18.12.2007

DIE DEUTSCHEN UND DIE REVOLUTIONLENIN UND DER KAISER

Die beiden ideologischen Todfeinde verband seit 1914 ein gemeinsames Interesse - das Ende des Weltkriegs im Osten. Bislang unbekannte Dokumente belegen nun das Ausmaß der geheimen Kooperation: Jahrelang unterstützte das Kaiserreich die Bolschewiki mit Geld, Waffen und Logistik.
Das wohl am besten gehütete Geheimnis des Ersten Weltkriegs endet am 4. November 1918 mit einer Farce. Auf Anweisung von ganz oben schmuggeln Berliner Polizisten revolutionäre Flugblätter in eine Kiste des sowjetischen Diplomatengepäcks. Als ein Kurier im Bahnhof Friedrichstraße die Utensilien mit dem Lift befördern will, zerbricht das manipulierte Behältnis. Eine Flut von Propagandamaterial mit Überschriften wie "Schlagt die Junker tot!" ergießt sich auf den Bahnsteig.
Unverzüglich protestiert Moskaus Botschafter Adolf Abramowitsch Joffe im Auswärtigen Amt gegen die inszenierte Provokation. Vergebens - kühl eröffnet ihm der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, wie der deutsche Außenminister damals genannt wird, dass Joffe und seine Mitarbeiter Deutschland spätestens am nächsten Abend verlassen müssen. Die Sowjets trifft das "wie ein Blitz aus heiterem Himmel", so ein Mitarbeiter.
Zwei Tage nach dem Zwischenfall wird die Residenz "Unter den Linden" der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR), dem Vorläufer der Sowjetunion, geschlossen.
Die Weltöffentlichkeit überraschte der Abbruch der diplomatischen Beziehungen wenig. Seit der Oktoberrevolution im Vorjahr regierte in Russland Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin. Und der radikale Parteiführer der Bolschewiki ließ keinen Zweifel daran, dass er die Weltrevolution anstrebte und dafür Kaiser Wilhelm II. vom Thron zu stoßen gedachte.
Insgeheim freilich - und das wusste nur eine Handvoll Eingeweihter - endete mit dem Abbruch der Beziehungen auch das wohl eigenartigste politische Zweckbündnis des 20. Jahrhunderts: zwischen den russischen Revolutionären um Lenin und den deutschen Imperialisten um Wilhelm aus dem Hause Hohenzollern.
Es war die Komplizenschaft ideologischer Todfeinde, betrieben voller Hinterlist und intriganter Raffinesse. Mit Folgen von welthistorischer Bedeutung: Ohne die Hilfe Wilhelms II. für Lenin hätte es die Oktoberrevolution vor nunmehr 90 Jahren so nicht gegeben. Mehr noch: Ohne deutsche Unterstützung hätten Lenins Bolschewiki das erste Jahr an der Macht wohl kaum überstanden.
Vermutlich wäre keine Sowjetunion entstanden, den Aufstieg des Kommunismus hätte es dann nicht gegeben, keine Millionen Gulag-Tote.
Zusammengehalten wurde die unheilige deutschrussische Allianz von gemeinsamen Gegnern, gemäß der uralten Devise der Realpolitik, dass der Feind meines Feindes mein Freund ist. Eine bequeme Logik, die meist eigene Versäumnisse verschleiern soll, so auch im Ersten Weltkrieg: Hätten die Deutschen ihre größenwahnsinnigen Kriegsziele im Osten revidiert, wären Lenins Dienste nicht nötig gewesen.
So aber konspirierte das Reich mit dem Anführer der Bolschewiki gegen Zar Nikolai II., Bündnispartner Frankreichs und Großbritanniens. Schließlich stand der Romanow einem deutschen Siegfrieden ebenso entgegen wie einer Machtübernahme Lenins.
Vier Jahre lang unterstützte Berlin die Bolschewiki und andere Revolutionäre in Russland mit Mark, Munition, Waffen und trug damit zum Ende der Zarenmonarchie bei. Mindestens 26 Millionen Mark, nach heutigem Wert rund 75 Millionen Euro, hat allein das Auswärtige Amt bis Ende 1917 dafür ausgegeben.
