01.11.1994

„Die anderen lieben sich“

Dr. Jürgen Neffe, 38, ist SPIEGEL-Reporter Es ist ein hartes Wort und dennoch sag ich's, weil es Wahrheit ist: ich kann kein Volk mir denken, daß zerrißner wäre, wie die Deutschen. Friedrich Hölderlin, Hyperion, 1799
Als im Kino auf dem Ettersberg die Tür ins Schloß gefallen und das Licht erloschen ist, herrscht für Momente eine Stille im Saal, als habe niemand den Weg in diese Finsternis gefunden. Dann erhellt eine Göttin von einst die Gesichter des Schweigens mit ihrem alten Lied von der Hoffnung. "Ich weiß", singt Zarah Leander, "es wird einmal ein Wunder gescheh''n."
Heute wie damals dient die Diva dazu, Seelen zu öffnen. Ihr Gesang, Beschwörung einer fernen, ungewissen Zeit, ruft Sehnsüchte wach, die mit Grauen bestraft werden: Mitten in die Herzen dringen, zielsicher montiert, Bilder des Horrors.
Flammen und Fackelschein werfen auf deutsche Vergangenheit ein fahles Licht, das sich im Saal allmählich verliert. Bis in die Gegenwart reicht es, bis dorthin, wo sich die Zukunft lümmelt, die Deutschen von morgen.
Im Kino auf dem Ettersberg, der Weimar überschattet, läuft immer nur der eine Film, "O Buchenwald" - schwarz-weiß zu großen Teilen und jugendfrei. Szenen aus dem Dritten Reich, von Größenwahn und Greueltaten, Dokumente deutscher Häßlichkeit, Bilder vom banalen Bösen. Schülerinnen und Schüler aus alten und neuen Bundesländern drücken sich hier in die Polster, um ihre verdammte Pflicht zu tun: Vergangenheitsbewältigung.
Schulausflüge in die Stadt der toten Dichter schließen fast unausweichlich Staatsbürgerkunde für nachwachsende Deutsche ein. Wer Goethe will, kommt an Goebbels nicht vorbei, Nietzsche gibt es nicht ohne Nazis, mit jedem Häppchen Stolz ein Bündel Scham zum Runterwürgen.
"Schiller als Kampfgenosse Hitlers", lautet ein Buchtitel aus der Werkstatt der Barbaren, "Buch und Schwert" vereinigt unterm Hakenkreuz. Heute ins Konzert mit Liszt und Wagner, morgen ins KZ: "Buchenwald, Post Weimar" - sich erinnern an etwas, das nie verinnerlicht worden ist. Das sind sie Eltern und Großeltern und Urgroßeltern schuldig nach dem Prinzip Erbsünde, das in dieser Art wohl nur die Deutschen kennen.
Reihen von grauen Gesichtern im matten Widerschein flackernder Historie, glatt und jung und unfertig noch, mehr Fragen als Antworten im Blick, die letzten Pickel noch vom Pubertieren, ausgewachsen, aber nicht erwachsen - noch hat das Leben ihnen wenig Züge ins Antlitz geprägt. Doch hinter der Stirn, wo die Gedanken kreuzen, toben Sturm und Drang.
Da sitzt nun der Teutonen-Nachwuchs und soll sich einen Reim auf Deutschland machen, soll wach und wacker die Nation verstehen, die selbst nicht weiter oder reifer ist: sprunghaft, neugierig, scheu, halbstark, unerfahren - und das, wo sie doch soviel angerichtet hat, erlebt und durchgemacht, daß es zur Weisheit reichen müßte, zu Ruhe und zu Klarheit. Statt dessen leidet das zarte Wesen, falls es jenseits der Debatten älterer Herrschaften überhaupt existiert, an Schizophrenie und Autismus und ausgeprägtem posttraumatischem Streßsyndrom.
"Davon geht die Welt nicht unter", gröhlen ausgelassen schunkelnd Deutschuniformierte aus Lautsprechern in die Kinodämmerung - ein Lied auf den Lippen und Härte im Herzen: Schon treibt der braune Mob seine Opfer zusammen. Hier lernt, wer es nicht längst schon weiß: Wo man singt, da laß dich nur mit Obacht nieder. Auch böse Menschen haben Lieder.
