21.08.2007

ANFANG UND AUFSTIEG

DER SOLDATENKÖNIG

Von Georg Bönisch

Von Bönisch, Georg

Friedrich Wilhelm I. war einer von Preußens Gründervätern. Er reformierte den Feudalstaat seines Vaters und formte aus Preußen einen Militärstaat mit bemerkenswerten Ansätzen einer Fiskal- und Industriepolitik.

Schroff konnte er sein, jähzornig und brutal. Wenn es denn sein musste, auch dem eigenen Sohn gegenüber. Wer Friedrich Wilhelm in die Quere kam, dem gab er die schlichte Empfehlung: Lecke mich "im arß". Oft war ihm auch der Stock Ordnungsmittel, für einen "Hundsfott" allemal - dabei will er Menschen "für den größten Reichtum" gehalten haben.

Durchaus konnte er liebevoll sein, wenn es denn notwendig war. "Mein Fiekchen", hauchte er - die gesellschaftlich korrekte Anrede "Madame" wäre ihm nie in den Sinn gekommen. Und griff seiner Frau Sophie Dorothea, die in den 34 Jahren gemeinsamer Ehe 14-mal schwanger war, zärtlich an die Hüfte, coram publico, gegen die Etikette.

Und gegen die Usancen an den Höfen zu seiner Zeit hatte er keine Mätressen, kein Fiekchen nebenbei. "Das schönste Mädchen, das man mir verschaffte", so beschrieb Friedrich Wilhelm seine Monogamie, "wäre mir gleichgültig." Nur seine Kerls, vor allem die ganz langen, die waren ihm nicht egal. Und seine Uniform nicht, die war sein täglicher Anzug.

Auch deshalb heißt er "Soldatenkönig". Gewiss ein schöner Titel, für einen Chefpreußen freilich wenig überraschend und leicht in die Irre führend. Wahr ist, dass ihn alles Militärische brennend interessierte, und schon in jungen Jahren schlug er vor, sämtliche Kanonen des preußischen Heeres sollten das gleiche Kaliber haben und sämtliche Einheiten gleiche Bajonette - Standards sind sowohl praktisch als auch preiswert.

Wahr ist auch, dass er seine Armee nach der Russlands, Frankreichs und Österreichs zur viertgrößten in Europa machte - ein hypertrophes Instrument der Macht, denn Preußen lag vom Staatsgebiet her erst an 10. Stelle in der europäischen Rangliste und von der Zahl seiner Einwohner an Position 13.

Aber ein Schlachtenlenker, und dies insinuiert der Begriff "Soldatenkönig" genauso gut, konnte er schon deswegen nicht sein, weil er selbst nur an einem Krieg zu Beginn seiner Laufbahn beteiligt war, treffend nannte ihn der französische Politiker Marquis de Mirabeau "roi militaire et pacifiste". Und für einen schneidigen Kommandeur, hoch zu Ross, hatte er mitnichten das körperliche Rüstzeug: Zweieinhalb Zentner wog er bei 1,65 Metern, vier Männer mussten den Dickwanst aufs Pferd hieven.

Friedrich Wilhelm, ein König der Widersprüche. Ausgeprägt sein Intellekt, Lesen und Schreiben schon in der Muttersprache bereitete ihm indes große Mühe - gut möglich, dass er Legastheniker war; er wusch sich gründlich und täglich, während die allermeisten Wasser mieden; kein Austernschlürfer, Schinken mit Grünkohl liebte er oder Bratwurst mit Zuckerbirnen. Ganz außergewöhnlich für einen barschen Menschen: Er malte - "in tormentis", soll heißen, er versuchte mit seinen gichtigen Fingern, sich Schmerzen von der Seele zu malen.

Denn Friedrich Wilhelm war auch schwer melancholisch - und seltsam weich.

Und erstaunlich erfolgreich. Den maroden Staatshaushalt, den sein Vater hinterließ, glich er nicht nur aus, sondern erwirtschaftete einen Überschuss; deshalb hieß er unter Zeitgenossen auch "Plusmacher". Das Geld, das durch aufoktroyierte Sparsamkeit erzielt wurde, kam zwar weitgehend der Truppe zugute - sie war schließlich das Hauptmittel seiner Politik, bei den Nachbarn Respekt und Achtung zu erzeugen. Andererseits heizte ein großes Heer die Konjunktur an, so diente es gleichzeitig, sagt der Historiker und Preußenspezialist Peter-Michael Hahn, "auch der Wirtschaftsförderung aller Provinzen".

