01.12.1995

Die Musik im Lauf der Zeit

13. BIS 16. JAHRHUNDERT
Minnesänger
Die Troubadours, Trouveres und Minnesänger sind Dichter und Musiker zugleich. Ihre Lieder (Chansons, Kanzonen, Balladen) handeln von Liebe, Trauer und wichtigen historischen Ereignissen (Helden-Epen). Ausführende und Zuhörer sind Adelige, Ritter und gelehrte Bürger. Wahrscheinliche musikalische Quellen: die Lieder wandernder Spielleute und volkstümliche Gesänge.
"Under der linden an der heide, da unser zweier bette was, da mugt ir vinden schone beide gebrochen bluomen unde gras. vor dem walde in einem tal, tandaradei, schone sanc diu nahtegal."
Walther von der Vogelweide
1200
Die Orgel ist im ganzen Abendland verbreitet.
Notre-Dame
In den mittelalterlichen Sängerschulen der Kathedralen wird Musikgeschichte geschrieben. An Notre-Dame komponieren Magister Leonin und Magister Perotin ihre berühmten "Organa".
Zupfen, streichen, schlagen, blasen
Die mittelalterlichen Instrumente klingen meist hoch und hell, Baßinstrumente fehlen. Musiziert wird in kleiner Besetzung.
Der strenge Stil der Renaissance
Giovanni Pierluigi da Palestrina ist der berühmteste Musiker der Renaissance. Seine Vokalpolyphonie wirkte stilbildend ("Römische Schule"). Die Komponisten der päpstlichen Kapelle erfüllten mustergültig die Forderungen des Konzils zu Trient (1545 - 1563), vor allem die verlangte Textverständlichkeit. Palestrina ist Repräsentant dieses strengen katholischen Kirchenstils. Seine Werke (mehr als 100 Messen, über 500 Motetten, über 100 Madrigale) sind ausgewogen in der Mischung von ein- und mehrstimmigen Elementen (homophon/polyphon), gesanglich (kleine Intervalle) und nur selten durch Dissonanzen geschärft.
Martin Luther
"Ein feste Burg ist unser Gott." Auch die Gemeinde darf den Herrn musikalisch lobpreisen. Martin Luther fordert eine "singende Kirche", und 1524 erscheinen 32 Luther-Lieder im ersten deutschen "Geystlichen gesangk Buchleyn" von Johann Walter, dem "musikalischen Berater" des Reformators.
Gregorianischer Choral
Die mittelalterliche Musik beruht auf dem "Gregorianischen Choral", dem einstimmigen, liturgischen Gesang der katholischen Kirche. Entscheidend für die abendländische Musikgeschichte ist die Mehrstimmigkeit, die (wahrscheinlich) durch Improvisation entsteht. An Sängerschulen der Kathedralen wird die Mehrstimmigkeit gepflegt und von einfachen Strukturen (Organum) zu komplizierten polyphonen Geweben (etwa der "Niederländischen Schule") weiterentwickelt. Musikalische Formen sind unter anderen Motette, Messe, Madrigal. Neben der Kirchenmusik gibt es immer auch weltliche Musik, so die Tanzmusik und die Lieder der Troubadours (Südfrankreich), Trouveres (Nordfrankreich) und Minnesänger (deutschsprachig). Mit zunehmender Differenzierung der Mehrstimmigkeit wird die (ungenaue) Neumen-Notation durch die Mensural-Notation (13. Jahrhundert) ergänzt: Erstmals werden Tondauern (als Zahlenverhältnisse) in einem Ordnungssystem fixiert. Die Instrumentalmusik emanzipiert sich von der Vokalmusik.
17. UND 18. JAHRHUNDERT
Georg Friedrich Händel
(1685 - 1759) Der Großmeister des Barock und Kosmopolit feiert in London mit seinen Opern und Oratorien ("Der Messias", 1741) überwältigende Erfolge.
Ab 1600
Die ersten Opern werden aufgeführt: zwei Versionen der "Euridice" von Jacopo Peri und von Giulio Caccini.
