01.10.1994

ALLES HAPPY-END

Im Alter wurde sie zu einer Figur wie von dem Amerikaner Edward Hopper gemalt, dem Porträtisten von Isolation und Verlassenheit. Eine kleine, dünne Gestalt, die einsam in Hotelhallen saß, mittelmäßigen Streichquartetten lauschte und sich von unpersönlichen Kellnern bedienen ließ. Geliftet, mit in die Stirn frisierten Locken einer rothaarigen Perücke, die die Spuren der kosmetischen Operation verstecken sollten, fast weiß gepudertem Gesicht und riesigen Hüten, beherrscht von Einsamkeit und rastloser Heimatlosigkeit. Elizabeth von Arnim zehrte von einem Ruhm, der zu verblassen begann.
Ein Leben, das lange - und vielen Widrigkeiten zum Trotz - von der Fähigkeit bestimmt war, Glück und Freude im Großen wie im Kleinen begierig aufzusaugen, zu erleben und zu genießen. Eine Leserschaft, die in die Millionen ging und jedes neue Buch von "Elizabeth", wie sie ihre Romane unterschrieb, mit Ungeduld erwartete.
Als Mary Annette Beauchamp wurde sie 1866 in Neuseeland als sechstes und jüngstes Kind eines englischen Schiffskaufmanns und einer australischen Schönheit geboren. Ihre ersten drei Lebensjahre verbrachte sie in Sydney, bis sich der Vater, ein wohlhabender Geschäftsmann, entschloß, aus dem heißen Australien zurück ins kühle England zu gehen. Ihr erster überlieferter Satz, den sie auf der dreieinhalbmonatigen Schiffsreise beim Anblick eines verstorbenen Passagiers sprach, der der See übergeben wurde, bestand aus den Worten: "Papa, ist der aufgepumpt?"
Seit ihrer Kindheit führte sie, äußerlich betrachtet, ein farbenprächtiges und abenteuerliches Leben - hin und her pendelnd, hin und her gerissen zwischen Ländern, Nationen, großen und kleinen Lieben -, ein Leben, das freilich von Ekel, Überdruß und Grausamkeit nicht verschont blieb.
1891 heiratete May, wie sie von ihrer Familie genannt wurde, den 15 Jahre älteren preußischen Junker Henning August Graf von Arnim-Schlagenthin, Enkel von August Prinz von Preußen, Sohn des Grafen Harry von Arnim, ehemals preußischer Gesandter in Rom, deutscher Botschafter in Paris und später Bismarcks Rivale um die Kanzlerschaft. Henning von Arnim hatte noch bei Liszt Klavierunterricht erhalten, war ein enger Freund der Familie Wagner und konnte es nicht erwarten, seine Braut vor allem Cosima Wagner vorzustellen, deren Urteil ihm mehr als wichtig schien.
Übrigens war May hochmusikalisch und zu dieser Zeit ausgebildete Konzertpianistin, so daß ihr zukünftiger Gatte nicht zögerte, für sie in Bayreuth ein Konzert vor geladenem Publikum - und vor allem vor Cosima - zu arrangieren. Die kleine May, sie war nicht größer als 1,60 Meter, bestand die Feuerprobe. Das Konzert wurde ein Erfolg. Und May haßte später nichts so sehr wie Wagner und Bayreuth.
Karen Usborne hat den Versuch unternommen, diesem Leben in allen Einzelheiten zu folgen und es in eine erzählerische Form zu bringen. Ihre Biographie Elizabeth von Arnims erschien 1986 in der englischen Originalfassung und liegt nun in deutscher Übersetzung vor.
Elizabeth von Arnims Leben, oft noch abwechslungs- und facettenreicher als mancher ihrer Romane, böte sicher Anlaß zu einer umfassenden Biographie von hohem Unterhaltungswert und historischem Interesse, ein Buch also, als wär''s fast von Elizabeth selbst. Leider ist es von Karen Usborne.
Man erfährt zwar viel aus der detailfreudigen Biographie, zum Beispiel, daß May bei ihrer Hochzeit "ein mit schwarzen Samtbändern besetztes, heliotropfarbenes Kleid aus Trachtenstoff im Stil Louis XI. trug", doch solche Beiläufigkeiten, die vor uns ausgebreitet werden, lassen kein deutliches Gesamtbild erkennen, sie werden angehäuft ohne Maß und Ziel.
Ein Problem besteht auch darin, daß Karen Usborne Elizabeths Leben oft aufregender findet, als es aus ihrer Schilderung hervorgeht, so daß man das Gefühl nicht los wird, sie wolle vor allem ihre vermeintliche Seelenverwandtschaft mit der von ihr verehrten Autorin vor Augen führen.
