01.10.1994

GESTRANDETER WAL

Mit Hans Henny Jahnns Briefen könnte etwas Merkwürdiges geschehen. Während sonst die Lektüre von Briefen und Tagebüchern ein Interesse am Autor voraussetzt, eine Liebe oder auch eine negative Faszination, die Wiederholungen und Klagen, wie sie in beiden, einander ja ähnlichen Gattungen unvermeidlich sind, geduldig erträgt, könnten Jahnns Briefe ihm zu neuen Lesern verhelfen. Das wäre deshalb denkbar, weil die Wege, auf denen man sich ihm nähern kann, allesamt nicht leicht gangbar sind, von Urteilen und Befremdlichkeiten überwuchert und nicht zuletzt umstellt von der kleinen Schar der Eingeweihten, die, wie im Fall Arno Schmidt auch, durch ihr strenges und hochmütiges Wächtertum Neugierige abschrecken.
"Ich bin ein schlechter Briefschreiber. Ich lebe am Rande der Welt." Jahnns Briefe sind üppig, sie sind finster und tendenziös, philosophisch und schlecht gelaunt, von ziemlich klarem politischen Durchblick, voller Liebe zur Natur, aber auch zuweilen ganz unverhohlen antisemitisch. Selbst wenn man sich nur die Bornholmer Briefe ansieht, wird man ganz neu mit dem Gefühl Fremdheit umgehen lernen. Die hatte ihn ja schon immer begleitet, jenes Gemisch aus Erwähltheit und Ausgestoßensein, das seit alters her die literarische Produktion von jungen Männern anzutreiben pflegt.
Die Erinnerungsbruchstücke, die aus seiner Hamburger Kindheit übriggeblieben sind, lassen ein fahles Bild erkennen, das Jahnn mit Mystifizierungen und Erfindungen färbt. Die zwei Leben, die jeder Jugendliche durchmachen muß, dem nichts anderes übrigbleibt, als die öden Anforderungen des Alltags mit einer Allmachts- und Phantasiewelt erträglich zu machen, führte auch er. Erste Liebesverwirrungen, homoerotische Anfänge: All das ist beispielhaft für den Wegbeginn in die Literatur.
Was fehlt, ist offenbar die Begeisterung für Lektüre. In seinen Briefen finden sich viele sehr barsche Urteile über Literatur und Literaten, nicht nur in einer Phase erzwungener Stummheit aus der Emigration geschrieben, sondern auch dann noch, als alle Welt an einen Neubeginn nach dem Ende des Krieges glaubte - nur er hielt die kommende Katastrophe für noch schlimmer als die vergangene.
"Meine große Gabe ist, daß ich wenig gelesen habe, mich durch Gelesenes habe wenig beirren lassen - und mit unsagbarer Geduld und schrecklicher Sehnsucht, einen Sinn zu finden, beobachte. Meine Werke sind, so verstanden, alle etwas Naturwissenschaftliches - und voller Moral." Das schreibt er 1946 und hat seine Briefleser bis dahin durch ein unübersehbares Dickicht von Widrigkeiten geführt, dem man gleichwohl nicht entfliehen will.
Schon im Ersten Weltkrieg war er, der Pazifist, vor der Kriegsbegeisterung und dem anschließenden Desaster geflohen, nach Norwegen, wo er trotz Geldmangel und Krankheit bleiben konnte und der Kriegsmaschine, die einige Male nach ihm griff, entkam. Auch den Nazis entgeht er - nach einigen Umwegen siedelt er sich mit Frau Ellinor und Tochter Signe auf Bornholm an.
Eine seltsame Art von Exil beginnt, die er zu benennen sucht, aber gleichzeitig immer wieder gegen andere Emigranten begrenzt. Er will deutsch sein. Er will nichts gegen sein Land sagen. Er verachtet alle, die im aktiven Kampf von außen eine Verpflichtung sehen. Er wird zerrieben zwischen seinem zähen Kampf um seine Inselwelt, seinen Mikrokosmos, und seinen Raisonnements über den Zustand des Makrokosmos, der ihm seltsam hellsichtige und oft völlig apolitische Sentenzen abnötigt.
Seine Briefe aus dem Exil in die zurückgelassene Heimat sind wuchtig, ausführlich, sind eigene, sehr umfassende Standortbestimmungen. Sie sind ein Stück Literatur, das auch jene Leser fesseln wird, die Jahnns Werk wenig kennen.
