01.10.1995

Trutzig an der Grenze

Wer will das lesen?" Die "bange Frage" stellt Herausgeber Manfred Jochum, Radioredakteur beim ORF, in seinem Vorwort zu den gesammelten "Reden über Österreich" - das, so der Vorwand für das Büchlein, 1995 den 50. Jahrestag der Zweiten Republik beging, 1996 gar tausend Jahre alt sein will.
Gute Frage. Aus rund "hundert Intellektuellen" hat die Wissenschaftsredaktion des ORF-Radios 16 Autoren erwählt, wobei erkennbar König Zufall das Los bestimmte. Sie brachten Texte ein, die dem einschlägig vorbelasteten Leser alpenländischer Geistesprosa seltsam vertraut erscheinen, ebenso die Zitate, mit denen die über das Land "Nachdenkenden" (Klappentext) ihre Thesen stützen: goldene Worte von Musil und Freud, Grillparzer und Karl Kraus - nichts Neues vom Donaustrand.
Banalitäten wie "Österreich ist nicht gleich Österreich" des durchaus verdienten Innsbrucker Politologen Anton Pelinka oder stilistisch Grausliches wie der Superlativ "Das Banausischste" des mehrfach preisbedachten Schriftstellers Robert Menasse schmälern das Lesevergnügen über die mannigfachen Befindlichkeiten beim Nachbarn.
Auffallend auch, daß brisante Probleme bloß mal am Rande angesprochen werden - etwa Ausländerhaß und eine daraus resultierende Gesetzgebung, die von der Weltflüchtlingsorganisation als eine der fremdenfeindlichsten unter allen Demokratien bewertet wird.
Allzu vertraut schließlich die rhetorische Frage der älplerischen Allzweckfeder Günther Nenning nach der Existenz einer "österreichischen Literatur", die, wie zeitlebens beim nimmermüden Über-sich-selber-Schreiber Nenning, flugs zur egozentrischen Selbstdarstellung wird: dutzende Male "ich, meine, mich, mir" auf zehn Buchseiten, den Pluralis majestatis "wir" gar nicht mitgezählt, lassen tatsächlich rätseln, wer das wohl immer noch lesen will.
Daß der rechtspopulistische Möchtegern-Messias Jörg Haider, vom kärntner-slowenischen Autor Janko Messner - der sich mehr in Nikaragua als in Österreich zu Hause fühlt - zu "Jot-Ha" verkürzt, durch etliche Beiträge geistert, spiegelt den realpolitischen Zustand der Alpenrepublik.
Deren herrschende Parteien kommen kaum mehr vor. Wie zunehmend von den Wählern, werden sie auch von den Autoren ignoriert. Das alte Kulturland selbst ist übrigens nach Meinung des Anti-EU-Streiters Alois Brandstetter de facto bereits zum "Standort Österreich", einer unbedeutenden Brüsseler Provinz, verkommen.
"Erdäpfelsalat bleibt Erdäpfelsalat" - mit diesem trutzig an der Grenze gen Deutschland plakatierten Slogan persifliert der in seiner Heimat als unbelehrbarer Stalinist verdammte Bildhauer Alfred Hrdlicka die "Haßliebe" seiner Landsleute zum großmächtigen deutschen Nachbarn, die nun auf die gesamte EU übertragen werde.
Österreicher zu sein sei eine "herausragende Lebenschance", gibt sich dagegen der Kabarettist Werner Schneyder überzeugt. Er nennt zwei gute Gründe für den somit berechtigten "Nationalstolz" der Österreicher: "Wir könnten Deutsche sein, wenn wir wollten. Aber wir wollen nicht. Die Deutschen wären froh, wenn sie Österreicher sein könnten. Aber sie können nicht."
Eine ganz und gar unbestreitbare "Erfolgstory" seines Heimatlandes steuert der Wirtschaftsjournalist Horst Knapp bei: Von einem Volk, das zu denen zählte, die "dem Hungertod am nächsten sind" (so 1946 der Generaldirektor der Welthilfsorganisation Unrra, La Guardia), hat sich der Kleinstaat zu einem ständigen Mitglied des "reichsten Dutzends" unter den gut 200 Ländern dieser Welt gemausert.
Vielleicht sagt das mehr über den Nachbarn als alles pseudoliterarische Gscheiteln über Österreich.
Manfred Jochum (Hrsg.) "Reden über Österreich". Residenz Verlag, Salzburg und Wien; 210 Seiten; 42 Mark.
Von Siegfried Kogelfranz

SPIEGEL SPECIAL 10/1995
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