21.08.2007

PREUSSEN - DER KRIEGERISCHE REFORMSTAAT STAAT MIT JANUSKOPF

Um Preußen rankten sich schon immer Mythen und Legenden. Auf den Hohenzollernstaat und seine Traditionen beriefen sich Liberale und Reaktionäre, Monarchisten und Demokraten. Tatsächlich steht Preußen für Fortschritt und Reformen ebenso wie für Rückständigkeit und Militarismus. Von Klaus Wiegrefe
Das Königtum kam über Preußen in den frühen Morgenstunden. Noch bei Kerzenschein legte sich Kurfürst Friedrich III. im Schlafgemach die Schärpe mit dem Kreuz des Adlerordens um. Der Oberkämmerer half ihm in den purpursamtenen Krönungsmantel, auf dem gestickte goldene Kronen prangten. Dann schritt der bucklige, kleine Mann mit seinem Gefolge in den festlichen Audienzsaal des Königsberger Schlosses.
Die Sonne brach durch die Wolkendecke, als Friedrich gemessen nach dem Zepter griff, an dessen Spitze ein kostbarer Rubin blutrot leuchtete. Die Krone, eine massiv goldene Karkasse mit 237 Perlen und Edelsteinen, setzte er sich selbst auf die Perücke; Friedrich, ab sofort Friedrich I., wollte König nur von Gottes und eigenen Gnaden sein. Draußen läuteten die Glocken. Es war der 18. Januar 1701: Preußen wurde ein Königreich. Die Hohenzollern stiegen auf in die Galerie der Majestäten. Statt deutsche Reichsfürsten waren sie nun europäische Souveräne, davon gab es auf dem alten Kontinent nur knapp ein Dutzend. Auf dem langen Weg des kleinen Preußen zur europäischen Großmacht war die Krönung ein mächtiger Markstein.
Für die Nachwelt gibt es das gute Preußen, in dem der Herrscher - zumindest in der Rhetorik Friedrichs des Großen - der erste Diener seines Staates war und jeder Untertan gemäß seiner Fasson glücklich werden konnte. Als typisch preußisch gelten heute noch einige Tugenden, die den kleinen Staat angeblich auszeichneten: Pflichtbewusstsein, Dienst am Gemeinwesen, Bescheidenheit. Immanuel Kant, der Philosoph aus dem preußischen Krönungsort Königsberg, fasste diesen hehren Kanon in seiner "Kritik der praktischen Vernunft" 1788 so schön zusammen, dass sich auch ein Politiker wie Helmut Schmidt darauf berufen wollte und will.
Diesem retrospektiv verklärten guten Preußen steht das böse Preußen entgegen: kaltblütige aggressive Machtpolitik voller Blut und Eisen, zuerst vorgeführt von Friedrich II., kongenial weiterbetrieben von Otto von Bismarck, der die ersehnte Einigung Deutschlands in drei Kriegen vorantrieb, zu Größenwahn und Großmannssucht gesteigert durch Kaiser Wilhelm II.
Am Ausbruch des Ersten Weltkriegs war das Kaiserreich der Hohenzollern, das seinen Platz an der Sonne neben England und Frankreich beanspruchte, maßgeblich beteiligt. Der Zweite Weltkrieg aber war ganz und gar das Werk der Nazis, in denen die Alliierten das ins Monströse gesteigerte Preußen sahen - obwohl weder Hitler noch seine Paladine auf altem preußischen Territorium geboren worden waren.
Nichts ist geblieben vom Staat der Preußen. Die Hohenzollern mussten schon 1918 abdanken. Wilhelm II. starb 1941 im holländischen Exil in Doorn. Preußen verschwand als Inbegriff von Militarismus und Verblendung, das Deutschland auf einen Sonderweg inmitten Europas geführt hatte, von der Landkarte. Die Sowjetunion und Polen - die beiden Länder, deren Bevölkerung Hitler zu Untermenschen erklärt hatte - bekamen nach dem Zweiten Weltkrieg die östlichen Gebiete Preußens; den Rest teilten sich die beiden deutschen Staaten. 1947 lösten die Alliierten den preußischen Staat offiziell auf.
Das Königsberger Schloss war schon 1944 abgebrannt. Kaliningrad, das alte Königsberg, ist mittlerweile eine arme russische Exklave, eingerahmt von Litauen und Polen. Allenstein, Breslau oder Stettin sind heute polnische Städte.
Preußen war schon immer für Mythen und Legenden unterschiedlichster Art gut. Auf den Hohenzollernstaat und seine Traditionen beriefen sich in den letzten 300 Jahren Reformer und Reaktionäre, Monarchisten und Demokraten, Junker und Industrielle, Liberale und Konservative, Nationalsozialisten und Widerstandskämpfer.
Es war die preußische Mischung aus Ost und West, aus Aufklärung und Absolutismus, aus Fortschritt und Rückständigkeit, aus Zivilisation und Barbarei, die so gegensätzliche Lager zu Bewunderern Preußens machte. Die gleiche explosive Mixtur ließ Preußen allerdings auch zum meistgehassten deutschen Staat werden.
Der preußische Adler trug Zeit seines Lebens einen Januskopf.
