01.09.1995

Erinnerungen an die JugendEin Strauß Edelweiß

Das Ende der Kindheit: Erste große Liebe in Kärnten / Von Gregor von Rezzori
Was es heißt, verliebt zu sein, wußte er von frühauf. Wenn er für wahr nehmen konnte, was man ihm von seiner Kindheit erzählte, so war er kaum fünf oder sechs Jahre alt, als er in leidenschaftlicher Liebe zu seiner Reitlehrerin entbrannte. Sie hieß Litta - eine Koseform von Melitta, wie man ihm sagte - und half ihm, die Scheu vor dem gebißkauenden Maul des Ponys zu überwinden, das er selbst in die Reitbahn führen mußte, bevor sie ihn in den Sattel hob und an der Longe in Schritt, Trab und Galopp lehrte, sicher im Sitz und leicht in der Hand zu sein.
Er mochte weder das Pony noch die Reitstunde; aber alle seine Geschwister hatten früh zu reiten angefangen, er durfte als der Jüngste nicht zu sehr ins Hintertreffen geraten, und er liebte Litta, das war ein offenes Geheimnis, alle Welt machte sich lustig darüber. Sie war die Tochter von Freunden seiner Eltern und betrieb ihren Reitstall aus Pferdepassion, und ihr Bild stand fest in seiner Erinnerung: blond, vollbusig in ihrer weißen, am Hals mit einer schwarzen Krawatte geschlossenen Bluse, mit leicht vorbissigen Schneidezähnen und einem prallen Hintern in schwarzen Reithosen über den hohen Stiefeln.
Wenn er in späteren Jahren erotische Fotos von gestiefelten, peitschenschwingenden Lustgefährtinnen in enggeschnürten Miedern sah, dachte er mit Wärme zurück an Litta als eine muttermilchsüße ländlich-hausbackene Spielart der "strengen Herrin", zunächst äußerlich, aber auch durch die frühe Erfahrung des zwiespältig aus Pein und messerscharfer Wonne gemischten Gefühls der Schmach.
Er erlitt es nicht nur durch die oft grausamen Hänseleien ihretwegen, sondern auch durch ein sozusagen metaphysisches Zurückgesetztsein: Sie war 19 Jahre alt, ein Vorsprung an Lebenszeit, den er unmöglich aufholen konnte; niemals würde er sie als seine Braut heimführen können. Zeit seines Lebens sollte die Zahl 19 unverzüglich in ihm die Vorstellung von Prallheit, Zahnigkeit und Hinfälligkeit heraufbeschwören. Das war eingebrannt in ihm mit der Erinnerung an eine schmähliche Episode: Einmal, als Litta ihn lobte, weil er ordentlich auf seinem Gaul gesessen war und nach der Übung sich nicht gescheut hatte, ihm ein Stück Zucker auf der flachen Hand hinzuhalten, war er hinter die Reitbahn gegangen, hatte dort in Ermangelung üppiger Blumenpracht einen Strauß aus Kamillen und Gänseblümchen zusammengepflückt und ihn klopfenden Herzens Litta überreicht.
Seine Geschwister hatten das beobachtet. Die fröhliche Horde, die wie ein Pack Stöberhunde auf gegenseitige Schwächen aus war, fiel johlend über ihn her. Er griff sie an, stieß und trat und kratzte und biß; aber sie waren älter, stärker und in Überzahl. Sie hielten ihn fest, und eine von den Schwestern tanzte mit einem der Brüder zu aller Freude und seiner ohnmächtigen Wut eine Schäferszene mit verliebter Blumenüberreichung und kokett verschämter Entgegennahme vor; und nicht nur seine Eltern, sondern auch - oh Bitternis! - Litta hatten dem erheitert zugeschaut.
Indes, er hatte bald Trost. Eine Terrierhündin hatte geworfen, und einer von den Welpen kam, noch blind, zu ihm gekrochen und wedelte sich fortan stürmisch an ihn heran, wann immer er in die Nähe kam. Die Liebe des kleinen Tiers zu ihm war so unbedingt, daß er sie bald erwiderte. Herr und Hund blieben unzertrennlich, spielten miteinander, schliefen im selben Bett, teilten jeden besonderen Bissen; einer war ein Teil des anderen. Wenn man ihn fragte: "Wen hast du lieber, deine Eltern und Geschwister oder deinen Hund?" antwortete er ohne zu zögern: "Meinen Hund. Er kann nicht spotten und nicht lügen."