Ein musikalischer Strom namens Bach
Heinrich Schütz prägt die Musik des 17. Jahrhunderts nachhaltig. Er studiert in Venedig (bei Giovanni Gabrieli, später bei Claudio Monteverdi) und übernimmt die dort erlernten Neuerungen in die evangelische Kirchenmusik (Mehrchörigkeit, Monodie, konzertierender Stil, Chromatik). Er ist maßgeblich am musikalischen Aufbau nach dem Dreißigjährigen Krieg beteiligt (Hofkapellen, Kantoreien) und war ein einflußreicher Lehrer. Johann Sebastian Bach versteht sich als handwerklicher, fleißiger Künstler. Sein Glauben und Denken gründet in der lutherischen Orthodoxie. Er schreibt Musik, um Gott zu ehren (am Ende seiner Partituren notiert er "Soli Deo Gloria") und zur "Recreation des Gemüths". Als Hofkapellmeister in Köthen (1717 - 1723) komponiert er überwiegend weltliche Musik (Suiten, Partiten, Ouvertüren, Konzerte). Von 1723 bis zu seinem Tod 1750 ist er Thomaskantor in Leipzig, wo er meist Kirchenmusik für die verschiedenen Anlässe des Kirchenjahres komponiert: Kantaten, Passionen, das Weihnachtsoratorium.
Bach verbindet mittelalterliche, polyphone Traditionen mit barocker Affektenlehre. Seine Werke stellen hohe Anforderungen an die Interpreten.
Bachs Dogmatik in späteren Lebensjahren (die sehr artifizielle Kontrapunktik) wirkt auf Zeitgenossen konservativ. Nach seinem Tod geraten die Werke, vor allem die Kirchenmusik, in Vergessenheit.
Felix Mendelssohn-Bartholdy eröffnet mit einer Aufführung der "Matthäuspassion" 1829 die Bach-Renaissance.
"Der Generalbaß ist das vollkommenste Fundament der Music welcher mit beyden Händen gespielet wird dergestalt das die lincke Hand die vorgeschriebenen Noten spielet die rechte aber Con- und Dissonantien darzu greift damit dieses eine wohlklingende Harmonie gebe zur Ehre Gottes und zu lässiger Ergötzung des Gemüths. Wo dieses nicht in Acht genommen wird da ists keine eigentliche Music sondern ein Teuflisches Geplerr und Geleyer."
Johann Sebastian Bach, 1738
1711
Die Stimmgabel wird erfunden.
Claudio Monteverdi
ist einer der ideenreichsten und kühnsten Komponisten der Musikgeschichte und der erste wichtige Opernkomponist. Er ersetzt die "prima pratica" seiner Vorgänger (kunstvolle Polyphonie, die Musik dominiert über das Wort) durch eine "seconda pratica": Das Wort beherrscht nun die Musik. Monteverdis Vertonungen sind stark affektbetont und entsprechend effektvoll (Tonmalerei mit Dissonanzen, Tremolo, Pizzicato). Die Partitur zu "Orfeo" ist die älteste erhaltene Opernpartitur (1607). Die harmonischen Freiheiten, die er wagt (teilweise extreme Chromatik), sind "unerhört".
Kastraten
Virtuoser, stilisierter Gesang in höchsten Tönen: Kastraten sind Stars, Farinelli ist einer von ihnen.
Architektur
Altes Opernhaus am Gänsemarkt in Hamburg (erbaut 1765, abgebrochen 1877).
Stradivari
Die besten Geigen werden in Cremona gebaut. Warum die Instrumente des Antonio Stradivari (1644 - 1737) so einzigartig klingen, ist noch heute ein Geheimnis.
1600 bis 1750: Barockmusik
Die Musik am fürstlichen Hof und in der Kirche bringt viele Neuerungen. Die Dur-Moll-Tonarten lösen die alten Kirchentonarten ab; der Generalbaß ("basso continuo") wird zum musikalischen Fundament; die Monodie (instrumental begleiteter Sologesang) etabliert sich; die "moderne" Notation (Taktstriche, zweigeteilte Notenwerte) bildet sich heraus; die Affektenlehre beherrscht das Komponieren. Gefühle werden nicht individuell ausgedrückt, sondern stilisiert dargestellt. Musik ist Wissenschaft und Kunst. Zahlen symbolisieren die Harmonie der Welt, die Musik kann diese Harmonie zum Klingen bringen. Die Tonsprache besteht aus musikalischen Figuren, die aus der Rhetorik entwickelt sind.
