01.10.1995

Ein König dankt ab

Er kann nicht nur eindrucksvolle Bilanzen vorweisen. Er hat auch die klassische Diagnose des irischen Spötters George Bernard Shaw widerlegt, die Deutschen könnten einfach keine Kriminalromane schreiben.
Rund 30 Krimis mit einer Gesamtauflage von ungefähr drei Millionen Exemplaren hat Hansjörg Martin veröffentlicht, in neun Sprachen sind seine Bücher übersetzt. Noch immer ist er der wohl einzige deutsche Krimi-Autor, von dem ein Roman in die Ursprache des Krimis, ins Englische, übersetzt worden ist: "Kein Schnaps für Tamara" erschien in den USA unter dem Titel "Sleeping girls don''t lie".
Doch bei Martin, der als "Begründer des neuen deutschen Kriminalromans" 1986 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde, will keine rechte Freude mehr aufkommen. Sein Verlag, so klagt er bitter, behandle ihn wie ein "Auslaufmodell": "Die meinen anscheinend, in meinen Büchern würde nicht genügend Blut und Sperma fließen. Aber vielleicht habe ich gerade deshalb so großen Erfolg gehabt, weil ich keinen Fäkalienjargon pflege und weil bei mir eben nicht jede Seite nach Blut und Schweiß riecht."
Heroinsüchtige Massenmörder oder schießwütige Privatdetektive sucht man in Martins Krimis vergebens. Statt dessen liefert er mit seinem bedächtig-biederen Kommissar Leo Klipp und den überschaubaren Kleinstädten, in denen der wild drauflos schwadronierende Stammtisch im "Deutschen Haus" immer noch der Mittelpunkt der Welt zu sein scheint, die typischen Versatzstücke einer harmlos wirkenden Provinz-Idylle. Zwar gerät diese heile Welt durch Mord und Totschlag vorübergehend aus den Fugen. Doch die Genre-Zwänge, die den Sieg des Rechts über den Verbrecher verlangen, bedient Martin - jedenfalls in seinen frühen Romanen - gewissenhaft.
Von der ziemlich simpel gestrickten "Whodunnit"-Masche dieser Anfangsphase ("Gefährliche Neugier", "Einer fehlt beim Kurkonzert") ist der Erfolgsautor aber abgekommen. "Mich interessiert jetzt weniger das genau beschriebene Provinz-Ambiente. Spannender ist die Frage: Wie kommt jemand in die Zwangslage, ein Verbrechen zu begehen?"
Unter dem Titel "Der Kammgarn-Killer" veröffentlichte Martin 1979 das Psychogramm eines in die Enge getriebenen Underdog. Darin verleiht er dem unter enormem Erfolgsdruck stehenden Textilvertreter Ernst Voigt so überzeugend tragikomische Konturen, daß der Leser einen spätgeborenen Bruder von Arthur Millers Handlungsreisendem Willy Loman zu erkennen glaubt.
Schwer verständlich bleibt dagegen der Enthusiasmus, mit dem "Gefährliche Neugier", 1964 zuerst als Stern-Fortsetzungsroman veröffentlicht, seinerzeit aufgenommen wurde. Womöglich waren die Leser, von der damaligen Edgar-Wallace-Manie ermüdet, allein schon damit zu begeistern, daß ihnen in diesem in Ostfriesland angesiedelten Krimi realistisch gezeichnete Figuren und keine geklonten "Hexer"- oder "Zinker"-Typen begegneten?
Dabei war die im Tournee-Theater-Milieu spielende Story recht dünn: Schließlich ist ausgerechnet der Impresario (nebst Frau Gemahlin) jener Unhold, der den Bauern von der Waterkant Morphium verscherbelt und der "Gefährlichen Neugier" eines allzu neugierigen Schauspielers mit dessen Strangulation ein Ende bereitet.
Immerhin trafen damals jede Woche rund 400 Leserbriefe beim Stern ein, in denen euphorisch Hansjörg Martin und die Geburtsstunde des modernen deutschen Krimis bejubelt wurden. Vielleicht kam in der überschwenglichen Leserreaktion das wohlige Gefühl zum Ausdruck, inmitten der weltpolitischen Beinahe-Katastrophen des Kalten Krieges einen heimeligen literarischen Mikrokosmos vorzufinden, in dem das Gute zuverlässig siegte.
Altmeister Raymond Chandler hat sich einmal in ähnlichem Sinn über seinen Helden Philip Marlowe geäußert: "Gäbe es genügend seinesgleichen, die Welt wäre ein Ort, so sicher, daß man darin leben könnte, und doch nicht so langweilig, daß es sich nicht mehr lohnte, darin zu leben."
