01.10.1995

Der Tanz auf dem Seil

Christa Wolfs Briefwechsel mit Franz Fühmann / Von Rolf Schneider

Von Rolf Schneider

Die ostdeutsche Schriftstellerin Christa Wolf ist den oft wütenden Angriffen, denen sie sich in den letzten vier, fünf Jahren ausgesetzt sah, außer mit ihrem kaltem Schweigen noch mit dem überaus listigen Verfahren begegnet, sich, wie selbstverständlich, als eine unerschütterliche Figur der Literatur- und Zeitgeschichte zu präsentieren. Dies geschieht zum Beispiel durch die Briefwechsel, die sie einmal geführt hat und nun herausgeben läßt, wobei sie jenem mit Brigitte Reimann den mit Franz Fühmann hinterdrein schickte.

Jedesmal handelt es sich bei den Korrespondenzpartnern um in der DDR beheimatete Autoren, die sich an den sie unmittelbar umgebenden politischen Zuständen stießen, irgendwie.

Hierin trafen sie sich mit Christa Wolf. Das letzte Wort behält dann allemal sie, denn ihre Partner sind tot: gestorben schon lange vor dem schmählichen Zusammenbruch des Staates von Ulbricht und Honecker. Freilich bleibt ein letztes Wort mit dem Datum der neunziger Jahre vergleichsweise billig. In beiden Fällen bleiben die Toten viel eindrucksvoller.

Bei Brigitte Reimann bewirkt dies vornehmlich der schrillere Ton ihrer Lebensäußerungen, bei Franz Fühmann der größere Rigorismus. Zugleich sei hier angemerkt, daß Christa Wolf vermittels ihrer eigenen, höchst beträchtlichen Prominenz zwei vergleichsweise wenig bekannte Schriftsteller in die allgemeinere Beachtung zurückholt; das ist gewiß verdienstvoll.

Franz Fühmann, 1922 geboren, war Sudetendeutscher und lief als junger Mensch begeistert seinem Führer Adolf Hitler nach. Seine ersten gedruckten Verse boten Nazi-Lyrik. Er zog als Soldat in den Krieg, geriet in sowjetische Gefangenschaft und wurde dort zu einem glühenden Anhänger des praktizierten Leninismus. Er wollte nationale Mitschuld sühnen: auch indem er sie offen bekannte.

Er ging in die DDR, die er anfangs für den viel besseren deutschen Staat hielt. Er fing dann an zu zweifeln, und am Ende verzweifelte er. Er wußte inzwischen, daß er, um einen schweren politischen Irrtum zu tilgen, einen zweiten begangen hatte, und darüber äußerte er sich in einer für DDR-Verhältnisse erstaunlichen Freimütigkeit.

Seine frühen DDR-Verse bewegten sich, im Tone, irgendwo zwischen Majakowski und Hölderlin. Belangvoller wurden seine Leistungen als Autor eindringlicher Prosa über den gewöhnlichen Faschismus. Er verfaßte kunstvolle Essaybücher, über eine Ungarn-Reise und über den Salzburger Lyriker Georg Trakl. Er war ein begnadeter Nachdichter, und seine größte Popularität in der DDR erlangte er mit seinen Kinderbüchern, die klassisches Bildungserbe nacherzählen, von der Bibel bis hin zu Shakespeare.

Er war hochgebildet und ein manischer Sammler. Junge DDR-Literaten sahen in ihm eine wichtige Identifikationsfigur, die dann ihrerseits allerlei unternahm, um sie zu fördern. Uwe Kolbe und Wolfgang Hilbig wurden seine bekanntesten Schüler.

Er war eine sinnliche Natur, mit Hang zu Ausschweifungen und mit jähen Abschwüngen ins Asketische. Christa Wolf beschreibt einen Mann, "gut im Fleische, der mächtig aß und trank", der sich dann plötzlich verwandelte in jemanden "mit eingefallenen Wangen und großen Augen, die wie von einem Dauerschreck geweitet waren". Sie spricht von "rigoroser Selbstkasteiung". Der haftete zugleich, wie allem Flagellantismus, etwas durchaus Lustvolles an, was Dimensionen des Politischen immer einbegriff.