EIN ARMER ANFANG
Als Friedrich sich 1701 zum König krönte, herrschte er über ein zerrissenes, ärmliches Staatsgebiet mit rund 1,5 Millionen Einwohnern, das aus einigen Herrschaften am Rhein, der Mark Brandenburg, Hinterpommern und Ostpreußen bestand. Da Westpreußen polnisch war, durfte er sich nicht einmal König "von" Preußen, sondern nur "in" Preußen nennen. 100 Jahre später war die Monarchie die mächtigste Macht in Nordeuropa, das Staatsgebiet hatte sich fast verdreifacht, die Bevölkerung versechsfacht.
Die meisten Zeitgenossen waren von diesem Aufstieg überrascht. Friedrich I. hatte außer der neuen Würde nur einen Schuldenberg und eine schwächliche Armee hinterlassen. Sein Sohn Friedrich Wilhelm I. änderte nach seiner Inthronisierung 1713 beides.
Der 25-jährige Thronfolger, der meist in einer schmucklosen, blauen Obristenuniform seines Potsdamer Regiments daherkam, hatte sich den schöngeistigen Erziehungsversuchen der Eltern hartnäckig widersetzt. Er fand, gab Friedrich Wilhelm später zu, "in der Welt in nichts Plaisier als an einer guten Armee".
Von seinem Vater erhielt der Junge ein Schloss in Königs Wusterhausen südlich Berlins, wo er mit seinem Kronprinzenregiment Krieg spielen durfte. Als König verdoppelte er die Armee von 40 000 auf 80 000 Mann (das waren 3,8 Prozent der Bevölkerung) und unterwarf sie einem brutalen Drill.
In ganz Europa entführten Friedrich Wilhelms sogenannte Werber junge Männer. In London musste der preußische Gesandte seinen Platz räumen, weil er heimlich an der brutalen Verschleppung beteiligt war.
Des Königs Liebe zum Militär zog eine Fülle von Reformen nach sich. Friedrich Wilhelm schuf in ganz Preußen eine einheitliche Verwaltung, siedelte im von der Pest entvölkerten Ostpreußen 20 000 Salzburger Glaubensflüchtlinge an - "Menschen achte ich vor den größten Reichtum" - und sanierte den Haushalt, indem er die Hofhaltung zusammenstrich. Preußen wurde scheinmodern; der Fortschritt galt nur der Armee.
Friedrich Wilhelm war ein tief religiöser Calvinist, und die Angst vor der ewigen Verdammnis ließ ihn unermüdlich arbeiten. Gott, so erklärte er seinem eigenen Sohn, "hat euch auf den Thron gesetzt nicht zu Faulenzen, sondern zu Arbeiten und seiner Länder Wohl". Was nach preußischen Tugenden, nach Pflichteifer und Dienstethos klingt, stammte aus dem calvinistischen Holland, mit dessen Fürstenhaus die Hohenzollern verwandt waren. Friedrich Wilhelm versuchte, die importierten Wertmaßstäbe des modernen holländischen Handelsbürgertums seinem rückständigen Agrarstaat mit den adligen Junkern und ostelbischen Gütern aufzuprägen.
Große Kriege hat der "Soldatenkönig" mit seiner geliebten Armee nicht geführt und damit alle widerlegt, die aus Preußens territorialer Zerrissenheit den Zwang zu Arrondierungskriegen folgerten. Friedrich Wilhelm wollte in Europas Händeln lieber Makler sein. Seinem Sohn riet er, die Armee weiter zu verstärken, dann werde Preußen "eine formidable Puissance sein und in Europa die Balance halten können ... Und wer die Balance halten kann, wird immer etwas dabei profitieren".
Im privaten Umgang war der König wenig ausgeglichen. Der Kronprinz, der spätere große Friedrich, wollte vor ihm fliehen. "Wir erleben hier alle Tage die abscheulichsten Auftritte", klagte er seiner Schwester Wilhelmine. "Ich bin dessen so müde, dass ich lieber um mein Brot betteln möchte, als in diesem Zustand weiterzuleben."
Doch der Fluchtplan flog 1730 auf, Friedrich musste vom Fenster seines Kerkers in der Festung Küstrin aus die Hinrichtung des Leutnants Hans Hermann von Katte, seines Freundes und Mitwissers, mitansehen.
Die Berliner waren erleichtert, als Friedrich Wilhelm am frühen Morgen des 31. Mai 1740 starb.
EIN SCHÖNGEIST FÜHRT KRIEG
Sein Nachfolger genoss damals schon Kultstatus. Der französische Philosoph Voltaire begrüßte den neuen König als "Salomon des Nordens".
Auf Schloss Rheinsberg hatte der intellektuelle Friedrich II. die Jahre vor der Thronbesteigung in einer Musenrunde zugebracht. Der Schöngeist mit der Querflöte parlierte mit Komponisten und Malern. Er schrieb geistreiche Episteln und korrespondierte mit den führenden Philosophen Europas. Am Ende füllten seine Schriften 31 Bände.
Nicht Willkür, sondern Vernunft, erklärte der Philosophenkönig, würde seine Regentschaft leiten. Während im restlichen Europa die Monarchen sich selbst für den Staat hielten, erklärte Friedrich, er betrachte sich nur als "ersten Diener" Preußens.
