22.05.2007

AUFBRUCH UND ABSTURZDAS INSEL-LABOR

Als einzige der afrikanischen Komoren-Inseln hat Mayotte 1974 gegen die Unabhängigkeit votiert. Inzwischen ist die französische Vulkaninsel Ziel vieler Flüchtlinge aus der Region - und ihre Bewohner führen sich den Nachbarn gegenüber fast wie Kolonialherren auf.
Auf einem Felsen im Indischen Ozean trotzt ein blasser Herr tropischer Hitze. Sein Lacoste-Hemd trägt er mit Bügelfalte, sein schweres Amt mit Fassung. "Dies ist unser letztes Fleckchen Erde in Afrika", sagt Vincent Bouvier.
Der Präfekt der französischen Insel Mayotte residiert seinem Stand gemäß. Über ein leinenbedecktes Silberschälchen voller Croissants und eine Karaffe mit eisgekühltem Orangensaft hinweg blickt er von der Terrasse aufs offene Meer. Auf Segelboote und Schiffe in der Straße von Mosambik, die hier, auf halbem Weg zwischen afrikanischem Festland und Madagaskar, die Komoren kreuzen - vier Parfum- und Gewürzinseln, darunter Mayotte.
Den alten Glanz der Seemacht Frankreich bezeugt auf dem Regierungsfelsen von Dzaoudzi nicht nur die Präfekten-Villa samt Säulenveranda im Kolonialstil. Da ist auch noch die Kaserne der Fremdenlegion gleich gegenüber und neben ihr der ehemalige Herrscherpalast, erbaut nach Plänen von Gustave Eiffel. Verwaist sind die Fähranleger für den Schiffsverkehr mit den drei komorischen Schwesterinseln - seit 1975 werden sie nicht mehr von Paris aus regiert.
Einzig Mayotte hat damals, beim Referendum über die Unabhängigkeit, für den Verbleib bei Frankreich gestimmt. Seither verkörpert die 374 Quadratkilometer große Vulkaninsel, umzingelt von bitterarmen Republiken wie Somalia, Mosambik, Madagaskar und den Komoren, einsam unter der Trikolore Erbe und Anspruch der alten Kolonialmacht südlich des Äquators.
"Mayotte, das ist die Republik", sagt der Präfekt mit Tremolo - Frankreich also, en miniature. Mögen sie drüben auf den Komoren hungern, putschen, Politiker bestechen - Mayotte gehorcht seinen eigenen Regeln. "Seit Montesquieu", so der Präfekt, sei Frankreich stolz auf die Gewaltenteilung, das habe auch für die Insel zu gelten. Seit 2002 wird auf Mayotte außerdem, wie im Mutterland, mit Euro bezahlt. Und dafür gibt es dann, solange kein Tropensturm vor Madagaskar den Schiffsverkehr lahmlegt, so ziemlich alles zu kaufen: vom Rohmilchkäse bis zum Kronenbourg-Bier.
Gesetzlich garantierter Mindestlohn, Kindergeld und kostenlose Krankenfürsorge auf Mayotte werden Schritt für Schritt dem Niveau von Festlands-Frankreich angeglichen. Votieren die Inselbewohner im kommenden Jahr für den Status Mayottes als vollwertiges Département, dann dürfen sie bald auch auf Arbeitslosengeld und Sozialhilfe rechnen.
Mayotte, das ist ein postkoloniales Experiment unter Palmen und Mangobäumen; ein Laborversuch, der die notleidenden Nachbarstaaten ringsum nötigt, den Wert ihrer hart errungenen Unabhängigkeit mit den augenfälligen Segnungen des französischen Wohlfahrtsstaats nebenan zu vergleichen. Die Kluft zwischen dem Lebensstandard auf Mayotte und dem auf der 1975 ausgerufenen Komoren-Republik gefährdet schon jetzt das ökonomische Gleichgewicht in der Region.