18. UND FRÜHES 19. JAHRHUNDERT
Joseph Haydn
Goethe ist vom Streichquartett begeistert: "Man hört vier vernünftige Leute sich unter einander unterhalten, glaubt ihren Discursen etwas abzugewinnen und die Eigenthümlichkeiten der Instrumente kennen zu lernen." In der Streichquartett-Besetzung (zwei Geigen, Bratsche, Cello) können die Musiker ihre Individualität demonstrieren. Der vierstimmige Satz stellt höchste kompositionstechnische Anforderungen. Haydn (1732 - 1809) dient mit seinen mehr als 70 Quartetten als Vorbild für ganze Komponisten-Generationen.
Wiener Klassik
Das musikalische 18. Jahrhundert steht ganz im Zeichen der Aufklärung. Die Proklamation der universalen Menschenrechte leitet eine Individualisierung ein, die sich auch musikalisch vollzieht. Die Instrumentalmusik emanzipiert sich weiter von der (geistlichen) Vokalmusik. Gleichzeitig werden die Komponisten unabhängiger von adeligen Auftraggebern.
Das bürgerliche Konzertwesen entsteht. Hat Joseph Haydn seine frühen Sinfonien in fürstlichem Dienst (Eszterhazy) komponiert, so schreibt er die späteren Werke für einen Konzertagenten (Johann Peter Salomon). "Klassisch" wird die Musik dieser Zeit genannt, weil sie "wahr" und "schön" ist, weil sie an Verstand und Gefühl appelliert, weil sie heiter, natürlich, harmonisch, wohlproportioniert und zweckfrei ist.
Die Besetzung des Sinfonieorchesters etabliert sich, das Streichquartett gelangt zu höchster Blüte, die Opera buffa mit komischen (Alltags-)Geschichten löst allmählich die aristokratische Opera seria ab. Die Gesellschaft erlebt einen revolutionären Umbruch, die Musik ebenfalls.
Charles Burney
(1726 - 1814) Der Brite schreibt eine der ersten Musikgeschichten: "A General History of Music" (4 Bände).
Jean Georges Noverre
(1727 - 1810) Der Tänzer und Choreograph entstaubt das Ballett. Statt barockem Schema fordert er Handlung und Ausdruck (Aktionsballett).
Das Genie Mozart erneuert die Oper
Wolfgang Amadeus Mozarts Beitrag zur Gattung Oper ist bahnbrechend. In den drei (italienischen) Da-Ponte-Opern "Die Hochzeit des Figaro" (Uraufführung 1786), "Don Giovanni" (1787) und "Cosi fan tutte" (1790) beweist er, wie witzig, intelligent und politisch Opere buffe sein können. "Will der Herr Graf ein' Tanz mit mir wagen" - Figaro hat den Respekt vor dem Grafen verloren, auch wenn er sich noch an die offiziellen Spielregeln hält. In "Cosi fan tutte" vertont Mozart voller Tempo und Ironie die gefährlichen, zerbrechlichen Liebschaften zweier Paare, im "Don Giovanni" zeigt er einen Edelmann, der am Ende in die Hölle fahren muß. Drei Meisteropern auch musikalisch: Die Ensemble-Szenen sind virtuos, alle Protagonisten können gleichzeitig reden, und doch klingt es harmonisch.
Auch in den ernsten Opern und in den deutschsprachigen Singspielen ("Die Entführung aus dem Serail", 1782, "Zauberflöte", 1791) zeigt Mozart seinen ganzen Einfallsreichtum.
Ludwig van Beethoven
erweitert oder ersetzt die Formen der Sinfonie (etwa das Menuett durch das Scherzo) und verfeinert die Instrumentation (Piccoloflöte, Kontrafagott). Seine Musik drückt (als Vorläufer der Programmusik) Inhalte aus.
Die 3. Sinfonie ("Eroica", 1804) komponiert er unter dem Eindruck des gefeierten Revolutionärs Napoleon (und zieht nach dessen Kaiserkrönung die Widmung entrüstet zurück). In der 5. Sinfonie ("Schicksalssinfonie", 1808) verwandelt er die düstere Motorik des Beginns (Moll) in ein triumphales, heroisches Finale (Dur). Schon die Zeitgenossen bewundern diese Kompositionstechnik. In der 9. Sinfonie (1824) bricht Beethoven endgültig mit der traditionellen sinfonischen Form. Die Sätze werden motivisch verklammert, das Finale ist nicht Schluß, sondern Ziel: "Alle Menschen werden Brüder." Mit der Einbeziehung von Chor und Gesangssolisten sind die Gattungsgrenzen gesprengt.
