18.12.2007

PUTSCH ODER REVOLUTION HENKER ALS HEILIGE

Prätorianer-Garde der bolschewistischen Herrschaft hatte sie sein sollen, edel, ehrlich und den einfachen Leuten ergeben. Doch die Tscheka wurde zum mörderischen Unterdrückungsinstrument.
Die Große Revolution der Franzosen war Wladimir Iljitsch stets nahe: Mal als gepriesenes Vorbild für die eigene, mal als warnendes Beispiel, als operative Fallstudie oder als Demonstrationsobjekt angewandter Dialektik. Der russische Intellektuelle Lenin kannte alle moralischen Höhen und Abgründe des bürgerlichen Vorstoßes zur Macht, der routinierte Berufsrevolutionär die vielen Schwachpunkte im permanenten Kampf, sie zu behaupten.
Mildernde Umstände kann er deshalb kaum beanspruchen für jenen Beschluss, den er am 20. Dezember 1917 fassen lässt. Keine sechs Wochen nach dem Sturm des Petrograder Winterpalastes glaubt Lenin einer Einsicht in postrevolutionäre Notwendigkeiten zu folgen, als er in Wahrheit beginnt, Freiheit und Sozialismus auseinanderzuhacken: Die revolutionären Minister seiner Regierung, sämtliche "Volkskommissare" bewilligen ihm die geforderte "außerordentliche Kommission zum Kampf gegen Konterrevolution und Sabotage", die - so die russische Abkürzung - Tscheka.
Die Pariser Commune sei zu zart und nachsichtig mit ihren Gegnern verfahren, findet Rechtsanwalt Uljanow: Es gäbe "Momente, wo die Interessen des Proletariats es erforderlich machen, seine Feinde mitleidslos im Nahkampf zu erschießen". Das ist Lenins Version der französischen Revolutionsparole "les aristocrats à la lanterne" - nur, dass es in Russland kaum Laternen, jedoch viele Waffen gibt.
Um den gerade erst beginnenden Umbau gesellschaftlicher Verhältnisse in Russland kurzfristig vor Intervention und Revanche zu schützen, schafft und rechtfertigt Lenin eine Partei-Polizei, die langfristig sämtliche Ideale der Revolution aushöhlt, vernichtet und sich, weit über das Ende des Staatsbolschewismus hinaus, Staat und Gesellschaft selbst als Geiseln nimmt.
An die Spitze dieses neuen Straf- und Verfolgungsorgans wünscht sich Lenin ausdrücklich einen "proletarischen Jakobiner": Er weiß sehr genau, wen er auf diesem Posten sehen will - und warum.
Im April 1906, auf dem sogenannten Vereinigungsparteitag der russischen Sozialdemokraten in Stockholm, war ihm zum ersten Mal ein hagerer Pole mit asketischem Gesicht aufgefallen. Dieser Auslandssekretär der polnisch-litauischen Bruderpartei, Vorstandskollege von Rosa Luxemburg, den die meisten nur unter dem Decknamen Josef Domanski kennen, heißt in Wirklichkeit Felix Edmundowitsch Dserschinski.
Er entstammt einer verarmten, bei Wilna ansässigen Kleinadelsfamilie und genießt trotz seiner damals erst 29 Jahre bereits den Ruf eines linken Robin Hood. Er hat dafür mit Verbannung nach Sibirien bezahlt, auch die meisten berüchtigten Zuchthäuser des zaristischen Russland kennt er von innen - vom gefürchteten X. Pavillon der Warschauer Zitadelle über die Moskauer "Butyrka" bis zum Alexandrowski-Zentralgefängnis bei Irkutsk.
Vor allem aber ist er wie besessen von dem Gedanken, Verräter, Spione und undichte Stellen in den eigenen Reihen aufzuspüren. Nach jeder Verhaftung rekonstruiert er skrupulös alle Umstände und Kontakte, um Informanten der zaristischen Ochrana zu enttarnen und zu eliminieren.
Bereits Ende November 1917 drängt Genosse Dserschinski, der während der Oktoberrevolution als Kommandant des Smolny hervorgetreten war und von dort die Besetzung von Post- und Telegrafenamt organisiert hatte, auf die Gründung einer Kommission zum Kampf gegen die Konterrevolution. Wenige Tage später schreibt Lenin seinem Wunschkandidaten eine wegweisende Notiz, denn der soll auf der Sitzung der Volkskommissare zu diesem Thema referieren.