Mehr als 200 000 Menschen leben inzwischen auf Mayotte. Das sind zehnmal so viele wie vor einem halben Jahrhundert. Mindestens ein Drittel der Einwohner sind Illegale, Armutsflüchtlinge von den angrenzenden Komoren-Inseln zumeist, die in "kwassa-kwassa" genannten Fischerbooten bei der Überfahrt auf hoher See ihr Leben riskiert haben. 14 000 ohne Aufenthaltserlaubnis Aufgegriffene sind allein im vergangenen Jahr zwangsweise von Mayotte aus zurück in ihre Heimat verfrachtet worden.
In den Gassen der Inselhauptstadt Mamoudzou, im Meer aus wellblechgedeckten Hütten am Hafen und in den geschwulstartig die Insel überwuchernden Elendsvierteln fallen fremde Zuwanderer nicht sofort auf - hier, wo sich das kunterbunte Erbe malaiischer Piraten, arabischer Seefahrer und schwarzafrikanischer Plantagenarbeiter in Gesichtern und Gestalten der Inselbevölkerung niedergeschlagen hat.
Hochgewachsene Frauen im rot-weißen, inseltypischen Wickelrock Schiromani, die Gesichter mit einer ockerfarbenen Paste aus zerriebenem Sandelholz gegen die Tropensonne geschützt; Männer im Burnus oder im Schikoi, wie der karierte Rock heißt, auf dem Kopf die bestickte Kofia der afrikanischen Muslime; dazwischen, vereinzelt, drahtige Nachfahren der Kolonialherren, die in luftiger Baumwollkleidung der zentralen Geschäftszeile oder dem Café Caribu an der Hauptstraße zustreben.
Im Caribu wird unter surrenden Ventilatoren Pastis, Rind nach Burgunder Art und Croque Monsieur serviert. Samstagabends, wenn Karaoke auf dem Programm steht, kann es auch vorkommen, dass sich ergraute Söhne der Grande Nation und junge Insulanerinnen kurzfristig gemeinsam vergessen. Für gewöhnlich aber bleibt man auf Mayotte unter sich.
Zu tief sind bis heute die Gräben zwischen ehemals Herrschenden und Beherrschten auf der Insel. Zu offensichtlich steht da noch die Filiale der "Gesellschaft für Parfumpflanzen Madagaskar" - in ihrem Dienst haben sich schon die Vorfahren der jetzigen Einwohner auf Plantagen grün und blau schlagen lassen. Als erste Komoren-Insel war Mayotte, Handelsknoten und Piratenstützpunkt seit Jahrhunderten, 1841 an die Franzosen übergeben und zügig zur Bastion kolonialer Handelsgesellschaften umgerüstet worden.
Zwar wird die Sklaverei 1847 offiziell auf der Insel abgeschafft. Doch Knebelverträge mit überwiegend aus Ostafrika verschleppten Plantagenarbeitern sorgen dafür, dass das Geschäft nicht ins Stocken gerät. Vor allem Mosambikaner, ihres kräftigen Körperbaus und ihrer Immunität gegen Sumpffieber wegen gerühmt, schinden sich mehr als zehn Stunden pro Tag auf Zuckerrohrfeldern im Inselinneren. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts entstehen erste Fabriken.
Die Plantagenbesitzer halten fällige Löhne zurück und pferchen ihre Arbeiter in primitiven Unterkünften zusammen. Erst 1878 beugen sie sich dem Erlass des französischen Präsidenten, der verbietet, Sklaven weiter in eiserne Ketten zu legen. Der "Fitako" jedoch, eine Sänfte, in der sich mit Tropenkleidung und Helm ausstaffierte Eroberer von vier halbnackten Schwarzen durch die Gegend schleppen lassen, kommt bis Mitte des 20. Jahrhunderts zum Einsatz - als Transportmittel für Frankreichs Statthalter auf Mayotte.