Welt reimt sich auf Geld, das hat die Jugend verstanden, und stark auf Mark, aber was reimt sich auf deutsch? Wie soll man eine Nation begreifen, deren größte Errungenschaft ihr Wohlstand ist, deren auffälligstes unveränderliches Kennzeichen ihre Narben sind und die sich als Hymne ein Lied gegeben hat, dessen erste Strophe nicht gesungen werden soll?
Das zweite deutsche Nationallied durfte seit 1971 wegen seiner staatsgefährdenden Zeile "Deutschland einig Vaterland" nur Melodie ohne Worte sein. Anja Bachmann mag es bis heute nur summen. Den Text kennt sie vom Hörenschweigen: "Auferstanden aus Ruinen". Anja hat nun andere Sorgen und neue Songs im Kopf. "Ich geh auf Glas, bei allem was du tust, und meine Haut in Scherben." Mit sanftem Rock trifft "Rosenstolz", die Lieblingsband der 17jährigen, einen der Wesenskerne deutsch-deutscher Befindlichkeit - Verletztheit: "Hab so viele Narben von dir."
Anja lebt, seit ihre Mutter ausgezogen ist, allein in einer Wohnung im Osten Berlins. "Was nutzt all die Megapower, wenn die Schönheit nicht von Dauer", dröhnt es durch die Zimmer, wenn sie sich für nächtliche Streifzüge durch Ostkneipen vor dem Spiegel zurechtmacht.
Auf ihr Abitur bereitet sie sich im Westen vor, im Theodor-Heuss-Aufbaugymnasium im Wedding. Die Hälfte der Schüler sind Ausländer; zu etwa gleichen Teilen auf Ost- und Westdeutsche verteilt sich der Rest. Die meisten stammen aus Mittel- oder Unterschicht, wurden nicht gleich zum Gymnasium geschickt, schlossen aber Real- oder Hauptschule so gut ab, daß sie nun ihre Chance erhalten.
Anja ist eine von 14 Jugendlichen zwischen 17 und 21 Jahren, die gemeinsam mit zwei Lehrerinnen für fünf Tage in die Kulturstadt Weimar gefahren sind - 13 Frauen und ein junger Mann in einer Gruppe, wie sie wohl nur Berlin zusammenbringt:
Aylin, eine in Deutschland, sowie Deniz und Zümriye, zwei in der Türkei geborene Türkinnen, alle drei in Berlin großgeworden; Sueda, mit türkischer Mutter und deutschem Vater, in West-Berlin zur Welt gekommen und seither dort; Eileen mit deutscher Mutter und ungarischem Vater, aufgewachsen im Osten und ebenso wie die Ostdeutschen Sabine und Adriane vor der Wende ausgereist; David und Kathrin konnten, wie auch Anja, als "DDR-Bürger" erst nach dem November ''89 in den Westen - wo Chama, die Tunesierin, und ihre westdeutschen Schulkolleginnen Birgit, Christiane und Susanne von Geburt an gewohnt haben.
Ostdeutsche, Westdeutsche, Halbdeutsche, Inländer, Ausländer - sie sollen leben, wovon andere nur labern: Kooperation statt Konfrontation, miteinander statt gegeneinander.
"Könnt ihr euch eigentlich vorstellen, was das heißt", fragt Ossi Wessi, "wenn plötzlich nichts mehr ist, wie es war?" Anja erzählt, wie mit der Mauer der Unterricht von einem Tag auf den anderen zusammenbrach, wie ihre Lehrer weinten statt zu lehren und wie sie ohne Ansehen der Person schließlich gefeuert wurden. Geschämt habe sie sich damals, daß Deutsche mit Deutschen so unbarmherzig umspringen können. Die Wendewunden sind noch nicht verheilt, "da holen sich die Westler", erregt sich David Schramm, "auch noch unsere Kleingärten".
"Wenn so was passiert", beschreibt Eileen Szabo ihre Erinnerung an das DDR-Ende, "dann ist das, als ob man dich in Eiswasser stößt."
Ruhig hören sich West- und Gastdeutsche das an, erwidern nichts. Sie kennen jede Klage, jedes Argument - fühlen sich aber nicht verpflichtet, zu reagieren, weil sie keine Schuld empfinden.
