fetscher


SPIEGEL SPECIAL 11/1995
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