Fühmanns Briefwechsel mit Christa Wolf wird vor allem bestimmt von Zufälligkeit. Man schickte einander Ansichtskarten und Grüße. Die belangvolleren Texte bleiben in der Minderzahl, so sind mehrfach Schreiben an Dritte oder von Dritten eingefügt, um dem Band Gewicht zu geben.

Viele Andeutungen erschließen sich nicht von selbst und müssen in einem umfänglichen Anmerkungsapparat erläutert werden, der seinerseits nicht frei ist von Fehlern. Einer betrifft etwa die Situation im Rostocker Hinstorff Verlag, ein anderer Angaben zu meiner Person.

Spätestens hier hat der Rezensent mitzuteilen, daß er nicht nur diese beiden Protagonisten nah kannte, sondern überdies viele Begebenheiten, von denen die Rede ist, direkt miterlebt hat. Die ausgebreiteten Stimmungen und Betroffenheiten sind ihm vertraut als Ereignisse seiner eigenen Biographie.

Wir Schriftsteller in Erich Honeckers Deutscher Demokratischer Republik waren ein bizarres Völkchen. Neben affirmativen Literaturschranzen von, bestenfalls, mittlerem Talent - in den Briefen werden Noll, Wiens, Preißler, Seeger genannt - gab es jene eher unangepaßten Seelen, die, trefflich geschützt durch westdeutsche Buchhandelspräsenz und internationale Übersetzung, sich keck ihres Freiraums bedienten.

Sozialisiert durch den gleichermaßen suggestiven wie verlogenen Antifaschismus der frühen DDR, hielten wir lange, viel zu lange fest an einem Staat, dessen Brüchigkeit wir schon ahnten, bevor wir sie uns eingestanden. Wie mit solcher Erkenntnis umgegangen wurde und zu welcher Zeit, hatte dann jeder einzelne für sich.

Das Epistolar Wolf/Fühmann wird intensiver zu Beginn der siebziger Jahre. Diese Zeit war, am Anfang, geprägt durch die deutliche Hoffnung, die DDR könne sich aus der elenden Stagnation der Ulbricht-Periode befreien, im Wirtschaftlichen wie im Sozialen und im Kulturellen zumal.

Vier Jahre lang begaben sich unter der neuen Ägide des Erich Honecker bis dahin unerhörte Freiheiten, und wir hegten die Erwartung, die politischen und ästhetischen Zustände des zeitgenössischen Polen und Ungarn seien auch in Ostdeutschland zum Greifen nahe.

Da wurde der Dichtersänger Wolf Biermann ausgebürgert. Wir erhoben ohnmächtig Protest. Die unmittelbar folgenden Repressionen waren exakt wieder jene barbarisch stalinistischen, die wir aus der Ära des Walter Ulbricht kannten. Auch der Ausbürgerungsakt selber war eine politische Brutalität, deprimierend wie die blutigen Geschehnissen der Jahre 1953, 1956 oder 1961.

Viele wußten und sagten es jetzt laut: Der DDR sei nicht mehr zu helfen. Sie packten ihre Koffer und verließen das Land. Wer blieb, handelte aus Trotz, aus Zynismus, aus atavistischer Furcht vor dem politischen Verrat, aus sentimentaler Anhänglichkeit an Verheißungen einer Gesellschafts-Utopie, für die es keinen Ort gab. Nirgends.

Gleichwohl blieben sie. Dies hatte auch mit den biographischen Vorgaben zu tun, in denen sie sich recht ähnlich waren. Beider Heimat lag nach 1945 nicht mehr in Deutschland, beide waren einst dem braunen Diktator hörig gewesen, beide hatten einmal die Sowjetarmee als Befreier empfunden und verfielen danach dem politischen Enthusiasmus der frühen DDR.