Einander näherkommen wollen sie während des Schulausflugs, zumindest für die gemeinsame Zeit bis zum Abi - das in ihrer Schule üblicherweise nur etwa die Hälfte der Kandidaten schafft. Gleichzeitig sollen sie den Herren Goethe und Schiller Reverenz erweisen, einmal ins Theater, einmal in die Oper gehen, außerdem soll jeder noch mit sich selbst zurechtkommen - und das in einer jener deutschen Kleinstädte, die sich mit ihrem unstillbaren Harmoniebedürfnis ständig selbst auf der Lauer liegen.
Im romantischen Park des Schlosses Belvedere, am Rande der Stadt, wohin sie ein Pferdewagen kutschiert hat, an einem grauen Spätsommertag, sprechen die Oberschüler darüber, was das eigentlich ist: Heimat. "Wo die Wiege steht", lautet eine der deutschen Antworten. "Wo man sich heimisch fühlt", eine andere. "Wo mir die Currywurst am besten schmeckt", eine weitere und, schlicht und schön: "Wonach man Heimweh hat."
"Ich habe das Gefühl, ich könnte jemanden verletzen", fürchtet Sueda Böhm und denkt an ihre türkische Mutter, "wenn ich sage, Deutschland ist meine Heimat."
Von der "Kälte in Deutschland" spricht Chama Hamdi. Sie meine das nicht nur klimatisch, sondern menschlich: "Unsere Länder sind vielleicht in der Entwicklung zurück. Aber die Leute machen was aus ihrem Leben."
"Irgendwie haben wir keine Heimat", überlegt Devrim-Deniz Han.
"Kann man nicht zwei Heimaten haben?" fragt sich Zümriye Erkovan. "Hier bin ich aufgewachsen, hier will ich mein Leben machen. Aber in dieser Erde möchte ich nie begraben sein. Mein Grab soll da sein, wo meine Wurzeln sind" - in ihrem türkischen Geburtsdorf.
Eng rücken sie zusammen, als die Kutsche sie abholt und zurück- bringt in eine der schönsten Ortschaften Deutschlands. "Weimar entspannt", steht am Ortseingang. Tempo 30, bitte.
Schneller geht es ohnehin nur selten durch die Oststadt mit dem Westverkehr und den unzähligen Baustellen. Preßlufthämmer, Bagger, Kräne und Betonmischer allenthalben. Mit Liebe und Scheckheft hegen und pflegen die Wessis in Weimar das gemeinsame Erbe. In ihren Palasthotels und Edelboutiquen wie "Pringle of Scotland" oder "Blue Moon" herrschen allerdings Preise, die kaum ein Thüringer bezahlen kann.
Und die Einkaufspassage hinter der wiederaufgebauten Fassade an der Marktplatz-Nordseite steht, wie die neuen prunkvoll-kühlen Bankfilialen, eher in der Tradition westdeutscher Postmoderne als thüringischer Prä-"Renaissangx", wie die Leute hier sagen.
"Unsar Wäjmar", schwärmt Maria Hermann. Die aus Ungarn stammende Stadtbildführerin - so heißt das hier immer noch - ist den Theodor-Heuss-Oberschülern für einen Schnellrundgang zugeteilt worden. Doch so sehr ihr die Wahlheimat auch ans Herz gewachsen ist, sie "muß zugeben, daß Herder sehr vereinsamt in unserer Stadt gestorben ist".
Nicht der einzige, der an "unserer Kleinstadt" litt: Franz Liszt machte sich entnervt aus dem Staub, nicht gewillt, sich dem veralteten Geschmack des provinziellen Publikums länger zu unterwerfen. Walter Gropius und seine Künstler- und Architektengemeinschaft aus dem "Bauhaus", die fortschrittlichsten und freizügigsten Gäste, die Weimar wohl je zu verkraften hatte, gaben 1925 ob der kleinbürgerlichen "Feindseligkeiten" auf - im Jahr, bevor die Nazis ihren zweiten Parteitag in der NSDAP-Wahlstadt abhielten.
Der Herr Geheimrat, den als Dichterfürst die Welt verehrt, hat es, bevor er hier sein Wesen trieb, den Götz bereits erklären lassen: "Wo viel Licht ist", sagt weise der von Berlichingen, "ist starker Schatten."
Die deutschen Risse verlaufen kreuz und quer durch das thüringische Weltstädtchen. Das Puppenstübchen deutscher Klassik - ein Mikrokosmos zwischen Größe und Schande, ebenso fruchtbar wie furchtbar, ideal für Spießer und Spitzel, für braune Parteitage, rote Jugendweihen und gemischte Klassenfahrten.