Vincent Bouvier, der amtierende Präfekt, verzichtet selbstredend auf derartige Dienstleistungen. So wie er überhaupt alles, was mit "Kolonialpolitik" in Verbindung gebracht werden könnte, als Spuk von gestern brandmarkt. "Was heißt denn Kolonialpolitik?", fragt Bouvier. "Das heißt: Politik der Unterdrückung, ohne Zustimmung der Bevölkerung. Hier auf Mayotte ist das Gegenteil der Fall. Mayotte gehört zu Frankreich, weil seine Bewohner es selbst so entschieden haben."
Tatsächlich haben fast zwei Drittel der Mahoris, wie sich die Inselbewohner nennen, beim Referendum von 1974 gegen den Weg in die Unabhängigkeit votiert. Vorausgegangen war, zu einem Zeitpunkt, als so gut wie alle anderen Völker Afrikas ihre Kolonialherren bereits abgeschüttelt hatten, eine der denkwürdigsten Volkserhebungen des Jahrhunderts: Unter dem Motto "Wir wollen Franzosen bleiben, um frei sein zu können" bliesen die Mahoris lautstark zum Auszug aus der Geschichte.
Anders als die Bewohner der drei übrigen, dichter am Festland gelegenen Komoren-Inseln interessierte sich das Volk auf Mayotte von Anfang an wenig für die Ziele der afrikanischen Unabhängigkeitskämpfer. Das Volk auf Mayotte sorgte sich stattdessen darum, was ihm in einem gemeinsamen, unabhängigen Komoren-Staat blühen würde, nachdem es jahrhundertelang schlechte Erfahrungen mit der Gängelung durch arabische Adelsfamilien von den drei größeren Nachbarinseln gemacht hatte. Es kam zu ungünstigen Schlüssen.
Younoussa Bamana, ein Lehrer aus Kani-Kéli im Insel-Süden, übernahm es, seinen vielfach des Lesens und Schreibens unkundigen Landsleuten die Worte fürs Kampfziel zu liefern. "Wir wollen Franzosen bleiben, um frei sein zu können" - der Satz war Bamanas Idee. Er begründet bis heute das Glaubensbekenntnis sämtlicher Veteranen der Pro-Frankreich-Bewegung.
Tief im Insel-Innern verschanzt lebt Bamana bis heute mit seinem Traum. Von Mamoudzou aus führt der Weg hinauf zu ihm über das Dorf Combani, mitten durch einen schlingenden, knospenden Paradiesgarten: vorbei an Affenbrotbäumen und Bambusstauden, an Kaffee- und Kakaosträuchern, an verkrüppelten aschgrauen Stämmen von Ylang-Ylang-Bäumen mit betörend duftenden, goldgelben Blüten und an Kokospalmen, die Nüsse vom Umfang eines Männerschädels tragen.
Bamana hat neben der Eingangstür seines kleinen Sommerhauses im Dschungel die französische Trikolore geflaggt und Fotos von sich selbst angenagelt. Sie zeigen ihn auf dem Höhepunkt seiner Karriere, als Volkstribun mit Sinn für Glamour - einen verwegen blickenden Kämpfertypen, der schwarze Sonnenbrillen lässig mit weißen Kofias kombiniert und sich auf großer Bühne zu gefallen scheint.
Inzwischen ist Bamana 72 und Revoluzzer im Ruhestand: ein magerer, polternder Mann in T-Shirt und Arbeitshose, der gleich zur Begrüßung sagt, er spreche noch immer "im Namen aller Mahoris". Gefragt, ob sich der historische Sonderweg, auf den er Mayotte führte, ausgezahlt habe, verweist Bamana mürrisch auf einen bereitgelegten Fotostapel. Die Aufnahmen zeigen ausnahmslos den Hausherren - im Kreis wechselnder politischer Würdenträger.