"Finanzmann und Feldmarschall", mit diesen beiden Begriffen definierte Friedrich Wilhelm seinen Beruf als König. "Parol' auf dieser Welt", schrieb er dem Freund und Vertrauten Leopold von Anhalt-Dessau, dem "Alten Dessauer", sei "nichts als Müh' und Arbeit". Das war keine Klage, das war ein Lebensmotto.

So muss er unter den Fürsten seiner Zeit als Ausnahmeerscheinung gelten. Überall sonst an den Höfen nämlich galt repräsentative Prachtentfaltung als eine Form des "Gottesgnadentums" - bei ihm nicht. Natürlich fühlte sich auch Friedrich Wilhelm - und wohl ernsthafter als die meisten Standesgenossen - als ein "Amtmann Gottes". Doch daraus leitete er einen anderen Auftrag ab: tätig zu sein im Dienste des Staates und der ihm anvertrauten Menschen. Dies schloss für sie ein, seiner Maxime Folge leisten zu müssen: "nicht räsonieren, ordre parieren!"

Wiederum die Achtung vor diesem Diktum könnte ein Grund dafür sein, dass seine Bürger anders erzogen wurden, eben zu klassisch-preußischen Untertanen: gehorsam, diensteifrig, diszipliniert, im Idealfall ehrlich und unbestechlich. Wer unwillig war und auf ererbte Vorrechte pochte wie mancher Adlige aus Ostpreußen, der zog sich den unbändigen Zorn des Königs zu. Er drohte, "der Junker Autorität wird ruiniert werden", und verkündete in seinem typisch deutsch-französischen Kauderwelsch, "ich ... stabiliere die Souveränität wie einen rocher von bronze".

Wenn es in der Epoche des Absolutismus einen absoluten Herrscher gab, der keinen Widerspruch duldete, dann war es Friedrich Wilhelm. Aber so baute er, indem er gleichzeitig den Feudalstaat des Vaters über den Haufen warf, aus Brandenburg-Preußen jenen Staat, den man forthin unter Preußen verstand, den Militärstaat, der auch gleichzeitig ein merkantiler war mit durchaus bemerkenswerten Ansätzen einer Industriepolitik.

Friedrich Wilhelm war einer von Preußens Gründungsvätern. Er war aber auch, und darin sind sich Beobachter von damals und heute durchaus einig, dessen "größter 'innerer' König".

Die Welt, in die Friedrich Wilhelm 1688 hineingeboren wurde, war noch die Welt des Protzes und Pompes. Der Vater, Friedrich I., war vorwiegend beschäftigt mit dem Repräsentieren, die Mutter, Sophie Charlotte, eine hochgebildete Frau aus dem Hause Hannover, sehr beschäftigt mit den schönen Künsten. Eine Hugenottin, die nur Französisch sprach, versuchte sich als erste Ausbilderin - ziemlich erfolglos. Sein Deutsch lernte der Junge teils von Dienern, Soldaten oder Kutschern, deswegen auch sprudelte er lebenslang ein grobianisches Deutsch heraus. Ein geduldig leidender Privatlehrer soll geklagt haben, als Galeerensklave wäre er glücklicher geworden. Gegen Latein, ein Pflichtprogramm eigentlich, sperrte sich Friedrich Wilhelm, überhaupt sperrte er sich gegen alles, was nicht wirklich nutzbringend war. "An ihm", schreibt der Historiker Christian Graf von Krockow, "haftete etwas untilgbar Rustikales."

Was Wunder, dass Friedrich Wilhelm dann nicht nach der Mutter kam. Groß ist auch der Gegensatz zum Vater, dem Prachtentfaltung und umständliches Hofzeremoniell alles bedeuteten - dem Sohn hingegen nichts. Stattdessen erschreckte er edle Gesellschaften, wenn er in Kamine kroch und dann verdreckt durch die Säle lief.

Dennoch, der Vater hat ihn geprägt durch eine denkwürdige Entscheidung. Als Friedrich Wilhelm zehn Jahre alt war, schenkte er ihm zu Weihnachten Wusterhausen, ein schlichtes Schloss südöstlich von Berlin, eher ein Gut. Der Knirps war nun qua Amt sein eigener Geschäftsführer, eine Aufgabe, die er trotz dieses Alters mit erstaunlicher Gewissenhaftigkeit und Energie erfüllte.