Und so wuchs er heran. Die innige Verbundenheit mit dem vierbeinigen Gefährten hinderte ihn freilich nicht daran, sich unablässig wieder zu verlieben. Die Gegenstände dieses schwelenden Bedürfnisses wechselten. Es konnte eine Freundin seiner Schwester sein oder schlichthin ein Bild in einer Zeitschrift, die Heldin eines Buches, eine im Vorübergehen erschaute elegante Dame, sogar nur ein zufällig aus einem Gespräch aufgefangener Name oder ein ähnlich abstrakt in seine Phantasie eingepflanztes Traumgeschöpf.
Mit ihnen dachte er sich Liebesgeschichten aus, die sich bedenklich ähnelten und schon die Essenz späterer Wirklichkeiten enthielten, als er die Liebe an konkreten Gegenspielerinnen in Fleisch und Bein und feiner Haut und schönen Augen und kußbereiten Lippen kennenlernen sollte. Es blieb bei der Unerfüllbarkeit des eigentlichen Begehrens. Er war und blieb ein Sentimentaler, und das ist ein Menschenschlag, der mit seinem Übermaß an Gefühl sich selber und den anderen viel Leid zu bereiten imstande ist.
Später, in abgeklärten Jahren, nannte er diese prophetischen vorpubertären Tagträumereien "perfekte Dienstmädchenromane" und nach einem alten Kalauer "von der Dramatik von O-Beinen: erst heben sie sich, dann gehen sie auseinander und schließlich finden sie sich wieder". Nach anfänglichem Glück kam es zu irgendeinem Zerwürfnis, etwa durch ein Mißverständnis, das einer schwierigen Aufklärung bedurfte, oder durch eine Verleumdung, eine Böswilligkeit oder einen unglücklichen Zwischenfall, der ihn schuldlos in ein schlechtes Licht bei der Geliebten brachte.
Es war in den Jahren, in denen der Film seinen stürmischen Aufschwung nahm, und während er Lya de Putti, Clara Bow und Pola Negri liebte, variierte er deren Leinwandromanzen mit sich als jeweiligem Partner; und als gäbe es bei Liebesgeschichten grundsätzlich kein anderes Konzept, hielten auch die sich an den gleichen Verlauf des Einander-Verlierens und -Wiederfindens und täuschten darüber hinweg, daß mit dem triumphalen Kuß am Ende nichts zu Ende war, sondern nur der Auftakt zu einem weniger erfreulichen Fortgang gegeben.
Die Täuschung gelang um so vollkommener, als es in jenen Kinomärchen ebenso jungmädchenhaft keusch zuging wie in seinen erträumten. Denn anders als heutzutage war damals der Film eine sittliche Anstalt von strengen viktorianischen Prinzipien, selbst das durch beschleunigte Atmung sichtbar gemachte Gefühl von Leidenschaftlichkeit allein war verrucht, von geschlechtlicher Erregung war nirgendwo die Spur, und so blieb denn auch der Begriff "Liebe" getrennt von dem, was ein Heranwachsender durch ältere Geschwister und Schulkameraden in Zoten und erhitzten Schilderungen als andere Möglichkeit des intimen Umgangs mit dem anderen Geschlecht erfuhr.
In seinen Tagträumen kam es niemals zu dem genierlichen Unterwäschegefummel, von dem die etwas weiter fortgeschrittenen Altersgenossen schwärmten, um so inniger waren die Umarmungen und unstillbar durstig die Küsse - rückblickend sagte er davon sarkastisch: "Es war, als wäre ich über das freudianische Wonneludeln meiner Säuglingszeit erst hinausgekommen, nachdem ich im mütterlichen Schoß einer verständnisvollen Verwandten erfahren durfte, daß zärtliche Hingabe auch andere Wege als über die Lippen nehmen kann."