Es ist, als staune Younoussa Bamana bisweilen selbst noch darüber, wie weit er es gebracht hat. Vom Sohn eines einfachen Maniokpflanzers zum politischen Insel-Orakel, das auch aus Paris angereisten Ministern Ratschläge erteilen darf: "Hören Sie endlich auf, hier Geld in die Lagune zu schmeißen; kümmern Sie sich lieber darum, dass die Flüchtlinge von den anderen Inseln überhaupt nicht erst ankommen."
Ratspräsident seines Eilands war Bamana, Abgeordneter der französischen Nationalversammlung und Verhandlungspartner Jacques Chiracs. Mit Chirac, anfangs Premier, dann Präsident, sei er sich immer einig gewesen, sagt der Alte: "Du darfst den Pflug nicht vor den Ochsen spannen."
Das Schicksal der Insel, soll das heißen, dürfe nicht überstürzt entschieden werden. Die Uno hat die Abspaltung Mayottes bis heute nicht akzeptiert. Die Komoren-Republik selbst führt die abtrünnige Insel in Form eines vierten Sterns unverändert in ihrer Flagge. Bamana aber sagt, "nach 50 Jahren Kampf" um den Verbleib bei Frankreich sei er nun überzeugt, dass es einen Weg in die Unabhängigkeit für die Mahoris nicht mehr geben werde: "Wir sind wie die Lachse. Wir schwimmen gegen den Strom der Geschichte."
Nur, zeigt nicht der Flüchtlingsansturm, vor allem von der nächstgelegenen Insel Anjouan, dass Mayotte sich vom Schicksal seiner Nachbarn nicht dauerhaft wird abschotten können? Es drohe Überfremdung, kein Zweifel, sagt der alte Lehrer finster. Deshalb müsse zuallererst die illegale Einwanderung gestoppt werden. Die Flüchtlinge vermehrten sich schließlich wie die Meeresschildkröten in der Lagune vor Mayotte. "Die Frauen von Anjouan 'legen' alle zwei Minuten", schimpft Bamana, selbst Vater von zehn Töchtern und zehn Söhnen.
Wenn der zornige alte Mann wirklich für alle Mahoris spricht, wie er behauptet, dann ist der lausige Ruf seines Volks wenig verwunderlich. Unmäßig fordernd, dabei mäßig gebildet, geldversessen und vor allem faul seien Frankreichs Schützlinge im Indischen Ozean, heißt es bei den Brüdern und Schwestern von den anderen Gewürzinseln, aber auch bei vielen "Wazungu" - Weißen - auf Mayotte.
Manche Eigenheiten, die beim Volk der Mahoris nun unter französischer Obhut stärker denn je zu- tage treten, wurzeln in der frühen Besiedlungsgeschichte der Komoren: Die seit Jahrhunderten arabischstämmige Führungsschicht auf den Handelsstützpunkten im Indischen Ozean setzte körperliche Arbeit von jeher gleich mit mangelnder Noblesse. Wer auf den Komoren nicht Handel treibt, muss damit rechnen, den Wamatsaha (Buschmännern) oder M'shenzi und Makua (Sklavensöhnen) zugeordnet und auch so gerufen zu werden.
Bis heute werden sogar Fußballteams in den Dörfern auf Mayotte entlang den Trennlinien des komorischen Kastensystems gebildet. Aus dieser leidvollen Vergangenheit mag der Wunsch vieler Mahoris erklärbar sein, nach Möglichkeit andere für sich arbeiten zu lassen - um so, nach und nach, selbst in die respektierte Kaste der "Kabaila", der Edlen, vorstoßen zu können.
Allenfalls "Beamter" oder "Direktor" gilt unter Mahoris noch als erstrebenswerter Brotberuf. Beliebter, weil einträglicher ist es, das bestätigt der Präfekt Vincent Bouvier, die Erstfrau mit Kindern auf die französische Insel Réunion ausfliegen zu lassen. Dort wohnt sie zur Miete, kassiert anders als auf Mayotte volles Kindergeld und lässt es dem Gatten zukommen, der zu Hause mit der Zweit- oder Drittfrau die Stellung hält. Die geplante Abschaffung der Polygamie ist 2003 am Veto des Insel-Parlaments gescheitert.