Johann Wolfgang von Goethe erinnerte sich später, er sei "fritzisch gesinnt" gewesen; das habe bedeutet, gegen den "alten Zopf" zu sein. Der kleine König mit den großen Augen schaffte die Folter ab, erleichterte den Strafvollzug, belebte die Akademie der Wissenschaften neu und lockerte die Pressezensur. "Gazetten, wenn sie ein bisschen amüsant sein sollen", dürften "nicht genieret werden".
Während vielerorts noch Glaubenszwang herrschte, spottete der Atheist über Kirche und Religion. Als der fromme General Hans Joachim von Zieten sich bei Hofe wegen der Einnahme des Abendmahls verspätete, fragte Friedrich: "Nun, Zieten, haben Sie den Leib Ihres Erlösers gut verdaut?"
Friedrich rief 300 000 Einwanderer aus aller Herren Länder ins Land und erklärte, bei ihm könne "jeder nach Seiner Fasson Selich" werden. Sie halfen, ausgedehnte Flächen am Oderbruch, in den Warthe- und Netze-Niederungen zu kultivieren. So erwarb Friedrich, wie er sich rühmte, "eine Provinz im Frieden".
Das elegante Weinbergschlösschen Sanssouci mit dem Traubendekor und der Zedernholz-Bibliothek, in welcher der König las und schrieb, symbolisierte diesen Friedrich. Und so möchten ihn die Preußenfans heute am liebsten sehen.
Doch Friedrichs Reformen blieben so halbherzig, wie es dem Januskopf Preußens entsprach. Die Folter wurde nie ganz abgeschafft, das barbarische Spießrutenlaufen der zwangsrekrutierten Soldaten - "bis die blutigen Fetzen vom Rücken hingen" - überhaupt nicht. Kritik an seiner Majestät Person und Politik war, trotz Pressefreiheit, auch weiterhin verboten. Den ihm unbequemen Kölner Journalisten Roderich ließ er sogar im Ausland von einem Strauchdieb für 50 Dukaten verprügeln. Und die famose Religionsfreiheit war vor allem eine bevölkerungspolitische Maßnahme; Katholiken und - insbesondere - Juden waren weiterhin nicht gleichberechtigt mit den protestantischen Bürgern.
Am Ende hielt sich Friedrich an die gleiche Maxime wie sein Vater. Preußen sei ein "Militärstaat", und "alles muss darauf eingestellt sein". Bis zu vier Fünftel der Einnahmen flossen in die Armee. Zwölf Staaten hatten in Europa eine größere Bevölkerungszahl, doch nur drei eine stärkere Armee. Jeder 13. Einwohner Preußens war Soldat.
Immerhin, eine gigantische Kaserne mit gestählten Militaristen wurde Preußen trotzdem nicht. Die Bauern dienten nur wenige Monate im Jahr; das war, so der Potsdamer Militärhistoriker Bernhard Kroener, für eine "verhaltensprägende Militarisierung" zu kurz.
Für die vielen Uniformen im Straßenbild, die Besucher oft beobachteten, liefert Kroener eine einfache Erklärung. Preußens Soldaten bekamen jedes Jahr einen neuen Uniformrock, den alten, aus stabilem Tuch, trugen sie und ihre Verwandten im Alltag auf.
Um ein loyales Offizierkorps zu schaffen, erklärte Friedrich den Adel zur "Grundlage und Säule des Staates", von den Bürgerlichen hielt er wenig: "Die meisten denken niedrig und sind schlechte Offiziere, die zu nichts brauchbar sind." Die 20 000 blaublütigen Familien des Landes mussten ihre Söhne zur Verfügung stellen; Reisen, Studium oder Schulbesuch im Ausland waren verboten. Wer dennoch Preußen verließ, riskierte sein Vermögen.
Friedrich dankte die erzwungene Treue mit einer Privilegienwirtschaft, die in Europa einmalig war. Die Söhne der Adligen, erklärte der König, würden "das Land defendieren, davon die Race so gut ist, dass sie auf alle Weise meritieret, conserviert zu werden".
Die adligen Gutsherren bekamen günstige Kredite und wurden bei Verwaltungsposten bevorzugt. Friedrich ließ sie auf ihren Gütern wie im Mittelalter hausen. In Schlesien und Ostpreußen konnten Adlige ihre Bauern verkaufen, entschieden darüber, was deren Kinder zu lernen hatten und wer heiraten durfte. Hatten die Bauern nicht ausreichend geschuftet, folgte die "Lattenstrafe": Sie kamen barfuß in einen schmalen Käfig aus scharfkantigen Latten, in dem man weder stehen noch liegen konnte. Friedrichs Justizreform, die schließlich in das berühmte Allgemeine Landrecht mündete, schuf zwar etwas Rechtssicherheit, doch auch danach durfte der Adel "faules und widerspenstiges Gesinde" züchtigen.
Mythen brauchen dramatische Helden. Und wäre Friedrich II. dem Rat seines Vaters gefolgt, "niehmalen einen ungerechten Krieg" anzufangen, wäre der Titel "der Große" ihm wohl verwehrt geblieben. Doch kaum war er auf dem Thron, fiel er 1740 in Schlesien ein, das zu Österreich gehörte. In Wien hatte gerade Maria Theresia den Thron geerbt, und Friedrich nutzte die Gelegenheit, um sich die reiche Provinz zu sichern.
