01.10.1995

Mord auf dem Campus

Wollte sie mit der detaillierten Darstellung dieses sinistren Mordszenarios vielleicht einige allzu selbstherrliche Ordinarien einschüchtern? Oder warum begann Thea Dorn ihren im Philosophen-Milieu spielenden Campus-Krimi "Berliner Aufklärung" mit dem folgenden schockierenden Auftakt:
Es war kein schöner Mord. Aber ein echter. Die Möglichkeit, daß sich Professor Doktor Rudolf Schreiner selbst in vierundfünfzig Teile zerlegt, in Gefrierbeutel verpackt und gleichmäßig auf die vierundfünfzig Postfächer des Philosophischen Instituts an der Universität Berlin verteilt hatte, konnte ausgeschlossen werden.
Diese Sätze, die in ihrer eisigen Sachlichkeit nach einem Handbuch für Gerichtsmediziner klingen, hat Thea Dorn tatsächlich noch während ihres Philosophiestudiums geschrieben. "Aber ich wollte mich mit dem Buch weder an irgendwelchen Dozenten rächen, noch hatte ich ursprünglich beabsichtigt, einen Krimi zu produzieren - das hat sich alles erst so beim Schreiben ergeben", sagt die aparte 24jährige mit den großen, nachdenklichen Augen, die an der FU Berlin inzwischen ihren Magister in Philosophie (Thema: Selbsttäuschungsmechanismen) mit Bestnote gemacht hat.
"Ursprünglich bestand mein Szenario nur aus dem Philosophischen Seminar und den dort ablaufenden Intrigen, die ich beschreiben wollte", erinnert sie sich. "Mich hat es selbst am meisten überrascht, daß aus meinem ersten Buch ausgerechnet ein Krimi wurde - aber es ist ja auch eher eine Satire und bewegt sich mehr am Rand des Genres."
In drei Monaten schrieb die junge Debütantin dann ihr Opus criminale, dessen Veröffentlichung Kenner so beeindruckte, daß sie es sogleich mit dem Ulmer Raymond-Chandler-Preis auszeichneten. Dabei zählt Thea Dorn Krimi-Klassiker wie Chandler oder Hammett gar nicht zu ihren Vorbildern, sondern Thomas Bernhard und Samuel Beckett.
Solche Vorlieben haben auch auf die philosophisch geschulte Romanheldin Anja Abakowitz abgefärbt, die herausfinden soll, wie die 54 handlichen Fleischpakete mit den säuberlich tranchierten Fragmenten des Nietzsche-Spezialisten Schreiner in die Uni-Postfächer gelangten.
Spürnase Anja verhört Koryphäen wie den Heidegger-Adepten Maier-Abendroth und Hinrich Wogner, den Schüler des legendären Philosophen Theodor W. Adorno ("Hier zeigt in aller Klarheit das Archaische sich"). Ihre Ermittlungen führen Anja aber auch ins Berliner Schwulenmilieu, in Schmuddelkneipen, Darkrooms und Schwimmbäder, in denen der Nietzsche-Forscher Schreiner früher verkehrte. (Wer möchte, kann auch in dieser Figur eine Anspielung auf eine philosophische Sphinx erblicken: auf Michel Foucault, der sich mit einer sadomasochistischen Desperado-Sexualität den Aids-Tod einhandelte.)
Mit 20 Semestern Philosophie auf dem Buckel und dezidiert lesbischen Neigungen entspricht die auf "diskursive Verflüssigung von Lebensproblemen" spezialisierte 30jährige Anja Abakowitz, Betreiberin einer "philosophischen Praxis für Lebensfragen", nicht eben dem gängigen Klischee vom Privatdetektiv. Als Fortbewegungsmittel steht ihr nicht etwa der branchenübliche Klapper-Käfer zur Verfügung, sondern ein nobler, vom elterlichen Erbteil finanzierter S-Klasse-Mercedes namens Hektor, zu dem sie eine innige Beziehung unterhält.
Anja neigt eher zum Grübeln als zum energischen Gebrauch eines Schießeisens: Beim Anblick der blutigen Plastikbeutel sinniert sie darüber, ob die in den Postfächern plazierten Professorenfragmente vielleicht das Problem der Verteilungsgerechtigkeit illustrieren sollten.
Bald kalauernd, bald eher hintersinnig, immer aber spielerisch unterläuft Thea Dorn die Genre-Regeln des "Whodunnit" und versucht sich an der Quadratur des Kreises: Den Krimi-Plot verknüpft sie mit drastischen Impressionen aus dem ledernen Submilieu, ironisch-philosophischen Exkursen sowie satirischen Spitzen gegen den Instituts-Narzißmus und verschrobene Außenseiter: "Wenn diese Irren im Foyer saßen, mußte Anja stets an die Lobby eines Pharmakonzerns denken, der seine Nebenwirkungsgeschädigten zur Schau stellt."
Einen derart unkonventionellen Umgang mit dem Genre verkraften allerdings nur wenige Kritiker. "Pathologische Kälte" warf man ihr vor und bemängelte "klischeehafte" Figurenzeichnung oder Anjas allzu enge Bindung an den hubraumstarken Hektor.
Ausgesprochen amüsiert nimmt die junge Autorin diese Kritik zur Kenntnis: "Eigentlich haben wir es bei solchen Einwänden wieder mit dem bekannten deutschen Leiden, der Humorlosigkeit, zu tun. Denn natürlich sind einige meiner Figuren überzeichnet, das liegt schließlich im Wesen der Satire. Und diejenigen, die mir so eine Art Auto-Fetischismus vorwerfen, sind wahrscheinlich selbst verklemmte Feierabend-Polierer, die ihr Vehikel inbrünstig mit Schaumbad und Politur blankwichsen."
Bei ihrem nächsten Krimi, an dem sie gerade schreibt, will sie allerdings den Plot etwas übersichtlicher gestalten. Es geht darin um Intrigen und Mordfälle unter Opernsängern, die sich auf eine "Nibelungen"-Inszenierung vorbereiten. Die Autorin wollte "noch bis kurz vor dem Abitur Opernsängerin mit einem großen Wagner-Repertoire" werden: "Doch dann machte mir eine Lehrerin klar, daß es mit meiner Stimme allenfalls für Mozart-Arien reichen würde - das war ein großer Schock für mich."
Nach ihrem Abitur gönnte sich Thea Dorn erst mal eine ausgedehnte Reise in die Antarktis und frönte dort ihrer Leidenschaft für Pinguine. Ihre geräumige Weddinger Altbauwohnung beherbergt knapp hundert dieser würdevoll-possierlichen Wesen.
Da stehen antike Holz-Pinguine aus Thailand neben sächsischen aus Porzellan und verstaubten Stoff-Exemplaren mit dem bekannten Knopf im Ohr. Als sich die Autorin vor einigen Monaten auf dem Weddinger Bezirksamt ihr literarisches Pseudonym Thea Dorn offiziell in den Personalausweis eintragen ließ, hatte sie einen der kleineren Pinguine mit dabei. "Doch die haben sich da weniger über meinen komischen Vogel gewundert als darüber, daß im Wedding überhaupt noch Künstler wohnen."
Warum sie ausgerechnet Thea Dorn als Pseudonym wählte? "Als eingefleischter Adornitin blieb mir doch kaum eine andere Wahl, als mich so bei Theo für seine erhellenden Geistesblitze zu bedanken."
Thea Dorn "Berliner Aufklärung". Rotbuch Verlag, Hamburg; 160 Seiten; 16,90 Mark.
Von Peter Münder

SPIEGEL SPECIAL 10/1995
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