"Königs Wusterhausen", wie das Anwesen später hieß, könnte durchaus das Labor des jungen Kronprinzen gewesen sein. Hier begann seine Leidenschaft für die Jagd (von der er trotz zunehmender Körperfülle nicht ließ), hier begann seine Leidenschaft für Soldaten - er exerzierte und kommandierte eine aus Jägern, Treibern und Bediensteten zusammengestellte "Jägerkompanie"; manche, wie der Geschichtswissenschaftler Hans-Joachim Giersberg, sind sogar geneigt zu sagen, hier habe Friedrich Wilhelm den "Ausbau Preußens zu einem modernen europäischen Staatswesen ausprobiert".

Erst einmal fabrizierte der Bursche sich selbst eine "Rechnung über meine Dukaten" und dann einen "Jahresabschlussbericht", jeder Pfennig kam in die Bilanz, die ein Belegstück seiner Knauserei war, die alle traf, ihn selbst zuerst. Entsetzt fragte die Mutter: "Können Mitgefühl und Mitleid Raum in einem Herzen finden, das von Eigennutz, vom Geist der Ökonomie beherrscht wird?"

Eine übertriebene Sorge, denn jene Sparsamkeit hatte kaum einen Grund, der in Hartherzigkeit verankert war - sondern, wie Friedrich Wilhelm es entdeckte und empfand, als komplementäre Tugend von Fleiß und Ordnungssinn. Zweimal besuchte er, im Herbst des Jahres 1700 und im Winter 1704/05, die Niederlande; die Großmutter, Luise Henriette von Oranien, hatte den Calvinisten dort als Landesmutter schlechthin gegolten - fürsorglich und fromm, fleißig und ordentlich sowieso.

Und beide Male hatte er miterleben können, dass sein Gastland, geformt von genau diesen Bürgertugenden, den calvinistischen, blühte und gedieh; unvorstellbar reich kam es ihm vor, während sein Vaterland ihm armselig und rückständig erschien. Jenes Bildungserlebnis, meint Krockow, habe "den jungen Mann unverlierbar geprägt".

Sein Vater starb im Februar 1713, wenig später nur war Schluss mit dem Getue am Hof. Der Stellenplan, von der Zofe bis zum Zeremonienmeister: erbarmungslos zusammengestrichen. Hofmusiker wurden entlassen, große Teile des Luxusinventars verkauft oder versteigert. Der neue König, nunmehr Friedrich Wilhelm I., profilierte sich als Sparkommissar der schärfsten Kategorie - er reduzierte die jährlichen Kosten für den Hofapparat jetzt und gleich von 600 000 Taler auf 150 000.

Für sich und seine Familie reservierte er im Etat pro Tag gerade mal 93 Taler, hielt aber schriftlich fest, dass "diese nicht draufgehen müssen". Und rechnete vor: "Wenn ich in Potsdam oder in Wusterhausen bin, die Königin aber in Berlin, dann müssen es nicht mehr als 70 oder 72 Taler sein. Wenn die Königin sich aber bei mir befindet, dann darf es täglich nur 55 Taler kosten."

Zwar sollte weiterhin reichlich Fleisch gegessen werden, Seine Majestät fraß wie ein Scheunendrescher, jedoch sollte alles nicht so teuer sein wie bisher, höchstselbst prüfte Friedrich Wilhelm die Marktpreise. "Ich will auch", gab er Weisung, "dass künftig von Hamburg oder anderen fremden Orten nichts verschrieben werden soll, ohne dass ich vorher gefragt worden bin und es genehmigt habe." Denn so gehe Geld aus dem Land, das besser den eigenen Leuten zustehe, "gut Rindfleisch, gute fette Hühner und dergleichen" sollten vor Ort gekauft werden, und einmal dabei, reduzierte der 25-Jährige die Bezüge seiner Offiziere und Beamten um ein Drittel.

Der Führungswechsel, für viele im Lande ein Kulturschock also. Gestern noch Friedrich I., ein König vom "Typ A: dem leutseligen, pompösen Verschwender", so der Historiker Christopher Clark, ein Monarch, aufs Image bedacht, eher abgeneigt der täglichen Fron, regieren zu müssen.

Plötzlich der Sohn, "Typ B": ungemütlich, ein Workaholic, der selbst für seine höchsten Beamten des Winters den Dienstbeginn auf acht Uhr festlegte und des Sommers auf sieben. Wer zu spät kam, den bestrafte die Gehaltsabteilung - bei Ministern waren es 100 Dukaten pro Stunde, ein kleines Vermögen.