Als agitiere er einen Neuling im Revolutionsgewerbe, schärft Lenin dem erfahrenen Illegalen mit eiferndem Pathos ein, "die Bourgeoisie" begehe "die schlimmsten Verbrechen". Sie kaufe "den Abschaum der Gesellschaft und verkommene Elemente", setze sie gar "unter Alkohol, um Pogrome hervorzurufen". Höhere Angestellte "sabotieren die Arbeit, organisieren Streiks". Durch "Sabotage im Ernährungswesen" seien "Millionen Menschen von Hunger bedroht": Es sei Zeit für "außerordentliche Maßnahmen".
Damit der oberste Staatsschützer in spe begreift, wie die beabsichtigte Aufhebung "bürgerlicher" Gewaltenteilung den Massen, aber auch den für gewöhnlich heillos zerstrittenen Spitzengenossen schmackhaft gemacht werden muss, diktiert Lenin ihm gleich Versatzstücke eines Dekrets: Dserschinski trägt sie auf der Sitzung zu Punkt 9 der Tagesordnung vor. Widerspruch regt sich nicht. Das Protokoll über den Beschluss offenbart die Topografie des Terrors der nächsten Jahrzehnte:
Überall in Russland soll die "außerordentliche Kommission" nun konterrevolutionäre und Sabotage-Tätigkeit "durchkreuzen und liquidieren". Die bereits in der Geburtsstunde der Tscheka aufgestellte Liste ihrer Methoden lässt Böses ahnen: Beschlagnahme des Eigentums, Ausbürgerung, Verbannung, Fortnahme von Lebensmittel-Karten, Veröffentlichung von Namenslisten der "Volksfeinde" - "und so weiter und so weiter".
Als das Monster auf der Welt ist, sagt Lenin seinen listigen Satz vom "proletarischen Jakobiner", der nun an die Spitze der bolschewistischen Gendarmen gehöre - und blickt demonstrativ und bedeutungsvoll auf Felix Dserschinski. Das reicht in Russland, damals wie heute, für einstimmige Bestätigung im neuen Amt. Wenige Tage später quartiert sich der Tscheka-Chef samt seinem noch kleinen Stab im Petrograder Bürgermeisteramt ein. Den dort residierenden Stadt-Kommissar Kliment Woroschilow, nach Stalins Tod sieben Jahre lang als Präsidiumsvorsitzender des Obersten Sowjet eine Art Frühstücksdirektor der UdSSR, kooptiert er kurzerhand in die Leitung seiner Organisation.
Auch Hausmeister Grigorij "Grischa" Sorokin, schon unterm Zaren im Dienst, wird angeworben - und Dserschinskis persönlicher Kurier. Seine Tochter Nastja sitzt für den polnischen Revolutionswächter am Telefon, ihre beiden Schwestern Manja und Olga versehen gleichfalls Kurierdienste zwischen der Zentrale und ihrer rasch wachsenden Agentenzahl. Die ersten Tschekisten setzen auf familiäre Empfehlungen für ihren konspirativen Club. Und weil Grischa Sorokin das neumodische "Genosse" partout nicht über die Lippen will, bleibt Dserschinski für ihn bis ans Lebensende der "Herr Vorsitzende", gelegentlich auch "Euer Wohlgeboren".
Solange das neue Parteiorgan mit Kader-Rekrutierung und also mit sich selbst beschäftigt ist, bleibt die Verfolgung von Gegnern noch für kurze Zeit moderat. Beim ersten Schauprozess vor dem Petrograder Revolutionstribunal gegen Gräfin Sofia Panina, Vize-Volksbildungsministerin der verjagten Kerenski-Regierung, halten zwei Soldaten und fünf Arbeiter vergleichbar milde Klassenjustiz: Obwohl der Vorstandsdame der Kadetten-Partei, als "volksfeindliche" Organisation bereits am 28. November 1917 per Lenin-Dekret verboten, Veruntreuung von Geldern für Rentner und Waisen vorgeworfen wird, erhält sie nur einen öffentlichen Tadel. Nach Rückzahlung des Fehlbetrags wird sie aus der Haft entlassen und kann später über Prag in die USA emigrieren.
Zwei Monate später, im Februar 1918, tötet Dserschinskis Tscheka ihren ersten Adligen. Freilich: Dessen Titel ist so falsch wie sein Vorstrafenregister lang und echt ist. Der 23-jährige Schriftsteller Isaak Babel, der sich später gelegentlich als Übersetzer der Geheimpolizei ein Zubrot verdient, findet im Petrograder Leichenschauhaus einen "schlanken mageren Körper, ein leicht grinsendes, freches, schreckliches Gesicht", darauf einen Zettel mit der Aufschrift "Fürst Konstantin Eboli de Tricolli".
