01.11.1994

60 STUNDEN ... ... VIVA

Christian Kracht, 27, ist Autor bei Tempo und lebt zur Zeit auf Sansibar. Sein Buch „Faserland“ erscheint demnächt bei Kiepenheuer und Witsch
"Fahr in die häßlichste Stadt Deutschlands", sagen mir die Leute in der Redaktion. "Fahr dorthin, Junge, nimm dir ein Hotelzimmer, schalte den Fernseher ein und schalte ihn nicht wieder aus." Ich begreife sofort, worum es geht.
"Sehr gut", sage ich denen in der Redaktion. "Sehr gut. Fernsehen, bis die Augen bluten." Ich überlege schnell, welches die häßlichste und gemeinste Stadt Deutschlands ist, und dann packe ich eine Stange Zigaretten ein und meine Zahnbürste, und dann fahre ich los, nach Frankfurt.
*
In der Hotel-Lobby des Marriott rennt ein Haufen verwirrter koreanischer Vertreter herum. Ich verlange ein Raucher-Zimmer und bekomme eins im 35. Stock. Dann erhalte ich so eine Lochkarte anstelle eines Schlüssels, und die freundliche Dame wünscht mir einen schönen Aufenthalt, und ich lächele sie an, bedanke mich, und dann fahre ich in dem häßlichen Messing-Fahrstuhl nach oben.
Ich öffne die Zimmertür mit dieser Karte. Das Zimmer ist in Ordnung. Hier werde ich die nächste Zeit leben, nicht hinausgehen, nicht umschalten, nicht ausmachen. Ich hänge das Do-not-disturb-Schildchen an den Türgriff, mache die Tür zu, gehe zum Fenster und schaue hinaus auf die Hochhäuser. Frankfurt ist wirklich eine ausgesprochen grauenvolle Stadt. Ich ziehe die Vorhänge wieder zu und schalte den Fernseher ein - den Kanal Viva, das deutsche MTV. Ich bin sehr gut gelaunt.
13:01 Es geht los. Das erste Video ist Stoned Faces Don't lie von Andreas Dorau. Das habe ich neulich schon gesehen, zu Hause in Hamburg. Dorau war früher, ganz früher so ein NDW-Mensch, mit einem Hit und einer hellen, sympathischen Stimme. Freunde in Hamburg meinten, das Video sei wieder das Ergebnis dieses ewigen ekligen kleinen Pudel-Klub-Rumgehänges mit Sztroda, Diederichsen, und diesen ganzen Klemmern, und irgendwann seien dann so Ex-Sorgenbrecher-Schlampen dazugestoßen, die jetzt in den Pudel gehen mit ihren langen Beinen und den Wonder-Bras und ihren viel zu engen Hysteric-Glamour-T-Shirts. Ich merke gerade, daß meine Freunde nicht recht haben. Das Lied ist wirklich gut.
Mal schauen, wie lange hintereinander ich auf den Schirm gucken kann, ohne wegzusehen. Man muß sich so kleine Aufgaben stellen. Jetzt kommt Nils Bokelberg, der VJ. Er tut immer so, als ob er bekifft wäre. Er hat fettige blonde lange Haare, und seine Augen sind nur halb geöffnet, während er redet. Das ist aber immer noch besser als Stefan Raab, weil der Cowboystiefel trägt und Jeans mit Lederflicken drauf und so aussieht, als ob er schlecht riecht.
Nils Bokelberg sagt Take That an. Sie führen da im Studio gerade eine Strichliste, welche Band von den Zuschauern mehr verlangt wird: East 17 oder Take That. East 17 liegt 2 Striche zurück.
Dann kommen die B-52's, die jetzt B.C. 52's heißen, mit ihrer Version des Flintstones-Liedes. Schon merkwürdig, was für ein Ohrwurm das ist. Diese Vermarktungsstrategie, bei der ein Lied auf Heavy Rotation einen Kinofilm so lange begleitet, bis man nicht mehr anders kann als sich den grauenhaften Film anzusehen, die kennt man ja von Addams Family und von Bodyguard. Fred Schneider hopst herum, und alle haben Spaß. Mein Gott, ist das elend.
Die nächste Band heißt tatsächlich Yah Yah. Das ist hundertprozentig eine deutsche Band. Mit Rockgitarre. Ein nackter verschwitzter Mann wälzt sich durch sein mit rotgestreiften Laken bezogenes Bett. Grauenvoll. Schlechte Jeremy-Days-Epigonen. Das Lied heißt Machen. Ich prophezeie mal: Die Band wird sich etwa zwei Wochen halten.