Überdies wollte der neue König nicht differenzieren zwischen Soldaten und Zivilisten, er war für Gleichbehandlung. "Wenn das Geringste unter meinen Dienern passiert", verfügte er, "so werde ich sie vor ein Kriegsgericht stellen, und nach den Kriegsartikeln werde ich über sie erkennen lassen" - da kannte er kein Pardon, ganz Absolutist: "Ich habe Commando bei der Armee und soll nicht Commando haben bei den Blakisten?" Das waren seine "Tintenkleckser", und die Frage war natürlich nicht rhetorisch gemeint.

Für Betroffene konnte dies durchaus dramatische Folgen haben. Fehlleistungen der Beamten wurden regelmäßig bestraft, der Katalog reichte von Entlassung und Bußgeldern bis hin zum Schadensersatz; den ostpreußischen Kriegs- und Domänenrat Albrecht Ernst von Schlubhut, überführt der Unterschlagung, ließ der König am Arbeitsplatz in Königsberg aufhängen - eine schlimmere Form der Abschreckung ist kaum vorstellbar.

Zu Beginn seiner Regierungszeit existierten zwei Oberbehörden, die beide mit Geld (und damit dem Nährboden eines Staates) zu tun hatten - einmal das "Generalfinanzdirektorium", das vor allem die Einkünfte aus den Krongütern verwaltete, immerhin ein Drittel der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche des Landes.

Die andere Behörde hieß "Generalkriegskommissariat", angeschlossen war die "Generalkriegskasse"; hier landeten die an den Stadttoren erhobenen indirekten Verbrauchsteuern ("Akzise") und die im ländlichen Bereich fälligen direkten Steuern ("Kontributionen"), die zur Finanzierung der Armee eingesetzt wurden.

Über beide Ämter legte Friedrich Wilhelm die "Generalrechenkammer", eine Prüfungsinstanz, die sowohl Verschwendungen aufspüren sollte als auch Schlendrian. Wer will, der kann von dieser Erfindung im Jahr 1714 eine direkte Linie ziehen zum heutigen Bundesrechnungshof.

Direktorium und Kommissariat nahmen nicht nur, sie regten auch an - im Sinne einer Gewerbeförderung. Waren, die eingeführt werden mussten, zogen Geld aus dem Land, ergo musste die Produktion im Land forciert werden, eine Idee übrigens, die schon Friedrich Wilhelms Großvater hatte. Dabei ging es weniger um Luxusgüter, sondern um Massengüter: Wolle beispielsweise und Tuche.

Der Export von Rohwolle, etwa ins benachbarte und viel besser situierte Sachsen, wurde verboten, darauf stand lebenslange Festungshaft. Und es erging die Anordnung, "Hökerweiber, Verkäuferinnen und anderes Weibsvolk" dürften nicht müßig herumsitzen, vielmehr müssten sie spinnen oder stricken. Tatsächlich gelang es mit dieser Form des Staatsrigorismus, eine einigermaßen leistungsfähige Industrie aufzubauen - gerade die Armee war ein großer Abnehmer.

Es dauerte eine gewisse Zeit, bis der reformorientierte "Soldatenkönig" erkannte, dass ein Nebeneinander zweier Zentralbehörden zur Kontrolle der Staatsfinanzen starke Reibungsverluste zeitigte, zumal auch deren wirtschaftspolitische Ansätze auseinanderdrifteten. Während beispielsweise die Domänenverwaltung zwecks Ertragssteigerung die Ausfuhr vor allem agrarischer Produkte ins Ausland favorisierte, dachten die Experten der Steuerbehörde eher in umgekehrte Richtung - Stichwort Schutzzölle. Ein Amt grub dem anderen das Wasser ab, es kam sogar zu Prozessen und einer Art Konkurrenzkampf um die Gunst des Königs, wer denn der bessere Geldbeschaffer sei.

Da zog der König, Pragmatiker wie er nun mal war, die Notbremse - und schuf 1723 ein Superministerium, das auch einen Supernamen trug: "General-Ober-Finanz-Kriegs-und-Domänen-Direktorium", kurz Generaldirektorium. Eine Lösung, die halten sollte bis zur Zerschlagung Preußens durch die napoleonische Armee 1806/07 und Vorläuferin einer modernen Verwaltungsstruktur war; quasi auf einem Flur die geballte Kompetenz "Finanzen", "Wirtschaft" und "Militär", "Justiz" und "Außenpolitik" erhielten ihre eigenen Departments.

Und es blieb auch des stets argwöhnischen Monarchen Rechnungshof, die Generalrechenkammer. Nach dem Motto: Vertrauen nein, und das auch noch gut kontrolliert.