Auf dem nächsten Tisch liegt des falschen Fürsten Freundin Franziska Britti, ebenfalls von Tschekisten liquidiert. Babel, der bald darauf in den Reihen der Reiterarmee des roten Bürgerkrieg-Generals Semjon Budjonny Schlimmeres sehen wird, empfindet Sympathie mit der Ermordeten: "Selbst im Tode noch wirkte sie schön und frech. Sie weinte, sie lachte verächtlich ihre Mörder aus."
Die Beseitigung des räuberischen Hochstaplers Eboli alias Makowski alias Dalmatow und seiner Gefährtin begründet einen Mythos der sowjetisch-russischen geheimen Staatspolizei, der sich über 13 Umbenennungen der funebren Firma zwischen 1917 und 1995 hinweg als höchst massenwirksam erwiesen hat: Die Verharmlosung als eine Art besonders effektive Kripo. Eine anständige Behörde, die verlässlich Mord und Totschlag aufklärt - mit dem im obrigkeitshörigen Russland bis heute nicht seltenen und gern geförderten Umkehrschluss, dass jemand todsicher ein Verbrecher sein müsse, wenn sich denn schon die unbestechlichen Tschekisten mit ihm beschäftigen.
Diese Legende veredelt Felix Dserschinski noch mit seiner berühmten Eignungsbeschreibung, wonach loyale Mitarbeiter unbedingt ein "heißes Herz, einen kühlen Verstand und saubere Hände" zu haben hätten.
Am ehesten genügt diesem hohen Anspruch noch der Chef selbst: Uneitel, persönlich bescheiden und von fast religiöser Opferbereitschaft gegenüber der Partei ist er ein Tugendterrorist der historischen Spitzenklasse. Und provoziert als "eiserner Felix" rasch den mit Verehrung durchmischten Spott seiner bald schon mehrheitlich aus Karrieristen bestehenden Gefolgschaft.
Boris Baschanow, Sekretär Stalins und des Politbüros, der sich in den dreißiger Jahren vor den Nachfolgern Dserschinskis über Persien, Indien und England nach Paris absetzt, hat den Tscheka-Gründer vielleicht am treffendsten beschrieben: "Er hatte das Äußere Don Quijotes und eine Art zu sprechen, die voller ideeller Überzeugung war. Besonders in Erstaunen versetzt hat mich seine alte, an den Ellenbogen geflickte Feldbluse. Es war vollkommen klar, dass dieser Mann niemals seine dienstliche Stellung missbrauchen würde, um sich persönliche Vorteile für ein angenehmeres Leben zu verschaffen."
Doch der Fall Eboli/Britti offenbart noch etwas anderes, weit Wichtigeres: Dserschinskis Truppe ist inzwischen Fahndungs-, Anklage- und Strafvollzugsorgan zugleich. Und wird deshalb für die nächsten Jahrzehnte tausendfach Schlagetot-Typen anziehen, denen saubere Hände nicht annähernd so wichtig sind wie die deutsche Mauser-Pistole darin. Und dienstlich anbefohlene Genickschuss-Exekutionen, für die man obendrein belobigt werden und als Schwert- und Schildträger der Partei sogar militärische Ehren erlangen kann.
Ein am 21. Februar 1918 erlassenes Dekret mit der düsteren Bezeichnung "Das sozialistische Vaterland in Gefahr" enthält in Paragraf acht die erste Tscheka-Lizenz zum Töten: "Feindliche Agenten, Spekulanten, Plünderer, Rowdys, konterrevolutionäre Agitatoren, deutsche Spione" sind nunmehr sofort "am Ort des Verbrechens zu erschießen."
Dserschinskis Stellvertreter Jakow Peters, aus Lettland gebürtig und eine der zwielichtigsten Figuren des jungen Dienstes, engagiert sich in vorderster Reihe für das Mord-Privileg und plädiert darüber hinaus für die Aufhebung jeglicher innerparteilicher Kontrolle über die Tscheka. Begründung: Das "Banditentum" entwickele sich in "beängstigendem Tempo" und habe "mehr als bedrohliche Ausmaße angenommen": Zudem würden 70 Prozent der gravierenden Straftaten "von intelligenten Leuten begangen, in ihrer Mehrheit ehemalige Offiziere".
