01.10.1995

Der Heiland und sein Kommissar

Wann, Knellwolf, wollten Sie letztmals einem Menschen ans irdische Leben? Ach, gar manchem, versenkt sich Ulrich Knellwolf, Pfarrer an der Predigerkirche zu Zürich, in die eigene Mördergrube, ach, manchem habe er im Laufe seiner Zeit, gütiger Gott, den Meucheltod herzhaft herbeigesehnt. Nie für lange zwar, nur temporär. Zuletzt jener unbekannten Dame, die just bei den Pianissimi des Zürcher Tonhallen-Orchesters Zuckerzeug aus Cellophan zu brechen pflegte.
Knellwolfs Teufelei sah vor, die Terroristin in der Hinterreihe mit ihrer eigenen Waffe zu entseelen, kraft vergifteter Kräuterbonbons, deren erlösende Wirkung, "wegen der zu erwartenden Röchelei", sein Werk erst nach drei Stunden krönen würde. Dann nämlich wäre die Klassik, der Knellwolf so leidenschaftlich lauscht, bereits verklungen und der Täter längst ins Pfarrhaus entschlüpft.
Seine Mordslust erst machte dem Schweizer Berufschristen die letztjährige Musiksaison erträglich. Noch sind ihm die Feinheiten des ersponnenen Giftanschlags nicht ins Notebook gerutscht. Denn Dr. theol. Ulrich Knellwolf verfaßt, wann immer er dazu kommt, außer Predigten Kriminalliteratur.
Das eine, reklamiert er, habe mit dem anderen intimst zu tun. "Die Geschichten, die ich schreibe, sind Übungen. Proben für meine Predigten." Das Amt der Verkündigung gehöre, wie Luther weiland sinnierte, nicht auf die Kanzel, sondern auf den Markt. Und was dort bestehen wolle, müsse, ohne sich anzubiedern, von packender Weise sein. Knellwolfs Anspruch ans eigene Amt hat sich in des Pfarrers kleinem Sprengel herumgesprochen. In seiner Predigerkirche sitzt man enger als in anderen Tempeln der Stadt. Predigt Knellwolf, stockt den Brüdern und Schwestern in Christo der Atem. Knellwolf redet in Geschichten. "Erzähle ich", spricht er die Formel, "öffne ich. Argumentiere ich aber, schließe ich aus."
Bodennah gaben sich Gott und die Welt bereits in Knellwolfs erstem Krimi, einem Roman über Kirche und Moral, im April 1992 erstmals verlegt, seither allein in der Schweiz 10000mal verkauft, "Roma Termini". Zwecks Erkundung der Ortsüblichkeit hatte der Zürcher Protestant für die Dauer von drei Wochen das ewige Rom beschlichen, hatte im Schatten des Heiligen Stuhls notiert, was sicht- und ahnbar war.
"Roma Termini": Einzig anständiges Wesen ist der Ganove Renato Bernhard, ein konfessioneller Zwitter, der, wenn''s ihm nützt, beiden christlichen Lagern als Priester dient, im übrigen aber mit Waffen handelt, Drogen vermittelt, Geld wäscht. In Knellwolfs Abrechnung übertreffen sich katholische Finsterlinge in ihrer Machtgier, protestantische in ihrer Naivität. Da gelobt eine Eminenz namens Paternostro in höchst diesseitiger Manier: "Wenn Sie etwas ausplaudern, brechen wir Ihnen das Genick." Er habe, sagt Pfarrer Knellwolf, Arrangeur des Bösen, von allen Figuren des Romans etwas in sich. ",Roma Termini'' war ein theologisches Experiment, der Versuch, zwei Themen, die mich umtrieben, unters Volk zu bringen: die Kirche als Macht - und ihr moralischer Untergang."
Daß Pfarrer Knellwolf dabei nicht den Weg der Abhandlung ging, gründet in seiner Kindheit. Das Leben, damals, geschah geschichtenweise. Da war das Tischtuch, das sonntags unter den Tellern lag, nicht bloßes Textil. Das Leinen, aus dem es gewirkt war, hatte der Urgroßvater mit eigenen Händen an ganz bestimmter Stelle gepflanzt.
So sehr war jedes Ding im Hause Knellwolf mit einer Legende beladen, daß das Kind fähig war, selbst den unbekannten Kirschbaum zu beschreiben, der vor Urzeiten hinter einer Scheune gewachsen war und später das Holz für jenen Schrank hergab, der seit Jahrzehnten im Nebenzimmer stand.