Beim Stück Hey, Süßer von Lucilectric passiert es: Ich sehe zum erstenmal weg. Viva läuft jetzt seit zwei Stunden. Es ist kurz vor drei Uhr.
15:05 Viva ist Scheiße. Midnight Oil. Unfaßbar. Australier haben alle einen Schaden. Dafür danach Beastie Boys, Sabotage, so ein Starsky & Hutch-Video mit fetten Koteletten und breiten Autos. Das ist, glaube ich, in Ordnung, obwohl ich davon nichts verstehe. Danach sofort Jule Neigel. Erst Beastie Boys und dann das. Warum mischt man so was? Das verstehe ich nicht.
Es hat den Anschein, und ich kann das beurteilen, da ich jetzt seit vier Stunden nonstop Viva sehe, daß Viva wirklich schlecht ist. Alle paar Minuten stehe ich kurz auf und laufe im Hotelzimmer herum. Aber ich denke daran, daß Viva immer noch besser ist als MTV. Ich bin schließlich Mitteleuropäer. Ich will keine Soulund Funkscheiße auf Heavy Rotation sehen. MTV ist mir zu anstrengend und gleichzeitig zu arriviert. Da läuft zu oft Roxette und Boyz II Men. Außerdem ist Kristiane Backer so richtig schlimm.
Auf der Viva-Strichliste hingegen liegen Take That und East 17 wieder auf Gleichstand. Und das hat doch eigentlich was.
16:55 Mittagessen. Auf der Zimmerservice-Menükarte entscheide ich mich für einen Marriott-Burger mit Zwiebelringen, Tomatenscheiben, Käse, Speck, serviert mit Karotten-Krautsalat und Pommes Frites, für 21 Mark. Mal sehen, wie das schmeckt. Dazu werde ich ein Arienheller-Mineralwasser aus der Minibar trinken. Die Prinzen singen Gabi und Klaus. Dieser Ost-Durchfall ist wirklich das Allerletzte. Zum erstenmal merke ich, daß ich gern umschalten würde. Vielleicht einen ordentlichen Film sehen, einen John-Ford-Western, mit langsamen Schnitten und endlosen, ruhigen Kamerafahrten über die weite Prärie. Oder einen Dokumentarfilm auf arte, über Wüstenbewohner.
Der Etagenkellner kommt. Der erste Mensch seit viereinhalb Stunden. Auf seinem Namensschild steht Ken. Er kommt aus Amerika. Er erzählt mir, daß bei Pittsburgh ein Flugzeug der USAir abgestürzt ist und daß es 131 Tote gab. Während er mir das erzählt, starrt er auf den Fernsehschirm, auf dem gerade Loser von Beck läuft. Ich unterschreibe die Rechnung, und dann geht er hinaus, und dann kommt Mo-Do mit Eins, Zwei, Polizei. Das Lied geht tatsächlich so: "Eins, zwei. Polizei. Drei, vier. Grenadier. Fünf, sechs. Alte Gags. Sieben, acht. Gute Nacht." Oh Gott. Ich glaube, ich habe den Mund bei den Leuten aus der Redaktion ein bißchen zu voll genommen.
Ich habe mal gehört, daß Menschen in Hotelzimmern immer so ganz merkwürdige Dinge machen, die sie nie bei sich zu Hause tun würden. Zum Beispiel nur in die Waschbecken pissen, nie in die Toiletten. Das liegt angeblich daran, daß die Menschen sich in Hotelzimmern erstens völlig gehen lassen können, weil dort diese perfekte Anonymität herrscht, und zweitens, daß ein Hotel immer diesen leichten Irrsinn in den Menschen herauskehrt. Na ja, ich weiß nicht.
Youssou N'Dour singt ein Duett mit Neneh Cherry. Ich wußte nicht, daß es Neneh Cherry noch gibt. Sie ist ganz schön alt geworden. Der Marriott-Burger schmeckt mir nicht, weil der Speck nicht knusprig ist, sondern labberig und fett. Auf der Strichliste führt ganz klar Take That.
18:40 Bryan Adams ist ein pockengesichtiger alter Depp.