Der Sohn armer Leute ist vom Fach: Während seines Londoner Exils vor dem Ersten Weltkrieg war er unter schweren Verdacht geraten, während eines bewaffneten Raubüberfalls drei Polizisten ermordet zu haben. Da ihm das aber nicht zu beweisen war und der damalige britische Innenminister Winston Churchill nicht nach dem Peters-Prinzip "Rache vor Recht" handelte, war dem Sowjetsystem ein erstklassiger Spezialist für Täuschungsmanöver, Misshandlungen und Mord vorerst erhalten geblieben.
Nicht sehr lange freilich: Am 25. April 1938 wird der Folter-Fachmann, zuletzt Chef der Kreml-Wache, selbst verurteilt und noch am selben Tag im Keller seiner ehemaligen Dienststelle erschossen. Er wurde 1956 rehabilitiert und figuriert heute in den Führer-Annalen des FSB, der nicht minder heldenhaften Tscheka unserer Zeit, 22 Plätze vor Putin, Wladimir Wladimirowitsch.
Inzwischen ist, seit März 1918, Dserschinskis Agentur mit der gesamten Regierung in die alte Hauptstadt Moskau umgezogen. Am Lubjankaplatz requiriert sie das Gebäude der Versicherungsgesellschaft "Rossija" und macht es zu ihrem Hauptquartier. Dort befindet es sich auch 1957 noch, als gegenüber das Kaufhaus "Welt des Kindes" eröffnet wird. Von da an heißt der verhasste Komplex mit eigenem Gefängnis und Folterkellern im Moskauer Volksmund "Welt der Erwachsenen".
Auch in Moskau widmet sich Peters weiter seiner Spezialität - der Intrige und dem Doppelspiel. Er ködert potentielle Opfer, lockt sie auf geheimdienstliche Abwege und brüstet sich anschließend mit den Fahndungserfolgen: Wie bei der sogenannten Gesandten-Verschwörung, einem angeblichen Umsturzkomplott "anglo-französischer Diplomaten". Galionsfigur der Affäre ist der britische Sonderbeauftragte Robert Bruce Lockhart, der im Auftrag der Londoner Regierung vergebens die deutsch-russischen Verhandlungen auch nach dem Frieden von Brest-Litowsk zu stören und Moskau möglichst im Krieg zu halten sucht.
In ihren triumpierenden Erfolgsmeldungen vergessen Dserschinski und Peters freilich zu erwähnen, dass sämtliche Staatsstreich-Pläne von der Tscheka stammen. Agents provocateurs haben sie den politisch unbedarften Diplomaten schmackhaft gemacht, die sich schon als Korrektoren der Weltgeschichte fühlen und mit Bestechungssummen für angeblich putschbereite Offiziere um sich werfen. Der geheimnisumwitterte Abenteurer-Kundschafter Sidney Reilly ("Ace of spies") träumt sogar davon, Lenin und Trotzki als Secret-Service-Marionetten ohne Hosen durch Moskaus Straßen führen zu lassen.
Für die Entlarvung der Amateure ergibt sich ein idealer Zeitpunkt. Am 30. August 1918 erschießt erst der Jung-Dichter Leonid Kanegisser, 20, den Petrograder Tscheka-Chef Moissej Urizki, einen sadistischen Alkoholiker. Wenige Stunden später legt die Anarchistin Fanni Kaplan, 28, in Moskau auf das bolschewistische Oberhaupt Lenin an. Der hatte gerade in der Handgranaten-Halle der Waffenfabrik Michelson gesprochen und seine Rede mit einem pathetischen "Sieg oder Tod" geendet: Von Kaplans Revolverkugeln traf eine die Lunge, die andere verfehlte knapp die Halsschlagader.
Doch so sehr sich Tscheka-Vize Peters auch müht, zwischen dem Attentat auf Lenin und dem selbstgestrickten Diplomaten-Komplott einen Zusammenhang zu konstruieren, so heftig sich die Partei-Presse die "anglo-französischen Banditen" vor ein Revolutionstribunal wünscht - der Nachweis hochverräterischer Kooperation ist nicht zu führen. Gegenüber dem kurzzeitig in der Lubjanka inhaftierten Lockhart jammert Peters, jedes Todesurteil bereite ihm körperliche Schmerzen. Am Ende darf der britische Laien-Konterrevoluzzer mit dem Segen des allmählich wiederhergestellten Lenin ausreisen und dabei sogar einen Liebesbrief für Peters' britische Nebenfrau mitnehmen.