Es war ein glatter Rechtsbruch, nicht ganz unüblich für die Zeit und dennoch spektakulär. Ausgerechnet von diesem Philosophenkönig war das nicht erwartet worden, zumal er nicht einmal versuchte, den Schein des Rechts zu wahren. Drei Kriege führte Friedrich um Schlesien in mehr als 20 Jahren, der Hälfte seiner Regierungszeit; 500 000 Preußen starben dabei. Friedrich-Apologeten bemühten später abenteuerliche Konstruktionen, um das blutige Schlachten zu rechtfertigen. Friedrich war ehrlicher: "Das war der Weg, sich Ruhm zu erwerben und die Macht des Staates zu vergrößern."
Beides gelang. Er durfte Schlesien 1763 endgültig behalten, und Friedrichs Gloria glänzte, weil er den aussichtslosen Siebenjährigen Krieg gegen die alliierten Großmächte Frankreich, Österreich und Russland führte - und am Ende nicht verlor. Er hatte die Verbündeten 1756 angegriffen, die sich für einen Waffengang im Folgejahr rüsteten, und schuf damit das Muster eines Präventivkrieges, der allerdings nicht zu gewinnen war. Wäre Friedrich unterlegen, schrieb später Thomas Mann, hätte er als "elendster Abenteurer" gegolten. Der König wollte für diesen Fall Hand an sich legen ("den Purzelbaum schlagen") und trug "äußerst giftige" Opiumpillen am Hals, die er gern herumzeigte. Doch das sogenannte Mirakel des Hauses Brandenburg, der überraschende Tod der Zarin Elisabeth, rettete ihn 1762; der neue Zar Peter war ein tumber Friedrich-Fan und schloss rasch Frieden.
DIE FATALE LEGENDE
In der preußisch-deutschen Verklärung wurde daraus die fatale Legende, dass Präventivkrieg und Vabanquespiel sich lohnten und man ansonsten nur ausreichend lange durchhalten müsse. Nicht Sanssouci oder aufklärerische Reformen, sondern die Schlesischen Kriege waren das Erbe Friedrichs, das die größte Wirkung in deutschen Köpfen erzielte.
Ob vor oder im Ersten Weltkrieg, ob vor oder im Zweiten Weltkrieg, stets beriefen sich Imperialisten und Nationalsozialisten auf den Preußenkönig. Noch im April 1945 saß der Wahlpreuße Adolf Hitler im Führerbunker, in dem ein Bild Friedrichs hing, und redete sich ein, dass der plötzliche Tod des amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt ein zweites "Mirakel" sei.
Die Eroberung Schlesiens brachte Friedrich die dauerhafte Feindschaft Maria Theresias, die ihn als "Ungeheuer" beschimpfte und ihrerseits mit Zarin Katharina II. um das osmanische Erbe stritt. Die drei Rivalen nutzten Polen als Kompensationsmasse ihrer Spannungen und teilten es untereinander auf.
Die drei Teilungen Polens 1772, 1793 und 1795 ließen den Hohenzollernstaat zur Großmacht werden. Das Staatsgebiet verdoppelte sich, der größte Teil Preußens bildete danach ein zusammenhängendes Gebiet. Warschau wurde Hauptstadt von Neuostpreußen; von den 8,8 Millionen Einwohnern des Königreichs waren 2,4 Millionen Polen, deren Herzen die preußischen Herrscher niemals zu gewinnen vermochten.
Über die tieferen Motive für Preußens Aufstieg und den Antrieb der "rationellen Machtfabrik", wie der Historiker Ludwig Dehio den Hohenzollernstaat kennzeichnete, ist viel nachgedacht worden. Dehio glaubte, das Schwungrad sei die säkularisierte calvinistische Ethik der Hohenzollernfamilie gewesen. Anstatt wie calvinistische Kapitalisten den Profit zu vergöttern, so Dehio, strebten die Hohenzollern nach Expansion, an die Stelle von Geld und Arbeit traten bei ihnen Soldaten und Dienst.
Doch auch katholische und lutherische Herrscher expandierten und nutzten Gelegenheiten. Preußen hatte das Glück, an morsche Reiche zu grenzen, an das schwedische Imperium in Norddeutschland, und eben an Polen. "Die Existenz des Staates Preußen entspringt ... aus dem Verrat der Hohenzollern an Polen", analysierte Karl Marx später treffend die preußisch-russische Zusammenarbeit auf Kosten Polens, die Preußen erst zur Großmacht werden ließ. Als Polen nach dem Ersten Weltkrieg 1919 wieder entstand, musste folglich Preußen geteilt werden und schließlich, nach dem Zweiten Weltkrieg, ganz weichen.
Als Friedrich II. 1786 starb, schwärmte niemand von dem "rauen Vernunftstaat", zu dem Sebastian Haffner das friderizianische Preußen später stilisierte.
In nicht einmal einer Generation zerfraßen Protektion, Subvention und Korruption den Hohenzollernstaat. Die Schulden stiegen gigantisch, die Verwaltung verrottete, die Armee verfiel. Napoleon Bonaparte, der mit den neuen Volksheeren der Französischen Revolution Europas alte Mächte zerschlug, hatte auch mit Preußen keine Mühe und besiegte es 1806 bei Jena und Auerstedt.
