22.05.2007

DAS ZEITALTER DER KOLONIENEIN HOCH AUF DEN KAISER

Carl Peters, eine der umstrittensten Figuren des deutschen Kolonialismus, wütete in Ostafrika und listete afrikanischen Häuptlingen mit dubiosen Verträgen Gebiete ab.

"Dem manisch übersteigerten Selbst- und Sendungsgefühl von Peters entsprach ein rabiater Hass auf seine Gegner."
HANS-ULRICH WEHLER in seinem Buch "Bismarck und der Imperialismus"
Die beiden Deutschen, die im Dezember 1884 der ostafrikanischen Küstenstadt Bagamojo zustrebten, waren in einem beklagenswerten Zustand. Von hohem Fieber geplagt, fußkrank und erschöpft, konnten sich der 28-jährige Carl Peters und dessen gleichaltriger Begleiter nur noch liegend fortbewegen. In Hängematten, die afrikanische Träger geschultert hatten.
Ihre klägliche Lage tat der stets demonstrativ zur Schau getragenen Hochfahrenheit und Brutalität der beiden jungen Männer gegenüber ihren afrikanischen Helfern allerdings keinen Abbruch. Wann immer er glaubte, den "Negern" beweisen zu müssen, "dass wir noch immer ihre Herren waren", begann Peters mit seiner Pistole herumzufuchteln oder die ebenfalls mitgeführte Reitpeitsche zu zücken. "Mann mit den blutigen Händen" nannten sie ihn in Ostafrika, und diesem Namen machte er auch in der Horizontalen alle Ehre.
Fast fünf Wochen lang war der promovierte Historiker im Inneren Ostafrikas unterwegs gewesen - und hatte reiche Beute eingefahren. In seiner Tasche befanden sich zwölf Verträge, in denen afrikanische Häuptlinge, vor allem aus der Region Usagara, dem fremden Reisenden und seinen Mitstreitern weite Teile des Landes zur Ausbeutung überließen.
Zwar standen unter den Kontrakten nur Kreuze anstelle von Unterschriften, weil Peters' Vertragspartner weder des Schreibens noch des Lesens mächtig waren. Auch war keineswegs klar, ob die Unterzeichner überhaupt die Herrscher über das von ihnen abgetretene Gebiet waren. Aber im fernen Berlin, wo seit der Reichsgründung eine lautstarke Kolonial-Bewegung Zulauf hatte, lösten die dubiosen Peters-Mitbringsel dennoch Begeisterungsstürme aus.
Am 27. Februar 1885 - Peters war wenige Wochen zuvor wieder in Deutschland eingetroffen - nahm Kaiser Wilhelm I. die Gebiete unter seinen Schutz. Es war die Geburtsstunde des deutschen Kolonialismus in Ostafrika, und Carl Peters war der Held.
Die Begeisterung des Pastorensohns für Afrika war schon früh geweckt worden. Im Wohnzimmer daheim im norddeutschen Neuhaus an der Elbe hing eine große Karte des Kontinents. Die Eltern waren mit einem Afrika-Reisenden befreundet, dessen abenteuerliche Schilderungen großen Eindruck auf die Familie machten. Dennoch hätte damals wohl niemand damit gerechnet, dass der kleine Carl - das achte von insgesamt neun Kindern - einmal als kolonialer Landnehmer in Afrika Furore machen würde.
Zunächst gefährdeten große finanzielle Probleme nach dem frühen Tod des Vaters 1872 sogar den weiteren Schulbesuch des Jungen. Dass Peters dennoch entgegen dem Wunsch seiner Familie an der elitären Klosterschule blieb, verdankte er vor allem seiner Willensstärke und seinem ausgeprägten Ehrgeiz - Eigenschaften, die ihn - zum Größenwahn gesteigert - sein Leben lang begleiten sollten.
Klein von Wuchs und nach dem Tod des Vater finanziell weitaus schlechter gestellt als alle seine Schulkameraden, verschaffte sich der junge Außenseiter vor allem mit seinem rhetorischen Talent Respekt. Ständig versuchte er, seine Überlegenheit zu beweisen. Einen kleinen Volkstribun nannte ihn einmal ein Schulleiter.
Mit 24 ging Peters auf Einladung eines reichen Onkels nach London. Für seinen späteren Werdegang war diese Station von besonderer Bedeutung. Der Kolonialmacht Großbritannien blieb er - darin Kaiser Wilhelm II. ähnlich - sein Leben lang in einer heftigen Hassliebe verbunden. Wenn Deutschland eine echte Großmacht werden wolle, schwadronierte er 1886, sei es "wohl oder übel gezwungen, der angelsächsischen Rasse in ihrer großartigen Weltentwicklung nachzustreben".
Zwei Jahre zuvor, im März 1884, hatte er zusammen mit einigen Gleichgesinnten die "Gesellschaft für Deutsche Kolonisation" (GfDK) gegründet. Der mittelständische Verein aus kleinen Gewerbetreibenden, Kaufleuten, Offizieren und Beamten machte sich gleich daran, für Kolonialexpeditionen Geld zu sammeln.
Peters hatte zunächst mit einigen anderen Vereinsmitgliedern nach Mossamedes, dem heutigen Namibe in Angola, aufbrechen wollen. Sie hatten vor, sich als britische Jagdgesellschaft zu kostümieren, um ihren wahren Reisegrund zu verschleiern. Doch die deutsche Regierung wollte das abenteuerliche Unterfangen nicht unterstützen.
Was daraufhin geschah, ist typisch für die deutsche Kolonisation in Ostafrika und typisch auch für Carl Peters: Eilends berief der GfDK-Vorsitzende seine Mannen zu einer Sitzung zusammen, um ein neues Ziel für den ersten Afrika-Ausflug des Vereins auszubaldowern. Gemeinsam beugte man sich über eine große Karte, und dabei fiel einem in der Runde ein, dass er gelesen hatte, die Region Usagara in Ostafrika sei geeignet für die europäische Besiedlung. Das Reiseziel war gefunden.
