20.02.2007

BEGEISTERUNG FÜR DAS VATERLANDREBELLEN IN SCHWARZ-ROT-GOLD

Nach der Restauration durch den Wiener Kongress erhob sich die erste Studentenbewegung. Die Burschenschafter kämpften für Einheit und Freiheit, bis nach dem Mord an August von Kotzebue die Staatsmacht zurückschlug.
Die Revolution begann zur akademischen Unzeit: Um acht Uhr morgens am 18. Oktober 1817 sammelten sich rund 450 Studenten auf dem Marktplatz des thüringischen Städtchens Eisenach.
Die meisten Frühaufsteher hatten sich mit hochgeschlossenen schwarzen Gehröcken und passenden Baretten festlich herausgeputzt, einer Tracht, die damals "altdeutsch" hieß, obwohl sie erst seit wenigen Jahren in Mode war. Eine halbe Stunde später setzte sich der Demonstrationszug unter Glockengeläut und festlicher Musik in Bewegung hinauf zur nahen Wartburg.
Brav ging es zu beim Wartburgfest, dem Höhepunkt der ersten deutschen Studentenrevolte, der "ersten freudigen und freundschaftlichen Zusammenkunft deutscher Burschen", wie sie die einladenden Jenaer Burschenschafter angekündigt hatten.
Die Aufsässigen stimmten gemeinsam mit einigen Professoren erbauliche Lieder an, etwa Luthers Choral "Ein feste Burg ist unser Gott", zu Ehren des großen Reformators. Öffentliche Sit-ins waren damals noch unbekannt, stattdessen verblüfften die Studiosi Passanten mit Freiluft-Gymnastikvorführungen nach dem Vorbild des Turnvaters Jahn.
Und doch entfaltete das Wartburgfest von 1817 weit mehr umstürzlerische Energie als 150 Jahre später Rudi Dutschke mit seinem Gefolge. Beide Studentenbewegungen kämpften gegen Restauration. Im Unterschied zu den 68ern, die viele hohle Phrasen von sich gaben, hatten es die aufmüpfigen Burschenschafter jedoch mit einem sehr realen Gegner zu tun.
Die dynastischen Großmächte Preußen, Österreich und Russland hatten beim Wiener Kongress die napoleonische Hinterlassenschaft wieder in ihrem Sinne geordnet und sich ihre Pfründe gesichert. Nichts fürchteten die Potentaten mehr als politische Unruhestifter. Er möge doch dringend gegen den "Geist des Jakobinismus" vorgehen, rüffelte der starke Mann Europas, Österreichs Außenminister Klemens Fürst von Metternich, den liberalen Großherzog Karl August von Sachsen-Weimar, der den Studenten zu allem Übel noch die symbolträchtige Wartburg zur Verfügung gestellt hatte.
Bedrohlich war vor allem das politische Ziel der Burschen: Sie verlangten die nationale Einheit Deutschlands. In ihren "Grundsätzen und Beschlüssen des 18. Oktober" forderten sie: "Je mehr die Deutschen durch verschiedene Staaten getrennt sind, desto heiliger ist die Pflicht für jeden frommen und edlen deutschen Mann und Jüngling, dahin zu streben, dass das Vaterland nicht verschwinde."
Der Nationalismus der Burschenschafter war in seinen Anfängen nicht dumpf und engstirnig, sondern jung, links, geradezu antiautoritär. Er richtete sich gegen den Muff des beinahe tausendjährigen Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation und verband sich mit weiteren Postulaten: Gleichheit vor dem Gesetz, Rede- und Pressefreiheit, allgemeine Wehrpflicht.
Aus Sicht der Herrschenden waren die Burschenschafter Rebellen und gefährliche Aufständische. Immerhin hatte jeder zwanzigste der rund 8500 Studenten, die an einer der 19 deutschen Universitäten eingeschrieben waren, die Reise nach Eisenach angetreten. Die Burschenschaften, in späteren Jahrzehnten eher bekannt für archaische Sauf- und Kampfriten, genossen Sympathien in weiten Teilen der Bevölkerung. Die große Mehrheit der Studenten war burschenschaftlich organisiert.