"REVOLUTIONEN MACHEN NUR DIE KÖNIGE"
Zur Revolution in Preußen kam es nicht, und wahrscheinlich lag dies ausgerechnet an den halbherzigen Reformen Friedrichs. Sie hinterließen die Hoffnung auf Veränderungen durch die Krone ohne die Schrecken der Französischen Revolution.
Eine Gruppe von Wahlpreußen, mit Karl August von Hardenberg aus Hannover und dem Nassauer Freiherrn Karl vom Stein an der Spitze, liberalisierte Staat und Wirtschaft, reformierte Armee und Universitäten und träumte von der "Veredelung der Menschheit" durch "wenige einsichtsvolle Männer", eine Art wohlwollende Beamtendiktatur. Der preußische Staatsphilosoph Georg Friedrich Wilhelm Hegel lieferte die Begründung dazu. Sogar eine Verfassung war geplant, und König Friedrich Wilhelm III., Gemahl der angebeteten Königin Luise und Großneffe Friedrichs II., versprach sie gleich zweimal, um seine Preußen für den Krieg gegen Frankreich zu motivieren.
Wenige Jahre später war Napoleon geschlagen und saß in der Verbannung auf St. Helena. An die Verfassungsversprechen mochte sich der depressive Friedrich Wilhelm III. allerdings nicht mehr erinnern. Und die Gutsbesitzer hatten aufgrund der Reformen bald mehr Land denn je.
Preußen blieb auch nach dem Sieg über Napoleon 1815 ein Zwitterstaat, in dem große Geister wie Hegel und Schelling an der neuen Humboldt-Universität modernes Denken lehrten und ihre aufgeklärten Studenten in Gefängnissen schmachteten.
Es gab wie kein anderer deutscher Staat der industriellen Revolution Raum zur Entwicklung. Innerhalb weniger Jahrzehnte stieg Preußen zur führenden Wirtschaftsmacht in Deutschland auf - noch vor Österreich, dem Rivalen im Süden.
Der Januskopf Preußens fand nun seine geografische Entsprechung in der gespaltenen Entwicklung des Königreichs: das boomende Ruhrgebiet im Westen, seit 1815 preußisch, und der verkrustete agrarische Osten. Die preußischen Könige taten sich mit dem Wandel schwer. Als die ersten Eisenbahnen gebaut wurden, beklagte Friedrich Wilhelm III. (1797 bis 1840), dass "Ruhe und Gemütlichkeit" darunter leiden. Sein Nachfolger Friedrich Wilhelm IV. (1840 bis 1861), der so korpulent war, dass er seine Briefe mit "Butt" unterzeichnete, sehnte sich ins Mittelalter zurück, ließ den Kölner Dom zu Ende bauen und träumte von germanischem Rittertum.
Die wirtschaftliche Modernisierung durch Parlament und Verfassung zu ergänzen kam ihm nicht in den Sinn. "Ich fühle mich ganz und gar von Gottes Gnaden", schrieb er, "und werde mich so mit seiner Hilfe bis zum Ende fühlen."
Akademische Borussen weisen darauf hin, dass ihr Idolstaat im Gegensatz etwa zu Frankreich oder England in den Jahrzehnten bis 1864 immerhin friedlich gewesen sei. Der Friede beruhte allerdings auf einer unheiligen Allianz mit Russland und Österreich, die der Wiener Staatskanzler Fürst Clemens von Metternich geprägt hatte.
Gemeinsam hielt man in Europa all jene nieder, die Freiheit wollten: rebellische Polen, aufständische Spanier, deutsche Oppositionelle. Zeitungen wurden zensiert, missliebige Professoren entlassen. "Widerwärtig, tief widerwärtig war mir dieses Preußen, dieses steife, heuchlerische und scheinheilige Preußen, dieser Tartuffe unter den Staaten", notierte Heinrich Heine. Wer in Preußen die Machtfrage stellte, musste mit einer russischen Intervention rechnen.
Einmal war der Zar mit Grund alarmiert; das war im Frühjahr 1848. In ganz Deutschland gingen die Menschen auf die Straße. Die Revolutionäre hatten eine kaum lösbare Aufgabe vor sich: Sie wollten aus den 39 Staaten Deutschlands eine Einheit formen und das neue Reich auch noch demokratisieren. Die deutschen Großmächte, Preußen und Österreich, lehnten beides ab.
König Friedrich Wilhelm IV. zollte dennoch dem neuen Geist zunächst Tribut. Er versprach eine Verfassung, und als das Volk die Opfer der Barrikadenkämpfe im Berliner Schlosshof aufbahrte, zog der Regent totenbleich seine Feldmütze; das Militär schickte er aus der Stadt. "Nun fehlt bloß noch die Guillotine", jammerte Gemahlin Elisabeth.
Doch ein Demokrat war Friedrich Wilhelm nicht geworden, das Volk fand er weiterhin "zum Kotzen". Und als die Revolutionäre nicht nachsetzten, drehte er das Rad zurück. Im Herbst holte er seine Truppen aus Potsdam, gab ihnen Geld und Bier und rief in Berlin den Belagerungszustand aus.