21:20 Die ersten zehn Stunden sind fast geschafft. Leichtes Zittern in der linken Hand. Sade singt diesen alten Hit Smooth Operator. Ich gehe zum Fenster und ziehe die Vorhänge auf. Es ist dunkel, und das überrascht mich im ersten Moment so, als ob das Fehlen von Licht plötzlich schlimm und ungewohnt wäre. Da unten liegt Frankfurt. Da liegen die Crack-Raucher zwischen den Hochhäusern herum, mitten auf den ausgebombten Flächen. Da ist der Messeturm, das höchste Bürohaus Europas, und trotzdem sieht es nur aus wie eine größere Einkaufspassage in Cincinnati.
Europa will Amerika sein. Das Komische daran ist, daß Amerika immer Europa sein will. Also ist es dann ja so, daß Europa im Grunde sich selbst durch die Augen von Amerika imitiert. Hinten, im Fernsehen, springt Marius Müller-Westernhagen auf einer Bühne herum, so Mick-Jagger-Tom-Jones-ähnlich. Puh.
22:00 Eine Special-Sendung. Metalla heißt die, eine Metal-Sendung. Später werde ich lernen, daß Viva viele Special-Sendungen hat. Die Metalla-Sendung ist nicht meine Musik, aber weil sie so schnell ist, funktioniert sie ganz gut als Dusch-Untermalung. Zwanzig Minuten kalt geduscht, im Hintergrund dieser Pseudo-Hardcore-Schrott. Extra lautgestellt. Danach habe ich mich abgetrocknet und eine Zigarette geraucht und dann noch eine Zigarette geraucht. Dann habe ich vier Bier aus der Minibar getrunken, hintereinander weg.
02:45 Ich bin eingeschlafen. Das Kopfkissen ist naß, weil mir Speichel aus dem Mund gelaufen ist im Schlaf. Ich glaube nicht, daß das gesund ist, was ich hier mache. Stefan Raab singt von Berti Vogts. Stefan Raab ist dumm.
05:29 Wieder eingeschlafen und gleich wieder aufgewacht, weil The Grid läuft, und zwar Swamp Thing. Das ist so ein schnelles House-Stück, das mit einem Banjo unterlegt wird. Bis jetzt mein Lieblingsstück. Vielleicht bin ich deswegen aufgewacht, weil ich mich auf irgendeine Art konditioniert habe, ohne es zu wissen. Ich fühle mich durch das Schlafen besser. Noch ein Bier. Hey, das Stück ist wirklich gut.
08:50 Frühstück: Eine Kartoffelsuppe Marriott, sieben Mark. Nicht aufgegessen. Ein Beutel Erdnüsse aus der Minibar, ein Arienheller Medium-Mineralwasser, ein Tee mit Milch. Kein wirklicher Hunger heute morgen. Das liegt daran, daß ich mich fast nicht bewege, nur meine Augen und eben meinen Daumen auf dem Laut- und Leise-Regler. Keine Kalorienverbrennung. Ich fühle mich leicht fiebrig. Obwohl, der Tee kommt gut. Ich ziehe die Vorhänge auf, draußen scheint die Sonne.
10:00 Jovanotti, Serenata Rap. Nach Mc Solaar und Soon E. MC und dem ganzen anderen zurückgezogenen Franzosen-Hip-Hop-Dreck gibt es jetzt so was Ähnliches, nur aus Italien. Die Gruppe in dem Video sieht aus wie Bauarbeiter, komplett mit kurzem Bärtchen, also nicht so lang wie bei Andreas Dorau gestern, sondern so ein halbkurzes Zwirbelbärtchen. Der Sänger trägt eine Pudelmütze. Ich rauche mehrere Zigaretten hintereinander.
Ich glaube, ich weiß jetzt, warum ich hier bin. Das hatte ich dort in der Redaktion noch nicht einmal geahnt: Ich bin mit Viva durch ein unsichtbares Kabel verbunden, das an bestimmten Stellen in meinem Gehirn angeschlossen ist. Dieses Kabel läuft durch den Fernseher hindurch und zieht sich einmal quer über Deutschland, nach Köln, zum Sender.
14:50 Ich habe vierundzwanzig Stunden geschafft. Nein, fast sechsundzwanzig Stunden. Ich trinke erst einmal einen Wodka Tonic, zum Feiern und auch um meinen Kreislauf in Gang zu bringen, weil der ist ganz schön unten. Ich schenke mir ein und proste Marky Mark & Prince Ital Joe zu.
