01.10.1997

ErotikaWollust im Giftschrank

Erika Werner von den Hamburger Öffentlichen Bücherhallen ist Anrufe erboster Eltern gewohnt. Kürzlich war wieder einmal ein zürnender Vater dran.
Sein Sohn, 11, hatte in der Bibliothek einen Schwulen-Comic von Ralf König entdeckt und nach Hause entliehen. Der Vater fand Königs analfixierte Knollennäsler überhaupt nicht komisch. Die Bibliothekarin reagierte auf die Beschwerde gelassen: "Wenn Ihr Kind Ihnen das gezeigt hat", erwiderte sie, "will es mit Ihnen darüber reden, und das sollte Sie freuen."
Eltern halbwüchsiger Leseratten müssen auf solche Diskurse vorbereitet sein, denn die öffentlichen Bibliotheken haben längst aufgelöst, was in Deutschland jahrzehntelang "Giftschrank" hieß, in England "private case", in Frankreich "L'Enfer", die Hölle.
Was Deutschlands öffentliche Bibliotheken heute anschaffen, kommt auch ins Regal, zur allgemeinen Selbstbedienung. Die verlegen vorgetragene Frage nach "irgendwas von Henry Miller" hat sich damit genauso erledigt wie die ultimative Mutprobe für Pickelgesichter: das naßforsch in den Lesesaal gebellte "Wo steh'n hier eigentlich die Fickbücher?" Wer Einschlägiges sucht, braucht seit Einführung der Computerkataloge nur noch Verfasser, Schlagwort oder Titel einzugeben.
Während die liberale Hamburger Bücherhalle bereits 1899 freien Zugang zu den allermeisten Werken gewährte, wurden anderswo noch bis in die siebziger Jahre dieses Jahrhunderts Aufklärungsschriften vor pubertierenden Jugendlichen versteckt - häufig unter dem Tresen.
Solche "Bückware" gibt es heute in kaum einer öffentlichen Bibliothek mehr. Im Zeitalter des Privatfernsehens wäre eine derartige Bevormundung der Leser absurd. Sondersammlungen werden höchstens noch in wissenschaftlichen Bibliotheken geführt. Hans Limburg etwa, Leiter der Universitätsbibliothek Köln räumt ein, daß in seinen Regalen noch "alte Sachen nach altem Schema zusammenstehen". Der Oberbibliotheksrat einer anderen Einrichtung begründet die Existenz einer Sondersammlung schlicht mit Faulheit: "Wir hatten keine Lust, die umzusignieren."
Ausleihbar sind die "sekretierten" Werke ohnehin, bisweilen allerdings mit Einschränkungen: Einiges darf nur im Lesesaal studiert werden, an Sondertischen und unter den Augen der Aufsicht.
Denn vielen dieser oft bereits antiquarisch-raren Werke droht Gefahr von entfesselten Erotomanen, die anregende Illustrationen bei Bedarf mit einer Rasierklinge aus dem Kontext trennen. Für die Sondersammlungen spricht zudem, daß bestimmte Bände gern beiseite geschafft werden, wenn sie nicht sicher aufbewahrt sind. "Die Mehrzahl der sekretierten Bücher", seufzt Reimer Eck von der Universitäts-Bibliothek Göttingen, "müssen wir eher vor unserem Personal schützen als vor den Benutzern."
Auch in Pflichtbibliotheken, die laut Gesetz gehalten sind, alles zu sammeln, was ihre Region publiziert, gibt es noch Schmuddelecken für Literatur mit "Stellen". Putzfrauen dürfen dort oft nur unter Aufsicht wischen.
Der "Giftschrank" der Deutschen Bibliothek, die in Frankfurt am Main und Leipzig alle zeitgenössischen Werke in deutscher Sprache (und noch einiges mehr) zusammenträgt, ist von 1945 bis 1982 auf 48 Regalblöcke mit zirka 10000 Veröffentlichungen angewachsen. Diese - früher sorgsam verschlossene - "Gesonderte Aufstellung" existiert noch, wird aber nicht weitergeführt.
Neben "Sex und solchen Geschichten"(ein Mitarbeiter) lagern dort auch Fahndungslisten des Bundeskriminalamtes und Doktorarbeiten, die nach dem Druck zurückgezogen worden sind, meist wegen entlarvter Mogeleien. In solchen Regalen verdichtet sich der Zeitgeist bisweilen zu bizarren Nachbarschaften.
Die Hamburger Staatsbibliothek lagert in ihrem Magazin für Sekretiertes das Werk "Führen und Folgen. Handbuch der SA" und gleich daneben mehrbändige Anleitungen aus der Nachkriegszeit über körperliche Züchtigung und Schmerzwollust. "Die Klassenkämpfe in der UdSSR" (1975) ruhen nur wenige Zentimeter entfernt von "120mal Orgasmus in Wort und Bild". Amtliche Schuldnerverzeichnisse lehnen an etlichen Jahrgängen der St. Pauli Nachrichten, die akkurat in Kunstleder gebunden und mit Goldprägung dastehen.
Ganz oben im Regal vertritt eine graue Pappe ein fehlendes Bändchen der für ihre Ferkeleien berühmt-berüchtigten Olympia Press. Handschriftlicher Hinweis: "Zerlesen." Noch begehrter scheint nur die aktuelle Ausgabe von TV Hören und Sehen. Als einziges Werk in diesem stets verschlossenen Kabinett mit kontrolliertem Zutritt ziert die brave Fernseh-Zeitschrift ein knallgelber Aufkleber. Darauf die Warnung an alle Bibliothekare mit Glotze: "Finger weg!"
Hans-Joachim Verhufen
Von Hans-Joachim Verhufen

SPIEGEL SPECIAL 10/1997
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