Preußens Weg in den Militarismus der späteren Jahre war vorgezeichnet, die Chance, durch einen Schritt hin zu mehr Demokratie das andere Preußen zu stärken, vertan. Auf die Armee konnte sich Friedrich Wilhelm verlassen; über zwei Drittel der Offiziere waren adlig, darunter fast alle Generäle. Die unteren Chargen gewann der König durch Zugeständnisse: Er schaffte die Prügelstrafe endgültig ab und erlaubte Heiraten auch ohne Zustimmung des Regimentskommandeurs.
Der König löste die Preußische Nationalversammlung auf, die viel rebellischer war als die gesamtdeutsche Paulskirchenversammlung in Frankfurt. Das Angebot der Frankfurter Parlamentarier, Kaiser von Volkes Gnaden zu werden, lehnte er ab. An der "Schweinekrone" hafte der "Ludergeruch der Revolution". Man muss ihm allerdings zugute halten, dass eine deutsche Einheit unter preußischer Führung wohl einen europäischen Krieg bedeutet hätte. Viele Revolutionäre wollten dies sogar.
Im Gegensatz zu Österreich wurde Preußen immerhin ein Verfassungsstaat. Der König gewährte 1850 eine Verfassung, die bis 1918 gültig blieb. Der Macht der Monarchen setzte sie allerdings kaum Grenzen, und notfalls wurde sie einfach gebrochen. Preußens Ambivalenz blieb.
Der Junker Otto von Bismarck, seit 1862 preußischer Ministerpräsident, erklärte, dass nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse die großen Fragen der Zeit entschieden würden, sondern durch "Blut und Eisen". Er verachtete den "deutsch-nationalen Schwindel". Nationalismus war damals progressiv. "Soll Revolution sein", sagte er, "so wollen wir sie lieber machen als erleiden."
Bismarck drängte erst mit Hilfe des Deutschen Zollvereins und dann 1866 mit Waffengewalt Österreich aus Deutschland und annektierte hinterher das Königreich Hannover, das Kurfürstentum Hessen-Kassel und einige andere Kleinstaaten, ein Umsturz von oben. Er köderte die mächtigen Liberalen mit einem modernen Wahlrecht in dem neugegründeten Norddeutschen Bund. In Preußen wurde weiterhin nach dem Dreiklassenwahlrecht abgestimmt. Die Besserverdienenden (4,7 Prozent der Bevölkerung) stellten danach genauso viele Wahlmänner wie die 82,7 Prozent der Armen in Klasse III.
DIE LEITKULTUR DES KAISERREICHS
Fortan galt die fatale Devise: Einheit vor Freiheit. Nicht unaufhaltsam, aber mit langsam steigendem Tempo zog Preußens Rückständigkeit das gesamte Deutschland Richtung Abgrund.
Geschickt provozierte Bismarck 1870 eine Kriegserklärung Frankreichs, welche die süddeutschen Staaten für Preußens Seite mobilisierte. Nach dem Sieg von Sedan schmierte er Bayerns König Ludwig II. mit so viel Geld, bis dieser sich schließlich bereiterklärte, dem preußischen König Wilhelm I. im Namen der deutschen Fürsten die Kaiserkrone anzutragen.
Nicht eine "Schweinekrone" aus der Hand des Volkes wie 1848/49, sondern ein dynastischer Akt sollte das neue Reich begründen.
Beinahe wäre das Manöver dennoch gescheitert. Der greise König Wilhelm, noch im 18. Jahrhundert geboren, machte sich nichts aus dem neuen Deutschland. Nur widerwillig stimmte er schließlich zu. "Morgen ist der unglücklichste Tag meines Lebens", jammerte er am Vorabend der Kaiserproklamation vom 18. Januar 1871, "da tragen wir das preußische Königtum zu Grabe."
Diese Sorge war unberechtigt. Im neuen Deutschen Reich, einem Bundesstaat aus 25 Einzelstaaten, dominierte das große und mächtige Königreich Preußen mit fast zwei Dritteln der Einwohner. Der preußische König bestimmte als Kaiser über Krieg und Frieden, der preußische Ministerpräsident war zugleich Reichskanzler, in Preußens Ministerien entstanden die Gesetzesvorlagen für das Reich. Wie ein Block aus absolutistischen Zeiten ragte die unkontrollierte Kommandogewalt seiner Majestät über die deutsche Armee, ein preußisches Erbe, in die neue Zeit; die preußischen Truppen konnte der Kaiserkönig sowieso ungehindert nach dem Motto von 1848 einsetzen: "Gegen Demokraten helfen nur Soldaten."
Das alte Preußen wahrte seine Privilegien. Das Dreiklassenwahlrecht wurde nie reformiert, die politische Macht der Landjunker Ostelbiens nicht gebrochen. Man sollte, empfahl Theodor Fontane, den Adel "besuchen wie das ägyptische Museum, aber das Land ihm zuliebe regieren, in dem Wahn, dieser Adel sei das Land - das ist unser Unglück".