"Zugleich aber", setzte er hinzu, "kam damit die andere, bittere Einsicht, daß auch das Geschlechtliche die Unerreichbarkeit des Anderen nicht überwinden kann - ja im Gegenteil sie nur um so schmerzlicher zu Bewußtsein bringt." Wiewohl er glaubte, damit etwas Allgemeingültiges gesagt zu haben, war er bereit zuzugeben, daß es vielleicht auch die Veranlagung, die Vitalität, das Temperament des Einzelnen sein könnte, was das Muster fürs Erleben überhaupt, besonders aber fürs Erotische auslegt und dessen Verlauf bestimmt.
Ein Sanguiniker erfährt die Liebe anders als ein Melancholiker und dürfte kaum dazu neigen, sie, wie letzterer, als eine Art Krankheit aufzufassen, die einen sporadisch an Leib und Seele befällt, selbstverständlich mit zunehmendem Alter in immer größeren Abständen, aber doch regelmäßig sich ankündigend mit einer Inklinationsperiode, in der keine besinnliche Erwägung zugelassen ist und die Wahl dem Zufall überlassen - so daß irgend etwas, ein Wort, eine Geste, ein Blick, eine Nackenlinie, ein Stimmfall anfängliche Gleichgültigkeit wie ein Katalysator in plötzliches Interesse fällt, dessen Sog in alle Schlünde der Leidenschaft reißt.
Die Liebe macht nicht blind, wie es im Kernwort heißt, sie macht sehend. Der Liebende entdeckt an der Geliebten Eigenschaften, die kein anderer in gleichem Maße gesehen hat und die denn auch für kein anderes Bedürfnis zugeschnitten sind als eben das: zu lieben. Zu lieben um jeden Preis, und der ist meistens hoch.
Gänzlich anders verlief, was er später seine "eigentlich erste Liebe" nannte. Bemerkenswerterweise war deren Gegenstand denn auch keine Frau, sondern - abgesehen natürlich von seinem geliebten ersten Hund - ein gleichaltriger Knabe. Er hieß Gerfried Peternell. Kennengelernt hatte er ihn durch - ja, durch einen Seitensprung seiner Mutter. Es war so gekommen, daß sie eines Tages erklärte, sie habe die Nase voll von einem viel zu aufwendigen Haushalt mit einem halben Dutzend wildfängiger Kinder und müsse sich an einen stillen Ort zurückziehen, um für eine Weile auszuruhen.
Der Ort war ein damals weltabgelegener, das heißt kaum von sogenannten Sommerfrischlern oder gar Touristen beschwärmter See in Kärnten. Dort werde sie zwei oder drei Wochen hoffentlich ungestört hinbringen, und mitnehmen wollte sie nur ihn, ihren Jüngsten. Er fühlte sich dadurch nicht besonders ausgezeichnet. Als Nesthäkchen war er seit jeher in einer Sonderstellung, die ihm zwar gelegentliche Vorteile verschaffte, dann wieder lästig war, weil sie auch von den Seinen ausgenutzt wurde.
Und in der Tat fand er schon nach wenigen Tagen am Kärntner See heraus, daß seine Mutter ihn als Alibi mitgenommen hatte. Es blieb nämlich nicht bei ihrer Einsiedelei in dem kleinen Familienhotel, in dem sie Quartier bezogen hatten. Ein junger Herr stellte sich ein und als Bekannter vor, nur allzu durchsichtig überrascht vom "zufälligen Aufeinandertreffen", wie er's nannte - Mütterchens Erholungsurlaub ließ sie schon in den nächsten Stunden aufblühen.
Ich habe vergessen, dem kleinen Helden meiner Geschichte einen Namen zu geben. Man geht ja als Autor mit seinen Figuren in einer Vertrautheit um, die man unwillkürlich auch beim Leser voraussetzt - das kann zu Verwirrung führen. Also: Der Knabe, von dessen erster, großer und einzig glockenreiner Liebe ich berichte, hieß Ludwig und wurde in der Familie Luwi genannt, und der "zufällig" hereingeschneite Bekannte seiner Mutter, den außer ihr niemand kannte, nannte sich Johannes - ohne Nachnamen. Gleich beim ersten Treffen sagte er zu Luwi: "Wir sind doch schon so gut Freund, daß du mich nicht Herr Sowieso nennen willst. Ich bin der Johannes."