Die Bürger von Mayotte nehmen überhaupt das Mutterland gern in die Pflicht. "Auch Mahoris haben das Recht, Clochards zu sein", donnerte ein Abgeordneter des Insel-Parlaments Anfang 2007 Kritikern entgegen. Aus Paris hatten sich Klagen über die Flut von Besuchern aus Mayotte gehäuft, die mit staatlich subventionierten Flugtickets der 10 000 Kilometer entfernten Hauptstadt ihre Aufwartung machen. Und die dann, völlig mittellos angereist, von Sozialarbeitern aufgriffen werden, am Straßenrand gestrandet.
Kulturbedingten Missverständnissen, die sich auf der Insel selbst ausräumen lassen, rücken die Vertreter der französischen Zentralgewalt geräuschlos zu Leibe. Die nagelneuen Verkehrsschilder aus Stahl etwa, die derzeit überall auf Mayotte stehen, ersetzen Vorgängermodelle aus Aluminium. Sie waren von den Anwohnern flächendeckend abmontiert, eingeschmolzen und in einem Dorf im Insel-Süden zu Kochtöpfen umgearbeitet worden.
Mit dem Segen der französischen Justiz darf nun sogar der Bürgermeister von Bandrélé wieder seinen Beitrag zum Gemeinwohl leisten. Er wurde freigesprochen, wiewohl er eingeräumt hatte, im Herbst 2003 den Befehl zum Abfackeln eines Häufleins elender Hütten unten am Dorfstrand gegeben zu haben. In den Hütten hausten, seit die alteingesessenen Dorfbewohner auf Staatskosten mit neuen Wohnungen oben am Hügel versorgt worden waren, Flüchtlinge aus Anjouan.
Das Verhalten der Mahoris trage Züge einer verspäteten Gesellschaft, urteilt der Dorfschullehrer Mlaïli Condro, in Frankreich zum Doktor der Linguistik promoviert und nun in die Heimat zurückgekehrt: "Mayotte hat die Phase der Selbstfindung verpasst, die in anderen afrikanischen Staaten stattfand." Weil sie "den Vatermord" nicht gewagt hätten, den Befreiungsakt von der Kolonialmacht, litten die Insulaner bis heute unter "intellektueller Lähmung", verstärkt durch Mängel im Bildungssystem: "Man kann nicht ständig neue Gesetze erlassen, ohne dafür zu sorgen, dass die Bevölkerung sie auch versteht."
Hätten die Mahoris 1974 ihren "Vater" ein für alle Mal erledigt, den Ausbeuter in französischer Kolonialuniform, sie stünden inzwischen wohl wirklich anders da - stolzer, einiger vielleicht, durch die Erinnerung an einen gemeinsamen Freiheitskampf. Aber sicher auch: ärmer.
Denn ohne die schützende und spendable Hand Frankreichs, das jährlich, alle Leistungen eingerechnet, bis zu eine Milliarde Euro nach Mayotte pumpt, wären nicht geschätzte 70 000 illegale Flüchtlinge auf die Insel gekommen. Und an ihnen können die skrupelloseren unter den Einheimischen nun vorführen, was sie bei ihrer weißen Herrschaft gelernt haben.
Gleich um die Ecke von Bamanas Sommerhaus, auf der Schlaglochpiste, die von Combani nach Ouraveni führt, sind sie am Hügel zu sehen - die Leibeigenen des 21. Jahrhunderts auf Mayotte, Schwarzarbeiter von der Insel Anjouan. Tief in den Ylang-Ylang-Plantagen stehen sie da und pflücken goldgelbe Blätter, aus denen dann in eisernen 120-Liter-Kesseln Essenz gewonnen wird für die Parfum-Produzenten mit den klingenden Namen in Paris und Grasse.