Die führende Industriemacht Kontinentaleuropas, deren moderne Universitäten der Welt als Modell dienten und die mit Kranken- und Unfallversicherung, mit Alters- und Invaliditätsrenten an der Spitze des sozialen Fortschritts stand, wurde regiert wie eine halbfeudale Militärmonarchie - der preußische Januskopf im Reichsmaßstab.
Die geistige Leere des neuen Reichs haben viele Beobachter empfunden. Von dem berühmten Schriftsteller Ernest Renan stammt die Beobachtung, dass in anderen Imperien "der politischen Herrschaft eine Ausstrahlung des Geistes" entsprochen habe, Neu-Deutschland hingegen zeige "nur blanke, wirksame, schneidende Macht, ohne jede frohe Botschaft".
Nationalisten und Imperialisten nutzten nicht nur, aber oft die preußische Geschichte, siegdeutsch angestrichen, um die Leere zu füllen. Von preußischer Toleranz, preußischen Reformen oder preußischer Rechtsstaatlichkeit war dabei nicht die Rede. Dass Bismarck Deutschland mit Waffengewalt geeint hatte, ließ ausgerechnet den preußischen Militarismus, Inkarnation der politischen Rückständigkeit des Hohenzollernstaates, zur Leitkultur des Kaiserreiches werden.
Erst jetzt, mit den medialen Mitteln der Industriegesellschaft, gelang, was der Soldatenkönig 150 Jahre zuvor nicht geschafft hatte: die Militarisierung einer Gesellschaft. Die Menschen tranken aus Tassen mit Schlachtszenen, stellten sich Bleisoldaten in die Wohnungen und ließen sich vom Friseur die Barthaare mit der Brennschere zum Kaiser-Wilhelm-Schnurrbart hochbrennen. In schlichter Preußenverehrung wurden Sportvereine, wie der spätere Champions-League-Sieger aus Dortmund, Borussia getauft. Ganze Generationen wurden nach der Devise "Lerne vom Militär" erzogen; die "Grundzüge der Evangelischen Volkserziehung" empfahlen: "Gerade sitzen! Ruhe! Mund halten! Griffel hoch! Hände hoch! Hefte zeigt! und Ab!"
Der preußische Reserveoffizier mit Monokel und schnarrender Stimme stellte das Leitbild der neuen Gesellschaft, in der es genügte, die Uniform eines Hauptmanns zu tragen, um die Stadthauptkasse im Köpenicker Rathaus zu beschlagnahmen, wie es Carl Zuckmayer im "Hauptmann von Köpenick" persifliert hat.
Auch Bismarck wurde noch zu Lebzeiten verkitscht. Für die heutigen preußischen Tugendwächter eignet sich der dicke Kanzler mit der Fistelstimme freilich nicht als Vorbild. Bismarck nimmt zwar durch seine maßvolle Außenpolitik ein, die sich wohltuend von dem nachfolgenden Protz- und Prestigegehabe Wilhelms II. unterschied. Aber er bereicherte sich bei passender Gelegenheit und ließ 1890 bei seinem Ausscheiden 231 000 Mark mitgehen. Und für politische oder religiöse Toleranz kann man ihn auch nicht vereinnahmen.
Bismarck bekämpfte Katholiken wie Sozialdemokraten, die er als vaterlandslose Gesellen diffamierte. Die große polnische Minderheit im Reich suchte er zu germanisieren: "Haut doch die Polen, dass sie am Leben verzagen", schrieb er an seine Schwester, "ich habe alles Mitgefühl für ihre Lage, aber wir können, wenn wir bestehen wollen, nichts andres thun, als sie ausrotten; der Wolf kann auch nichts dafür, dass er von Gott geschaffen ist, wie er ist, und man schießt ihn doch dafür todt, wenn man kann."
Von Preußen, in der übersteigerten, reichsdeutschen Version, bleibt nicht viel, was in den Traditionsbestand der heutigen Bundesrepublik gehören könnte. Wilhelm, der von einem "Platz an der Sonne" schwadronierte, brach ein Wettrüsten zur See mit England vom Zaun und schickte deutsche Truppen nach China. So wie einst die Hunnen, dröhnte er vor den Soldaten, "möge der Name Deutscher auf eintausend Jahre durch euch in der Weise bestätigt werden, dass niemals wieder ein Chinese wagt, einen Deutschen nur scheel anzusehen".
Immerhin hielt das Kaiserreich trotz nationalen Größenwahns über 40 Jahre Frieden mit den Nachbarn, ehe es Europa dann doch 1914 mit Krieg überzog, nicht als Alleinschuldiger, aber als Hauptschuldiger. Die Niederlage 1918 ließ das hohle Gebilde an seinen inneren Widersprüchen zerbrechen. Wilhelm II. beschimpfte das deutsche Volk "als Schweinebande", flüchtete ins holländische Exil und dankte am 28. November 1918 als deutscher Kaiser und preußischer König ab.
EIN STAAT VERSCHWINDET
Preußen wurde ein Freistaat in der Weimarer Republik, und was jetzt, ohne die Hohenzollern, kam, waren mit die besten Jahre in der preußischen Geschichte; zum Bestandteil des Preußenmythos zählten sie leider nie. Meist von einer Koalition aus Sozialdemokraten, katholischem Zentrum und liberaler DDP regiert, erwies sich Preußen als das Bollwerk der ersten deutschen demokratischen Republik. Dutzende von Toten kostete der Kampf der preußischen Polizei gegen den Terror von rechts und links.