Das Generaldirektorium war, einigermaßen überraschend, eine Kollegialbehörde. Standen Entscheidungen an, mussten sich alle Entscheidungsträger versammeln - links des Tisches saßen die Minister, rechts die Chefbeamten, der Stuhl an der Stirnseite blieb frei für ihn, pro forma, denn Friedrich Wilhelm nahm so gut wie nie an solchen Sitzungen teil. Diskussionen durften - und sollten - offen geführt werden, der König drohte sogar förmliche Untersuchungen für den Fall an, dass irgendwer den aus seiner Sicht notwendigen Informationsaustausch zwischen den Ressorts blockierte.

Allerdings, konstatiert Clark, sei auf diese Weise auch jenes System "von Überwachung, Regulierung und Routine" entstanden, das allen modernen Bürokratien gemein ist. Ein Aperçu nur: Wenn die Minister und Chefbeamten Überstunden machten, musste ihnen auf Kosten der Verwaltung eine warme Mahlzeit spendiert werden - die freilich in zwei Schüben serviert wurde. Während die einen aßen, arbeiteten die anderen, dies sollte wohl sicherstellen, dass das Räderwerk der Arbeit nie stillstand.

Gewiss ein Detail, aber ein solches ist kennzeichnend für Friedrich Wilhelm, Kleinigkeiten durchdachte er ebenso wie Großmanöver. So gab er den Auftrag, die Sümpfe im Havelland trockenzulegen - innerhalb einer Dekade konnten 15 000 Hektar fruchtbares Acker- und Weideland gewonnen werden. Gleichzeitig wurde damit begonnen, auch Oder-, Warthe- und Netzebruch urbar zu machen, immerhin eine Fläche von 500 Quadratkilometern.

Zudem war Preußen seit dem Dreißigjährigen Krieg ein ziemlich menschenarmes Land, in Ostpreußen hatten Seuchen und Hungersnöte zwischen 1710 und 1711 ein Drittel der dortigen Bevölkerung hinweggerafft, etwa 250 000 Menschen. Neues Blut musste also her, um in den spärlich besiedelten Gebieten das wirtschaftliche Leben wieder aufzubauen und insgesamt die Produktivität zu steigern. Daher präsentierte Friedrich Wilhelm sein Land nach Kräften als Einwanderungsland, die Offerte galt allen: Reichsdeutschen und Schweizern, Böhmen oder Niederländern.

Das "Retablissement", die Neu- oder Wiederbesiedlung Ostpreußens, war vor allem attraktiv für protestantisch getaufte Menschen aus dem Salzburger Land; dort verfolgte der (katholische) Erzbischof sie gnadenlos als "Ketzer". Friedrich Wilhelm versprach materielle Hilfe, wenn sie denn kämen in die Niederungen Ostpreußens: Steuerfreiheit, Land, Holz und Steine. Er hielt Wort, und der Strom der Emigranten riss nicht ab, schließlich waren es etwa 20 000 Neubürger.

So halfen die Salzburger mit, den Landstrich wieder nach oben zu bringen - ihre Ansiedlung ist ein Beweis für die innenpolitische Stärke des Monarchen. Auf außenpolitischem Parkett wirkte er indes eher hilflos, weil ihm Winkelzüge nicht lagen. "Diplomatische Verwickelungen", heißt es in der "Allgemeinen Deutschen Biographie" von 1877, habe er für "eine Teufelsgeschichte" gehalten, "die ihn von nützlicheren Sachen abziehe".

Bei Verhandlungen sei er "oft zu misstrauisch" gewesen, öfter noch zu leichtgläubig, zu ungeduldig und dann zu offensiv, wenn Zurückhaltung gefordert war. Und was vielen Politikern des 18. Jahrhunderts als Meisterstück galt, nämlich Verträge einzugehen, um sie zu brechen, und Verpflichtungen zu übernehmen in der Absicht, sie nicht zu erfüllen, das sei für ihn "moralische Verworfenheit" gewesen, "Windschlägerei", eben nichts für "einen honneten Mann".

Im Übrigen, mit seiner Armee hätte er manches außenpolitische Ziel leicht erreichen können, so diszipliniert war sie und so stark. Als Friedrich Wilhelm den Thron bestieg, zählte sie 38 000 Mann, in einem ersten Schub ließ er sie gleich um knapp 10 000 aufstocken. "Das sollte niemanden beunruhigen", notierte er, "ist mein Heer doch meine einzige Freude."