Nicht zu glauben. Diese Poserei im Ghetto ist unerträglich. Marky Mark ahmt genau die Mimik von Snoop Doggy Dogg nach, den Mund, die langsamen, geschmeidigen Bewegungen. Die Hand, die die Gurgel durchschneidet. New Kids On The Block machen ja jetzt auch auf Gangsta, Vanilla Ice ebenfalls.
Danach Enigma. The Age of Loneliness. Körper schwimmen durch New York. Komischerweise mag ich das sehr gern, das strahlt so eine schöne Melancholie aus. Dahinter steckt Michael Cretu, der mit seiner Frau Sandra auf Ibiza sitzt und sich solche schönen Lieder ausdenkt. Das ist gut, wirklich gut. Nach The Grid das Beste bis jetzt. So beruhigend. Ich wünsche mir, sie würden das Video dreimal hintereinander zeigen. Und danach noch dreimal The Grid, um wieder wach zu werden.
15:30 Das Zittern ist schlimmer geworden. Außerdem habe ich ein komisches Pochen im Ohr, so, als ob gleich ein Hörsturz kommt. Ich drehe die Lautstärke herunter, aber das Pochen bleibt. Eigentlich ist es mehr so ein Klopfen.
15:58 Das Klopfen ist weg. Ich habe ein Bier getrunken. Vielleicht beruhigt das ja.
18:52 Manchmal zeigen sie ein Video, das zwei oder drei Jahre alt ist, wie zum Beispiel The Meaning of Life, von Soul II Soul. Erstaunlich, wie datiert das Video erscheint, die Kamerafahrten, das Styling, die Schnitte, alles. Gebt mir einen Videoclip, und ich kann genau sagen, aus welchem Jahr er ist, auch wenn ich die Band nicht kenne. Ich meine, die Geschichte der Welt ist komprimierbar in die Geschichte des Videoclips. Das erste Video, das ich bewußt als solches wahrgenommen habe, war Fade To Grey, von Visage. Das muß so um 1981 herum gewesen sein, da war ich vierzehn. Seitdem habe ich vielleicht 80 000 Videoclips gesehen. Oder mehr. Ich weiß es nicht.
Nicht, weil ich mich besonders für Musik interessiere, sondern einfach so, nebenher. Und so geht es vielen. Dieses gigantische Speicherpotential der Menschen wird vollkommen unterschätzt. Ein eigenes, riesengroßes Videoclip-Stilarchiv wird im Gehirn angelegt. Dazu kommen noch sämtliche Werbespots, alle Spielfilme, die Serien und die Gameshows. Und alle werden historisch eingeordnet, hübsch sortiert hintereinander, irgendwo da oben drinnen. Jetzt kommt White Wedding, von Billy Idol. So charmant veraltet. Dabei ist das vielleicht mal gerade acht Jahre alt.
20:00 Da ist er, der Anchorman von Viva: Stefan Raab. Heute hat er Nena zu Gast. Nena bastelt zur Zeit an einem Comeback, sie hat eine eigene Show bekommen in der ARD. Medienpräsenz. Neulich war sie bei Koschwitz, davor in der Mini-Playback-Show. Respekt für Stefan Raab, daß er Nena nicht fertigmacht. Sie erzählt ihm, daß sie gerade in Zürich war, bei einem Krishna-Festival, und dann singen sie gemeinsam das Hare-Krishna-Lied, begleitet auf Stefan Raabs Ukulele. Die Sendung heißt Vivasion. Plötzlich mag ich Stefan Raab. Ich finde ihn in Ordnung, ich finde ihn sogar besser als Ray Cokes. Stefan Raab, mach weiter so, du bist so schlau.
Ich habe Durst. Meine Augen tun weh, und ich habe Gehirnschmerzen. Ich hole mir ein Arienheller-Mineralwasser und nehme zwei Aspirin.
22:00 Eine Special-Sendung über House und Techno: Housefrau - endlich, endlich ordentliche Musik. Die beiden Moderatoren sitzen vor einer überdimensionalen Waschmaschine und sagen die Clips an. Und zwar:
- Pizza Man: Trippin On Sunshine
- House of Usher: We Need Some Love
- Sabres of paradise: Wilmot - ganz, ganz merkwürdige Junkie-Musik, Andrew Weatherall hat seine Hände hier drin.
Danach kommt unglaublicherweise ein Raver-für-Amnesty-International-Werbespot. Pop und Politik. Hehe.