Das andere, reaktionäre Preußen gab es allerdings auch noch, und als die Weimarer Republik in die Krise geriet, zeigte es seine hässliche Fratze. 1932 ließ sich Reichskanzler Franz von Papen, ein ehemaliger preußischer Kavallerie-Offizier, von Reichspräsident Paul von Hindenburg, einem ehemaligen preußischen Generalfeldmarschall, ermächtigen, per Staatsstreich in Preußen die Macht zu übernehmen.
Papen träumte von einem autoritären Einheitsstaat, doch mit seinem "Preußenschlag" machte er nur den Weg frei für Hitlers Griff nach der Macht.
Die Berliner verspotteten den "Führer" als die Rache Österreichs für die 1866 verlorene Schlacht bei Königgrätz.
Von seinen Anhängern ließ sich Hitler als "echten Preußen" feiern; sie bezeichneten Friedrich den Großen als "ersten Nationalsozialisten auf dem Königsthron". Hitler nutzte den Preußenmythos für seine Zwecke. Am 21. März 1933 verbeugte er sich vor Hindenburg in der Potsdamer Garnisonkirche, deren Krypta die Gebeine Friedrichs des Großen barg. Der "Tag von Potsdam", den Propagandaminister Joseph Goebbels als "Rührkomödie" verspottete, sollte die Einheit des neuen und des alten Deutschland belegen.
Ob es ohne ein Königreich Preußen Hitler nicht gegeben hätte, ist eine beliebte Frage. Profitiert hat der "Führer" von dem Hohenzollernstaat ganz sicher in einer Hinsicht: Es dauerte unendlich lange, ehe die Wehrmachtsoffiziere ihre preußisch-verquasten Ehrbegriffe aufgaben und den Diktator zu töten suchten. Dass am Attentat vom 20. Juli 1944 viele Offiziere aus altpreußischem Adel beteiligt waren, bewegt noch heute manchen Preußenfan dazu, die mutige Tat zum Inbegriff des Preußentums zu stilisieren. Doch dafür haben zu viele Preußen bei den Nazis mitgemacht.
Am Ende kostete Hitlers Hybris Preußen die Existenz. Preußen galt den Siegern, nach den Worten des britischen Premiers Winston Churchill, als "Wurzel allen Übels" und musste verschwinden, mitsamt seinem fatalen Geist. Den versuchten Kommunisten - symbolisch verschlossen in einem Sarg - 1947 in der Havel bei Potsdam für immer zu versenken. Das misslang, auch als das Begräbniskomitee auf den Sarg schoss, wollte der "Geist von Potsdam" nicht untergehen.
Doch in jener schließlich mörderischen Gestalt, die seine letzten Nachäffer, die Nazis, dem Preußenmythos gaben, war der Ungeist wirklich tot. Auferstanden ist Preußen dann als rote Legende der DDR. Die Berufung auf die aristokratische Historie sollte dem nicht voll anerkannten Gebilde Legitimität verschaffen.
Die SED stellte 1980 das berühmte Reiterstandbild Friedrichs II. von Christian Daniel Rauch wieder an seinen Platz "Unter den Linden", wo es bis 1950 gestanden hatte. In West-Berlin zog im Jahr darauf die große Preußen-Ausstellung im Martin-Gropius-Bau Hunderttausende an.
Die damalige Preußenrenaissance hatte nicht einmal ein rundes Jubiläum zum Anlass. Umso heftiger tobte der ideologische Streit zwischen Verächtern und Verehrern des untergegangenen Staates. Beim runden Geburtstag 2001 spielte die Kontroverse von damals keine Rolle mehr. Schon die Überführung der sterblichen Reste Friedrichs II. nach Potsdam unter großer Anteilnahme des damaligen Kanzlers Kohl 1991 war ein Vorspiel auf die Verharmlosung Preußens durch Ästhetisierung, die sich bei der 300. Wiederkehr der Königskrönung 2001 ereignete.
Preußen ist passé, Deutschland überaus fest verankert in westlichen Bündnissen, die sich nach Osten ausdehnen. Auf dem weiteren Weg zur politischen Union Europas aber lässt sich von Preußen, das weder republikanisch noch föderativ war, nichts lernen. Dabei bleibt es auch, wenn irgendwann das Berliner Stadtschloss und die Potsdamer Garnisonkirche wieder erstehen. F

Preußens Nachbar Niederlande
Seit dem Erwerb Kleves 1614 war Brandenburg ein unmittelbarer Nachbar der Niederlande. Der territorialen Nähe folgte bald eine dynastische Verbindung. 1646 heiratete der Große Kurfürst Louise Henriette von Oranien- Nassau. Im frühen 19. Jahrhundert kam es erneut zu Heiraten zwischen Hohenzollern und Oraniern. Solche Verbindungen waren ein Grund dafür, dass die niederländische Königin Wilhelmina ihrem Verwandten Kaiser Wilhelm II. von 1918 an Asyl in ihrem Land gewährte.

Von Wiegrefe, Klaus

SPIEGEL SPECIAL Geschichte 3/2007
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