Schließlich hatte er die Ist-Stärke mehr als verdoppelt, und eine neue Form der taktischen Ausbildung verbesserte einerseits die Manövrierfähigkeit großer Truppenverbände in schwierigem Gelände, andererseits sollte sie sicherstellen, dass der Feind ohne Feuerpausen ständig unter Beschuss genommen werden konnte. Ursprünglich wurden die Soldaten zwangsrekrutiert, oft auf unmenschliche Weise, so dass unter jungen Männern Panik ausbrechen konnte, wenn ein Offizier aufkreuzte. Der König greife "bei der Aushebung zu solch übereilten Maßnahmen, als schwebte er in großer Gefahr", meldete der britische Gesandte William Breton nach Hause, "wenn es so weitergeht, dann wird hier bald der Markt zusammenbrechen ..."

Erst spät, für seine schnelle Auffassungsgabe sehr spät, stoppte Friedrich Wilhelm die Praxis der Zwangsrekrutierung - und ersetzte sie durch eine Form der Konskription, die heute als Vorläufer der allgemeinen Wehrpflicht gilt: das Kantonsystem. Das Land war nun in militärische Bezirke ("Kantone") eingeteilt, denen jeweils ein Regiment zugewiesen wurde, und alle Männer im dienstfähigen Alter mussten sich in Regimentslisten einschreiben ("enrollieren") lassen. Wer das Land verließ, um dieser Pflicht zu entgehen, der wurde als Deserteur verfolgt.

Natürlich gab es Freistellungen, der Bauer mit eigenem Hof musste nicht dienen, ebenso Handwerker nicht, die in staatswichtigen Jobs arbeiteten. Auch Söhne aus reichem bürgerlichem Hause nicht, so viel zur Wehrgerechtigkeit. Zudem wurden die jungen Männer nach ihrer Grundausbildung wieder beurlaubt, in der Regel dienten sie nur zwei bis drei Monate im Jahr. Die zivile Wirtschaft nahm keinen Schaden mehr wie noch zu Zeiten der Zwangsrekrutierung; gleichzeitig besaß das neue Militärsystem den Vorteil, weitgehend unabhängig zu sein von ausländischen Söldnern - zwei von drei preußischen Soldaten waren Landeskinder.

Einmal nur ließ Friedrich Wilhelm seine Truppe marschieren, und dann noch zu einem Zeitpunkt, als der Gegner, die Schweden nämlich, schon fast am Boden lag. Außerdem hatte er, es war im Jahr 1715, die kriegerische Auseinandersetzung von seinem Vater und Vorgänger quasi ererbt; sie brachte ihm Vorpommern ein bis zum Flüsschen Peene einschließlich Stettin - die einzige Beute des "Soldatenkönigs".

Dass er trotz seiner hochgerüsteten, gutausgebildeten und vermutlich auch motivierten Truppe ansonsten jedwede Fehde scheute, lag sicherlich an seiner Abneigung, sich einzumischen in die europäischen Machtspiele. Vielleicht lag es auch an seinem Glauben - für einen frommen Christen wie ihn könnte das Kriegsrisiko durchaus frevelhaftes Glücksspiel auf Kosten seiner Leute gewesen sein; der Spruch "So schnell schießen die Preußen nicht" stammt nicht von ungefähr aus jener Zeit.

Überhaupt war es ihm viel lieber, seinen Jungs einfach zuzuschauen beim Drill - den Krieg nur übend. Immer wenn es ging, arbeitete er in einem Zimmer mit Ausblick auf den Exerzierplatz, er malte seine Soldaten sogar, heimlich. Lustgärten wurden eingeebnet, um daraus Paradeplätze zu machen.

Das Heer war ein politisches Instrument, zugleich jedoch, formuliert Clark, sei es der "institutionelle Ausdruck der Weltanschauung dieses Königs" gewesen: ein geordnetes, hierarchisches, männlich geprägtes System, in dem der Einzelne seine Interessen und seine Identität zurückstellte hinter das Ganze. Die Autorität des Königs - uneingeschränkt anerkannt.

So groß seine Zuneigung schon war, sie erfuhr noch eine Steigerung, wenn es um seine "lieben blauen Kinder" ging, die "Langen Kerls", des "Königs Regiment", seine in Potsdam und Brandenburg stationierte Garde. Die Soldaten - 3481 im Stellenplan des Jahres 1739 - waren wirklich hochgewachsen, jedenfalls im Vergleich zum Chef: im Durchschnitt zwischen 1,88 Meter und 1,95 Meter. Für ihre Rekrutierung in halb Europa warf der notorische Geizkragen das Geld zum Fenster raus. Er zahlte regelrechte Handgelder wie heute im Profisport, je länger der Kerl, desto teurer, 9000 Taler soll die Rekordsumme gewesen sein; sein Lieblingsregiment kostete etwa doppelt so viel wie ein normales Infanterieregiment.

