01.12.1995

Die Magie der Melodie

Es gab Zeiten, und sie sind noch gar nicht so lange her, da war moderne Unterhaltungsmusik im Radio eine Rarität. Kurt Edelhagen, Hazy Osterwald und Max Greger plätscherten über die wenigen, ausschließlich öffentlich-rechtlichen Wellen, und wer den aktuellen Beat von der Insel hören wollte, war auf die eine karge Hitparadenstunde im Deutschlandfunk, das "Schlagerderby", angewiesen, auf Piratensender wie Radio Veronica oder den britischen Soldatensender BFBS.
Das ist heute kaum mehr vorstellbar. Musik und Muzak sind everywhere, daheim oder im Supermarkt, bei Stop and Go am Aschaffenburger Kreuz oder im Kopfhörer auf dem Charterflug nach Miami. Und selbstverständlich sind auch die alten Dual-Plattenspieler und Telefunken-Tonbandgeräte längst durch Hi-Fi-Komponenten ersetzt worden.
Das Radio aber hat seine wichtige Funktion behalten. 56 Prozent aller Deutschen lassen sich am liebsten über den Rundfunkäther beschallen. Das ergab eine repräsentative Umfrage des Bielefelder Emnid-Institutes für SPIEGEL special.
Das inzwischen allmächtige Fernsehen spielt, trotz mehrerer Sparten-Programme wie MTV, VH-1 oder Viva, nur eine Nebenrolle: Etwa jeder Zehnte konsumiert seinen liebsten Sound vorzugsweise am Bildschirm. Bereits 23 Prozent hingegen hören in erster Linie CDs - die bedienungsfreundliche Silberscheibe hat die Hörgewohnheiten in knapp einem Jahrzehnt revolutioniert und LP und Kassette als Tonträger weitgehend verdrängt.
Die starken Emnid-Werte für das Radio dürften mit der enormen Differenzierung des Angebots zu tun haben. Wer vorwiegend Klassik schätzt (immerhin 29 Prozent der Bevölkerung) oder auf deutsche Schlager und Folklore steht (26 beziehungsweise 30 Prozent), wird durch entsprechende Programme bedient, die im Branchenjargon "Formate" heißen - und der Berieselung mit Pop entkommt ohnehin niemand.
Daß musikalische Vorlieben altersabhängig sind, wundert wenig: 80 Prozent der 14- bis 29jährigen favorisieren "Rock- und Pop-Musik"; Abiturienten haben eine höhere Affinität zu diesem Genre als Hauptschüler. Je älter die Befragten (insgesamt 1003 Personen) waren, desto eher äußerten sie Gefallen an ruhigeren, klassischen Klängen.
Die Werte für Jazz (total 8 Prozent) variieren auf der Altersskala indessen kaum. Gleiches gilt für die Neigung, selber zu musizieren, wobei allerdings Bürger mit mittlerer Reife oder Abitur zwei- bis dreimal so häufig zum Instrument greifen wie Volks- oder Hauptschüler.
Den größten aller Superhits der letzten drei Jahrzehnte ermittelten in einer weiteren Umfrage die Demoskopen von Forsa, die 1049 Interview-Partnern eine Liste der jahresbesten Pop-Titel seit 1965 vorlegten.
Manche Melodie, so zeigte sich, entfaltet selbst nach bald drei Jahrzehnten noch eine Magie, mit der aktuelle Ohrwürmer kaum konkurrieren können - was sicher nicht allein auf musikalische Qualitätsmerkmale zurückzuführen ist.
Die musikalische Untermalung beim ersten Klammer-Blues in der Tanzschule oder die Streetfighter-Attitüde der frühen Rolling Stones sind gerade für die 68er-Generation als Teil ihrer Biographie romantisch verklärt und entsprechend positiv besetzt.
Logische Folge: "Hey, Jude", der Beatles-Schmachtfetzen mit dem endlosen Ende aus ebenjenem Jahr der Revolte, liegt 67 Prozent aller Deutschen besonders innig am Herzen. Dichtauf folgen "Satisfaction" (1965) mit 66 Prozent und der unverwüstliche Frankieboy Sinatra, dessen "Strangers In The Night" auch schon den 29. Geburtstag feiert und wie Elvis Presleys "In The Ghetto" (1969) 63 Prozent der Stimmen erhielt. Die Oldies waren nicht zu schlagen.