Die hysterische öffentliche Projektion eines Zusammenhangs zwischen Attentaten und angeblichen Umsturzplänen der ehemals alliierten Regierungen hat den Tschekisten freilich etwas weit Wichtigeres beschert als einen Schauprozess: die lang ersehnte Initialzündung für den "roten Terror".
Nun endlich ist der Vorwand da, landesweit Vermögen zu konfiszieren, Lager einzurichten, massenhaft Geiseln zu nehmen und zu erschießen. Innenminister Grigorij Petrowski (der später, nur milde degradiert, Vizeleiter des Revolutionsmuseums wird und es nach einem natürlichen Tod postum bis zum Ehrengrab an der Kremlmauer schafft) ist mit fremden Leben freigebiger: Rechte Sozialrevolutionäre, Wohlhabende, Offiziere, überhaupt Andersdenkende, lautet sein Terror-Befehl, sind in großer Anzahl gefangen zu nehmen und "bei der geringsten Bewegung weißgardistischer Truppen sofort zu erschießen".
Prahlerisch schicken regionale Tscheka-Kommandeure lange Listen Inhaftierter und Ermordeter an die Zentrale. Dserschinski möchte geliebt und verstanden werden. Er will nicht im Verborgenen wirken, fühlt sich nicht als Bluthund, betrachtet seine Mission nicht als Drecksarbeit. Drei Monate lang lässt er zur Volksbildung eine eigene Zeitschrift herausgeben, die am Ende sogar "Roter Terror" heißt und in der viele Untaten stolz ausgebreitet werden.
Allerdings überdecken schon bald Angst und bolschewistische Geheimhaltungsmanie solch frühe Offenheit. Die amerikanische Anarchistin Emma Goldman bemerkt die hochgradige Vergiftung der Gesellschaft bereits 1920, als sie sich darüber wundert, dass nirgendwo jemand vor Erschöpfung Zusammengebrochenen aufhilft. Derlei unmenschliches Verhalten, klären sie russische Freunde auf, sei Folge eines von der Tscheka zielstrebig erzeugten Klimas von "Misstrauen, Argwohn und Verdacht".
Viele Tscheka-Maßnahmen treffen gerade die Arbeiterschaft empfindlich: Ob ihre nicht linientreuen Vertrauensleute in erste Konzentrationslager verschleppt, ob Märkte geschlossen oder beliebte Geschäftsleute verhaftet werden - immer muss die bolschewistische Keulenriege anschließend dafür sorgen, dass darüber geschwiegen wird und kein öffentlicher Protest aufkommt.
Ruhe an der inneren Front, Disziplinierung des jahrelang von Krieg, Elend, Revolution und Gegenrevolution gequälten einfachen Volks und Ausschaltung aller Konkurrenten beim Kampf um die Macht - das sind jetzt die drei Hauptaufgaben der Tscheka. Und fast immer heiligt dabei der Zweck alle Mittel.
Der russische Exil-Historiker Sergej Melgunow hat Anfang der zwanziger Jahre akribisch Staatsverbrechen während der Terror-Phase aufgelistet - vom Verbrennen bis zum Abziehen der Haut bei lebendigem Leibe. In der Sowjetunion wurde sein in Berlin erschienenes Buch damals als weißgardistische Greuel-Propaganda abgetan. Doch auch Boris Sokolow, der heute im postkommunistischen Russland das Sowjetsystem erforscht, kommt für die nachrevolutionäre Phase zum Schluss, dass "Dserschinski die Augen davor verschloss, welche Brutalitäten sich die Tschekisten vor Ort zuschulden kommen ließen, wo immer mehr Leute mit eindeutig sadistischen Neigungen zur Tscheka stießen".
Seit Tschekist Putin in Russland zum Staatschef aufgestiegen ist, werden professionelle Weißwäscher der sowjetischen "Spezialdienste", wie der Anfang 1922 als GPU (Staatliche Politische Verwaltung) genannte Unterdrückungsapparat seitdem verharmlosend heißt, nicht müde, gerade die Tscheka-Zeit zu idealisieren. Dserschinski und Gehilfen werden immer häufiger als kommunistische Gralsritter dargestellt, die selbstlos den sozialistischen Aufbau geschützt und auch später den Ausbau des gigantischen Straf- und Lagersystems verhindert hätten - wären sie nicht leider vorher selbst zu Opfern geworden.