Dieser Truppenteil wurde manchmal aufgestockt in wahrem Tauschhandel. Leichten Herzens trennte sich Friedrich Wilhelm vom "66-Ender", der wohl berühmtesten Rotwildtrophäe der Welt, bekam er doch im Gegenzug vom sächsischen Kurfürsten August ("dem Starken") einige "Lange Kerls"; seitdem hängt das Riesengeweih in Schloss Moritzburg nahe Dresden. Und die Fama geht um, dass ein Baron einen langwierigen Prozess deshalb zu seinen Gunsten entschieden habe, weil er dem Herrscher für dessen "corps der großen Grenadiere" zwei wahre Mannsbilder abstellte.

Im Mittelpunkt des wohl größten Deals dieser Art steht das legendäre "Bernsteinzimmer", das bis 1716 einen Eckraum des Berliner Stadtschlosses zierte. Der russische Zar Peter ("der Große") war begeistert, als er es sah - und bekam es geschenkt, weil sich Friedrich Wilhelm die Gunst des mächtigen Mannes aus Sankt Petersburg sichern wollte. Demontiert und in Kisten verpackt, kam es im Frühjahr 1717 dort an. Postwendend, als Dank für die prompte Bedienung, sandte der Zar dem König 55 Soldaten - alle über zwei Meter groß.

Ob die Favorisierung der "Langen Kerls" nur Spleen war oder Marotte, ist umstritten, ihr Kampfeswert konnte ja nie richtig getestet werden. Für den Historiker und Militärexperten Jürgen Angelow jedenfalls besaßen sie Symbolkraft - als "bildhafter Ausdruck des 'formidablen' Heeres und einer durch und durch soldatischen Staatsräson". Gleichzeitig hätten sie das in Preußen "drastisch veränderte Verhältnis zu absolutistischer Reputation und Herrschaftssymbolik" verkörpert, weg vom Hofstaat und hin zum effektiv gelenkten Militärstaat.

Zeitlebens fürchtete Friedrich Wilhelm, es könnte zu einem Rückfall kommen in den Feudalstaat alter Prägung. Auslöser dieser Sorge war ausgerechnet sein ältester Sohn Friedrich, der Kronprinz. Für den König stand unumstößlich fest, dass der Nachfolger seinen Glauben, seine Gedanken, seine Neigungen und Abneigungen haben müsse, ansonsten würde alles zusammenbrechen, wofür er so hart gearbeitet hatte.

Früh in Friedrichs Leben war indes deutlich, dass er diesen Ansprüchen des Vaters kaum genügen könnte. Er schlief lange, er war gern allein oder saß häufig bei Mutter oder Schwester, um Romane zu lesen. Ständig fiel er vom Pferd, und vor dem Schießen fürchtete er sich. Politische Geschäfte interessierten ihn kaum, lieber spielte er Flöte. Der Vater war als Junge zupackend, neugierig, immer ehrlich und schonungslos offen, Friedrichs Sprache hingegen ironisch, indirekt. "Ich möchte wohl wissen, was in diesem kleinen Kopfe vorgeht", merkte der König einmal an, als der Kronprinz zwölf Jahre alt war. Er sollte es nie erfahren.

Um ihn in seinem Sinne zur Räson zu bringen, unterwarf er Friedrich einem sturen Programm täglicher Aufgaben, und alles auf die Minute genau: Militärparaden, Inspektionsrunden, Ratsversammlungen. Über den 14-Jährigen schrieb der kaiserliche Botschafter Friedrich Heinrich von Seckendorff voller Mitleid, er sehe "bei seinen jungen Jahren so ältlich und so steif" aus, "als ob er schon viele Campagnen getan hätte".

Friedrich Wilhelms Charakter erschwerte das Erziehungsgeschäft, und er wusste darum. "Ja, meine Krankheit kenn ich", sagte er über seinen Jähzorn, der ihn ständig überfiel. "Ich bin ein böser Mensch, und wenn ich einen Tag gut bin, so bin ich doch hernach gleich wieder böse. Aber ich kann nicht anders werden."