Ihre Zusammenschlüsse verstanden die Studiosi als Modell für einen Nationalstaat: weg von den Kränzchen und Landsmannschaften, in denen sich Sachsen mit Sachsen und Pfälzer mit Pfälzern trafen, hin zu einer Verbindung aller Studenten einer Universität und später der ganzen Nation. Ein Student, so forderte der Wartburg-Redner und renommierte Naturwissenschaftler Lorenz Oken, müsse "ein universaler Kopf und ein gebildeter Deutscher" werden, kein beschränkter "Provinzial-Landmann".
Die Jenaer Studenten waren mit gutem Beispiel vorangegangen: Am 12. Juni 1815 hatten im Gasthaus "Tanne" die studentischen Landsmannschaften der Universität ihre Selbstauflösung erklärt, um in der ersten deutschen Burschenschaft aufzugehen. Die Jenaer Urburschenschaft gab sich eine Satzung, man beendete die Feierstunde mit dem Absingen von Ernst Moritz Arndts Lied "Was ist des Deutschen Vaterland?".
Der Wortführer der Jenaer, der 23-jährige Theologiestudent Heinrich Hermann Riemann, appellierte auf der Wartburg an den akademisch-nationalen Ethos seiner Mitstreiter. Sie, die sie "dereinst des Volkes Lehrer, Vertreter und Richter sein" würden, sollten sich für des "Vaterlandes Wohl", für "Freiheit und Gerechtigkeit" einsetzen.
Studentenführer Riemann hatte wie viele seiner Kommilitonen in den Befreiungskriegen gegen Napoleon gekämpft. Er gehörte dem Lützowschen Freikorps an, einer Art Akademiker-Miliz auf Seiten der preußischen Armee. Schwarz-Rot-Gold waren ihre Farben, sie trugen sie in die Jenaer Urburschenschaft und später ins ganze Land als Banner der Demokratie. "Schwarz wie der Rock des Lützowschen Freikorps, rot wie das Blut, golden wie die Sonne der Freiheit", so lautete eine zeitgenössische Interpretation der Farben. In der Waffenbrüderschaft begannen die Studenten sich als Deutsche zu fühlen, zahllose Lieder und Verse überliefern ihre Kriegsbegeisterung: "Ich bin Student gewesen / Nun heiß ich Leutenant / Fahr wohl, gelehrtes Wesen / Ade, du Büchertand".
Für den akademischen Nachwuchs war es kein Widerspruch, demokratische Rechte für alle Deutschen einzufordern und gegen Frankreich, die Grande Nation der Demokratie, zu kämpfen. Die Studenten wollten einen modernen, aufgeklärten Staat, schwelgten aber zugleich in einer vormodernen Gemeinschaftsmystik. Sie waren den Ideen von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit zugewandt, hegten aber, wie der Historiker Thomas Nipperdey sagt, "romantische Vorstellungen von organischer Gemeinschaft, christlichem Charakter und Enthusiasmus des Gemüts".
Die Burschenschafter benutzten das kameradschaftliche "Du" als Anrede und begeisterten sich für die franzosenfeindlichen Tiraden eines Ernst Moritz Arndt: Der hetzte, ihm seien die Welschen zuwider, "weil mir die jämmerliche Äfferei und Zwitterei missfällt, wodurch unsere Herrlichkeit entartet und verstümpert und unsere Macht und Ehre den Fremden als Raub hingeworfen ward".
Auch das Wartburgfest hatte sein unrühmliches Kapitel: Am Abend des 18. Oktober 1817 entzündeten die Teilnehmer auf einem Berg über der Stadt ein Feuer. Die Reden der Wortführer wurden schärfer, bis einer forderte: "So tretet heran zu dem zehrenden Fegfeuer und schauet, wie Gericht gehalten wird über die Schandschriften des Vaterlandes." Die Umstehenden riefen: "Ins Feuer!"