Als Zar Nikolai in der Februarrevolution 1917 schließlich stürzte und Lenin im Exil in der Schweiz festsaß, ermöglichten ihm die kaiserlichen Behörden mitten im Weltkrieg die Rückkehr in seine Heimat. "Lenin Eintritt in Russland geglückt. Er arbeitet völlig nach Wunsch", drahtete am 17. April 1917 der Leiter des deutschen Nachrichtendienstes in Stockholm an den Generalstab in Berlin. Denn nun ging es gegen die inzwischen amtierende Provisorische Regierung in Petrograd.
Ein halbes Jahr später eroberte Lenin in der Oktoberrevolution die Macht, auch mit deutscher Hilfe. Bald darauf schloss der neugegründete Sowjetstaat mit dem Reich einen Frieden, der den Deutschen einen gigantischen Einflussbereich in Osteuropa einbrachte. Mission erfüllt - erst einmal jedenfalls.
Wilhelm träumte sogar von einer "Art Bündnis- oder Freundschaftsverhältnis" - gemeinsam gegen den Westen, wie 20 Jahre später Hitler und Stalin.
Dass sie einander eigentlich an den Galgen wünschten, vergaßen die beiden Verbündeten trotz aller Absprachen nie. Paradoxe Folgen: Der vom Kaiser gesponserte Lenin half deutschen Genossen bei der Vorbereitung einer eigenen Revolution gegen die Monarchie. Und Wilhelm II. wiederum unterstützte im russischen Bürgerkrieg nicht nur die Bolschewiki, sondern auch deren Gegner.
Heute ist das welthistorische Bündnis zwischen Sichel und Krone fast vollständig vergessen, obwohl schon vor Jahrzehnten hervorragende Studien zu dem Thema erschienen sind. Allerdings gibt es noch immer offene Fragen, insbesondere zum Ausmaß der deutschen Unterstützung für die Bolschewiki. Denn im Auswärtigen Amt wurden Quittungen für erfolgte Auszahlungen nach der Rechnungsprüfung vernichtet. Vieles lässt sich nur auf dem Indizienwege belegen, und dafür muss an ungewöhnlichen Orten gesucht werden.
Der SPIEGEL hat das getan und ist bei Recherchen in mehr als einem Dutzend Archiven in ganz Europa auf bislang unbekanntes oder nicht ausgewertetes Material gestoßen: Analysen und Papiere der Sicherheitsbehörden Schwedens, der Schweiz und Großbritanniens, Unterlagen der preußischen Polizei, Vermerke im Archiv des Auswärtigen Amtes und in russischen Archiven.
Die dabei gefundenen Details ermöglichen es, jene Schattenwelt weiter auszuleuchten, in die sich die Diplomaten des Kaiserreichs begaben, als sie auf die Revolutionierung Russlands setzten.
Alles begann mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Sommer 1914. Obwohl Kaiser Wilhelm II. und Zar Nikolai II. Cousins waren, gehörten ihre Reiche unterschiedlichen Blöcken an: auf der einen Seite die Mittelmächte Österreich-Ungarn und das Deutsche Reich, auf der anderen die Entente aus französischer Republik, konstitutioneller britischer Monarchie und Russlands Autokratie - ein seltsames Bündnis, das nur die Sorge vor einer deutschen Hegemonie in Europa zusammenhielt.
Schon bald wurde deutlich, dass der Waffengang sich von allen bisherigen unterscheiden würde. Millionenheere prallten aufeinander, erstmals setzten die Generäle die ganze Wucht der industriellen Dynamik zum Töten von Menschen ein. Damit fiel die klassische Trennung zwischen Front und Heimat. Kein Wunder, dass die Strategen den Feind nicht nur in den Schützengräben zu besiegen suchten, sondern auch von innen heraus schwächen wollten. Die Anwendung "jedes Mittels, das geeignet ist, den Feind zu schädigen" sei Pflicht, notierte der Chef des deutschen Generalstabs Helmuth von Moltke.
Das Reichsschatzamt, so nannte sich damals das Finanzministerium, stellte daher Hunderte von Millionen Mark zur Verfügung, um Marokkaner, Inder und andere Völker der Kolonialreiche gegen Paris und London aufzuwiegeln, die ihrerseits im Habsburger und im Osmanischen Reich Unruhe stifteten.
Auch das rückständige Zarenreich bot Ansatzpunkte für eine "Zersetzung des Feindlandes von innen" (Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg). Immer wieder hatten vor dem Krieg Hungersnöte die Bauern zu Revolten getrieben. In den russischen Städten lebten die Menschen unter erbärmlichen Bedingungen; die Einführung der 79-Stunden-Woche galt als Fortschritt. Schon 1905 hatte es deshalb eine Revolution gegeben, die der Zar blutig niederschlagen ließ.