Das Votum läßt nur einen Schluß zu: Wenn Musik sich nicht mit Zeitgeist verknüpft, wenn sie nur oberflächlich Mode reflektiert oder gar erkennbar aus der Retorte einer Hit-Fabrik kommt, verblaßt die Erinnerung schnell, und die Halbwertzeit ist kürzer.
Milli Vanillis "Girl You Know It's True" oder Falcos "Jeanny (Part I)" erfüllen nur ein einziges, für Pop-Songs allerdings typisches Kriterium: einen Sommer lang rotieren, zum Pläsier des Publikums. Kritiker-Favoriten spielen bei solchen Erhebungen erfahrungsgemäß keine Rolle; Trends und Trendsetter sind zumindest anfangs immer Minderheitensache.
Ein Umstand aber ist erstaunlich: Lediglich ein Prozent der bundesdeutschen Bevölkerung hört "kaum oder gar nicht" Musik.
Die Interviews führte Beate Lakotta
Kirsten Hettwer, 4, Seevetal
Ich höre am liebsten "Weil ich ein Mädchen bin" und "Du mußt ein Schwein sein" und "Küssen verboten".
Roman Herzog, 61, Bundespräsident, Berlin
Ich schätze klassische Musik und zähle Wolfgang Amadeus Mozart zu meinen Lieblingskomponisten. Aus der Fülle seines Werks eine Auswahl zu treffen, fiele mir schwer. Auf jeden Fall freue ich mich jedes Jahr auf die Salzburger Festspiele. Ich möchte nicht widersprechen, wenn man mich zu den Liebhabern der Oper rechnet.
Krista Sager, 42, Vorstandssprecherin beim Bündnis 90/ Die Grünen, Bonn
Ich bin keine Kennerin und höre unverkrampft von allem etwas, Ohrwürmer aus den internationalen Charts, aber auch "Figaros Hochzeit" oder Orffs "Carmina Burana". Und am liebsten das, was heute wohl schon Gruftie-Musik ist: die Stones, Joe Cocker oder Tina Turner.
Heike Makatsch, 24, Pop-Moderatorin, Köln
Wenn's mir richtig gut geh'n soll, dann lege ich die Beatles auf. Die waren schon immer meine großen Idole und sind für mich auch heute noch das Nonplusultra. Wegen der Beatles bin ich sogar schon nach Liverpool gepilgert.
Rudolph Moshammer, 50, Modedesigner, München
Ich liebe es, allein klassische Musik zu hören. Das ist für mich Entspannung und Inspiration. Vor allem Wagner, aber da hat's lang gebraucht, bis ich den verstanden habe. Manches verstehe ich bis heute nicht. Da bin ich vielleicht noch nicht reif genug.
Janina Kunz, 14, Hamburg
Ich finde die Kelly Family total toll. Bei denen kommt die Musik nicht aus dem Computer, und sie strahlen Freude und Frieden aus.
Dagmar Berghoff, 52, Nachrichtensprecherin, Hamburg
Beim Frühstück am Sonntagmorgen ist fröhliche Barockmusik das Tüpfelchen auf dem i: Händel, Vivaldi, Pergolesi. Beim Autofahren: Bruce Springsteen, Chicago oder die Scorpions.
Daniel Hettwer, 10, Seevetal
Dance und Techno finde ich gut, da sind so starke Baßschläge drin, die dröhnen in den Kopf rein. Und Rave find' ich auch gut, marushamäßig.
Willy Sommerfeld, 91, Stummfilmpianist, Berlin
Ich gehe oft ins Konzert, weil ich keine Konservenmusik mag. Besonders liebe ich die ausdrucksvollen russischen Komponisten Skrjabin und Strawinski.
Godwin Ocloo, 25, Student, Hamburg
Hip Hop ist meine Musik. Sie spricht Verstand und Gefühl an und ist ein sehr kreativer Weg, Kritik an gesellschaftlichen Mißständen auszudrücken.
Barbara und Herbert Schramm, 44 und 48, Kioskpächter, Offenbach
Mit dem Sound von den Original Oberkrainern oder den Zillertaler Schürzenjägern machen wir's uns immer gemütlich zu Hause. Einmal live beim Musikantenstadel, das ist unser Traum.
Roger Willemsen, 40, Fernsehmoderator und Autor, Hamburg
Noch und noch: John Coltrane, von den Balladen bis zum Free Jazz, für mich das tiefste Eindringen in die Improvisation und die musikalische Intelligenz - frisch, unabgenutzt, herausfordernd. Eine sehr spirituelle Musik, die mit meinem augenblicklichen Zustand korrespondiert.
Von Beate Lakotta

SPIEGEL SPECIAL 12/1995
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