- SL 2: On A Raggatip
- Love inc.: Respect - Nuklearkrieg in Frankfurt
- The Speed freak: The Solution - mächtiges Stück. Das ist so wunderbar gnadenlos terminatormäßig. Mindestens 200 BPM. Das ist auf jeden Fall das weitaus beste Stück, seit ich in diesem Hotel sitze. Ganz große Hooligan-Musik. Zerstörung. Armageddon.
Housefrau ist zu Ende, und ich fühle mich ausgelaugt, aber glücklich. Das Hypnotische ist auf die Spitze getrieben worden, komprimiert, dann ist es implodiert und nach vorne wieder ausgespuckt worden. Glasscherben. Neutronenbombe.
00:26 Ich habe merkwürdigerweise keine Zigaretten mehr, obwohl ich ganz sicher eine Stange mitgenommen habe. Ich rufe den Etagenkellner an. Es ist wieder nicht Ken. Schade eigentlich. Als der Kerl kommt mit den Zigaretten, fange ich ihn an der Tür ab, damit er nicht anklopft und hereinkommen kann. Er versucht, um mich herum ins Zimmer zu schauen, als ob es da etwas Verstecktes, etwas Interessantes gäbe, aber ich laß ihn nicht gucken. Da ist ja auch gar nichts in dem Zimmer, nur ein Fernseher, auf dem Videos laufen. Ken würde ich gucken lassen. Der war ja auch schon mal drin. Aber diesen hier nicht.
Ich mache die Tür wieder zu und setze mich aufs Bett. Ein Werbespot für Joe Cocker läuft, danach ein Drei-Sekunden-Spot für Thunderdome VI, das ist eine CD mit Gabber drauf, und der Sprecher schreit: "Die Hölle auf Erden." Das Ganze dauert nur drei Sekunden, bei circa 25 Schnitten, ich schwöre es.
Ich glaube, früher, vor neun Jahren, hätte man das visuell gar nicht ausgehalten. Und vor 18 Jahren, als Punk erfunden wurde, da hätte das die Punks in den Wahnsinn getrieben, wenn jemand geschrien hätte: "Die Hölle auf Erden! Thunderdome VI! Das Härteste, was es je gab!" und Lichtblitze wären in ihre Gehirne hineingezuckt, und es wäre mit 210 BPM durch den Fernseher gerast, und der ganze Zauber wäre tatsächlich in drei Sekunden vorbei gewesen.
Aber man ist konditioniert, durch den jahrelangen Konsum. Es geht, es tut nicht mehr weh. Man müßte sich so Hippies schnappen, richtige Soziologie-Studenten, und ihnen dieses hier antun. Die würden ganz schnell abkacken bei Thunderdome VI.
03:10 Keine Dynamik, keine Geschwindigkeit. ich glaube, die einzige Möglichkeit, den Überblick zu behalten, ist paradoxerweise Geschwindigkeit. Pharao. 24-7, live mit dem Viva-Team in Rio.
Danach Ace of Base. Und dann Two Live Crew, die genauso aussehen wie 24-7, die wiederum genauso ausehen wie der Musikzahnarzt Dr. Alban. Das Ganze wird angekündigt von Mola Adibelese. Dieser ganze blöde Fake-Techno-Eurotrash klingt gleich. Wer hat noch mal das alles losgetreten? Ach ja. Jam & Spoon.
Dann Naughty by Nature, Hip Hop Hurray, Regie: Spike Lee. Alle machen "Hey ... Hoo ... Hey ... Hoo". Ich glaube, man sollte sich nicht nur die Videos und deren spezifische Ästhetik einprägen, sondern auch gleich die Namen der Regisseure, die extra unten eingeblendet werden, am Anfang und am Schluß des Videos.
Obwohl, den Regisseur des Videos Kauf mich von den Toten Hosen, den sollte man sich nicht merken. Das ganze Video ist so eine ultralangweilige Konsumkritik, mit Ironie versehen. Gott, ist das mühselig. "Ich bin käuflich", singt Campino. Ist doch völlig egal, Campino, ob du käuflich bist. Ein bißchen Stagediving, ein bißchen wasserstoffzerstörte Haarwurzeln, ein paar Tätowierungen, Bierdosen. Trotzdem: Der Regisseur heißt Hans Nelemann. Hans Nelemann, Hans Nelemann. Was denkt so ein Mensch? Interessiert der sich noch für irgendetwas? Was will der? Und warum merke ich mir trotzdem diesen Namen?