Unter den über 100 Nationalitäten und ethnischen Gruppen des zaristischen Vielvölkerreichs gärte es weiter. Polen, Ukrainer, Esten, Finnen und andere Minderheiten träumten von eigenen Staaten, was den Deutschen nur recht war. Wilhelm II. verfolgte die sogenannte Orangenschalen-Strategie: Wie die Schale der Südfrucht vom Fruchtfleisch sollten die nichtrussischen Randgebiete von Kernrussland getrennt werden. Die dann neuentstehenden Staaten wollte der Kaiser unter deutsche Kuratel stellen - ein Schritt auf dem Weg zur Weltmacht.
So ging ein Geldsegen auf die zahlreichen Polit-Abenteurer nieder, die sich nach Kriegsausbruch bei deutschen Stellen meldeten. Vermeintliche und tatsächliche Zarengegner prahlten damit, sie könnten Meutereien auf der russischen Schwarzmeerflotte anstiften, Aufstände etwa in der Ukraine lostreten oder soziale Unruhen schüren.
Es war ein lukratives Geschäft auch für mögliche Aufschneider. Für eine "allgemeine Revolution gegen Russland" zahlte das Auswärtige Amt im September 1914 an zwei Männer von angeblich "großem Einfluss" 50 000 Mark in Gold. Weitere 2 Millionen in bar sollten bei Eintreten des Aufstandes folgen - bis heute weiß niemand, wer die Gelder empfing. Später stiegen die Prämien sogar noch; da boten deutsche Diplomaten und Geheimdienstler Millionen für eine Rebellion allein in einem einzigen Gouvernement des Zarenreiches.
Denn es war eng geworden für Wilhelm II. und seine Leute: Die Generäle Seiner Majestät waren von einem Blitzsieg im Westen ausgegangen, der ihnen den Zweifrontenkrieg ersparen sollte. Als der Triumph gegen Frankreich ausblieb, versuchten der Kaiser und seine Minister den Zaren mit Unruhen gefügig zu machen; ein Sturz der Monarchie stand zunächst allerdings nicht auf dem Programm.
So ergab es sich auch eher zufällig, dass die deutschen Revolutionsstrategen im Herbst 1914 auf den Berufsrevolutionär (und Rechtsanwalt) Lenin aufmerksam wurden. Der kleingewachsene Mann mit dem rötlichen Haarkranz hatte seit der Jahrhundertwende überwiegend im westlichen Exil gelebt; bei Kriegsbeginn war er aus Österreich in die neutrale Schweiz nach Bern übergesiedelt.
Lenin, ein belesener und scharfzüngiger Marxist, stand damals an der Spitze einer linksradikalen Splittergruppe, die sich - ihrer tatsächlichen Größe zum Trotz - Bolschewiki (Mehrheitler) nannte.
Im russischen Parlament verfügten diese über gerade einmal eine Handvoll Abgeordnete, was Lenin allerdings nicht störte. Er wollte nicht durch Wahlen, sondern durch eine Revolution an die Macht gelangen.
Dass er diesem Ziel alles unterordnete, machte ihn für die Deutschen attraktiv. Vor allem aber hatte sich Lenin im Gegensatz zu vielen anderen Sozialisten nicht vom nationalen Taumel anstecken lassen, der im Sommer 1914 überall die Menschen erfasste. Er trommelte vielmehr für die Niederlage des Romanow-Zaren. Nach einem Sturz Nikolais II. würde die Weltrevolution (und drunter wollte er es nicht machen) gleichsam automatisch in Gang gesetzt.
Der Hinweis auf Lenin kam von Alexander Kesküla, einem ehemaligen Bolschewiken aus Estland und einer der vielen Gestalten in der Grauzone zwischen revolutionären Russen und den Deutschen. Kesküla bot sich der deutschen Gesandtschaft in Bern als Propagandist für die Sache des Kaisers an. Er hoffte, die Deutschen würden sich für einen Anschluss des russisch beherrschten Estland an Schweden einsetzen.