Das ist viele Werst an der historischen Wahrheit vorbei. Die Tscheka mordete barbarisch - und nicht nur die Zarenfamilie Mitte Juli 1918 in Jekaterinburg. Sie mordete wahllos, völlig unabhängig von Schuld - oft nach Bürger- oder Telefonlisten. Und sie mordete so massenhaft, dass nur NKWD-Chef Nikolai Jeschow in den schlimmsten Säuberungsjahren 1937/1938 den Gründervater einzuholen vermochte.
Allein die bei der Weißen Armee des Generals Denikin eingerichtete Untersuchungskommission bolschewistischer Verbrechen lastete Dserschinski und seiner roten Terror-Kampagne nur für die Jahre 1918/19 insgesamt 1 766 118 Todesopfer an: darunter über 800 000 Bauern, fast 200 000 Arbeiter, mehr als 350 000 Vertreter der Intelligenz, 260 000 Soldaten, knapp 13 000 Grundbesitzer und fast 50 000 Polizisten und Polizeispitzel.
Es war die Arbeit, so Baschanow einmal über die Tscheka-Führungsclique, "einer Bande finsterer Schurken, von denen die Figur Dserschinski den Blick der Öffentlichkeit fernhielt". Felix Edmundowitsch war ein rastloser Arbeiter, selbstlos und ein großer Kinderfreund. Zweieinhalb Jahre lang saß er sogar einer Hilfskommission für Waisenkinder vor, von deren Eltern er zuvor viele hatte liquidieren lassen. Soweit bislang nachweisbar, trugen rund zehntausend Mordbefehle seine persönliche Unterschrift.
Dserschinski war ein Mann Stalins. Bis heute erzählen sich alte KGB-Kameraden immer wieder die - historisch nicht belegbare - Geschichte, wonach Stalin den obersten Tschekisten Anfang der zwanziger Jahre um eine Aufstellung der in Moskau unter dem Verdacht konterrevolutionärer Tätigkeit Einsitzenden bat. 200 Namen kamen zusammen. Nach einiger Zeit erhielt Dserschinski die Liste zurück. Stalin hatte sie mit einem blauen Kreuz versehen. Alle Verdächtigen wurden in den nächsten Tagen erschossen. Erst danach habe Dserschinski von engen Mitarbeitern Stalins erfahren, dass dieser so Dokumente zu kennzeichnen pflegte, die er gelesen hatte.
Bis zum letzten Atemzug im Dienst, starb Felix Dserschinski, der Generalbevollmächtigte für politischen Mord, 1926 während einer Sitzung des bolschewistischen Zentralkomitees. F

Arsamas (Gouvernement Nischni-Nowgorod)
Die Tscheka von Arsamas untersteht der Zentralen Front-Kommission. Sie hat 40 Mitglieder und weitere 40 Mitarbeiter in entsprechenden Einheiten. Ihr energischer Einsatz verläuft äußerst erfolgreich. Seit September wurden 38 eindeutige Weißgardisten, Polizisten und Gendarmen erschossen. Für Spekulationen wurden 144 Personen bestraft. Wegen feindlicher Agitation und Amtsverbrechen sind 303 Personen verhaftet worden. In Konzentrationslager wurden 8 Personen eingeliefert.
Aus der Tscheka-Zeitschrift "Krasny Terror" (Roter Terror) am 1. November 1918.

"Dserschinski nimmt die Sünde von Massenmord und Massenfolter auf sich, die er im Namen des künftigen Himmlischen Reichs auf Erden veranstaltet. In der sowjetischen Ikonografie wird der Gekreuzigte durch den Heiligen Henker ersetzt."
ANDREJ SINJAWSKI, "Der Traum vom neuen Menschen oder Die Sowjetzivilisation".

Hass auf die Kirche
Der Kampf gegen die Religion war ein zentraler Punkt für die Bolschewiki, die Tscheka-Gefängnisse waren voller Popen. 1922 befahl Lenin per Dekret, sämtliche Wertgegenstände aus den Kirchen zu holen. Mancherorts griffen Popen und Gläubige zu den Waffen, um ihre Kirchen zu verteidigen. Ein Geheimbefehl Lenins ordnete daraufhin an, den Widerstand "mit solcher Brutalität" zu brechen, "dass sie es auf Jahrzehnte hinaus nicht vergessen werden". Allein im Jahr 1922 wurden Tausende Popen erschossen.

Von Mettke, Jörg R.

SPIEGEL SPECIAL Geschichte 4/2007
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