01.03.1999

Sssst und plopp

Die Rohrpost - eine fast vergessene Kommunikationsform

Von Pascal Morche

Pascal Morche, 42, ist freier Journalist in Hamburg. Damir Begovic, 33, lebt als Fotograf in Hamburg.

Jens Tessensohn ist ein großer Mann. Gelassen erträgt er es, daß Menschen ihn belächeln, daß sie mit dem Kopf schütteln, wenn er sagt: "Ich bin seit zwei Generationen in der Rohrpost."

Der 51jährige ist außerdem ziemlich schlau: "Wenn ich auf einer Messe sage ,Ich bin Rohrpostverkäufer', lachen die Banker. Sage ich aber ,Ich handele mit innerbetrieblicher Fördertechnik von materieller Kommunikation', dann nehmen mich die Leute ernst."

Man muß Jens Tessensohn ("Sie erkennen mich gleich, ich trage eine Bombe unterm Arm") wirklich ernst nehmen. Zu treffen ist er dort, wo sich die Metastasen der Rohrpost durch Bürogebäude bohren. Wo die Defloration der Bürowände durch sssst und plopp hörbar ist. Im Zollamt Hamburg-Waltershof zum Beispiel, in Speditionen, Behörden, Verwaltungs- oder auch Verlagshäusern in Deutschland.

Respekt diesem Mann! In unserer schönen großen Kommunikationswelt fristet Tessensohn nämlich ein Nischendasein. Er ist Vertriebsmann der "aerocom", des "europaweit größten Herstellers von Rohrpostsystemen". Er ist einer von nur mehr 30 Männern, die jene zischenden Fossilien der Bürowelt für die letzten fünf in Deutschland verbliebenen Rohrpostanbieter betreuen oder sogar neu installieren.

Die wirtschaftliche Bedeutungslosigkeit seiner Branche beschreibt Rohrpostmann Tessensohn so: "1980, als das große Rohrpoststerben einsetzte, entstand die aerocom aus einer Fusion von aeropost, airfix und aerotrans. Sie macht 33 Millionen Umsatz im Jahr. Der gesamte Rohrpost-Weltmarkt liegt gerade mal bei 200 Millionen Mark."

Der aerocom-Mann trägt Wildlederjacke und Krawatte - "für Baustelle und Bank". Seine Augen leuchten: "Wer einmal im Leben die Krümmung einer Rohrpoströhre angefaßt hat, kommt davon nie mehr los."

Tessensohn hatte seine schicksalhafte Begegnung mit dem "pneumatischen Förderungssystem" 1961 als 13jähriger: "In der richtigen Krümmung des Bogens, des Radius, liegt das ganze Geheimnis der Rohrpost. Wer ihn bauen kann, der kann Rohrpost bauen. Denn sonst bleibt die Büchse ja stecken."

Die Rohrpost entwickelte sich Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Irgend jemand, der vielleicht besonders gern Papierkügelchen durch einen Strohhalm pustete, muß wohl darauf gekommen sein, daß sich auch größere Behälter mittels Druck- oder Saugluft durch Röhren befördern lassen.

Genaueres ist nicht bekannt. Der Urvater des Transportsystems verliert sich im historischen Nebel. Sicher ist hingegen, daß Latimer Clark 1853 im Telegrafenamt in London die erste Rohrpostanlage installierte. Um die weitere Entwicklung der Rohrpost machte sich bald die Firma Siemens & Halske verdient. Sie baute 1865 die erste Stadtrohrpost in Berlin.

Damals wurde damit begonnen, Rohrpostlinien von Postamt zu Postamt, von Stadtteil zu Stadtteil zu legen. Zwölf Jahre später hatte die Berliner Rohrpost eine Streckenlänge von 26,3 Kilometern, an die 15 Rohrpostämter angeschlossen waren. 1944 betrug die unterirdische Netzlänge gar 245 Kilometer! Auf 27 Linien zischten Büchsen mit einer Geschwindigkeit von zehn Metern pro Sekunde.

Auch in anderen Städten wurde der Ausbau der Rohrpost vorangetrieben. Da man bereits Ende des 19. Jahrhunderts glaubte, Post werde wegen des enormen oberirdischen Verkehrsaufkommens nicht mehr rasch genug zum Empfänger gelangen, wurden in New York, Paris, Mailand ebenso Stadtrohrpostlinien gelegt wie in Köln, Wien oder Prag. Letztere ist teilweise heute noch in Betrieb.

Ein großer Teil des Briefwechsels zwischen Franz Kafka und seiner Freundin Milena Jesenska erfolgte per Rohrpost: "Komme ich nach Wien, schreibe ich Dir einen Rohrpostbrief", "Hast Du Donnerstag noch keinen Rohrpostbrief, dann bin ich nach Prag gefahren."