"Die Arbeitsweise eines Jeremias Gotthelf", sagt Knellwolf, "jenes bücherschreibenden Theologen aus dem 19. Jahrhundert, der seine bäuerische Welt in Romane faßte, liegt mir unendlich näher als jede Analytik." Folgerichtig dissertierte Ulrich Knellwolf, längst examinierter Pfarrer, an der Theologischen Fakultät der Universität Zürich mit einer Arbeit über "Gleichnis und allgemeines Priestertum. Zum Verhältnis von Predigtamt und erzählendem Werk bei Jeremias Gotthelf." Das war 1990.
Zwei Jahre später erschien der Höllenroman "Roma Termini", Knellwolfs Tatbeweis dafür, daß selbst Göttliches, soll es uns Sünder erreichen, unterhalten muß. Was er da treibe, vernahm der Pfarrer aus dem Zirkel seiner geistlichen Kameraden, nicht direkt, nur andeutungshaft und auch nicht von allen, sei verwerfliches Allotria.
Knellwolfs zweite Tat, "Tod in Sils Maria", brach sich ihre blutige Bahn nicht mehr in den christlichen Kirchen. "Als er in dieser Nacht wach im Bett lag, beschloß Schlegel, Sir Geoffrey umzubringen ... Nach einer Woche ergab sich die Gelegenheit."
Wo, Herr Pfarrer, bleibt da die Erbauung?
Ulrich Knellwolf wiegt sein schweres Haupt. In seiner Trutzburg, dem Pfarrhaus hoch über der sündigen Zürcher Altstadt, wo Huren und Drogen die Besitzer wechseln, holt er zur Antwort aus: "Bei Georges Simenon habe ich mehr über die Sünde erfahren als in den theologischen Werken, die ich mir zuführte. Bei Graham Greene habe ich mehr über die Kirche gelernt als in jeder Ekklesiologie-Vorlesung." Auf solcher Grundlage schickt der Kleriker Knellwolf den Rechtsgelehrten Schlegel in einer seiner "13 üblen Geschichten", die alle im Engadin spielen, zur properen Schandtat aus. Eifersüchtig auf den Geliebten der Tochter, lockt Schlegel Sir Geoffrey, alt, britisch und sehr reich, ins tödliche Schneegestöber. Ein harmloser, alltäglicher Weltuntergang in Schweizer Alpenpracht. "Sir Geoffrey wurde gefunden, ein Sack voll zerschlagener Knochen und schrecklich entstellt."
"Moral", sagt der Pfarrer, "hat in meinem Beruf keine zentrale Funktion." Die Kirche sei nicht primär da, das Böse zu ersticken. Eher sei sie berufen, die Welt post peccatum zu verhandeln. Als Rechtsanwalt Schlegel, nachdem er ein Mörder geworden ist, zur Tochter aufbrechen will, um die Einäscherung seines Opfers mitzuerleben, erreicht ihn ein Fax. "Mein geliebter Papa. Ich danke Dir, daß Du für mich ein Problem gelöst hast, ich war sicher, daß Du es tun würdest."
Auf den Rohstoff seiner Geschichten, schätzt sich Knellwolf glücklich, stoße er schon vor der Haustür.
Der Engadiner Barmann Camillo, der allabendlich sein Genie an den "Drink des Tages" vergeudet, serviert einem Stammgast, der sich über das Gesöff beschwert, eine neue Mixtur. Dem Manne schmeckt''s. Am nächsten Morgen tragen zwei Männer einen Sarg aus dem Haus, und Camillo, der Barkeeper, schreibt den Namen seiner neusten Erfindung auf eine Tafel: "Camillo''s Secret".
Walter läßt Esther, als zwischen ihm und ihr ein Schneebrett abreißt, in den Lawinentod fahren. "Gegen elf Uhr abends konnte er sich endlich in sein Zimmer zurückziehen ... Er nahm das Buch und schlug es dort auf, wo er am Abend vorher aufgehört hatte zu lesen."
Mörder wie du und ich.
"Wer von uns", setzte der evangelisch-reformierte Pfarrherr Knellwolf, Mann einer Ehefrau, jüngst zur Gegenfrage an, als er in tiefer helvetischer Provinz sich dem Motto "Mord ohne Strafe, wo bleibt da die Sühne?" stellte, "wer von uns hat noch nie mit dem Gedanken gespielt, die eigene Frau, den eigenen Mann umzubringen?" Ein Murren ging durchs Kirchgemeindehaus von Pfäffikon, schließlich befreite sich eine Dame: "Wo bleibt da die innere Kraft, Herr Pfarrer?"
Knellwolfs 13 lauschige Niederträchtigkeiten gefallen in der Schweiz so sehr, daß sie mittlerweile in die achte Auflage gehen, ein großer Erfolg in einem kleinen Land.
Der Pfaffenbonus, Herr Pfarrer?