Fühmann freilich war um entscheidende sieben Jahre älter und hatte daher die längere, belangvollere Erfahrung. Zudem war er männlichen Geschlechts. Christa Wolf entdeckte bald für sich die ecriture feminine, mit deren Hilfe sie sich dann listig von der DDR entfernte, um schließlich zu einer internationalen Kultfigur zu werden.

Derart richtete man sich ein. Vor dem Hintergrund der allgemeinen Situation im deutschen Arbeiter- und Bauernstaat lebte man eine vergleichsweise komfortable Existenz und gestand sich dies sogar ein: "Auch auf verlorenem Posten kann man gute Laune haben, nicht?" fragt kokett Christa Wolf.

Die selbstverständlichen Reisen in die USA, in die Schweiz, in die Bundesrepublik, nach Griechenland boten angesichts des klaustrophoben Daseins von 17 Millionen Nachbarn einen fast schon unanständigen Luxus, und man hatte schlechten Gewissens dankbar zu sein für ein Privileg, das im Sinne der Menschenrechte keines war.

"... da küßte mancher manchem den Ars - / wir Kumpels werden halt älter." So dichtet einmal, im Heinrich-Heine-Ton, Christa Wolf und macht durch ihren Wortlaut kenntlich, daß dieses "wir" die eigene Person durchaus einbegreift.

Das Unbehagen über die unbestreitbare Sonderstellung beschwichtigt man durch gelegentliche Proteste gegen offensichtliches Unrecht. Das eigene Risiko dabei war gering, denn die literarische Prominenz beschützte.

Ich pflegte in solchen Fällen einen Text im SPIEGEL zu plazieren oder sorgte über Freunde dafür, daß die Namen von Verhafteten auf Listen erschienen, die Willy Brandt oder Helmut Schmidt bei entsprechenden Treffen der DDR-Führung präsentierten.

Einer wie Franz Fühmann hatte da mehr Skrupel. Er wolle "keinen Eklat" zu "hämischster Freude des Feindes" (was den politischen Westen meint), weswegen er, wie auch Christa Wolf, sich lieber an einflußreiche Leute der DDR-Führung wandte. Er setzte sich vehement für seine jungen Lyriker ein (unter denen übrigens einer namens Sascha Anderson war), während sich Christa Wolf über politische Verhaftungen in Jena beschwerte. Solche Initiativen hatten häufig Erfolg. Die DDR wurde dadurch nicht anders.

Für die unmittelbar Heimgesuchten bedeuteten sie immerhin Erlösung, und es gab eine beträchtliche Anzahl von DDR-Prominenten, die sich zu derartigem Einsatz niemals entschließen mochten. Daß die Schreiben, die hierzu aufzusetzen waren, des ehrfurchtsvollen Tons nicht entbehrten, macht sie heute sonderbar rührend, wo nicht komisch.

Bei ihren Verfassern verstärkten sie außer einem schmeichelhaften Selbstwertgefühl noch die Hoffnung auf einen trotz allem verbesserlichen Sozialismus. Gab es eine Alternative? Ich wußte damals keine. Ich weiß sie heute noch nicht.

Allerdings gab es daneben die Erfahrungen einer alltäglichen Schikane, die niemanden ausließ, selbst Prominenteste nicht. Franz Fühmann und Christa Wolf erzählen einander die Beispiele.

Die Stasi, Vorzugsthema aller Ostdeutschen schon damals, bleibt als ihr vermuteter Mitleser ständig präsent und sieht sich einmal in der Person des Ministers Mielke ausdrücklich begrüßt. "Nicht was man vertritt, darauf kommts nicht an, / nur: daß man ans Oben sich halte", registriert, seinerseits im Heine-Duktus, Franz Fühmann und münzt das auf einen nicht näher erklärten "Monsieur", von dem es noch heißt: "... und wechselt er Meinungen auch wie sein Hemd, / Monsieur bleibt immer der alte."