Luwi empfand das als fragwürdiges Geschenk. Denn die Freundschaft, die ihm so voreilig angeboten wurde, äußerte sich lediglich darin, daß man ihm erhöhtes Verständnis für den komplizierten Tageslauf der Erwachsenen abverlangte. Man saß zwar bei den Mahlzeiten gemeinsam zu Tisch, danach aber hieß es: "Am Vormittag hat Mami einige Besorgungen zu machen. Johannes bringt mich nach Villach. Bleib du ruhig in der Badeanstalt. Aber schwimm nicht zu weit auf den See hinaus." Oder: "Mami hat Migräne und wird sich nach Tisch ein wenig hinlegen. Wir sehen uns zum Tee." Oder: "Wenn du morgen ganz früh aufstehen willst, ist es besser, du gehst gleich nach dem Abendessen zu Bett. Mami und Johannes bleiben noch auf."
Es war die Hotelwirtin, die's nicht länger sehen mochte, daß er mutterseelenallein auf der Terrasse saß, ein Buch auf den Knien, in dem er längst nicht mehr las, und auf den See hinausstarrte, um sich schließlich träge zu erheben, zur Straße zu gehen und ziellos hinzuschreiten, gelegentlich mit einem Fußstoß einen Stein aus dem Weg räumend. Sie nahm ihn beiseite und sagte zu ihm: "Morgen kommt mein Neffe Gerfried aus dem Internat. Ich werde euch bekannt machen. Er ist so alt wie du, ihr werdet euch sicherlich gut verstehen."
Das war die Wende zu glückseligen Tagen an dem kleinen Kärntner See, den Luwi zu hassen begonnen hatte. Allein der Name Gerfried war eine Verheißung, Luwi brachte die Stunden bis zum nächsten Morgen hin, dem hellen Klang nachzulauschen. Gerfried: das war ein junger, blonder Recke, der in den dunklen Waldungen um den See die Drachen zahm in ihren Höhlen hielt. Indes war's keineswegs eine Enttäuschung, daß Gerfried dunkelhaarig war und die glatte Haut eines Südländers hatte. Das war eben der andere, ungermanische Teil seines Namens: Peternell - Luwi fand darin das Feingliedrige und Geschmeidige, das seinen neuen Spielkameraden anmutig machte. Sie reichten sich die Hände, bedankten sich bei der Hotelwirtin, daß sie einander hatten kennenlernen dürfen, und waren im nächsten Augenblick schon unterwegs zu ihren Knabenabenteuern.
Luwi sollte noch jahrelang an der Erinnerung daran zehren. Da waren Stunden, in denen sie vollkommen selbstvergessen Trittsteine für einen Bach auslegten oder auf einer Wiese im betäubenden Gesumm von Myriaden Insekten in den Kuhfladen nach Nashornkäfern stocherten oder in Gerfrieds elterlichem Obstgarten unreife Äpfel fraßen, bis sie Bauchweh hatten. Luwi brachte kaum noch einen Augenblick mit seiner Mutter und Johannes hin, er war auch zu den Mahlzeiten meistens bei den Peternells, ein ungemein glückliches Elternhaus, wie ihm scheinen wollte. Gerfried war Einzelkind und entsprechend schonungsvoll behandelt, ohne verwöhnt zu sein, der Vater ein Straßenbau-Ingenieur, ein ruhiger Mann, der viel im Außendienst stand, die Mutter eine warmherzige und humorvolle Person - für Luwi hatte das Wunschtraumcharakter.
Sie schwammen im See und linsten durch Astlöcher in den Bretterwänden der Damenkabinen, wenn sie meinten, sie könnten eine der Sommerfrischlerinnen beim An- oder Auskleiden beobachten. Sie schwätzten unablässig. Luwi erzählte von seinem Hund und den schlaflosen Stunden, wenn er nachts geträumt hatte, er habe sich verlaufen, weil er ihn suchte, und es könnte wahr sein: sie waren ja niemals getrennt gewesen, und es war nur natürlich, daß der Foxl ihn vermißte. Er sprach auch von seinen Geschwistern, schilderte sie einzeln, ihre Charaktere und seine mehr oder minder herzliche Beziehung zu ihnen. Gerfried berichtete von seinem Internat, den querköpfigen Präfekten und masturbierenden Oberkläßlern und heimwehkranken Neulingen.
