01.10.1995

Der Löwe von Hannover

Ohne die traditionsbewußten sozialdemokratischen Stadtväter, die Plätze und Straßen nach ihm benannten, wäre nicht nur seine Person, sondern auch sein Name wohl längst weithin in Vergessenheit geraten.
Nun versucht der Fernsehjournalist Peter Merseburger, die Erinnerung an den ersten SPD-Chef nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu beleben und seine Rolle in der deutschen Politik nachzuzeichnen: "Kurt Schumacher - Der schwierige Deutsche".
Anders als die Oberoppositionsräte von heute polarisierte der Sozialdemokrat die Gemüter wie nach ihm nur der CSU-Chef Franz Josef Strauß. Der flammende Prediger der Demokratie, der die Konzentrationslager der Nazis überlebt hatte, beherrschte seine Partei ähnlich wie der Bayer die CSU: Seinem überragenden Intellekt, seiner Autorität war in der SPD niemand gewachsen.
Damit wurde Schumacher freilich zum tragischen Helden seiner Partei. Denn er hatte sie, wie sich nach seinem Tode im Jahre 1952 herausstellte, in politische Sackgassen geführt, aus denen sie erst viele Jahre später nur unter großen Mühen wieder herausfand.
Nach Machiavelli ordnet Merseburger den Sozialdemokraten dem Typus des Löwen zu: wortgewaltig und mitreißend. Er zeichnet das Bild eines Charismatikers, der sein Publikum in Bann schlägt. Aber er läßt auch einen britischen Besatzungsoffizier zu Wort kommen, der in Schumacher vor allem den von Ehrgeiz und Sendungsbewußtsein verzehrten Politiker sieht.
Da war Schumachers großer Widerpart Konrad Adenauer, der mit seiner List und Geduld eher dem Fuchs ähnelte, ganz anders. Dem unnachgiebigen und hochfahrenden preußischen Protestanten stand der schlaue und bedächtige rheinische Katholik gegenüber. Den Zweikampf entschied der Fuchs für sich.
Exemplarisch ist schon das erste persönliche Zusammentreffen der beiden im März 1946. Schumacher sieht sich als ausgewiesenes Nazi-Opfer und Vertreter der ehrwürdigen Sozialdemokratie moralisch hoch überlegen. Offen verlangt er, als junge Partei müsse die CDU den Führungsanspruch der SPD in Deutschland anerkennen; die Sozialdemokratie verfüge nicht nur über die längere demokratische Tradition, sondern sei und bleibe die größte Partei Deutschlands.
Der 70jährige Patriarch aus Köln läßt den nahezu 20 Jahre Jüngeren aus Hannover kühl abblitzen: Diese Frage solle doch besser der Wähler entscheiden. Als in der Nacht zum 15. August 1949 die Ergebnisse der Wahl zum 1. Deutschen Bundestag bekanntwerden, ist Schumacher widerlegt: Mit acht Sitzen Vorsprung gewinnt Adenauer.
Das hält den SPD-Chef freilich nicht davon ab, als Preis für eine Große Koalition unter anderem die Sozialisierung der am Beginn eines Booms stehenden deutschen Wirtschaft zu fordern. Adenauer paßt dies ins Konzept.
Denn der wünscht keinerlei Zusammenarbeit mit den für ihn stets suspekten Sozialdemokraten; er kann seine Parteigremien mit Hinweis auf das Sozialisierungsbegehren der Sozis rasch auf eine bürgerliche Regierung einschwören. Erst Jahre später, 1966, gelang den Sozialdemokraten der Sprung in die Bundesregierung: als Juniorpartner unter CDU-Kanzler Kurt-Georg Kiesinger.
Weichenstellungen für die Zukunft verpaßt Schumacher auch, als er die von Ludwig Erhard betriebene Wirtschaftsreform ablehnt; eine freie Wirtschaft, so sein Credo, müsse zum Chaos führen. Wie der SPD-Wirtschaftsexperte Karl Schiller später rückblickend sagte, plädierte Kurt Schumacher für "eine wenn auch modifizierte Verlängerung der Kriegswirtschaft".
Nach dem Ende des Krieges hatte Adenauer einen deutschen Bundesstaat vorgeschlagen, nach Schumachers Meinung eine "reichsgefährdende" Idee: "Wir wollen doch gerade ein starkes Reich." Er kämpft gegen die Westintegration der Bundesrepublik, weil sie die Wiedervereinigung gefährden müsse, und gegen westdeutsche Truppen, weil den Deutschen die militärische Gleichberechtigung vorenthalten werde.
Und er tut dies in einer Diktion, die aus den letzten Jahren Weimars stammt und keinen Anklang in einem Volk findet, das nach Krieg und Jahren der Entbehrung endlich in Ruhe ein besseres Leben genießen will. So nennt er die katholische Kirche eine "fünfte Besatzungsmacht" und beschimpft Adenauer im Bundestag als "Kanzler der Alliierten".
Die Alliierten begegnen dem renitenten Deutschen mit zunehmender Distanz. Den Franzosen erscheint er geradezu als Verkörperung des bösen Preußen. "Zwischen Hitler und ihm", so wird Schumacher vom sozialistischen Staatspräsidenten Vincent Auriol verleumdet, "gibt es keinen Unterschied, außer daß er nicht blutgierig ist."
Gründlicher als von jenem Genossen im Elysee-Palast konnte Schumacher kaum mißverstanden werden. Der geschundene Mann, der als Kriegsfreiwilliger 1914 den rechten Arm verloren hatte und später als Folge einer Thrombose auch noch das linke Bein einbüßte, war ein leidenschaftlicher Demokrat; die braune Diktatur bekämpfte er ebenso kompromißlos wie die "rotlackierten Faschisten" in der Sowjetzone. Undiplomatisch offen, jedem taktischen Ränkespiel abhold, vertrat er seine Meinung - ohne Rücksicht auf die Folgen seines Freimuts.
Merseburger hat eine Fülle von Material über die Geschichte der SPD und den Werdegang Schumachers zusammengetragen - bis hin zu der Mitteilung, daß zur Zeit von dessen Geburt vor genau hundert Jahren Schumachers westpreußische Heimatstadt Kulm 11000 Einwohner zählte, von denen mehr als die Hälfte Polnisch und 4300 Deutsch als Muttersprache angaben. Den politischen Werdegang des Sozialdemokraten zeichnet der Autor ausführlich nach, doch der Mensch Schumacher bleibt dabei seltsam blaß. Ein bißchen mehr über die private Seite des homo politicus hätte dem Buch gutgetan.
Hans G. Stephani
Peter Merseburger "Der schwierige Deutsche - Kurt Schumacher". Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart; 544 Seiten; 58 Mark.
Von Hans G. Stephani

SPIEGEL SPECIAL 10/1995
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