Kesküla schwankte allerdings in seinem Urteil über Lenin, wie nun Recherchen des SPIEGEL ergeben. Mal beklagte er, Lenin tue zu wenig für die Revolution im Zarenreich. Dann wieder trommelte er dafür, "der Leninschen Richtung in Russland unverzüglich beizuspringen" und schwärmte den deutschen Diplomaten vor, der Bolschewik genieße bei den Revolutionären in Petrograd und Moskau "das größte Ansehen". Er sei "gewissenlos" und verfüge über "brutalste und rücksichtsloseste Energie".
Später, als Kesküla begriffen hatte, dass die Deutschen eigene Interessen im Baltikum verfolgten, wechselte er auf die Seite der Entente und warnte diese vor Lenin - mit den gleichen Argumenten, wie aus bislang unbekannten britischen Akten hervorgeht.
Für seine Dienste erhielt Kesküla insgesamt 250 000 Mark, nur ein kleiner Teil davon landete nachweislich bei den Bolschewiki.
Dass Berlin Kesküla nicht in großem Stile einsetzte, um Lenin zu unterstützten, hatte einen einfachen Grund, wie deutsche Dokumente zeigen. Kesküla war trotz seiner bolschewistischen Vergangenheit ein theoretischer Kopf. Für die Logistik der Revolution brauchten die Deutschen hingegen Experten anderen Kalibers. Und im Januar 1915 stellte sich ihnen ein solcher zur Verfügung: Alexander Helphand, einer der bedeutendsten politischen Abenteurer des 20. Jahrhunderts.
Der Mann mit dem mächtigen Kopf und der "Statur eines Michelangelo-Sklaven mit etwas zu kurzen Beinen" (Biograf Winfried Scharlau) lebte bei Kriegsbeginn als wohlhabender Geschäftsmann in Konstantinopel, offenbar reich geworden durch die Hilfe, die er dem maroden Osmanischen Reich bei der Kriegsvorbereitung geleistet hatte. Der Sultan war im November 1914 an der Seite der Mittelmächte in den Krieg eingetreten.
Helphands Vergangenheit sprach für die revolutionären Qualitäten des Salonsozialisten. Schon als Jugendlicher hatte sich der 1867 bei Minsk geborene Jude dem Sturz des Zaren verschrieben, weil dessen Regime Menschen mosaischen Glaubens unterdrückte. Zum Marxismus fand Helphand in der Schweiz, wo er wie viele andere oppositionelle Russen seiner Generation studierte. 1891 siedelte er nach Deutschland über und schloss sich der SPD an, die damals weltweit von Sozialisten für ihre politischen Erfolge bewundert wurde - Lingua franca unter Revolutionären vieler Länder war Deutsch.
Schnell erregte Helphand Aufmerksamkeit mit radikalen und wortgewaltigen Artikeln, die ihm den Ruf einbrachten, er könne ein zweiter Marx werden. In ironischer Anspielung auf seine beträchtliche Leibesfülle wurde er Parvus ("der Kleine") gerufen.
Die politisch motivierten Nachstellungen der deutschen Polizei zwangen Helphand bald zu einem Vagabundenleben; aus mehreren Bundesstaaten wurde er ausgewiesen, wie auch bislang unbekannte Akten der preußischen Polizei im Berliner Landesarchiv belegen.
In München traf er Anfang des Jahrhunderts das erste Mal den drei Jahre jüngeren Lenin; dieser lernte in Helphands Wohnung Rosa Luxemburg kennen, eine Studienfreundin Helphands. In der Wohnung stand zeitweise auch die Druckerpresse für die Parteizeitung, die Lenin herausgab.
Allerdings blieb dessen Vision einer straff organisierten Kaderpartei aus Berufsrevolutionären, die allein über die ideologische Deutungshoheit verfügen sollten, Helphand zeitlebens fremd. Er tat sich lieber mit Leo Bronstein, Kampfname Trotzki, zusammen, dem genialen Organisator und späteren Vater des Sieges der Bolschewiki im russischen Bürgerkrieg. Trotzki lernte von Helphand, dass die Machteroberung des Proletariats kein "astronomisches Endziel", sondern "eine praktische Aufgabe unserer Zeit" sei.
Als 1905 in Russland die Revolution ausbrach, eilten beide in die alte Heimat; Trotzki setzte sich an die Spitze des Petersburger Sowjets, Helphand übernahm einen Teil der Presse. Er wollte "dem revolutionären Proletariat in Russland Bahn brechen, um die revolutionäre Energie des Proletariats im Westen zu stärken". Damals gab es im ganzen riesengroßen Russland allerdings nur gut zwei Millionen Industriearbeiter.