Die Kleinstadt, in der die Anstalt lag, war gänzlich auf die Knaben eingestellt, es wurde gemunkelt, daß gewisse Bürgersfrauen nicht abgeneigt waren, den einen oder anderen in die Liebe einzuführen. Überhaupt waren die Mädchen vom Backfischalter bis zur Vollreife ein unerschöpfliches Thema, Luwi spekulierte, daß Litta, die 19 gewesen war, als er sie mit sechs Jahren liebte, heute, da er zwölf war, ja erst 25 sein mußte, kein so enormer Altersunterschied, wenn man's an dem zwischen Bürgersfrauen und den Internatszöglingen maß. Übrigens gab's auch hier im Ort eine Verkäuferin von angeblich lockeren Sitten im Viktualienladen - sie gingen unter einem fadenscheinigen Vorwand hin, sie zu besichtigen.
Alle diese gedankliche und imaginative Beschäftigung mit dem Sexuellen kam dem Verhältnis seiner Mutter zu Johannes nah, aber sie erwähnten es mit keinem Wort. Luwi war dankbar, daß Gerfried niemals verriet, was er davon wußte und dachte; daß er blind dafür war, konnte ausgeschlossen werden, die Umstände waren nur allzu beredt, auch durfte die Hotelwirtin vor ihrer Schwester, Gerfrieds Mutter, kaum den Schnabel gehalten haben.
Mit Gerfrieds Diskretion fand Luwi ihre Freundschaft unverbrüchlich für immerdar besiegelt. Nie sollte er einen Ausflug nach Velden am Wörthersee vergessen, zu dem seine Mutter ihn ausnahmsweise mitnahm und gleich dafür sorgte, daß er ihr und Johannes nicht zu sehr zwischen die Beine kam, indem sie ihm erlaubte, Gerfried mit einzuladen.
Die beiden Buben haßten den modischen Badeort. Während die Mutter und Johannes beim Fünfuhrtee auf der Hotelterrasse Wange an Wange und Becken an Becken tanzten, zog Gerfried den beschämten Luwi fort zum Bootssteg, mietete mit seinem Taschengeld ein Ruderboot und trödelte mit ihm so lange auf dem See herum, bis zur Heimfahrt aufgebrochen wurde. Dafür schwor Luwi seinem Freund ewig Treue. Er grübelte, wie er ihm diesen Beweis von Zuneigung und Feingefühl vergelten könnte. Wie in seinen ausgedachten Liebesgeschichten stellte er sich Situationen vor, in denen er sich für Gerfried aufopfern, ihn beschützen, um den Preis des eigenen Lebens vor tödlicher Gefahr erretten konnte.
Daß das Liebe war - Liebe, wie er sie sich erträumte -, erkannte er, als Gerfried eines Tages verschwunden war. Er kam nicht wie gewöhnlich frühmorgens, um ihn abzuholen, und blieb tagsüber verschollen, kein Warten und kein Suchen half, sein Elternhaus war abgeschlossen, Luwi umkreiste es in unsäglichem Bangen. Die Hotelwirtin versuchte ihn zu beruhigen: Gerfrieds Mutter werde ihn vermutlich zu einer Einkaufsfahrt nach Villach mitgenommen haben, ohne ihm Gelegenheit zu geben, seinen Freund davon in Kenntnis zu setzen. Und so war es auch. Noch vor Einbruch der Dämmerung kam Gerfried atemlos von der Autobusstation und - wie Ludwig in späteren Jahren es im Stile Goethes nannte - "warf sich in des Freundes Arme". Er hatte ihm aus Villach einen kleinen Strauß Edelweiß mitgebracht; sie hatten oft davon gesprochen, daß sie einmal ins Gebirge steigen wollten, um es selbst zu pflücken. Die Qual des Tages wandelte sich in Wonne.