Doch im Unterschied zu seinem literarischen Vorbild Chandler hat Hansjörg Martin nie daran gedacht, einen einsamen, Whiskey trinkenden Philip-Marlowe-Typen zum Romanhelden zu machen: "Als ich meinen ersten Krimi veröffentlichte, gab es ja eigentlich noch keine deutschen Privatdetektive; die wenigen Schnüffler, die sich damals über Wasser halten konnten, waren doch nur auf Scheidungsfälle und das Auskundschaften von Seitensprüngen spezialisiert."
Sein Kommissar Klipp, den er nicht als Serienfigur angelegt hat, sondern nur in unregelmäßigen Abständen auftreten läßt, ist ein sympathischer Einzelgänger, der sich weder opportunistisch das Wohlwollen seiner Vorgesetzten erschleicht noch seine Mitarbeiter schikaniert. Mit dieser Figur läßt sich auch der aufklärerische Anspruch des SPD-Mitglieds Martin vermitteln, der den typisch deutschen Obrigkeitsfimmel noch immer nicht überwunden sieht und sich daher gern über allzu beflissene Staatsbüttel mokiert.
Daß einige seiner Thriller ("Mallorca sehen und dann sterben", "Heiße Steine") auf Mallorca spielen, hat damit zu tun, daß Martin zusammen mit seiner Frau jeweils vom Herbst bis zum Frühjahr auf der Insel lebt und den Rest des Jahres im geräumigen Haus in Wedel bei Hamburg verbringt. Das Arbeitszimmer ermöglicht einen schönen Überblick über seine bisher veröffentlichten Werke: mehrere Regale mit Kinderbüchern, einige Meter Martin-Krimis, dazu noch zahlreiche "Tatort"-Drehbücher (darunter "Das Zittern der Tenöre" und "Bei Westwind hört man keinen Schuß") sowie Hunderte von Hörfunkbeiträgen.
Aufschlußreich ist der Blick in die Werkstatt des Meisters, der nach wie vor mit der Füllfeder schreibt, dann auf Tonband spricht und das Diktierte schließlich abschreiben läßt. Mit einem Computer will Martin, auch in technischer Hinsicht ein Autor alter Schule, sich nicht abquälen: "Mir ist schon das Faxgerät kompliziert genug."
Auf dem Schreibtisch liegen einige handgeschriebene Entwürfe seiner nächsten Projekte. Wie kommt er mit seinen Ortswecheln zurecht? Muß er nicht beim Schreiben jeweils am Schauplatz des folgenden Buches sein?
"Ach was, schreiben kann ich überall - auf dem Koffer, im Bett, im Flugzeug", schmunzelt der hagere ältere Herr beim abendlichen Bier auf seiner Wedeler Terrasse. Für den Fernseh-Krimi "Tatort Geisterbahn", so erzählt er, habe er zwei Wochen lang Tag für Tag auf dem "Dom", dem Hamburger Traditionsvolksfest, herumgehorcht: "Ich habe mit Karussellbesitzern und türkischen Honigverkäufern geredet, bin abends noch stundenlang im Bierzelt gehockt und habe dabei jedesmal ein halbes Dutzend Leute nach ihrem Arbeitsalltag ausgefragt. Wenn man die Gerüche in der Nase und die Geräusche im Ohr hat, ergibt sich die Geschichte von ganz allein. Die Figuren laufen dann auf dem Schreibtisch herum, ich muß ihnen nur zugucken und alles mitschreiben."
Seit 30 Jahren veröffentlicht der Rowohlt Verlag nun Martins Romane und Kinderbücher. Doch der frühere Bestseller-Autor, der mit einigen Titeln Auflagen von über 100000 Exemplaren erzielte, ist offenbar nicht mehr gefragt; man bietet ihm nur noch ein Drittel der früher üblichen Honorare. Nun will er vielleicht eines der "verlockenden Angebote" von anderen Verlagen annehmen. So wird es im November, wenn der aus Leipzig stammende Krimi-König seinen 75. Geburtstag feiert, wohl keine rauschende Verlagsparty im Hause Rowohlt geben.
Daß er überhaupt einmal Schriftsteller werden und sich in diesem Metier durchsetzen würde, hätte der vielseitige Selfmademan nie gedacht. Denn sein Deutschlehrer, dem Hansjörg Martins salopp-schnoddrige Ausdrucksweise mißfiel, hatte ihm dringend geraten, die Finger vom Schreiben zu lassen. "Also habe ich dann erst mal Malerei und Grafik studiert, denn wenn ich schon kein zweiter Goethe werden konnte, dann sollte es wenigstens van Gogh oder Rembrandt sein." An Selbstironie fehlt es ihm nicht.