Ein Foto zeigt Helphand und Trotzki im Gefängnis der Peter-und-Paul-Festung in St. Petersburg, wo sie nach der Niederschlagung des Aufstandes einsaßen. Helphand wurde anschließend nach Sibirien verbannt, konnte jedoch fliehen und tauchte im Winter 1906/07 wieder in Deutschland auf.
In der SPD hatte Helphand nie viele Freunde. Die deutschen Genossen störten sich an seinen radikalen Ansichten, seiner Schwäche für Frauen und seiner Rücksichtslosigkeit gegenüber den eigenen Kindern, denen er die Alimente vorenthielt. Als er sich auch noch einem Parteiverfahren stellen musste, weil der Schriftsteller Maxim Gorki ihm vorwarf, Tantiemen unterschlagen zu haben, verließ Helphand das Reich und ging nach Konstantinopel. Dort wolle er wohl "die Polygamie an bester Quelle studieren", spotteten die Genossen.
Helphands Hass auf das Zarenreich muss während der Jahre am Bosporus übermächtig geworden sein, denn obwohl er in Deutschland weiterhin Persona non grata war, stand er bei Kriegsbeginn 1914 auf Seiten der Mittelmächte. Dem deutschen Botschafter in Konstantinopel schlug Helphand ein Zweckbündnis vor: "Die Interessen der deutschen Regierung sind mit denen der russischen Revolutionäre identisch." Der Diplomat verschaffte Helphand ein Entree beim Auswärtigen Amt in Berlin.
Über den Ablauf der Gespräche dort Ende Februar 1915 ist nichts bekannt, wohl aber liegt der 23-seitige Plan zum Sturz des Zaren durch Massenstreiks vor, den der Revolutionsexperte in der Wilhelmstraße präsentierte.
Er hatte an ziemlich alles gedacht: die Agitation unter den Arbeitern in den Industrieregionen, die Verbindungen zu potentiellen Streikkomitees, das Aufwiegeln nationaler Minderheiten. Er wollte wichtige Brücken sprengen und die Ölquellen bei Baku in Brand setzen, politische Gefangene in Sibirien befreien, Flugblätter und Broschüren im Ausland drucken lassen und deren Transport nach Russland organisieren. Helphand verlangte sogar "verständliche Anweisung(en) über die Handhabung" von Sprengstoff.
Das Papier endete mit einer Liste der wichtigsten Aufgaben; an erster Stelle stand: "Finanzielle Unterstützung der sozialdemokratischen russischen Majoritätsfraktion (das sind die Bolschewiki -Red.) ... Die Führer sind in der Schweiz aufzusuchen."
Nur wenige Wochen später erhielt Helphand den von ihm verlangten Sprengstoff, einen deutschen Polizeipass, der ihm das Reisen erleichterte, und reichlich Geld: eine Million Mark.
Dabei scheint niemand in der Regierungszentrale auf die Idee gekommen zu sein, dass ein Sturz des Zaren auch Rückwirkungen auf die deutsche Monarchie haben könnte, deren Demokratisierung überfällig war. Wenn man erst siegreich aus dem Weltkrieg hervorgegangen sei, notierte vielmehr der Gesandte in Kopenhagen, Graf Ulrich von Brockdorff-Rantzau mit Blick auf die Arbeiterschaft, könne man auch solche "Elemente zur Mitarbeit heranziehen und um den Thron scharen", die bislang abseitsgestanden hätten. Lenin als Reformersatz.
Brockdorff-Rantzau, aus altem Adel und nie ohne Siegelring, brachte es später in der Weimarer Republik sogar noch zum Außenminister.
Ende Mai 1915 traf Helphand in Bern ein, um - wie angekündigt - mit Lenin zu sprechen. Er erschien in einem der russischen Restaurants der Stadt, in dem auch der Bolschewik verkehrte, und ließ sich an dessen Tisch führen. Gemeinsam gingen sie dann in Lenins Wohnung. Beide berichteten hinterher von dem Vieraugengespräch, dass sie sich nicht hätten einigen können.
Helphand behauptete, er habe Lenin gedrängt, die Revolution in Russland voranzutreiben, doch der "träumte von der Herausgabe einer kommunistischen Zeitschrift, mit der er unverzüglich das europäische Proletariat aus den Schützengräben heraus und in die Revolution hineintreiben zu können glaubte".