Man darf sich wohl den Schriftsteller Hermann Kant darunter vorstellen, den Fühmann nicht mochte. Kollegenhäme und -schelte auch sonst, etwa gegen Reiner Kunze gerichtet, dessen "Wunderbare Jahre" Fühmann ein "miserables Buch" findet und "eine Aufblähung".

"Was ist das Revolutionäre in dieser Gesellschaft?" fragt er im Hinblick auf ein geheiligtes DDR-Wort und gibt diese Antwort: "Die fröhliche Affirmation."

Als wir im Sommer 1979 selbneunt aus dem DDR-Schriftstellerverband ausgeschlossen wurden, erwog er seinerseits den Austritt und vollzog ihn dann doch nicht. Christa Wolf sprach und votierte dagegen, und hinfort erschien sie nie mehr zu einer Verbandssitzung, was sie aber nicht öffentlich machte. Allemal blieb man eingeklemmt zwischen Anpassung und Widerspruch, zwischen Auflehnung und Resignation.

"Wie lange tanzt man so ungestraft auf dem Seil?" fragte im Jahre 1980 die "Kassandra"-Autorin Christa Wolf - und wußte doch schon fünf Jahre zuvor: "In Deutschland hält sich einer immer dann für einen Idealisten, wenn er den Schmerz noch fühlt, mit dem ihm das Kreuz gebrochen wurde." Daß sich darin auch ein Stück Autobiographie verbirgt, teilt sie nicht mit. Vielleicht wollte sie es nicht wahrhaben.

Die zwischen ihr und Fühmann gewechselten Briefe seien "Zeugnisse einer Periode, die inzwischen als abgeschlossene Geschichte ... behandelt wird, als hätten die in dieser Zeit Agierenden, auch die Schreibenden, ... das Ende der Epoche, an deren Widersprüchen sie sich rieben, als Ahnung, oder sogar als Ziel, ihren Handlungen unterlegen sollen", schreibt Christa Wolf in ihrem Nachwort von 1995. Und sie fügt hinzu: "Ich kenne niemanden, der das tat, so unterschiedlich gerade Autoren sich auch verhielten: Selbst diejenigen, die sich am deutlichsten den Vertretern und Institutionen des Staates konfrontierten, gingen davon aus, daß dieser Staat dauern werde, mögen sie das heute wahrhaben oder nicht."

Diese etwas umständlich formulierenden Sätze enthalten einen sachlichen und einen moralischen Irrtum.

Zunächst gibt ihr Wortlaut vor, die Autoren der DDR seien gleichsam repräsentativ für die Gesamtheit ihres Berufsstands in der Welt oder doch in Europa. Von George Orwell und Arthur Koestler bis hin zu Melvin Lasky und Alexander Solschenizyn wurde das Ende der realsozialistischen Welt, deren Teil die DDR war, unermüdlich prognostiziert; natürlich kursierten deren Bücher auch in der DDR, zumal bei den Schriftstellern.

Daß man, im Widerspruch zu solcher Lektüre, das Ende jener Welt gleichwohl nicht vermuten mochte und sich dementsprechend verhielt, wirkt heute etwas peinlich, folgte aber einer auch in anderen öffentlichen Bereichen und von anderen Personen vielfach vertretenen Überzeugung.

Diesen Irrtum nachträglich zur allgemeinen Norm zu erheben, um dadurch jegliche moralische Verantwortung abzuwehren, ist freilich fatal.

Wir haben gründlich geirrt. Wir waren mitbeteiligt. Weshalb fällt es uns nur so schwer, dies offen zu sagen?

Christa Wolf, Franz Fühmann "Monsieur - wir finden uns wieder". Aufbau-Verlag, Berlin; 223 Seiten; 32 Mark.

SPIEGEL SPECIAL 10/1995
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

SPIEGEL SPECIAL 10/1995
Titelbild
Abo-Angebote

Sichern Sie sich weitere SPIEGEL-Titel im Abo zum Vorteilspreis!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Der Tanz auf dem Seil