Dann schleuderte ein Bursche Papierbündel, auf denen die Titel verhasster Werke aufgemalt waren, in die Flammen - echte Bücher zu verbrennen wäre für die Studenten viel zu teuer gewesen. Dazu stieß die Versammlung antisemitische Parolen aus: "Wehe über die Juden, so da festhalten an ihrem Judenthum und über unser Volksthum und Deutschthum schmähen und spotten."
Die revoltierenden Studenten waren die Kinder einer rasanten Umbruchphase mit all ihren Widersprüchen. Erst sickerten aus Frankreich revolutionäre Ideen in die ständischen Kleinstaaten ein, dann zertrümmerte Napoleon mit seinen Armeen die alte Ordnung. Nur wenige Jahre später wurde er selbst vernichtend geschlagen. Die Dynastien konnten sich noch einmal behaupten, doch der Drang nach Freiheit und nationaler Selbstbestimmung war nicht mehr zu bremsen.
Nun redeten sich die Studentenzirkel die Köpfe heiß über scheinbar objektive Größen wie Volk, Sprache und Kultur. Die Kader rüsteten sich für die höhere Aufgabe - und sie radikalisierten sich schnell.
Das Fanal folgt fast zwangsläufig: Am 23. März 1819 bittet der Burschenschafter Karl Ludwig Sand beim Dienstpersonal des August von Kotzebue um Einlass. Kotzebue ist ein reaktionärer Kultur-Promi, seinerzeit der meistgespielte Autor, dazu russischer Staatsrat und Geheimagent des Zaren. Sein Credo: "Bewahre uns Gott in Deutschland vor irgendeiner Revolution."
Sand, 23 Jahre alt, ist einer der rund 30 namentlich bekannten Mitglieder der "Unbedingten" oder "Schwarzen" - benannt nach der Uniformfarbe des Lützowschen Freiwilligenverbands -, einer revolutionären studentischen Zelle, die von dem charismatischen Privatdozenten und Juristen Karl Follen angeführt wird. Der Radikaldemokrat Follen lehrt seine Brigade Desinformation und Spurenbeseitigung, ruft sie dazu auf, beim Agitieren Bauern und Tagelöhner mitzureißen.
Sand, Sohn eines Justizrats aus dem Fichtelgebirge und protestantisch erzogen, saugt Follens Lehren begierig auf. Aus der Erlanger Burschenschaft wechselt er nach Jena, ins Zentrum der Studentenbewegung. An seine Eltern schreibt Sand: "Es ist Zeit, dass ich die Träumereien lasse, und die Not unseres Vaterlandes drängt mich zum Handeln. Schriften und Reden wirken nicht. Nur die Tat kann noch einen Brand schleudern in die jetzige Schlaffheit."
Als Sand schließlich zu Kotzebue vorgelassen wird, zieht er einen 30 Zentimeter langen Dolch. Mit den Worten "Hier, du Verräter des Vaterlandes!" rammt er dem Dichter die Waffe in die Brust. Während Kotzebue vor den Augen seiner Kinder verblutet, überreicht der Attentäter Sand einem herbeieilenden Diener sein Bekennerschreiben. "Todesurteil an dem Verräter August von Kotzebue, vollzogen nach den Beschlüssen der Universität Jena", heißt es darin.
Die reaktionären Großmächte antworteten prompt und kompromisslos: Am 20. September 1819 fasst die Bundesversammlung des deutschen Bundes auf Betreiben Preußens und Österreichs die "Karlsbader Beschlüsse", eine Notstandsverordnung zur Zerschlagung der Nationalbewegung. Er habe nur auf eine solche Gelegenheit gewartet, gab Fürst Metternich freimütig zu. Den Anlass, endlich gegen die Studenten vorzugehen, habe ihm "der vortreffliche Sand auf Kosten des armen Kotzebue geliefert".
