22.05.2007

WIE ES WIRKLICH WAR

DAS GESCHÄFT MIT DEN SKLAVEN

Von Oltmer, Thorsten

Afrika als Menschenreservoir

Ist der Sklavenhandel eine Erfindung der Weißen? Die historische Forschung über die Sklaverei hat sich lange Zeit fast ausschließlich auf den Handel durch Europäer beschränkt. Der überwiegende Tenor der Untersuchungen: Die Weißen haben den elenden Brauch nach Afrika eingeschleppt. Erst ihr Profitstreben, bemäntelt mit Missionierungsdrang und unterfüttert mit pseudowissenschaftlichen Märchen von der Minderwertigkeit der Schwarzen, setzte den Handel in Gang.

Tatsache aber ist: Schon Jahrhunderte vor Ankunft der ersten Weißen funktionierte eine Versklavungsmaschinerie und florierte der Menschenhandel von Afrika nach Asien. Sklaverei war in vielen afrikanischen Kulturen selbstverständlich - ganze Reiche im Inneren Afrikas profitierten wirtschaftlich stark von der Jagd auf Menschen und vom Handel mit ihnen. Die Europäer bedienten sich vorhandener sozialer Strukturen und Handelswege. Mühsame und gefährliche Raubzüge ins Innere des Kontinents konnten sie sich darum lange ersparen: Man wartete in Posten an der Küste auf die dorthin gelieferte Ware.

Erst im Verlauf der letzten Jahrzehnte ist diese historische Tatsache unter Fachleuten Allgemeingut geworden - Bestandteil der Allgemeinbildung ist sie bis heute nicht. Denn Sklavenhandel von Schwarzen mit Schwarzen oder Asiaten war unvereinbar mit einem verbreiteten Missverständnis von Aufklärung, das die rassistische Perspektive des Kolonialismus einfach umkehrte und Farbige grundsätzlich für die besseren Menschen hielt. Im Gefängnis dieses Irrtums war es undenkbar, dass Stammesführer Menschenjagden befahlen, dass Kriege auch mit dem Ziel geführt wurden, um Gefangene für Handelszwecke zu machen.

Doch genau so war es.

Sklaventransporte sind zwar schon für die Antike belegt, zu einem regelmäßigen Handel kommt es aber erst ab der Mitte des 7. Jahrhunderts mit dem Erstarken des Islam in Nordafrika. Der Geograf Leo Africanus berichtet über seinen Besuch im Jahr 1510 in Gao, der Hauptstadt des Songhai-Reichs am Niger: "Hier gibt es einen bestimmten Platz, auf dem Sklaven verkauft werden, besonders an den Tagen, wenn die Händler sich zusammenfinden. Ein junger Sklave, 15 Jahre alt, bringt sechs Dukaten, Kinder kann man ebenso kaufen. Der König dieses Gebietes hält eine große Zahl von Sklaven und Konkubinen." Die Songhai kontrollierten den Handel zwischen West- und Ostafrika, lange bevor die ersten Portugiesen an der Küste auftauchten.

Die menschliche Ware gelangte auf drei Routen zum Ziel: erstens im Trans-Sahara-Handel mit seinen uralten Karawanenwegen. Auf dem Taghasa-Weg etwa, von Timbuktu an der großen Biegung des Niger nördlich durch die Wüste bis ins marokkanische Sidschilmassa und nach Tunis. Oder über die Garamantenstraße durch Libyen, beginnend bei den Haussa am Tschadsee und endend in Tripolis. Über sieben Millionen Menschen, schätzt man, kamen so in die Sklaverei.

Zweitens auf dem Weg von der ostafrikanischen Küste über den Indischen Ozean in die arabische Welt und bis nach Indien, später auch auf die Gewürznelken-Inseln Sansibar und Pemba. Jahrhunderte bevor Bartolomeu Diaz 1488 als erster Europäer das Kap der Guten Hoffnung umrundete, hatten Händler aus Arabien und Persien, Indien und China im Indischen Ozean bereits ein gutorganisiertes System errichtet. Sie segelten mit den Monsunwinden, brachten Tuche, Porzellan, Eisenwaren, nahmen Elfenbein, Rhinozeroshorn und Sklaven mit. Verlässlich belieferten sie die Harems der Kalifate, sorgten für Nachschub an Eunuchen und Haussklaven; Schwarze dienten als Soldaten oder schufteten auf den Plantagen. Knapp drei Millionen Menschen gingen diesen Weg.

Auch über das Rote Meer, den dritten Weg, brachten Händler im Laufe der Jahrhunderte 2,4 Millionen Sklaven. Sie stammten meist aus Nubien, dem Niltal und Äthiopien - bis in die Reiche des äquatorialen Afrika drangen die Sklavenjäger vor.

Die Pioniere des europäischen Sklavenhandels waren die Portugiesen: Schon 1444 wurden Sklaven aus Nordwestafrika nach Portugal verschifft. Die iberische Halbinsel litt unter Menschenmangel, der christliche Krieg gegen die Mauren hatte viele Opfer gekostet, und die Schwarzen waren als Feldarbeiter sehr begehrt. In den folgenden Jahrzehnten wurden Zuckerrohrplantagen auf den Azoren, São Tomé und Madeira mit ihnen versorgt.

1482 errichteten die Portugiesen mit dem Stützpunkt Elmina ihre erste Befestigungsanlage an der Küste des heutigen Ghana. 1518 begann Portugal mit den ersten direkten Transporten von Afrika in die Neue Welt - der Dreieckshandel zwischen Europa, Afrika und Amerika begann sich allmählich zu etablieren.