Atmosphärisch gewiß reizvolle Petitessen werden mit einer Aura von Weihe und Größe umwölkt, als gehe es bei jedem Schritt Elizabeths um die Durchmessung des Universums. Treffen, die keinerlei Konsequenzen nach sich zogen, werden mit einer Ausführlichkeit geschildert, als hinge unser aller Leben davon ab. Eine merkwürdige, schwärmerische Aufgeregtheit kennzeichnet das Buch.
Es ist natürlich verständlich, wenn auch nicht unbedingt ein Qualitätsmerkmal, wenn sich ein Biograph in den Gegenstand seiner Biographie verliebt. Doch Karen Usborne läßt dem Leser keinen Raum, seine eigene Zuneigung zu Elizabeth von Arnim zu entwickeln. Beinahe eifersüchtig wacht sie über die andere.
Doch nicht nur ihrer Biographin ergeht es so mit Elizabeth - und dazu lange Zeit nach ihrem Tod. Schon zu Lebzeiten war sie eine umschwärmte Person. Die kleine, attraktive Frau mit der kindlich erotischen Ausstrahlung, die noch mit 50 um gute 20 Jahre jünger aussah, war von beißender Spottlust, die ihre Zeitgenossen wie George Bernard Shaw, E. M. Forster und Hugh Walpole hochpriesen, obgleich mancher von ihnen darunter durchaus zu leiden hatte.
Sie hatte Bewunderer und Liebhaber beiderlei Geschlechts, die ihr allesamt mehr oder weniger verfallen. Nach Erscheinen ihres ersten Romans war sie strahlender Mittelpunkt der literarischen Salons Londons.
Der kleine, zarte und scharfsinnige Star mit einem leisen Hang zur Grausamkeit stand mit vielen intellektuellen und künstlerischen Größen seiner Zeit auf vertrautem Fuß. Auch H. G. Wells gehörte dazu, mit dem sie eine heftige Liaison verband, Max Beerbohm, George Santayana sowie die früh verstorbene Katherine Mansfield, ihre Cousine. Die war übrigens die einzige Person, vor der sich die sonst unerschrockene Elizabeth ein Leben lang fürchtete, die große heimliche Konkurrentin und um vieles bedeutendere Schriftstellerin. Nicht ohne Grund: Es gibt da eine kleine, böse Kurzgeschichte Katherine Mansfields, die ein kaltes Porträt ihrer Cousine als Luxusgeschöpf zeichnet ("Eine Tasse Tee").
Bis zur Niederschrift ihres ersten Romans und ihrem Dasein als Bestsellerautorin vergingen noch einige Jahre, von denen Elizabeth nach ihrer Hochzeit fünf zunächst in Berlin zubrachte. Sie lernte schnell die Hauptstadt hassen. Nach den rasch aufeinanderfolgenden Geburten von drei Töchtern und der damit einhergehenden Entfremdung von ihrem Mann zogen die von Arnims auf das pommersche Familiengut Nassenheide, das Elizabeth sofort als ihr Paradies auf Erden erkannte.
Hier schrieb sie ihr erstes Buch "Elizabeth and her German garden". Es erschien im September 1898 - und ging zum Jahresende in die elfte Auflage. Ihm folgten mehr als 20 Bücher.
"Elizabeth und ihr Garten" ist kein Roman im herkömmlichen Sinn, sondern ein assoziatives Tagebuch ohne Handlung oder Plot, getragen von den ineinanderfließenden Jahreszeiten, scheinbar träumerisch hingehauchten Zeilen, von Anmut, Sinnlichkeit und Ironie. Doch wie in all ihren Werken tauchen neben Gedankenblitzen Platitüden, neben sarkastischem Witz Albernheiten auf. Immerhin gelingt es ihr, eine nie vermutete Begeisterung für Flora und Fauna, Wachstum und Blütenpracht zu wecken. Der Leser sei gewarnt: Er könnte all sein kritisches Bewußtsein verlieren, sich einfach nur dem Genuß dieser sinnesfrohen und respektlosen Betrachtungen hingeben und vergessen, daß er liest.
Freilich: Auch Naivität, und sei sie noch so herzerfrischend, hat ihren Preis. Elizabeths gelegentlich durchschimmernder feudaler Hochmut und ihre aristokratische Dünkelhaftigkeit lassen ihren sonst wachen Witz schal werden, und plötzlich ist man einem liebreizenden Lächeln ausgesetzt, das einen frösteln macht. Diese Arroganz kommt kokett, zuweilen im Tonfall kleinmädchenhafter, staunender Verwunderung daher. Man mag Abscheu empfinden oder nicht - sie vermittelt ein aufschlußreiches Bild des ausklingenden 19. Jahrhunderts.