"O ihr Menschen, die ihr mich für feindselig, störrisch oder misanthropisch haltet oder erkläret, wie unrecht tut ihr mir, ihr wißt nicht die geheime Ursache von dem."
Beethoven: Heiligenstädter Testament
19. JAHRHUNDERT
Niccolo Paganini
(1782 - 1840) Sein Geigenspiel, gespickt mit fast akrobatischen Schwierigkeiten, versetzt das Publikum in ungläubiges Staunen - er ist der Inbegriff des Virtuosen. Als Interpret und Komponist repräsentiert er auch das Solokonzert des 19. Jahrhunderts.
Das goldene Zeitalter der Hausmusik
Das Klavier ist das Instrument des 19. Jahrhunderts, gern gespielt und gehört in Salons und auf Hausmusikabenden von Dilettanten und Kennern. Auch Frauen wie Clara Schumann dürfen dieses Instrument spielen. Da es zu schwer ist, um es einfach einzupacken und wegzutragen, sind Pianistinnen immer unter Kontrolle. Und mancher Lehrer genießt das Unterrichten junger Damen.
Frederic Chopin prägt das Klavierspiel der Romantik: Der bei Warschau geborene und seit 1831 in Paris lebende Virtuose setzt mit seinen technisch anspruchsvollen und musikalisch ausdrucksstarken Kompositionen ("Preludes", "Nocturnes") Maßstäbe. Chopin wirkt durch die poetische Intensität seiner Werke, ihre eleganten Melodien und reichen Verzierungen stilbildend.
Ebenfalls "intime" Musik komponiert Franz Schubert. Er geht aus von der Vorliebe der Romantiker für Volkslieder (Ausdruck der Naturverbundenheit, auch des "Nationalen") und führt das Kunstlied zu höchster Blüte ("Die schöne Müllerin", 1823; "Winterreise", 1827). Schuberts mehr als 600 Lieder sind immer musikalisch gedacht und gehen in ihrer Formenvielfalt und Textausdeutung weit über die zugrundeliegenden Gedichte (unter anderem von Goethe, Klopstock, Novalis und Heine) hinaus.
"Wollte ich Liebe singen, ward sie mir zum Schmerz. Und wollte ich wieder Schmerz nur singen, ward er mir zur Liebe. So zerteilte mich die Liebe und der Schmerz."
Franz Schubert: Mein Traum
1844
In Paris erscheint die Instrumentenkunde von Hector Berlioz: "Grand traite d'instrumentation et d'orchestration modernes" - für Komponisten ein Standardwerk, das die Orchesterbehandlung revolutioniert.
Sängerfeste
Karikatur vom Deutschen Sängerbundfest 1865 (Dresden).
Takt und Ton
Musik wird genormt: mit dem Metronom von J. N. Mälzel (1816) oder mit dem amtlichen Eichgerät für den französischen Kammerton (1859).
Konzertsaal
Der Kristallpalast der Londoner Weltausstellung von 1851 wurde später zur Bühne großer symphonischer Aufführungen.
Tondichtungen, Programm-Musik, Nationalpathos
Viele Komponisten, zum Beispiel Brahms, haben Skrupel, nach Beethovens wegweisender 9. Sinfonie neue Werke in dieser Gattung zu schreiben. Dennoch ist die Vielfalt des sinfonischen Schaffens beeindruckend.
Hector Berlioz bildet in seiner "Symphonie fantastique" (1830) eine außermusikalische Idee mit Instrumentalmusik ab (Programm-Musik). Er arbeitet mit einer "Idee fixe": einem Motiv, das in allen Sätzen der Sinfonie (in veränderter Gestalt) wiederkehrt. Programmsinfonien werden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu "Sinfonischen Dichtungen" erweitert (Franz Liszt). Wichtige Sinfoniker im deutschsprachigen Raum sind Johannes Brahms und Gustav Mahler. Der in Hamburg geborene Brahms ist ein Vertreter der "absoluten", nichtprogrammatischen Musik, seine Variationstechnik weist weit in die Zukunft. Mahlers Sinfonien wirken in ihrer formalen Anlage und mit speziellen Klang-Effekten (Fernorchester) nachhaltig auf die Moderne.
Parallel zur Bedeutung der Nationalstaaten spielt "nationale Musik" eine wichtige Rolle. Neben Tschechen wie Bedrich Smetana ("Die Moldau") und Skandinaviern wie Jean Sibelius ("Finlandia") oder Edvard Grieg ("Peer Gynt Suiten") treten vor allem Russen hervor, etwa Modest Mussorgski.