Aus holländischer Gefangenschaft zurückgekehrt, überstand er die schweren Nachkriegsjahre als ein Hofmaler der besonderen Art: Er überredete gutbetuchte friesische Bauern, ihre schmucken Anwesen in Öl verewigen zu lassen. "Ich hatte sogar eine feste Preisliste: Für einen Hof im Format 70 x 40 verlangte ich 30 Eier und 4 Pfund Speck. Damit betrieb ich dann nebenbei ein bißchen Schwarzhandel." Richtig flott gingen die Geschäfte etwas später, als der hoffnungsvolle Künstler für reichlich Kaffee, Zigaretten und Zucker auch noch Scherenschnitte für kanadische Besatzungssoldaten produzierte.
Reiche Lebenserfahrungen als Maler, Bühnenbildner, Clown, Journalist oder Lehrer (auf der Insel Langeoog) finden in Martins präzisen, lebendig und stimmig wirkenden Figurenbeschreibungen und in seinen Dialogen ihren Niederschlag.
Daß auch seine Sprache mittlerweile in die Jahre gekommen ist, weiß der Leser spätestens, wenn dem aufgebrachten Kommissar zum zweitenmal der museale Stoßseufzer "Himmel, Arsch und Zwirn" entfährt. Und geradezu rührend mutet es an, daß Martin gern mit eingestreuten Heine- und Schiller-Zitaten den Bildungsbürger herauskehrt - während es in den Krimis seiner um Jahrzehnte jüngeren Rivalinnen von "Wichsern" wimmelt, denen die unerfüllbare Aufforderung "Fick dich selbst!" zuteil wird.
Als Hansjörg Martin 1962 seinen ersten Krimi schrieb, hatte er bereits ein Dutzend Kinderbücher veröffentlicht, die ursprünglich nur Vorlesestoff für seine eigenen Sprößlinge abgeben sollten. Den Sprung zum Krimi wagte er erst, als er ein Inserat des Goldmann-Verlags las, in dem die Veröffentlichung der besten Manuskripte in Aussicht gestellt wurde.
Nach dem großen Anfangserfolg der "Gefährlichen Neugier" veröffentlichte Rowohlt Martins nächste Titel. Ein Taschenbuch-Thriller kostete damals 1,90 Mark, und dem Autor wurden gerade fünf Prozent vom Verkaufspreis eingeräumt; er erhielt also für jedes verkaufte Buch ganze 9 Pfennig. Als die Druckauflagen dann steil anstiegen, veränderten sich die Bedingungen erheblich zu seinen Gunsten.
"Aber Hansjörg Martin hat sich leider zu sehr auf seinen Lorbeeren ausgeruht", gibt Bernd Jost zu bedenken, der als Herausgeber der Rowohltschen Thriller-Reihe den einstigen Star-Autor über zehn Jahre betreut hat. "Niemand erwartet von ihm einen Fäkalienjargon, wie er in seinem Groll glaubt. Er ist einfach zu wenig auf die gesellschaftlichen Veränderungen eingegangen, die sich immer in den Krimis widerspiegeln sollten."
Nein, hier werde kein verdienter Autor mit einem Fußtritt verabschiedet, betont der Verlagsmann. Nur sei eben ein Talent wie die gerade 31jährige, experimentierfreudige Rowohlt-Autorin Uta-Maria Heim ("Das Rattenprinzip") eher förderungswürdig als ein Altmeister, dem nichts Neues mehr einfalle.
Die Jungen lösen die Alten ab. Warum sollten ausgerechnet im Krimi andere Gesetze gelten als im Leben? Den deutschen Krimi-König mag es vielleicht trösten, daß sein berühmter Kollege Raymond Chandler nach Vollendung seiner sieben klassischen Marlowe-Thriller mit ähnlichen Problemen zu kämpfen hatte. "Die schärfste literarische Konkurrenz", bekannte Chandler am Ende seiner Schaffensperiode einmal, "bilden die reinen Suspense-Thriller - und die besten von ihnen scheinen Frauen geschrieben zu haben."
Hansjörg Martin "Herzschlag". Droemersche Verlagsanstalt, München; 272 Seiten; 12,90 Mark.
Von Peter Münder

SPIEGEL SPECIAL 10/1995
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