Vertraute Kafka Liebe und Leidenschaft der Rohrpost an, so entwickelte Erich Kästner in seinem Roman "Emil und die Detektive" Vorschläge zur Beförderungstechnik, die sicher nicht ganz ernst gemeint waren. "Und wenn es jemand besonders eilig hat", heißt es da, "und er will in ein anderes Stadtviertel, so packt man ihn auf dem Postamt rasch in eine Kiste, steckt die in eine Röhre und schießt sie, wie einen Rohrpostbrief, zu dem Postamt, das in dem Viertel liegt, wo der Betreffende hin möchte ..."

Das technische Prinzip ist stets dasselbe: Verschließbare zylindrische Rohrpostbüchsen (Tessensohn: "In der Vor-Baader-Meinhof-Ära nannte man sie noch häufiger Bomben") werden in einem Rohrpostnetz zwischen Sende- und Empfangsstation transportiert. Die Rohrpostbüchsen werden zuvor an der Sendestelle mit einer Zielangabe versehen. Sind sie büchsengesteuert, wie bei jener Siemens-Anlage aus den späten Sechzigern in der SPIEGEL-Redaktion, so wird das Ziel an einem Zahlenring an der Büchse eingestellt, der wiederum an der Schleuse einer gewünschten Zielstation abgetastet wird.

Bei neueren Anlagen wird das Ziel über Mikroprozessoren an der Station elektronisch eingegeben. Mit einer Geschwindigkeit zwischen vier und acht Metern pro Sekunde rasen die entsprechenden Büchsen durch die PVC-Fahrrohre in Richtung ihres Bestimmungsortes. "So schnell kann kein Bote laufen", freut sich Tessensohn.

Was die Büchsen mit bis zu 40 Stundenkilometern Höchstgeschwindigkeit bewegt, ist das Urprinzip des Saugens, der Anfang allen Lebens. Irgendwo im Bürohaus steht ein Gebläse, "Verdichter" genannt. Den Rest erklären alle Rohrpostfanatiker mit der Begeisterung von Modelleisenbahnern: "Man saugt die Büchse aus dem Kopfbahnhof heraus und fährt sie über eine Weiche. Diese meldet, daß die Büchse passiert hat. Das Gebläse schaltet dann um, und die Luft drückt die Büchse, an deren Seiten Gleitflächen aus Filz oder Schaumstoff sind, durch das enge Rohr zur Zielstation."

Da Saugluft mehr Energie hat als Druckluft, wird auch im Hamburger SPIEGEL-Haus "die Büchse bis zum 12. Stock angelutscht und dann quasi fallen gelassen", erklärt Klaus-Georg Kalweit von der technischen Verwaltung des Verlagshauses. Die Station 12A heißt "Herr Augstein". Chefredaktion ist 11A. So steht's an den Rohrpostbahnhöfen. "Wichtig: Immer nur eine Büchse in Pfeilrichtung ins Rohrsystem einführen", lautet die Warnung an die Mitarbeiter. "Sonst krachts im Rohr."

Weil Sekretärinnenohren litten, wenn die Büchsen in die Auffangbehälter donnerten, wurden schalldämpfende Filzfliesen oder Teppichreste wichtige Requisiten im Büroleben. Viele Hersteller lieferten deshalb gleich kleine Sandsäckchen mit. "Heute wird die Büchse durch Öffnen eines Luft-Ventils vor dem Zielbahnhof pneumatisch abgebremst und gleitet dann auf ihrem eigenen Luftpolster wie ein kleiner Hoover-Craft sanft in die Station. Das Rohr ist keine Panzerfaust mehr", sagt Tessensohn.

Die Büchsen, "die Fahrgeräte" also, rasen über Weichen und Steuerungen; man spricht von Streckenführung und Fahrbetrieb, von Linien und Linienabschnitten. Es ist wirklich wie bei der elektrischen Eisenbahn: "Wenn es kracht, dann an der Weiche, oder im Bahnhof." Aber was soll schon passieren auf der Fahrt? "Das größte Problem war immer, daß die Büchse aufging." An der Empfangsstation kamen dann nacheinander Deckel, Büchse und Büchseninhalt an, was ja so nicht gedacht war. "Oder es verhakte sich der Inhalt und man mußte mit der Drahtspirale im Rohr nachstochern."

In Redaktionshäusern erinnert man sich noch heute an jene Dokumentaristin, die stets mit Gummifingerling arbeitete. "Das Ding fiel immer zufällig ins Rohrsystem, wenn sie eine Bombe hochschickte." Der Fingerling verhakte sich in den wenigen Millimetern zwischen Büchse und Rohrwand, und dann war das System blockiert. Heute sind Rohrkrepierer seltener geworden, und damit hat auch das Gestochere mit der Drahtspirale im Rohrsystem aufgehört. Der Verschluß der Rohrpostbüchse ist meist schwenkbar und fest mit dem Büchsenkörper verbunden.