Teatro alla Scala
In Mailand ist das Mitsingen der Chöre selbstverständlich. Viele Verdi-Opern werden im Teatro alla Scala uraufgeführt, so auch "Nabucco" 1842.
Genies der leichten Muse: Offenbach und Strauß
Mit Witz, Ironie und großer kompositorischer Raffinesse entzückt Jacques Offenbach die feine Pariser Gesellschaft. Den Erfinder der Operette feiert Gioacchino Rossini als den "Mozart der Champs Elysees". Aus aller Welt kommen die Menschen zu den Weltausstellungen, abends amüsiert man sich in den "Operas bouffes": intelligente Unterhaltung mit Chansons, Couplets, Cancans, Polkas und Märschen. Ein Meisterwerk Offenbachs: "Orpheus in der Unterwelt (1858). In Wien komponiert der "Walzerkönig" Johann Strauß (Sohn) die "Fledermaus" (1874) und den "Zigeunerbaron" (1885), Melodien für Millionen, auch zur Flucht vor der Wirklichkeit: "Glücklich ist, wer vergißt, was doch nicht zu ändern ist".
1850/51
Richard Wagner formuliert in dem Aufsatz "Oper und Drama" seine Vision eines neuen Musiktheaters ("Musikdrama").
Impressionisten
Mit Pentatonik, Ganztonleitern, Registerklängen und exotischen Kompositionstechniken - Vorbild ist zum Beispiel die javanische Gamelan-Musik - erzielen Claude Debussy und Maurice Ravel völlig neue Klangfarben. Die Harmonik der impressionistischen Komponisten wird immer gewagter und bereitet die musikalische Moderne vor.
Wagners Weihe und Verdis Verve
In der romantischen Oper werden Märchen und Sagen vertont. Zentrale Bedeutung hat die Erfahrung der Natur und des Übernatürlichen, Dämonischen (Carl Maria von Weber: "Der Freischütz", 1821).
Richard Wagner erweitert die Sage zum Mythos. Durch die Leitmotivtechnik wird das Orchester aufgewertet, es "erzählt" in symphonischer Dichte innere Vorgänge der Protagonisten. Wagners Musikdramen bestehen nicht mehr aus einzelnen Nummern (Rezitativen, Arien), sondern aus durchkomponierten Szenen. Die "unendliche Melodie" (Wagner) verstärkt die psychologische Wirkung der Musik.
In dem "Gesamtkunstwerk" bilden Drama und Musik, Aktion und Klang eine untrennbare Einheit ("Lohengrin", 1850; "Tristan", 1865; "Der Ring des Nibelungen", erste Aufführung der gesamten Tetralogie 1876; "Parsifal", 1882). Wagner-Aufführungen sind Gottesdienst-Ersatz. Während der Bayreuther Meister die Menschen seiner Zeit weihevoll erschüttert, begeistert der Italiener Giuseppe Verdi die Opernfreunde. Im Gegensatz zum leichten Belcanto-Stil Rossinis ("Der Barbier von Sevilla", 1816), komponiert Verdi dramatische Werke. Doch sein Interesse gilt nicht dem Mythos, sondern Einzelschicksalen ("La Traviata", 1853).
Verdi, der Melodiker, vertont bedeutende literarische Vorlagen ("Macbeth", 1847, "Don Carlos", 1867). In Frankreich dominieren die "Grand Opera" (Meyerbeers "Hugenotten", 1836) und das "Drame lyrique" (Gounods "Faust", 1859).
1871
Zur Eröffnung des Suezkanals schreibt Verdi "Aida". Die Uraufführung wird verschoben, weil die Ausstattung wegen des deutsch-französischen Krieges nicht nach Ägypten transportiert werden kann.
"Wagner erstrebte monumentale Wirkungen und suchte im ,Gesamtkunstwerk' die Kunst zur Religion zu überhöhen; Offenbach bevorzugte das Kleine, das nicht in den Verdacht geraten konnte, ein aufgeblähtes Phantom zu sein, und ließ die Kunst an ihrem Platz. Bei Wagner tönte immer deutlicher die Sehnsucht nach Erlösung herauf; er, Offenbach, war gelöst und ungebunden wie ein Vogel."