Als Krieg zwischen Deutschland und England drohte - Elizabeth ahnte die Ereignisse - stand ihr Mann vor dem Ruin, und die Ehe zerbrach. 1909 kehrte sie mit den mittlerweile fünf Kindern - 1902 war nach vier Töchtern noch ein Sohn geboren - nach England zurück. Der Vater blieb auf dem zum Verkauf ausgeschriebenen Gut Nassenheide in den leeren Zimmern zurück. 1910 starb er.
Sie baute sich ein Chalet in der Schweiz, mit 16 Schlafzimmern, 4 Bädern und 7 Toiletten, das sie zum sommerlichen und winterlichen Treffpunkt der englischen Literaturszene machte. Das Verhältnis zu ihren Töchtern gestaltete sich mit deren Erwachsenwerden schwieriger, wobei sich entgegen sonstiger Gepflogenheiten die Mutter den Töchtern entzog, die sie vergötterten. Der Sohn kam im Grunde nicht vor.
Unmittelbar nach dem leidenschaftlichen und skandalträchtigen Verhältnis mit H. G. Wells wandte sie sich Earl Francis Russell zu, den sie 1916 mit fast 50 Jahren heiratete. Diese Ehe scheiterte rasch und spektakulär und endete mit Haß, Verleumdungen und Prozessen. Ebenfalls 1916 starb ihre jüngste Tochter 17jährig an einer Lungenentzündung. Mutter und Tochter waren im Streit geschieden und hatten sich nie wiedergesehen.
Eine sanfte, nicht genau zu fassende Grausamkeit zieht sich durch Elizabeths Werk, ähnlich der sadistischen Neigung, die sie auch im Leben zeigte. Schon als Baby wurde ihr ungeliebter Sohn mit der Haarbürste verprügelt, wenn er vergaß, sich auf den Topf zu setzen, und eine ihrer Töchter schlug sie einmal mit der Hundepeitsche derart, daß eine Gouvernante, die das Mädchen festhalten sollte, in Tränen ausbrach.
In den folgenden Jahren lebte die Schriftstellerin in ihrem Chalet in der Schweiz, in London und an der französischen Riviera, umgeben - und manchmal auch geschnitten aufgrund ihrer gnadenlosen Beschreibungen von Freunden und Familie - von der Schickeria ihrer Zeit. Sie schrieb viel, neben ihren Büchern bis zu sechzig Briefe am Tag, und widmete sich ihren Hunden und Liebhabern.
Ganz machten die Demütigungen des Alters auch vor der scheinbar ewig Jugendlichen nicht halt. Ihr um vieles jüngerer Geliebter wandte sich ab. Fortan neigte sie zu Depressionen, ihr "schwarzer Hund", wie sie den Zustand nannte. Stets trug sie eine ausreichende Dosis Narkotika bei sich, um sich umbringen zu können. Ihre Bücher begannen, zumindest bei der jüngeren Generation, aus der Mode zu kommen.
Im März 1938 schrieb sie an eine Tochter: "Wenn der große Knall kommt, wird niemand sagen können, vor Hitler nicht ausreichend gewarnt worden zu sein." Am 17. Mai 1939 ging sie, deren Bücher in Deutschland mittlerweile verboten waren, in Cherbourg an Bord der "Queen Mary", Kurs New York. In Amerika wurde sie zur rastlosen Reisenden. 1941 brach sie im Halcyon Inn in Summerville, South Carolina, zusammen. Kurz darauf starb sie.
Heute werden ihre Romane auch in Deutschland wieder gelesen. Der Neuauflage ihrer Bücher folgte die Verfilmung der italienseligen Ferienschwärmerei "Verzauberter April", in der es um das regnerisch düstere London und die sonnenverwöhnte Riviera geht und im Zuge mediterraner Begegnungen amüsante amouröse Verwicklungen entstehen.
Eine Nichtigkeit, die im Grunde aus einem einzigen Happy-End besteht, also zu schön ist, um wahr zu sein - und genau dieser auf Glück und Gelingen ausgerichteten Erzählstrategie wider das Schicksal und wider besseres Wissen verdankt der Roman seinen Erfolg. Elizabeth von Arnim erweist sich als geschickte Populistin und vermittelt das sichere Gefühl, sich in keiner Zeile unter das Niveau ihrer Leser begeben zu haben.
Themen sind Liebe und Lust, Aufbruch und Glück, Freiheit und Unabhängigkeit - ohne den Geruch bitterer Einsamkeit: "Schönheit machte einen zum Liebenden, und Liebe machte einen schön." Wer liest das nicht gern?
* In Pommern; mit den Arnim-Kindern April, May und June im Vordergrund. Karen Usborne: "Elizabeth von Arnim". Aus dem Englischen von Klaus Modick. Verlag Schöffling & Co., Frankfurt am Main; 528 Seiten; 49,80 Mark.
Von Clemens Eich

SPIEGEL SPECIAL 10/1994
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