Außerdem ist beruhigend zu wissen: Was die Rohrpost verschluckt, das gibt sie auch wieder frei. Manchmal kann das allerdings dauern. Als Tessensohn 1990 bei einer Hamburger Bank eine Station verlegte, fand er einen Überweisungsträger über 150000 Mark. Der stammte aus dem Jahr 1978 und hatte sich im Rohrsystem verfangen.

Jens Tessensohn ist kein Phantast, auch wenn er sagt: "Halbverrückte sind wir in der Rohrpost alle. Zum Beispiel meint jeder Hersteller, er habe die schönste Büchse." Tessensohn schrieb auch nicht, wie sein Kollege Peter Mäussnest, eine Dissertation über Rohrpost: "Zur Theorie der Leistungsfähigkeit und Wirtschaftlichkeit stochastischer Transportsysteme".

Nein, dieser Mann braucht keine Doktorarbeit, um an die Rohrpost als ein Kommunikations- und Transportsystem mit Zukunft zu glauben. Natürlich hat auch er schon vom "papierlosen Büro" gehört. "Um Daten auf Papier zu verschicken, wird im EDV-Zeitalter bei Online und E-Mail die Rohrpost überflüssig." Wer aber deren Zukunft verstehen wolle, müsse nur endlich von dem papiernen, postalischen Begriff Post Abschied nehmen, den dieses Transportsystem - historisch bedingt - mitschleppe.

"Alle Daten und Informationen, die nicht durch ein Kabel passen, wie Originalschriften, Geld, Blut oder Werkstücke können rationell und schnell nur per Rohrpost transportiert werden. Das nennen wir materielle Kommunikation", sagt der begeisterte Rohrpostler. Blut?

Im Oktober 1998 installierte Tessensohn für die "aerocom" eine Rohrpostanlage im Kreiskrankenhaus Stadthagen. Die Rohrpostbomben transportieren Proben von der Station ins Labor. "Da kommen leicht 45 Kilometer Wegstrecke täglich zusammen. Krankenschwestern und MTA sind für diese Botengänge doch wohl überqualifiziert."

Statt dessen: Reagenzröhrchen rein in die Büchse und ab geht die Post. Im Wartebereich der Klinik ließ man die Röhren transparent. "Technik offensiv zeigen", sagt der Rohrbauer, "da freuen sich die Leute, wenn die Bomben durchzischen." Ein Effekt, den der New Yorker Künstler Serge Spitzer 1997 auf der "Biennale de Lyon d'art contemporain" für eine riesige Rauminstallation nutzte.

Auch in neue Berliner Bundesministerialbauten werden wieder Rohrpostsysteme eingebaut. Doch am meisten verbreitet ist der "Haustourismus in der Büchse" (Rohrpost-Branchenjargon), wenn es um Geldentsorgung geht, etwa in Kinos oder Freizeitcentern. Von den verschiedenen Kassen wird das Bargeld direkt in Büchsen zum Safe der Hauptkasse gesaugt. Verständlich, daß dies sicherer ist, als einen Boten mit Kasseninhalt durch die Menschenmenge spazieren zu lassen.

So droht denn auch der Rohrpostanbieter Arlt mit dem Schlimmsten, falls da jemand noch keinen Geldabsauger hat: "Marktleiter erschossen! 50000 Mark Beute". Oder: "Kassiererin im Einkaufszentrum 18000 Mark entrissen".

Nein, das muß nicht sein. Arlt verspricht: "Unsere Versandbüchse fährt sicher ab, kommt sicher an." Mitbewerber Tessensohn indes verschweigt nicht, daß im Keller der Spielbank von Berlin die Röhren schon mal angesägt wurden.

Die Rohrpost ist also doch mehr als ein Relikt aus Kafkas dämonischer Bürowelt. Ihr Rauschen und Ploppen verfolgt nicht nur angstgestählte Angestellte in Träumen. Ihre Windungen in den Bürowänden sind mehr als Filmrequisiten für Fritz Langs "Metropolis" oder Terry Gilliams "Brazil". Die Rohrpost ist tatsächlich kein Anachronismus wie Paternoster, Telex oder Telegramm. "Sie ist sinnvoll", sagt Jens Tessensohn, und strahlt.

Fünf Kinder hat Rohrpostmann Tessensohn. Er hofft, wenigstens einem diese Leidenschaft, diese Liebe zu Röhren und Bomben mitzugeben. "Mein Sohn könnte dann stolz sagen: ,Ich bin seit drei Generationen in der Rohrpost'. Wäre das nicht wunderschön?"


SPIEGEL SPECIAL 3/1999
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