Luwi war nie imstande gewesen, seine Gefühle zu verbergen. So kam es denn auch dazu, daß Johannes ihn vertraulich beiseite nahm und fragte: "Du hast deinen Freund sehr lieb, nicht wahr? Spielt ihr auch miteinander?" Luwi fragte verwundert zurück: "Was denn sonst? Natürlich spielen wir auch miteinander." Johannes blinzelte: "Das heißt - na, du weißt schon, was ich meine: mit euren Schnickeln und so?" Luwi glaubte nicht recht gehört zu haben. "Küßt ihr euch? Ich meine: mit der Zunge?" Luwi war nah daran, sich zu erbrechen. Der Gedanke schoß ihm durch den Kopf, daß seine Mutter in einem späten Anfall von elterlicher Verpflichtung über sein Verhältnis zu Gerfried in Sorge geraten sein und Johannes als Kundschafter ausgeschickt haben könnte. Aber das listig Schleimige in Johannes' Augen ließ ihn erkennen, daß hinter seinen ungeheuerlichen Fragen eine Art Erwartung stand. Das Schwein! Luwi empfand Mitleid mit seiner Mutter.
Er erinnerte sich später nicht mehr daran, wie er sich aus der Affäre gezogen hatte, ohne seinen Ekel allzu beleidigend zu zeigen. Aber selbstverständlich unterrichtete er Gerfried davon. "Der hält uns für schwule Brüder, und ich bin sicher, er möchte in unserem Bunde der Dritte sein." Sie lachten und scherzten tagelang darüber. Wann immer sie in Johannes' Nähe kamen, gingen sie eng umschlungen, nannten einander Schatzi und wedelten mit den Hüften. Dazwischen schmiedeten sie die unmöglichsten Ränke, dachten sich Fallen für Johannes aus, in denen er sich das Genick brechen konnte.
Und dann war Mütterchens Erholungsurlaub vorbei. Der Abschied von Gerfried verlief unter heftigem Schulterklopfen und "Alsdann!" und "Mach's gut!" und "Hüte dich vor den Wichsern im Internat!" und "Du vor Familienfreunden, Schatzi!", und dann ließ die Lokalbahn das Bild des winkenden Freundes zwischen den Lindenbäumchen auf dem Bahnsteig immer kleiner schrumpfen, bis eine Schienenbiegung es der Sicht entzog.
Während der Heimreise saßen Luwi und die Mutter Hand in Hand wie Leidensgefährten. Einmal sagte sie: "Er ist wirklich sehr lieb, dein Freund Gerfried. Ich hoffe, du hast ihn eingeladen, uns im nächsten Sommer zu besuchen." Aber es klang nicht überzeugend: Es durfte ihr kaum daran gelegen sein, andere Berichterstatter über ihren Aufenthalt am Kärntner See ins Haus zu ziehen. Luwi war stolz darauf, daß sie davon mit keinem Wort sprach, wie als setze sie voraus, daß er schweigen würde. Also nahm er auch an, daß sie wisse, wie ihm zumute war.
Jawohl, was er für Gerfried empfand, war Liebe - Liebe, wie er sie sein Lebtag lang mit jeder Frau, in die er sich verliebte, zu erleben hoffte. Es war auch sinnliche Liebe - er dachte gern an Gerfrieds schlanken Wuchs und weißzahniges Lachen zurück; aber in diesem Wohlgefallen war das Geschlechtliche ins rein Ästhetische sublimiert.
Die Essenz der Liebe war das Reine, das Leichte, Mühelose, Unproblematische: das Ineinanderschwingen der Wellenlängen des Empfindens, das gegenseitige Jasagen zueinander, das Aufeinander-Eingehen und wortlos Einander-Verstehen, das Aufmerksame und Schonungsvolle - alles, was eine Knabenfreundschaft zum Modell der reinen Liebe macht. Die Erfüllung. Das Erfülltsein mit selbstlos zärtlichem Empfinden. Natürlich konnte Luwi mit niemandem darüber sprechen - es sei denn, er hätte zu seinem Foxl sprechen können, der einer gleichen unbedingten Liebe fähig war.
Und natürlich hat er seinen Freund Gerfried niemals wiedergesehen. Was zwischen ihnen bestanden hatte, wollte er ungetrübt behalten. So liebte er seine erste wahre Liebe sein Leben lang.
Von Gregor von Rezzori

SPIEGEL SPECIAL 9/1995
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