Knellwolf knittert das Gesicht. Letztlich, so seine These, überdauere im Kriminalstoff, ob priesterlichem Gehirn entsprungen oder gewöhnlichem, ein theologisches Weltbild. "Hüben wie drüben, in Krimi wie Kirche, geht es um Schuld und Sühne, Gerechtigkeit und Gnade."
Es wundert den Pastor Knellwolf nicht, daß ein Theologe wie Karl Barth seine Englischkenntnisse aus den Kriminalgeschichten von Dorothy Sayers bezog; daß umgekehrt der englische Spötter Gilbert K. Chesterton den Father Brown durch alle menschlichen Gemeinheiten schickte; daß Greene und Dürrenmatt ihre Schwäche für Theologisches kriminaliter auslebten.
"Die zentrale Geschichte des Neuen Testaments, der Gerichtsprozeß von Jesus, der Verrat des Petrus, der feige Pilatus, die korrupte Justiz, die Hinrichtung eines Mannes, der behauptet, anders, göttlich, zu sein, das Verschwinden der Leiche, dies alles sind klassische Elemente des Genres."
So knurrt Knellwolf am Ort seiner Verbrechen. 121fach steht Luther im Gestell, die sogenannte Weimarana, Martin Luthers zu Papier geronnenes Denken, 1883 angefangen, noch immer unvollendet. Knellwolf hat sich die Pretiose vor Jahren geleistet, anstelle eines neuen Autos. "Und umgekehrt", lehrt er, "ließe sich die Figur des guten Kommissars, der eine Welt zusammensetzt, die das Böse in Teile schlug, als säkularisiertes, also verweltlichtes Gottesbild deuten."
Feriengast Vontobel wundert sich, daß seine Tochter Erna seit Jahren auf einem Urlaub im Engadin beharrt. Eines Tages entdeckt Vontobel, den Feldstecher vor Augen, einen Wilderer und verrät den Mann der Polizei. Es ist Caflisch, der Skilehrer der Tochter. Mehr als ihr Skilehrer. "Ernas Augen waren gelb vor Haß, wie die Augen der Steinböcke. Vontobel sah, daß sie die Jagdflinte auf ihn gerichtet hielt, und nun hörte er einen Schuß. Hörte er ihn noch?"
"Die ganze Bibel", führt der Prediger, der nicht predigt, sondern erzählt, ins Treffen, "beginnt mit dem Sündenfall, dem Nukleus eines jeden Kriminalstoffes. Das Paradies dauert bis ins dritte Kapitel der Genesis. Dann beginnt die menschliche Verstrickung." Er schweigt. Schließlich grunzt er aus grauem Bart: "Dann erst wird doch das Leben spannend."
Burger, von seiner Partei gerade zur Kandidatur für den Regierungsrat ermuntert, schaut sich um und erkennt Lola, die schlagfeste Hure von einst, Handschellen, Peitschen, Blut, Lust. Nichts schadet Burger jetzt, Wochen vor der Wahl, mehr als die Vergangenheit. "Er mußte mit Lola reden. Sie zu einem Spaziergang einladen. Bis zur Brücke über den Inn, und sie dann hineinstoßen." Die Hure steht auf, die Elende rauscht näher, Burger ist verloren, dann segelt sie an ihm vorbei, schaut ihn nicht an, hinterlegt beim Concierge einen Zettel. "Keine Angst. Morgen vormittag reise ich ab."
"Was ist denn mit Dir los?" erkundigte sich seine Frau. "Wohl ist mir. Eben wie in den Ferien", gab Burger zurück.
Knellwolf, was leben Sie aus bei Mord und Hinterlist?
Wahrscheinlich, sucht Knellwolf die Antwort, widersetze er sich mit seiner Passion für die menschliche Missetat der Biederkeit aller Kirchen. Sei ja auch ein furchtbar irritierendes Thema, dem die Geistlichen der Welt sich hingäben, diesem Rätsel, das die Sprache Gott nenne und das angeblich befugt sei, über Leben und Tod zu entscheiden. "Ja", redet er sich zu, "ich kompensiere den Kleinmut der Kirche." Mit Trivialliteratur! Hier und hiermit stolz erklärt! Trivial komme von trivium, Dreiweg, Straße, Treffpunkt, Leben.
Denn Himmel und Hölle, glaubt der Pfarrer an der Predigerkirche zu Zürich, seien nicht anders zu erklären als mit dem Balsam des Trivialen. Und erst recht nicht die Erde, dieser Sündenpfuhl.
Ulrich Knellwolf "Roma Termini". Fischer Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main; 240 Seiten; 14,90 Mark. "Tod in Sils Maria". Arche Verlag, Zürich; 136 Seiten; 29 Mark.
Von Erwin Koch

SPIEGEL SPECIAL 10/1995
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