Da gehen sie nun, die Europäer von morgen, durch die Wohnhäuser und Werkstätten der großen Denker, die Weimar mit Deutschem Geist gesegnet haben. Deren prosaische Hinterlassenschaft, bewacht von Aufpasserinnen, die ihre Funkgeräte halten wie Peitschen, schafft Nähe und Vertrauen. Absoluter Höhepunkt im Schillerhaus: des Dichters Nachttopf.
Weil sie mehr gesehen haben als alle anderen vor ihnen und doch immer weniger in Augenschein nehmen können, reagieren die Jugendlichen auf die Zurschaustellung des Echten mit der gleichen Schaulust, die Menschen bei Katastrophen gaffen läßt: endlich Wirklichkeit, live und ungeschnitten.
Daß Goethe sich einen riesigen Juno-Kopf aus Italien hat nachsenden lassen - "voll cool". Daß er reich war wie Gottschalk und ein Star schon zu Lebzeiten, ruft mehr Bewunderung hervor als seine Schriften. Daß sein "Sterbesessel" zum Greifen nahe noch da steht, wo er immer stand, läßt das Genie fast wieder auferstehen.
Es sind nur ein paar Minuten von dort zum Theaterplatz, wo der beiden Denkmal steht: Johann Wolfgang, der Deutsche, die Augen ins Hier gerichtet, in der Rechten den Lorbeerkranz, und Friedrich, Europäer und Visionär, mit Blick in die Ferne, fest umschlossen sein Werk in der Linken. Das Standbild wurde gegossen aus dem Metall erbeuteter türkischer Kanonen: Rohstoffrecycling im letzten Jahrhundert, als die Geschichte sich drehte und Deutschland entstand.
Eisern stehen sie bis heute und fest, den Rücken jener Kleinstadtbühne mit Weltpremieren zugewandt, wo auch die Weimar-Republik ausgerufen wurde, als die Zeit noch nicht reif war, und auch nicht das Volk. Deutsches Nationaltheater heißt das Haus seither, für schwarz-rot-goldene Zwanziger, für Nazis und Stasis, Vereiniger und Vereinigte. Zerstört das Theater im totalen Krieg, als die Republik längst in Asche lag, als das Schauspiel untersagt war und sich eine Waffenfabrik im Gebäude verbarg.
Raketenteile für den Endsieg fabrizierten die Häftlinge, die keiner bemerkt haben will, als sie in die Stadt gebracht, als sie in ihr Lager zurückgetrieben wurden. "Normalsterbliche haben nichts davon mitbekommen", versichert einer, der damals Hitlerjunge war und heute, in tätiger Reue, als Führer durch die Gedenkstätte "am Modell die Problematik des Ettersberges näher erläutert". Seltsame Gestalten in der Stadt? Ja, die habe man gesehen, aber "da haben wir uns, wie man so sagt, keinen Kopp gemacht".
Wenn einmal jemand eine deutsche Nationalpathologie schriebe, um das Leiden an Deutschland und das deutsche Leiden zu untersuchen - die beklemmende Nähe zwischen den Extremen, zwischen Gut und Böse, müßte im Mittelpunkt stehen. Wo mag er seinen Ursprung nehmen, der Deutschen tiefer innerer Riß, den jeder Vaterlandsmann, jede -männin in sich weiß? Sind die zwei Seelen, ach, in unsrer Brust denn etwa angeboren, vererbt als eine Art Germanen-Gen? Oder doch eher eingehaucht mit Deutschem Geist auf dem Weg vom Wiegenlied zum Deutschlandlied?
Es ist so nah von Weimar auf den Ettersberg, gut eine Stunde Fußweg nur, ein Katzensprung, wie man so sagt, vom Knarren der Dielen im Goethehaus zum Knarren der Planken in der grobgezimmerten Baracke, im Menschenpferch, so nah von Mensch zu Unmensch zu Mensch, vom Buchenwald zur Lindenstraße, vom "Nie wieder" zu den neuen Leiden des jungen D, der Großbundesrepublik.