Siegfried Kracauer
Töne für die Walze:
Mit dem Edison-Phonographen (1877) kann erstmals Musik aufgezeichnet werden. Schallplatte und Hörfunk prägen die neuere Musikgeschichte.
20. JAHRHUNDERT
Schönberg, Webern, Berg
Die Musik im 20. Jahrhundert ist fest in der Tradition verankert: Mit der zunehmenden Chromatik (wegweisend ist Wagners "Tristan"-Akkord) emanzipiert sich die Dissonanz. Die Regeln der Harmonielehre werden immer großzügiger ausgelegt. Arnold Schönberg, Vater der "Neuen Musik", komponiert zunächst spätromantisch-tonal ("Verklärte Nacht", 1899) und schreibt Melodien nicht nur mit Tönen, sondern auch mit Klangfarben ("5 Orchesterstücke", 1909). Anfang der zwanziger Jahre entwickelt er die Zwölftontechnik: Die Tonarten sind abgeschafft, alle zwölf Töne der Tonleiter sind gleichwertig: "Suite für Klavier" (1921 - 1923). Zu Schönbergs Schülern zählen Anton Webern und Alban Berg ("Wozzeck" gilt als wichtigste Oper des 20. Jahrhunderts).
"Der Mensch ist ein Abgrund, es schwindelt Einem, wenn man hinunterschaut."
Alban Berg: "Wozzeck", 2. Akt, 3. Szene
1938
John Cage verfremdet mit Schaumgummi, Schrauben, Holz und Metallringen den Klang traditioneller Instrumente. Sein "prepared piano" erregt die Gemüter.
Diaghilew und Strawinski
Sergej Diaghilew hat mit seinen "russischen Balletten" Welterfolge. Er arbeitet mit Malern (Picasso, Matisse) und Schriftstellern (Cocteau) zusammen. Igor Strawinski schreibt für ihn Ballettmusiken ("Feuervogel", 1910, "Petruschka", 1911). Die Uraufführung von "Le sacre du printemps" schockiert 1913 Paris und verursacht einen der berühmtesten Skandale der Musikgeschichte. In Diaghilews Truppe tanzen Nijinsky und Balanchine.
Musical
George Gershwin hat mit "Porgy and Bess" eine amerikanische National-Oper geschrieben (1935). Auch seine Musicals sind weltberühmt. Eine anhaltende Musical-Euphorie in Europa löst Frederick Loewe mit "My Fair Lady" (1956) aus.
1917 - 1921
Alban Berg komponiert die Oper "Wozzeck", die 1925 in Berlin uraufgeführt wird.
Nach den Nazis: Neue Musik
Auch im Musikleben wütet das Nazi-Regime: Werke werden als "entartet" verunglimpft und verboten, Komponisten, Interpreten und Musikwissenschaftler umgebracht oder ins Exil gezwungen. Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt sich die Neue Musik vor allem dank der öffentlich-rechtlichen Rundfunksender und bedeutender Festivals (Donaueschingen, Darmstadt, Paris, Warschau). Bernd Alois Zimmermann konzipiert mit musikalischen Zitaten und Collagen eine "pluralistische" Kompositionstechnik (Hauptwerk: "Die Soldaten", 1958 - 1964); Karlheinz Stockhausen gibt mit seinen elektronischen Kompositionen ("Gesang der Jünglinge im Feuerofen", 1955 - 1956) wesentliche Impulse; John Cage komponiert offene, auch vom Zufall bestimmte Konzertformen und verbindet westliche Musik mit östlicher Philosophie.
Erst Jazz, dann Rock und Pop
In New Orleans werden im 19. Jahrhundert die ersten Jazz-Bands gegründet. Charakteristisch für die neue Musizierweise sind Improvisation und Phrasierung. Swing entsteht durch Abweichungen vom gleichmäßigen Beat. Einer der frühen Stars des Jazz: Louis "Satchmo" Armstrong (1900 - 1971). Sein Trompetenspiel ist stilbildend, die Blues-Sängerin Bessie Smith Legende. Die Erfolge der Pop-, Rock- und Schlagerstars lösen die weltweite Popularität des Jazz ab. U-Musik ist jetzt (anders als die "Volksmusik" früherer Jahrhunderte) eine Ware, die industriell produziert und gehandelt wird. Gruppen wie die Beatles oder die Rolling Stones bringen mit ihrer Musik das Lebensgefühl ganzer Generationen zum Ausdruck.
Von Eckhard Roelcke

SPIEGEL SPECIAL 12/1995
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