Mariama Abdallah, so soll sie zu ihrer Sicherheit heißen, steht mit am Hügel. Sie hat an diesem Morgen um fünf Uhr zu Fuß ihr Lehmhaus im Wellblechhütten-Viertel "Fingerkuppe" verlassen, am Ortsrand von Combani, wo sie mit Ehemann Ali Saidi und Tochter Fatima lebt. Zwei Stunden Marsch sind es von dort.
Die Plantage bei Ouraveni gehört einem Mahori, um sieben Uhr morgens beginnt für die Pflückerinnen die Schicht. Bis vier Uhr nachmittags schafft Mariama mehr als 50 Kilogramm, das entspricht etwa 10 000 Blüten. Schnell, ausdauernd und geschickt zupft die Endzwanzigerin im gelben Wickelrock, sie wird nach Leistung bezahlt. Ein Kilogramm bringt 20 Cent, ein guter Tag also 10 Euro und mehr.
Die Regenzeit ist Mariamas Lieblingszeit. Regenzeit bedeutet, dass die Ylang-Ylang-Blüten von selbst zu Boden fallen und nur noch eingesammelt werden müssen. Regenzeit bedeutet aber auch, dass die Männer von der französischen Gendarmerie, die regelmäßig bei ihr zu Hause im Elendsviertel "Fingerkuppe" zur Razzia auftauchen, sich im Gewirr der knöcheltief verschlammten Gassen "auf die Fresse legen", wie Mariama das nennt.
Mariama und ihr Mann Ali Saidi besitzen keine Aufenthaltsgenehmigung und keine Arbeitserlaubnis. Sie haben je 200 Euro für die Überfahrt in der kwassakwassa bezahlt, von Anjouan nach Mayotte, Dauer acht bis neun Stunden. Für Mariama war es schon die zweite Passage. Nach der ersten Ausweisung hat sie daheim in Nyumakele, im "Land der Zurückgebliebenen" auf Anjouan, ein paar Ziegen verkauft. Und vom Erlös sofort wieder ein Ticket für eines der Boote nach Mayotte erstanden.
"Ihr werdet hier Ylang-Ylang pflücken bis zu eurem Tod", habe ihr unlängst ein Mahori zugerufen, sagt Mariama, aber sie hat sich entschlossen, das zu verschmerzen, solange sie eine Chance sieht auf ein besseres Leben später. Daheim, auf Anjouan, arbeitet sie für den Gegenwert von einem Kilogramm Reis einen ganzen Tag lang. Auf Mayotte sind es 30 Minuten.
Verglichen mit ihren Nachbarn im Slum unten am Fluss geht es Mariama ohnehin gut. Die meisten von denen pflanzen Maniok in kleinen Parzellen, die ihnen mahorische Grundbesitzer als Gegenleistung für Knochenarbeit auf ihren Plantagen überlassen. Sobald sie allerdings auf ihrem Stück Boden mehr erwirtschafteten als der Eigentümer auf seinem, sagen die Schwarzarbeiter, müssten sie tauschen.
Es ist weniger die schwere Arbeit als das Gefühl vollkommener Rechtlosigkeit, unter dem die Illegalen auf Mayotte leiden. Es gibt Mütter im Viertel unten am Fluss, die sechs komorische und vier französische Kinder haben. Die französischen, zum richtigen Zeitpunkt auf Mayotte geboren, werden in Paris oder Montpellier studieren können. Die komorischen, zum falschen Zeitpunkt oder von einem anderen Mann gezeugt, dürfen Mayotte nur in Richtung Komoren verlassen.
Aus der Unterwelt, dem Slum mit dem Lehmhaus von Mariama und Ali, in die Oberwelt des Dorfs Combani führt neuerdings eine geklinkerte Treppe. Ali selbst hat sie im Auftrag eines örtlichen Unternehmers gepflastert - auf seinen Lohn, 500 Euro für zwei volle Monate Arbeit, wartet er bis heute. Nach einer Viertelstunde Fußmarsch ist der Ortskern erreicht.