An seine Freundin Judit Karasz schreibt er 1941: "Du fragst: Wozu das alles? Leben, das heißt auserwählt sein. Das gilt für alle Geschöpfe. Unter Milliarden männlicher Zellen nur eine. Das Gesetz der Auswahl kennen wir nicht. Wir kennen nur den Widerstand aller Naturgewalten gegen das Leben überhaupt. Und dieser Widerstand wird in das Gebiet des Geistes überführt. Niemand erreicht, was er sich vorgenommen. ... Unser Fall ist besonders verwickelt, weil wir all das, was anderen begehrenswert ist, gar nicht wollen. Wir sind Ausnahmen, Du sowohl wie ich ... Wir können uns weder einordnen noch bescheiden." Daß er solche Selbsteinschätzung - jedenfalls in diesem Brief - mit einer Frau teilt, mag verwundern. Jahnns Misogynie ist ja Gegenstand vieler Erörterungen und Grund für manche Ablehnung seines Werks. Grund für Nichtbeachtung allerdings, so zeigt ein Buch, das auf besondere Weise seines 100. Geburtstags gedenkt, ist seine Frauenverachtung nicht. Im "Weiberjahnn" nehmen sich Autorinnen seiner an. Abrechnen allerdings scheinen sie mit ihm nicht so recht zu können - eher schon mit den Motiven seiner Verehrer:
Der Jüngling, der, vielleicht 20jährig, zu Hans Henny Jahnn greift - und sicher kann man ihn nur in der Pubertät lesen, dann nämlich, wenn einen die großen Lebensfragen noch so richtig umtreiben und man selber so humorlos ist, daß man den Humor bei anderen nicht vermißt -, dieser Jüngling wird wohl noch einmal an die 20 Jahre brauchen, um sich von der Erschütterung seiner Seele (seines Gedärms) zu erholen. Nicht so die Leserin ... Sicher, sie wird Hans Henny nicht gerecht, aber, mit Verlaub, auch er hat sie und ihresgleichen nicht erkannt. "Des Ritters Abneigung gegen Frauen und Mamsells" - in Zukunft ohne sie.
Daran, könnte sein, mag die Ausgabe der Briefe etwas ändern - das "Ohne mich", dem dieser Autor noch aus anderen Gründen immer wieder anheimgegeben worden ist, läßt sich nicht durchhalten. Woher die Begierde, weiterzulesen, da seine Episteln - scheinbar - ein Vorurteil nach dem anderen bestätigen?
Alle Dichter schreiben über nichts ausführlicher und mit kläglicherer Zärtlichkeit als über Geld. Das tut auch Jahnn, und unwillkürlich kommt einem bei der Lektüre über seine Kämpfe um Geld und die maßlosen Verwicklungen beim Kauf des Hofes das Bild Laokoons in den Sinn. Gefangen von der Kompliziertheit der wirtschaftlichen Verhältnisse Jahnns wundert man sich, wie es dennoch immer wieder weitergehen konnte.
Fast völlig ausgespart sind in den Briefen Momente des Glücks, die es ja auch gegeben haben muß. Höchstens bei der Erwähnung seiner Tiere schimmert etwas wie Freude aus den bitteren Zeilen hervor. Man sieht ihn vor sich: Einen Deutschen, der in seinem Land nicht sein kann, umgeben von Natur, die er liebt und global bedroht sieht, in jenem Dänemark, dessen Bewohner ihm gleichgültig und bei Fortschreiten des Krieges zunehmend feindselig erscheinen. Nie schreibt er an jemanden, wie seine Frau sich dort fühlt, nur selten erwähnt er seine Tochter.
Dafür schreibt er ausführliche, sachkundige Briefe über den Orgelbau. Entsprechende Aufträge bringen ihm manchmal etwas Geld ein. Er beklagt den ungünstigen Pachtvertrag - die Pacht dauerte nach einem Kauf des Hofes noch an, und gewiß hat man ihm, dem Landfremden, den Weg zum Eigentum nicht gerade erleichtert. Darüber hinaus, aber das findet erst allmählich drängenden Eingang in seine Briefe, arbeitet er an dem Romanriesen "Fluß ohne Ufer", dessen erstes Stück gedruckt ist und von dessen mächtigem Rest, der da in allen Widrigkeiten entsteht, niemand wissen kann, ob und wie er publiziert werden könnte.
"Fluß ohne Ufer" ist ein Roman ohne Tröstungen. "Es ist ein Bericht, den keine Partei für ihre Zwecke benutzen kann, außer man fälschte ihn. Aber genug davon. Vielleicht wird das Buch einmal fertig, und vielleicht wird es auch einmal gedruckt, wenn das Papier wieder reichlicher aus den Papiermaschinen fließt. Augenblicklich sieht es einfach verzweifelt um das Neuerscheinen von Büchern aus."