Herr Kalabis, der nicht Jugendherbergs"vater" genannt werden will, sondern "-leiter", hat die "ausländischen Mädchen" durch die Lehrerinnen warnen lassen: Sie sollen abends nicht allein aus dem Haus gehen. "Sicherheitshalber." Auch Weimar hat sich kürzlich eingereiht in die immer länger werdende Lichterkette deutscher Städte, die mit Hoyerswerda begann, mit Rostock, Lübeck, Mölln, Quedlinburg, Solingen weiterging und nicht einmal mit Sachsenhausen oder Buchenwald endete. Dort hatten Rechtsradikale im Juli mit "Sieg-Heil"-Rufen und Hitlergruß eine Mitarbeiterin der Gedenkstätte zu verbrennen gedroht.
Die 14 Berliner Schüler, aus deren Altersgruppe die meisten neofaschistischen Schlägertrupps stammen, reden über Fremdenhaß und über jene Deutschen, die aus jedem Problem mit sich gleich ein Problem mit anderen machen.
"Ich finde das auch nicht gut, was Neonazis machen. Aber in anderen Ländern gibt es das auch."
"Ihr Türken macht sie überhaupt erst salonfähig."
"Früher habe ich mich als Berlinerin gefühlt. Jetzt fühle ich mich als Ausländerin."
"Wir sind ein kleines Land. Ich glaube, daß es langsam eng wird."
"Vielleicht geht ihr Deutschen zu sehr mit Verstand daran, wir mehr mit Gefühl."
"Das Ausland stellt Deutschland immer so mies dar."
"Die Vorwürfe der anderen Nationen interessieren mich nicht."
"Was haben die Deutschen nur gegen sich?"
"Egal, welches Land sonst: Die anderen lieben sich irgendwie, wir nicht."
Die Debatte geht erstaunlich diszipliniert vonstatten. Sie wollen, sagen sie, einander die Meinung sagen, nicht aber weh tun, einander helfen, nicht hassen. Ideologisierung ist ihnen ebenso zuwider wie Lagerdenken oder parteitaktische Tricksereien.
"Du redest jetzt wie ein Politiker", gilt als schlimmer Vorwurf. "Diskutieren bringt nichts", sagen sie und beurteilen die Leistung ihrer Lehrer nach "Labereinheiten" - je weniger, desto besser. Im Zweifel seien Tennis- oder Fußballtrainer ohnehin wichtiger als Pauker, "weil die mir zeigen, wie ich fünf Millionen machen kann".
Keine Generation auf deutschem Boden hat sich je so weit entfalten können wie diese, die Gesellschaft wie ein Gesellschaftsspiel erlebt und der die Frage nach Sinnlichkeit die wichtigste Sinnfrage zu sein scheint. Alles geht, von der Matte bis zur Glatze, von Konsumverzicht bis Kaufrausch, jeder Spaß ist erlaubt und jedes Maß an Ernst - Hauptsache unberechenbar. Ihr Trend weist weg vom Trend: Es bleibt alles anders.
Ihr Selbstbewußtsein beziehen die Jugendlichen aus sich selbst. Ihr Individualismus - "mein eigenes Leben ist am wichtigsten" - richtet sich jedoch nicht gegen Solidarität, sondern gegen Vereinnahmung. Arbeitslosigkeit oder Armut werden nicht als politische, sondern als persönliche Angelegenheiten empfunden. Und wenn schon Politik, dann lieber international als national.
Nation? - "Det bin doch icke, oder watt?"
Deutsch sein? - "Wir haben andere Probleme", Weltprobleme: Mehr als jeder Generation davor drängen sich den jungen Erwachsenen Bevölkerungsexplosion und Flüchtlingslawinen ins Bewußtsein, bedroht sind Weltfrieden und globale Umwelt.
"Stop the slaughter", steht auf dem T-Shirt des World Wildlife Fund, das Birgit Bode in Goethes Garten spazieren trägt: Einhalt dem Abschlachten der Elefanten.
Sind das die Bürger, mit denen kein NS-Staat mehr zu machen ist, weil sie weltoffen deutschen Selbsthaß, deutsche Intoleranz und deutsche Humorlosigkeit durchbrechen? Oder schafft ihre "Politikverdrossenheit" gerade jene Räume, in denen sich der neubraune Dunst nach Belieben breitmachen kann?
Wenn im Kino auf dem Ettersberg der Film "O Buchenwald" abgespult ist, strömen die Schüler schweigend ins Helle. Sie habe aus Mitleid geweint, sagt nachher Christiane Thein von der Weddinger Oberschule, aus Mitleid und aus Wut, weil in der Reihe hinter ihr die Jungen kicherten.