Nach Brasilien dauerte die Segelreise im Durchschnitt einen Monat, in die nordamerikanischen Kolonien etwa doppelt so lange. Die Frachtschiffe wurden bis in den letzten Winkel vollgestopft, angekettet kauerten die Sklaven auf weniger als einem Quadratmeter pro Person. Es war unerträglich heiß und stickig, fauliges Wasser und die katastrophale Hygiene führten zu Epidemien. Im Falle von Seuchen warf die Besatzung Tag für Tag Menschen über Bord - Tote und Kranke gleichermaßen. Jeder achte versklavte Afrikaner kam während der Überfahrt ums Leben. Auf spanischen Transporten lag die durchschnittliche Sterblichkeit im Zeitraum von 1590 bis 1699 sogar bei 30 Prozent. Dazu kam die erschreckend hohe Zahl von Sklaven, die sich in den Kolonien nicht akklimatisieren konnten und bald nach der Ankunft starben.

Der US-Historiker Herbert Klein nennt in seiner Studie "The atlantic slave trade" den Sklavenhandel "eine der komplexesten wirtschaftlichen Unternehmungen der vorindustriellen Zeit". Er lockte Investoren aus ganz Europa an. Neben den klassischen Seefahrernationen brachten zu einem nicht unerheblichen Teil auch Deutsche und Schweizer Kapital ein. Viele Wirtschaftszweige profitierten vom Sklavenhandel: Schiffbauer und -ausrüster, Manufakturen für Tauschwaren. Dutzende Schiffe jährlich starteten von europäischen Häfen aus mit Ladungen von Eisenwaren, grobem Tuch, Alkohol, Feuerwaffen, Munition und Glitzerkram. Wer nicht, wie so viele, in Stürmen unterging und sein erstes Ziel an der Küste Westafrikas erreichte, hatte eine Reise von vielen Wochen hinter sich. Der Tauschhandel nahm weitere Zeit in Anspruch, manchmal dümpelten die Schiffe monatelang vor Anker.

Es waren die Jungen und Starken, weit überwiegend Männer, die an die Küste verschleppt wurden. Sie brachten den meisten Profit, und die Chance, sie lebend nach Amerika zu schaffen, war größer. Zurück blieben viele alleinstehende Frauen, Alte und Schwache - eine ausgeblutete Bevölkerung, die kaum die Felder bestellen oder jagen konnte und keine Krieger hatte, um sich gegen feindliche Stämme zu wehren. Die Auswirkungen auf die einheimischen Gesellschaftsstrukturen waren verheerend.

Nur rund fünf Prozent der Sklaven wurden nach Nordamerika verschifft - beginnend im August 1619, als ein niederländischer Segler die ersten schwarzafrikanischen Sklaven auf dem Boden der späteren USA im Hafen von Jamestown in Virginia an Land setzt. Der Löwenanteil aber landete in Mittel- und Südamerika. Die Plantagen Brasiliens hatten einen gewaltigen Bedarf an Arbeitskräften. Die von den europäischen Eroberern versklavte Urbevölkerung war weitgehend den Folgen der Zwangsarbeit erlegen oder an eingeschleppten Krankheiten gestorben. Als Ersatz importierten die Portugiesen bis zum Handelsende 1850 vier Millionen Schwarzafrikaner. Die hatten nach ihrer Ankunft im Schnitt noch sieben bis zehn Jahre zu leben.

Obwohl sich schon früh in Europa Widerstand gegen den Sklavenhandel regte, war der mächtigen Lobby seiner Nutznießer lange nicht beizukommen. Gut 20 Jahre brauchte die 1787 gegründete "abolition society" mit ihrem charismatischen Wortführer im Londoner Parlament, William Wilberforce, bis zum Sieg: 1808 wird der Sklavenhandel in die Kolonien verboten. Im selben Jahr folgen die USA. Diese Gesetze schrieben aber keineswegs die Freilassung der bereits in Sklaverei Lebenden vor. England brauchte bis 1833, um in seinen Kolonien diesen Schritt zu tun. In den USA wurde die Abschaffung der Sklaverei nach dem um sie geführten Bürgerkrieg im Jahr 1865 Gesetz. Brasilien und Kuba folgten erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts.

Insgesamt wurden im atlantischen Sklavenhandel zwischen 1444 und 1869 - dem Jahr, in dem Portugal als letzte europäische Nation den Handel mit Sklaven verbot - 11 bis 12 Millionen Menschen verschleppt. Beim Handel nach Asien und auf die Inseln im Indischen Ozean ist die Quellenlage weniger gut. Schätzungen zufolge sind vom 9. Jahrhundert bis 1900 etwa 12,5 Millionen Sklaven auf diesem Weg verfrachtet worden - mehr als über den Atlantik.

Im kollektiven Gedächtnis Afrikas ist die Sklaverei noch immer präsent. In den vergangenen Jahren hat es viele Versuche gegeben, formale Entschuldigungen von den ehemaligen Sklavenhandels- und -halternationen zu erhalten. Klagen sind eingereicht, Milliardenforderungen erhoben worden. Doch jene Staaten, deren wirtschaftliche Macht von heute auf dem Unrecht von gestern gründet, tun sich noch immer schwer damit, Schuld einzugestehen. THORSTEN OLTMER


SPIEGEL SPECIAL Geschichte 2/2007
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