Lenin hingegen will den Besucher als deutschen Sozialchauvinisten beschimpft und ihn "mit dem Schwanz zwischen den Beinen" die Tür gewiesen haben.
Aber stimmt das auch?
Der Bolschewik hatte Grund, eine Verbindung mit Helphand abzustreiten. Dieser galt unter Genossen als Spekulant und Betrüger; Rosa Luxemburg hatte ihm bereits die Freundschaft gekündigt, Trotzki ebenfalls. Gerüchte gingen um, er sei deutscher Agent - und diesen Verdacht konnte sich kein russischer Politiker leisten.
Einige Indizien sprechen immerhin für Lenins Version. Dieser lebte nach dem Treffen weiterhin in bescheidenen Verhältnissen; Geldmangel war ein ständiges Thema seiner Briefe. Und Helphand wiederum erklärte seinen deutschen Auftraggebern, eine Unterstützung Lenins sei erst möglich, wenn zwischen ihnen "die bestehende Spannung sich ausgeglichen hat".
Einen Teil der Gelder aus dem Auswärtigen Amt hat Helphand denn auch aller Wahrscheinlichkeit nach in Wertpapieren angelegt statt sie für die Revolution auszugeben - diesen Rückschluss lassen Kontounterlagen zu. Die Schweizer Polizei hatte sie 1919 beschlagnahmt.
Andererseits zeigen diese Belege, dass es durchaus Bolschewiki gab, die von Helphand Geld nahmen, allerdings nur einige tausend Schweizer Franken. Auch schrieb im Rückblick Walter Nicolai, der deutsche Geheimdienstchef, Lenin habe "meinem Nachrichtendienst wertvolle Nachrichten über die Zustände im ... zaristischen Russland geliefert".
Vor allem spricht das Netzwerk, das Helphand nach dem Gespräch mit Lenin aufzog, gegen die These von der bolschewistischen Unschuld. Denn an den Knotenpunkten finden sich immer wieder führende Revolutionäre der Lenin-Partei. Moissej Urizki etwa, später Chef der Petrograder Geheimpolizei (Tscheka), arbeitete für Helphand; auch Jakob Fürstenberg, einer der engsten Vertrauten Lenins und nach der Oktoberrevolution Leiter der sowjetischen Nationalbank, oder der diskrete Anwalt Mieczyslaw Koslowski, der die Tscheka mitbegründete. Man kannte sich und Parvus aus der Exilzeit, war untereinander oft verwandt, was die Bereitschaft zu Loyalität und Verschwiegenheit noch verstärkte.
Als Stützpunkt wählte Helphand Kopenhagen, operierte aber auch von Stockholm aus, denn Dänemark wie Schweden blieben während des Ersten Weltkriegs neutral, und Schweden hatte damals noch eine gemeinsame Grenze mit Russland. Von hier aus ließ sich die Revolution leichter vorantreiben.
Schon im August 1915 schwärmte ein Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes von der "genialen Weise", in der Helphand seine Aufgabe anging. In Absprache mit den Diplomaten gründete er ein Exportunternehmen, das sich den Zusammenbruch des Osthandels infolge des Krieges zunutze machen sollte: die "Handels- og Exportkompaniet A/S". Helphands Teilhaber wurde ein Berliner Kaufmann, der im Sold des deutschen Nachrichtendienstes stand; und Lenins Vertrauter Fürstenberg, ein polyglotter Finanzakrobat von hoher Verschwiegenheit, übernahm die Geschäftsführung.
Für die deutschen Revolutionsexperten war das kein ungewöhnliches Arrangement. Sie verbargen häufig Parteispenden hinter kommerziellen Aktivitäten. Einem anderen Genossen kaufte man das Patent für einen Sterilisierungsapparat ab, damit er seinen plötzlichen Wohlstand erklären konnte, den er für die Sache des Sozialismus einsetzte.
Höchste Erwartungen waren mit Helphands Unternehmungen verbunden, wie in Kopenhagen der Gesandte Brockdorff-Rantzau notierte: "Der Sieg und als Preis der erste Platz in der Welt ist unser, wenn es gelingt, Russland rechtzeitig zu revolutionieren und dadurch die Koalition zu sprengen." Nun setzte Berlin nicht mehr nur darauf, den Zaren durch Unruhen unter Druck zu setzen, sondern nahm auch dessen Sturz in Kauf.