06:10 Igitt. Um diese Zeit zeigen sie den unglaublichsten Müll. Can't Touch This von M. C. Hammer. Ich habe ein Gefühl, als ob ich acht Tassen Kaffee getrunken hätte. Außerdem habe ich einen widerlichen Geschmack im Mund. Ich schlafe immer wieder ein, gehe nochmal duschen, diesmal abwechselnd heiß und kalt. Ich hasse M. C. Hammer. Ich verabscheue ihn. Ich hasse seine Pumphosen.
Trotzdem singe ich unter der Dusche Can't Touch This. Ich hasse mich dafür.
07:00 Ganz kurz, wirklich nur ganz kurz geschlafen. Sinead O'Connor, Fire In Babylon. Fürchterliches Lied. Jetzt sieht sie so aus wie Winona Ryder, mit Kurzhaarschnitt. Dann, eine Viertelstunde später: ein Werbespot für ihre neue Platte. So läuft das. Erst kommt der Videoclip, dann kommt die Werbung für die Platte, und vier Stunden später kommt nochmal derselbe Videoclip.
So etwas merkt aber niemand, weil ja niemand länger als zwei Stunden hintereinander Videoclips anschaut. Das Muster hinter allem, die geheimen Verbindungen, kann man erst erkennen, wenn man, Moment mal, 40 Stunden am Stück gesehen hat. Dann beginnt sich ein klares Bild aufzubauen im Gehirn.
Na bitte: Was habe ich gesagt? Es kommt Werbung für die Tour der Toten Hosen. Ob Hans Nelemann ganz oben auf der Gästeliste steht? Ich hoffe es für Hans Nelemann. Gut, daß ich mir seinen Namen gemerkt habe.
09:02 Kein Frühstück. Dafür die Erkenntnis: Ich liebe Viva! Jaa! Ich freue mich riesig auf die Videoclips. Die, die ich schon kenne, nehme ich verstärkt wahr, ich sehe sie mir genauer in Werbeblöcken an, weil in denen alles noch schneller geht. Dort ist die Abfolge von Bildern extra beschleunigt und gleichzeitig noch genauer, noch zielgericheter.
11:24 Schlimmer als alles andere ist dieser Reggae-Dreck: Inner Circle und Big Mountain, der Song zu dem verkackten Reality Bites-Film, der auf deutsch wenigstens ordentlich beschissen "Voll das Leben" heißt. Hoffentlich geht da keiner rein. Obwohl, hoffentlich gehen da ganz viele rein, damit sie alle so erstklassig verblöden wie Winona Ryder und Ethan Hawke.
13:30 48 Stunden. Ich habe Schmerzen. Nicht genau lokaliserbare Schmerzen, sondern welche, die überall sind und gleichzeitig auch nur eingebildet. Ich muß etwas essen, obwohl ich überhaupt keinen Hunger habe. Seit gestern lebe ich von Mineralwasser und Alkohol. Ich kann nicht mehr.
16:04 Was ging ab, heißt die Sendung. Das muß man sich mal vorstellen. Was ging ab. Rudolf Scharping kommt auch zu Wort, Londonbeat sind im Studio zu Besuch. Das schlechteste Video des Tages ist von Even Cowgirls get the blues, Sugartown, ein altes Dionne-Warwick- oder Nancy-Sinatra-Stück. Diese Band ist so schlecht, das müssen Deutsche sein, vielleicht sogar Dänen. Nein, noch viel schlimmer: Berliner.
Jetzt kommen schon wieder 24-7, live in Rio. Die rennen in Rio herum, an der Copacabana ein bekloppter Schwarzer und eine Blondine. Es sind Holländer. Manchmal denke ich, die Holländer sind sowieso an allem schuld. Erst mal ein Kalbsgeschnetzeltes essen. Ich mag zwar kein Fleisch, aber ich bilde mir ein, ich würde aus dem Kalbsgeschnetzelten Kraft herausziehen können.
18:00 "Und jetzt, für Steffi aus Bad Gandersheim: Marusha!" sagt Mola und lächelt. Und dann das Video: So eine eklige Berlin-Schlampe. Solche Menschen können nur aus Berlin kommen, so zugedrogte Frauen mit silbernen Lurex-Anzügen und grünen Augenbrauen. Aber es ist in Ordnung, weil schnell. Alle, die im Rahmen von Techno etwas auf sich halten, werden schneller, werden Gabber, weil langsamer werden, das ist Sell-Out. Glauben sie. Stimmt aber natürlich überhaupt nicht.