Zuvor findet sich im selben Brief eine seiner zahlreichen Beschreibungen des täglichen Lebens, die in ihrer lakonischen Wahrhaftigkeit trotz - oder wegen - ihrer Bitterkeit wunderbar zu lesen sind:
Zum ersten Mal nagt der Winter an meinen Nerven und fördert meine Lust zu arbeiten nicht. Mit Schrecken sehe ich das Leben der Tiere in der Wildnis. Der erste Wurf der Hasen wird in Schnee und Eis umkommen, die Vögel sind von Sinnen vor Hunger. An unser Küchenfenster kommt seit Tagen ein Eichelhäher, und heute, nachdem er ein Stück Speckschwarte bekommen hatte, wollte er nicht wieder fort. Wir konnten ihn durchs Fenster anfassen. Im allgemeinen kommt der Tod ja lautlos. Plötzlich fällt die Körpertemperatur, und es ist zu Ende. Mir wird es immer unverständlicher, daß sich Männer dazu hergeben, irgend etwas Sinnwidriges über Gott zu sagen und zu schreiben. Ich glaube mehr und mehr, dem Menschen fehlt die Fähigkeit zu denken. Er hat seine Zuversicht in der Lüge ... Ich ziehe es vor, allein zu stehen und der Tröstungen durch sadistische Greuel, ausgelegt als Gottes Willen, zu entraten.
Jahnns Adressaten sind nicht zahlreich, Freunde aus jungen Jahren, nach denen er mit der fortschreitenden Kriegszeit und ihren Trennungen immer dringlicher ruft - einsam sei er, einsam -, auch die Briefe an Verleger und Lektoren haben einen traurigen, insistierenden Ton. Es entsteht beim Leser aber kaum ein Bild der Adressaten, sondern ein immer genaueres des Schreibers, bis zum Zerreißen gespannt zwischen der Empfindung der Gleichgültigkeit dessen, was einen umgibt, und dem Bewußtsein der Erwähltheit, das seine nicht große Gemeinde bis zum heutigen Tag fest zu ihm halten läßt.
Je länger der Krieg dauert - und Jahnn rechnet einen Monat vor Kriegsende damit, daß er noch lange weitergeht -, desto eigentümlicher wird die Mischung aus Hellsicht und völliger Borniertheit, mit der er sich dieser Endzeit schriftlich zu nähern sucht: "Wenn dieser Krieg einmal zu Ende sein sollte, dann werden die Menschen eine Zeitlang nichts von ihm hören wollen. Sie werden den Versuch machen, wenn auch auf unzulängliche Weise, zu vergessen. Das Leiden, das Grauen, sie müssen überwunden werden. Jede neue Generation tut es, und selbst die gleiche vergißt in zwei, drei Jahrzehnten."
Wohl wahr - aber kurz nach Kriegsende mokiert er sich über angebliche Schundhefte, die in Dänemark über Konzentrationslager verbreitet werden ("zugegebenermaßen Lügen ..."): "Judenverfolgungen sind auch immer gewesen ..." Und noch 1946 heißt es in einem Brief an seine Frau: "Wenn erst Presse, Rundfunk, Palästina, Theater und Atombomben gänzlich in jüdischen Händen sein werden, wird jeder Fabrikarbeiter und Bauer wissen, daß er für die beste Sache der Welt arbeitet. Dann brauchen wir nur noch den Numerus clausus, daß alle Gojim von den intellektuellen und geistigen Berufen ausgeschlossen werden, um Idealstaaten zu schaffen."
Solche gleichsam beiläufig eingestreuten Ungeheuerlichkeiten finden sich in den Briefen immer wieder, und dennoch lassen einen die unsentimentale Verzweiflung und die wilden Versuche, das Ich und die Welt zueinander in Beziehung zu setzen, an der Lektüre festhalten. Jahnns Weg zurück nach Deutschland war zögerlich. Erst 1950 ist Hans Henny Jahnn endgültig nach Deutschland, in seine Heimatstadt Hamburg, zurückgekehrt. 1959 ist er dort gestorben.
Bis zuletzt blieb er zwischen Selbstgewißheit und Zweifeln an der eigenen Fähigkeit zerrissen. Er schrieb über seinen Roman "Fluß ohne Ufer", es sei ein Werk "von solchen inneren und äußeren Dimensionen", daß man sehr weit wandern müsse, um Vergleichbares zu finden: "Weder Yoice noch Proust reichen aus". Aber eben auch: "Ich fürchte mich, daß meine Kräfte in keinem rechten Verhältnis zu den Aufgaben, die meiner warten, stehen werden ... ich fürchte mich vor der Literatur, die wie ein gestrandeter Wal zu stinken begonnen hat in allen zivilisierten Ländern."
Hans Henny Jahnn: "Briefe". Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg; zwei Bände; 2816 Seiten; 196 Mark (bis 31.12.1994, danach 240 Mark). "Weiberjahnn". Europäische Verlagsanstalt, Hamburg; 164 Seiten; 28 Mark.
Von Eva Demski

SPIEGEL SPECIAL 10/1994
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