Rechter Hand biegt ein Schotterpfad ab, gepflegte Anwesen mit tropischen Gärten säumen den Weg, drum herum aus Bambus geflochtene Gartenzäune mit blütenweißen Briefkästen dran - hier ist das Revier der Wazungu, der Weißen.
Die schöneren Grundstücke in Combani gehören Männern wie Jean-Paul Guerlain, dem Pariser Parfum-Dynasten, der hier sein Paradies gefunden zu haben glaubte, ehe ihm die Behörden mit dem Vorwurf zusetzten, er beschäftige Schwarzarbeiterinnen auf seiner Plantage. Auch der vierschrötige Kaufmann Christian Oheix wohnt hier, auf Mayotte verantwortlich für zwei Drittel des Jahresexports an Ylang-Essenz - Basisstoff unter anderem seit 1921 für den Klassiker Chanel N° 5.
Ein sattes Klackern, wie vom Aufeinanderklatschen zweier Kiesel, weist in Combani den Weg zum Golfplatz "Les Ylangs". Hier, dicht bei der alten Zuckerfabrik Bambao, ist auf sieben Hektar stillgelegter Plantagenfläche ein Sittenbild der postkolonialen Gesellschaft Mayottes zu besichtigen.
Da sind die Weißen, die kurz nach Mittag beim zweiten Gebetsruf des Muezzins ihre Taschen nach der Vormittagsrunde packen und zu "Chez Laurent" verschwinden, der gebratene Entenkeulen zu 16 Euro im Angebot hat. Und da sind die schwarzen Caddies, die an der Driving-Range Bälle einsammeln, ehe sie zurück in die Hütten ihrer Eltern marschieren - "alle aus Anjouan", sagt der Golfclub-Pächter, "Mahoris machen solche Jobs nicht."
"Mahoris vermieten den Illegalen für 50 oder 100 Euro pro Monat einen Schlafplatz - aber nicht unter, sondern auf ihrem Dach", sagt der pensionierte Gendarm, der auf der Plantage von Jean-Paul Guerlain die Bäume beschneidet und Mühe hat, Arbeiter mit tadellosen Papieren zu finden. "Den Mahoris wie geplant nach und nach die Verwaltung dieser Insel zu übertragen - das ist, als ob du ein Kind unbeaufsichtigt in einen Süßwarenladen schicktest", sagt der alte Kaufmann Oheix.
"Mayotte kann nicht ohne die Mahoris gebaut werden", sagt der Präfekt auf seiner Terrasse hoch über dem Meer: "Wir werden deutlicher mit ihnen reden müssen." Wenn Illegale von heute den Entrechteten von gestern das Arbeiten abnähmen, sei das keinesfalls in Frankreichs Interesse: "Wir können nicht das ganze Elend dieser Welt bei uns aufnehmen." F

Sonderfall Mayotte
Ursprünglich von Bantus und Malaien besiedelt, später von arabischen Seefahrern erobert und beherrscht, kommt Mayotte 1841 unter französische Hoheit und verbleibt dort auf eigenen Wunsch bis heute - anders als die drei Schwesterinseln im Komoren-Archipel. Sie sagen sich 1974 einseitig von Paris los, rufen die unabhängige Komoren-Republik aus und erheben noch heute Anspruch auf Mayotte. Die Vereinten Nationen verweigern dem Status des Vulkan-Eilands als französische "Gebietskörperschaft" weiter ihre Anerkennung. Die EU rechnet Mayotte, trotz seiner Einbindung in die Euro-Zone, unverändert nicht zu ihrem Hoheitsgebiet.
Von Walter Mayr

SPIEGEL SPECIAL Geschichte 2/2007
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