Mark Oh, Love Song. Superbilliger Drecktechno. Eurotrash. Aber immer noch nicht so schlimm wie 24-7 oder diese Zahnarztmusik, DJ Bobo, oder wie das heißt. Ein Teil meines Gehirns versucht immer noch, Ordnung in alles hineinzubringen, während der andere Teil krampfhaft versucht, die entstehende Ordnung aufzulösen. Die vollkommene Entropie, durch Viva. Das geschlossene System.
19:55 Ich denke daran, wie es nach einem Atomkrieg wäre, hier in Frankfurt: die rauchenden Reste der Deutschen Bank, verbogenes Metall. Den Crackrauchern in den Trümmern des Hauptbahnhofes wären die Glaspfeifchen im Mund geschmolzen. Und den ärmeren Crackrauchern, die sich aus aufgeschnittenen Coladosen ihren Gabber-210-BPM-Rausch holen wollten, ist es schlimmer ergangen: Ihre Leichen liegen herum, das Metall der Coladosen hat sich mit ihren Zähnen und ihren Lippen zu einer neuartigen Substanz verbunden, die es bis jetzt auf dem Planeten noch nicht gab.
Der Abendhimmel würde rot leuchten, alle Abstufungen von rot, und ein orangefarbener Glanz würde sich über die verkohlte, ausgebrannte, flachgemachte Stadt legen, und irgendwo in der Nähe der Marriott-Ruine würde ein Fernseher stehen, der, auf ewig gespeist von Gehirnströmen, Viva ausstrahlt.
Ein Videoclip wird auf einer Endlosschlaufe laufen, ein einziger. Als Strafe Gottes für die Vermessenheit der Welt wird dieser Videoclip von Lucilectric sein, und zwar Weil ich ein Mädchen bin. Und dieser Videoclip wird unendlich laufen, bis in alle Ewigkeit, ohne Zuschauer, blind und taub.
20:08 Flintstones, meet the Flintstones, we'll have a gay old time. Dam, dam, damdidam. Dam, dam didamdam. Dam di dam da da dadam dam. We'll have a gay old time.
22:14 Ich bin wieder eingeschlafen. Wirklich nur ganz kurz. Ich wache durch die Spin Doctors auf, danach erscheinen BAP mit ihrem Hit Widderlich. Ich gehe duschen. Unter der Dusche fällt es mir plötzlich ein: Das ist es alles nicht wert. Ich mache mich hier kaputt. Ich richte mich zugrunde durch diesen Irrsinn. Ich muß doch nicht das Leid der Welt auf mich nehmen, für niemanden.
Daß es so schlimm werden würde, habe ich mir nicht vorgestellt. Ich will das nicht. Mein Körper rebelliert. Im Schlafzimmer läuft Machen von Yah Yah, zum fünften Mal, seit ich hier bin. Mir wird schwindelig, alles dreht sich, und auf einmal muß ich mich in die Badewanne übergeben.
Ich spüle die Kotze mit der Dusche weg, und dann sehe ich in den Spiegel. Mein Gesicht ist bleich, fast gelb. Ich habe rote Punkte auf dem Oberkörper, meine Hände und meine Knie zittern. Ich werde den Fernseher auschalten. Gleich werde ich ins Zimmer gehen und den Knopf drücken, den Atomkrieg-Knopf, den roten Knopf, und dann wird es ruhig werden.
Ich setze mich nackt auf den Boden des Badezimmers und nehme den Kopf zwischen die Knie. Bald drücke ich auf den Knopf. We'll have a gay old time.
00:49 Ich bin im Bad eingenickt. Ich bin erschrocken, verwirrt. Manchmal, wenn man in seinem eigenen Bett aufwacht, dann weiß man nicht, wo man ist, für ein paar Sekunden. Dann hat man kein Zuhause mehr, auch nicht in sich. Da ist nichts mehr, keinerlei Halt, nichts. Ich gehe ins Schlafzimmer, und erst läuft das Ende von EMF, und dann fängt Roxette an mit Crash! Boom! Bang!, und dann schalte ich aus. Es ist noch nicht einmal eine Genugtuung. Es ist nur leer.
Von Christian Kracht

SPIEGEL SPECIAL 11/1994
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