In einem Brief erklärt der österreichische Diplomat seine Beunruhigung: Er habe nie gefürchtet, dass an den Universitäten die Revolution ausbrechen werde. Seine Sorge sei vielmehr, dass dort "eine ganze Generation von Revolutionärs" heranwachse, "wenn dem Übel nicht Schranken gesetzt werden".
Die Repression traf die gesamte bürgerliche Opposition: Versammlungen wurden verboten, die Presse wurde zensiert und ein Spitzelsystem installiert. Die Vordenker der Studenten, Professoren wie Lorenz Oken und Ernst Moritz Arndt, erhielten Lehrverbot. Hochschullehrer, die aus ihren Ämtern entfernt wurden, durften danach "in keinem andern Bundesstaate bei irgend einem öffentlichen Lehr-Institute wieder angestellt werden". Verbindungsstudenten blieb der Öffentliche Dienst versperrt.
Die sogenannte Demagogenverfolgung griff rigoros zu: An jeder Hochschule wachten fortan Regierungsbevollmächtigte; eine eigens eingerichtete "Zentraluntersuchungskommission" in Mainz koordinierte den Kampf gegen revolutionäre Umtriebe. Die Burschenschafter waren gezwungen, ihren Überzeugungen abzuschwören, wollten sie nicht ihre persönliche Freiheit und ihre berufliche Laufbahn aufs Spiel setzen. Der Leipziger Burschenschafter Karl Hase soll bei seiner Überprüfung das geflügelte Wort geprägt haben: "Mein Name ist Hase, ich weiß von nichts."
Zahlreiche Akademiker wurden inhaftiert oder ins Exil getrieben. Der Führer der "Schwarzen", Karl Follen, floh nach Amerika, wo er gegen die Sklaverei kämpfte und zwischenzeitlich einen Lehrauftrag in Harvard annahm. Die Jenaer Burschenschaft musste sich auflösen, im Jahr 1823 wurden die letzten politischen Zusammenschlüsse der Studenten zerschlagen.
Damit ist, nach nicht einmal einem Jahrzehnt, die Studentenrevolte politisch am Ende. Die Einheit Deutschlands bewerkstelligen schließlich nicht die nationalbewegten Studenten mit ihren revolutionären Ideen, sondern die preußischen Militärs mit Blut und Eisen.
Karl Ludwig Sand wird zur ersten Ikone der Studentenbewegung. Tausende Schaulustige umringen den Richtplatz vor den Toren Mannheims, als Sand am Pfingstsamstag 1820 auf einem Wagen herangefahren wird. Als der Henker den Streich mit dem Schwert geführt hat, durchbricht die Menge die Sperren. Aber nicht etwa, um die Häscher des Attentäters anzugreifen: Die Andenkenjäger wollen sich eine Locke vom abgeschlagenen Kopf des Studenten sichern. F

Hep-Hep-Pogrom
In Würzburg, Heidelberg und Frankfurt brachen 1819 Pogrome gegen Juden los. Studenten sollen sie ausgelöst haben, als sie einen Professor, der jüdische Deutsche korrekt behandelte, mit "Hep-Hep, Jud verreck" beschimpften. Gemeinsam mit Kaufleuten und Handwerkern plünderten sie Geschäfte der Minderheit, ein Polizist und ein Soldat starben bei den Unruhen. In Heidelberg verteidigte allerdings die Burschenschaft die Juden.

Altdeutsche Tracht
Der Schriftsteller Ernst Moritz Arndt entwarf die Kleidung nach Gemälden der Dürer-Zeit. Sie sollte den Gegenpol zu "französischen Modetorheiten" bilden. Zum hochgeschlossenen schwarzen Rock trug man schwarze lange Hosen und häufig ein weißes Hemd mit großem Kragen. Die Mode galt als aufrührerisch. Die Jenaer Burschenschaft verlangte, dass "eine deutsche Volkstracht, wie sie sich für deutsche Jugendliche geziemen möchte, eingeführt, allgemein verbreitet und unverändert dauerhaft erhalten werde".
Von Jan Friedmann

SPIEGEL SPECIAL Geschichte 1/2007
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