Vater und Sohn, das war ein kalter Krieg, ein reiner Nervenkrieg. Und er kulminierte, als sich Friedrich im Jahr 1730 nicht durchsetzen konnte, die englische Prinzessin Amalia zu heiraten; Plan der Mutter, und ursprünglich auch des Königs, war, im Rahmen einer Doppelhochzeit Friedrichs Schwester Wilhelmine mit dem englischen Thronfolger zu vermählen, was aber politisch nicht durchgesetzt werden konnte im Konzert der europäischen Mächte. Preußens Herrscher folgte schließlich dieser Linie.

Die Entscheidung gegen ihn löste bei Friedrich ganz offenbar den ganzen Stau jahrelangen Ärgers und der Frustrationen - er floh vom Königshof, wie er es monatelang schon geplant hatte. Es gab Mitwisser dieser ungeheuerlichen Idee eines Thronprätendenten, einer war der 26 Jahre alte Kürassier-Leutnant Hans Hermann von Katte, intelligent, gebildet, musisch begabt und Friedrichs engster Freund. Beide, berichtete ein Zeitgenosse, seien miteinander umgegangen "wie ein Liebhaber mit seiner Geliebten".

Der Plan flog auf, weil alle Beteiligten des Fluchtkomplotts viel zu unvorsichtig ans Werk gegangen waren. Friedrich wurde in ein Verlies gesperrt, schon um sieben musste die Kerze gelöscht werden, und schließlich hatte er einen langen Katalog schriftlicher Fragen des Generalauditeurs zu beantworten - Nummer 184 lautete: "Ob er sein Leben wolle geschenket haben oder nicht?" Friedrich teilte seinem Vernehmer (und somit auf direktem Weg dem Vater) mit, er werde sich dem Willen und der Gnade des Königs voll und ganz unterwerfen, das klang ziemlich kühl in einer solchen Lage.

Katte kam sofort vor ein Kriegsgericht, das ihn zu lebenslanger Festungshaft verurteilte. Der König verwarf diesen Spruch - und verhängte per Dekret die Todesstrafe. Katte habe desertieren wollen und den Hochverrat des Kronprinzen unterstützt, das schlimmste aller Majestätsverbrechen. Eigentlich verdiene er, mit glühenden Zangen zerrissen und aufgehängt zu werden, aus Rücksicht auf seine Familie aber wolle er gnädig sein und legte die Form der Exekution fest: Tod durch Enthaupten.

Friedrich kämpfte um das Leben des Freundes, bot sein eigenes an, vergebens. Katte täte ihm leid, sagte der Vater, "es wäre aber besser, dass er stürbe, als dass die Justiz aus der Welt käme". Und für den Sohn ordnete er die schwerste Bestrafung an, die nur vorstellbar war: Er müsse vom Fenster seiner Zelle aus der Hinrichtung zuschauen. Sekunden vor dem entscheidenden Hieb fiel Friedrich in Ohnmacht, und so sah er nicht, wie Kattes Kopf "mit einem glücklich gerathenen Streich durch die Hand und Schwert des Scharfrichters ... abgesondert", vermeldete ein Augenzeuge.

Erstaunlich ist, dass dieser brutale Akt das Verhältnis zwischen Vater und Sohn nicht gänzlich zerrüttete, im Gegenteil. Allmählich legte sich der Zorn Friedrich Wilhelms, und beide kamen sich näher, Schritt für Schritt. Der König war längst ein kranker Mann, er litt an Atemnot, an einer Herzerkrankung, an chronischer Gicht, an Wassersucht, - und, was damals noch nicht erkannt werden konnte, vermutlich an Porphyrie, einer Stoffwechselstörung, die durchaus die Psyche beeinflussen kann.

Am 30. Mai 1740 übergab er seinem Sohn die Regierungsgeschäfte, "Staat, Land und Leute, die volle Souveränität". Tags drauf, es war sein Todestag, gab er die letzten Befehle, einer lautete, die Getreidespeicher wieder aufzufüllen, bevor der Winter einbreche - bis zum Schluss dachte Friedrich Wilhelm I. an sein Volk. F

Berliner "Charité"

Es ist wohl das bekannteste Hospital in Deutschland. Acht Medizin-Nobelpreisträger gingen hier quasi in die Lehre, etwa der Bakteriologe Robert Koch. Ursprünglich war es eine Art Quarantänestation für mutmaßliche Pestkranke, Friedrich Wilhelm I. ließ die Gebäude zu einer Klinik mit angeschlossener Ärzteausbildung vergrößern - und gab ihr 1727 den Namen "Charité", weil hier die Patienten kostenlos behandelt wurden.



SPIEGEL SPECIAL Geschichte 3/2007
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