Im kalten Wind am Nordhang der Erhebung, wo einmal das Lager lag und sich nach der Vorführung des Films die Klassen treffen, auf dem "Appellplatz" mit Blick auf das eiserne Tor, dessen Inschrift "Jedem das Seine" noch zu lesen ist, da stehen frierend junge Menschen in Grüppchen zusammen, die Hände in den Hosentaschen, die Blicke zu Boden gerichtet, wo manche mit den Schuhen scharren wie ungeduldige Pferde mit den Hufen.
So etwas, sagt endlich einer mit vollmundig-westfälischem Zungenschlag, dürfe nie wieder passieren - aber das habe er auch schon vorher gewußt. Und er schäme sich auch nicht, Deutscher zu sein. Nein, pflichten ihm seine Kameraden bei, sie auch nicht. Die Neonazis müßte man stoppen, aber das sei eine andere Geschichte.
"Das muß mal ein Ende haben, daß man uns das in die Schuhe schiebt."
"Die sollen uns endlich damit in Ruhe lassen."
In gleichem Maße, wie sie zu unpolitischen Menschen gestempelt werden, prangern Jugendliche jene Politiker als unmenschlich an, deren verordnete Vergangenheitsbewältigung sie als Gegenwartsbelästigung empfinden: Tut die Generation ihrer Eltern des Guten zuviel, wenn sie an ihren Kindern gutzumachen versucht, was ihre Eltern an ihr verbockt haben?
"Zuviel KZ ist wie zuviel Erbsensuppe. Wir werden vollgestopft damit. Kotz."
"In Sachsenhausen habe ich mich noch übergeben. Hier habe ich nur noch geschluckt." Beim nächstenmal wird weggeguckt?
"Hitler ist für mich so fern wie Hannibal."
Beim Abschiedsabend der Berliner Gruppe in der Jugendherberge ist von Buchenwald nicht mehr die Rede - wohl aber vom Unwohlsein der "ausländischen Mädchen" in dieser Stadt. Unerträglich finden sie Gaffer, die ihnen giftig und trotzdem geil hinterhergucken.
"Diese Blicke haben etwas zu sagen", glaubt Chama, "das ist nicht normal."
"Übertreibt ihr nicht?", fragt Eileen. "Es ist doch nichts passiert."
"Muß denn erst was passieren?"
Die Stimmen werden lauter, die Gesichter erhitzter. Einige verlassen den Raum, entnervt. "Warum müssen wir immer wieder darüber reden?" schreit eine.
Zümriye: "Weil wir nicht eure zweiten Juden sein wollen - wir würden uns bewaffnen." Für einen Augenblick scheint Haß die Gruppe zu spalten - als trügen hier die Enkel wieder den Kampf ihrer Großeltern aus, und nicht ihren eigenen.
Niemand hat sie darauf vorbereitet, niemand hat ihnen beigebracht, wie mit solchen Situationen umzugehen ist. Doch pragmatisch, wie sie sein wollen, sitzen bald wieder alle an einem Tisch - als hätten sie den kleinen Unterschied verstanden zwischen Gemeinschaft und bloßer Gemeinsamkeit, in der immer noch etwas Einsamkeit steckt.
"Wir haben unterschiedliche Standpunkte", stellt Deniz nüchtern fest, "aber wir haben nichts gegeneinander."
Sie, die junge Frau aus dem Wedding, halb kurdisch, halb türkisch und ganz berlinerisch, hat am Mittag eine Widmung ins Gästebuch der KZ-Gedenkstätte Buchenwald geschrieben: "Diese Zeit war grausam und sehr schrecklich. Ich hoffe nur, daß andere daraus gelernt haben."
Ein paar Tage vor ihrer Eintragung hatte jemand in denselben Band gekritzelt: "Adolf Hitler kommt wieder. Dann seid ihr dran. Ausländer raus." Deniz hat diese Zeilen nie gesehen. Irgend jemand muß die Seite aus dem Buch gerissen haben.
* Gruppe vom Theodor-Heuss-Aufbaugymnasium, Berlin - jeweils von links. Obere Reihe: Christiane Huck (Lehrerin), Chama, Deniz, Kathrin, Adriane, Sabine, Eileen, Zümriye; Mitte: David, Christiane, Anja; untere Reihe: Birgit, Sueda, Aylin, Christina Wehowski (Lehrerin), Susanne.
Von Jürgen Neffe

SPIEGEL SPECIAL 11/1994
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