Er werde, schrieb Peters begeistert seiner Mutter, damit nicht nur "eine große vaterländische Tat" begehen, sondern auch seinen "Namen ein für alle Mal in die deutsche Geschichte eingraben". Ende September brachen er und einige andere Aktivisten auf. Am 4. November gingen sie in Sansibar von Bord und setzten von dort zur ostafrikanischen Küste über.
Wie die zwölf Vertragsabschlüsse dann vonstattengingen, hat Peters selbst beispielhaft beschrieben:
"Wir knüpften sofort ein recht kordiales Verhältnis an, indem wir den Sultan zwischen uns auf ein Lager nahmen, von beiden Seiten unsere Arme um ihn schlagend. Wir taten dann einen Trunk guten Grogs und brachten Seine Hoheit von vornherein in die vergnüglichste Stimmung. Alsdann wurden die Ehrengeschenke ausgetauscht, und wir zogen uns zum Mittagessen in unser Lager zurück.
Nach dem Essen machte uns der Sultan seinen Gegenbesuch, wobei wir ihn mit süßem Kaffee traktierten. Alsbald begannen dann auch die diplomatischen Verhandlungen. Und aufgrund derselben wurde der Kontrakt abgeschlossen."
Anschließend seien die Fahnen gehisst und der Vertrag auf Deutsch verlesen worden. Die Zeremonie schloss mit "einem Hoch auf Seine Majestät den Deutschen Kaiser" und mit "drei Salven, von uns und den Dienern abgegeben", um "den Schwarzen" zu demonstrieren, "was sie im Fall einer Kontraktbrüchigkeit zu erwarten hätten".
Bei der Regierung in Berlin waren Peters' Machenschaften in Afrika keineswegs unumstritten. Reichskanzler Otto von Bismarck hielt nicht viel von dem Norddeutschen, wie er überhaupt deutschen Kolonialerwerbungen lange skeptisch gegenüberstand. Und für Bismarcks Sohn Herbert war der Mann schlicht "ein ganz übler Bursche".
Dennoch stellte der Kaiser seinen Schutzbrief für Peters' dubiose Erwerbungen in Ostafrika auf ausdrücklichen Wunsch Otto von Bismarcks aus. Außerdem wurde Peters zwei Jahre nach seiner Rückkehr von der ersten Reise erneut mit dem Segen des Kanzlers auf Beutetour nach Afrika geschickt.
Peters-Biograf Arne Perras sieht einen wichtigen Grund dafür, dass sich der gewiefte Regierungschef allen Bedenken zum Trotz doch immer wieder auf den hitzköpfigen Peters einließ, im Erstarken der nationalistischen Kolonialbewegung.
Bismarck, so Perras in seinem bisher nur auf Englisch erschienenen Buch "Carl Peters and German Imperialism", habe sich so Popularität und seine Mehrheit im Reichstag gesichert. "Die ganze Kolonialgeschichte", soll der Kanzler 1884 gesagt haben, "ist ja Schwindel, aber wir brauchen sie für die Wahlen."
Auch nach Bismarcks Abgang war Peters weiter mit Billigung der Regierung in Afrika unterwegs, inzwischen allerdings vor allem, weil man den eifernden Aktivisten der Alldeutschen möglichst weit außer Landes haben wollte.
Die Wende kam 13. März 1896. Im Reichtag debattierten die Parlamentarier über das Gebaren deutscher Kolonialisten in Afrika, auch über das von Carl Peters. Der hatte als Reichskommissar am Kilimandscharo zwei Afrikaner hängen lassen: einen Mann, der des Diebstahls beschuldigt wurde, und eine junge Frau, die seine Konkubine gewesen war und die ihn angeblich betrogen hatte.
Das sei in Afrika so üblich, soll er die Hinrichtungen gegenüber anderen gerechtfertigt haben. Im Reichstag war man vor allem darüber empört, dass sich ein deutscher Herrenmensch auf afrikanische Sitten berief. Im folgenden Jahr wurde "Hänge-Peters", wie ihn der sozialdemokratische "Vorwärts" spöttisch nannte, aus dem Kolonialdienst entlassen.
Populär blieb er dennoch, auch beim deutschen Kaiser. 1905 erkannte Wilhelm II. ihm den Titel "Reichskommissar a. D." wieder zu, ab 1914 gewährte er ihm "in Würdigung seiner großen Verdienste um Deutsch-Ostafrika" eine jährliche Pension.
Peters selbst war von der ganzen Debatte ohnehin unbeeindruckt geblieben. Einem Besucher in London, wo er inzwischen lebte, zeigte er 1905 stolz die vielen Speere an den Wänden seines Esszimmers. Deren Besitzer, so Peters triumphierend, habe er alle eigenhändig erschossen. F

Der Helgoland-Sansibar-Vertrag
Als Carl Peters 1884 nach Ostafrika reiste, war die Region britisches Einflussgebiet. 1890 schlossen London und Berlin den Helgoland-Sansibar-Vertrag, um koloniale Streitereien beizulegen. Großbritannien beanspruchte darin die Herrschaft über die Nelkeninsel Sansibar und über Gebiete im ostafrikanischen Hinterland, die Peters zuvor Deutschland zugeschanzt hatte. Als einen Ausgleich sicherte sich das deutsche Kaiserreich die strategisch wichtige Insel Helgoland, die seit 1814 zu Großbritannien gehört hatte.
Von Karen Andresen

SPIEGEL SPECIAL Geschichte 2/2007
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