Helphand knüpfte Verbindungen in die USA, die Niederlande, nach Großbritannien und natürlich Russland. Teils legal, teils mit Hilfe falscher Deklarierungen und durch Schmuggel im- und exportierte er ins oder aus dem Zarenreich Buntmetalle und Chemikalien, gebrauchte Autos und Fischereifahrzeuge, Medikamente, Kondome, Kognak, Kaviar, Bleistifte, Getreide, Walöl und vieles mehr.
Und überall stößt man auf Bolschewiki: Das Unternehmen, welches die Waren jenseits der russischen Grenze auf dem Schwarzmarkt verkaufte, beschäftigte als Justitiar den Rechtsanwalt Koslowski. Die Buchhalterin, welche die Erlöse nach Kopenhagen beziehungsweise Stockholm transferierte, war mit Fürstenberg verwandt. In den Bankhäusern, über welche die finanziellen Transaktionen liefen, saßen in hohen Positionen Bolschewiki.
Kaum anzunehmen, dass Lenin dieses Netzwerk nicht genutzt hat, um Geld nach Petrograd bringen zu lassen oder auch einen Teil der in Russland erzielten Erlöse in die Parteikasse zu lenken. Bezeichnenderweise fand sich später die Firmenadresse des Helphandschen Unternehmens in Lenins schmalem Adressbuch. Und Geschäftsführer Fürstenberg, das geht aus schwedischen Ermittlungsakten hervor, reiste regelmäßig nach Russland.
Sicher ist: Für die Revolutionsarbeit brauchten die Bolschewiki Geld. Wie eine hässliche Narbe zog sich damals die Ostfront vom Baltikum quer durch Europa bis ans Mittelmeer. Gut 1000 Kilometer mussten die Revolutionäre von Stockholm nach Norden fahren, bis nach Haparanda, einen kleinen Ort an der schwedisch-russischen Grenze, nahe am Polarkreis.
Das heute langweilige Nest war während des Ersten Weltkrieges ein Dorado für Schmuggler und Agenten, der einzig offene Verbindungsweg Russlands in den Westen und Hauptumschlagsplatz für Waren und Nachrichten.
Eine gutbewachte, nur tagsüber freigegebene Holzbrücke für Fußgänger führte über den zeitweise reißenden Grenzfluss Torneälv, den auch Fährschiffe überquerten. Die russischen Beamten mussten geschmiert, mit falschen Papieren überlistet oder auf andere Weise geleimt werden. Briefe Lenins wurden in eigens präparierten Schuhen oder im Korsett versteckt. Größere Mengen Propagandaliteratur vertrauten die Bolschewiki einem Schuhmacher in Haparanda an, der gemeinsam mit einheimischen Genossen die Bücher und Zeitschriften durch das Flussdelta schmuggelte. Im Winter brachten Schlitten die revolutionäre Fracht über das Eis. "Ich bringe Grüße von Olga" lautete das Kennwort unter Eingeweihten.
Jenseits der Grenze führte die Route dann weitere 1000 Kilometer durch Russisch-Finnland Richtung Süden nach Petrograd.
Später verklärte die sowjetische Propaganda die Bolschewiki zu Superrevolutionären, was kalte Krieger im Westen gern glaubten. Doch ideologisch unverdächtige Beobachter berichten von Korruption unter den Genossen. Lieferungen mit Flugblättern und Büchern gingen verloren; einer der Kuriere nahm auf eigene Faust alles heraus, was er für militärische Geheimnisse hielt, um unbedarfte Parteifreunde auf der finnisch-russischen Seite nicht zu gefährden.
Auch zeigte sich die zaristische Geheimpolizei erstaunlich gut informiert, wie aus Dokumenten hervorgeht, die von der Publizistin Elisabeth Heresch in Moskau entdeckt und unter dem Titel "Geheimakte Parvus. Die gekaufte Revolution" publiziert wurden. Unter Historikern ist daher umstritten, in welchem Ausmaß deutsche Zahlungen an die Bolschewiki das Zarenreich destabilisierten.
Selbst Helphand erlitt Rückschläge. Der dicke Großkaufmann, mittlerweile Ende vierzig und schon etwas kurzatmig, hatte seinen Geldgebern angekündigt, im Januar 1916 werde der Sturm losbrechen, denn dann jährte sich der Ausbruch der Revolution von 1905. Seine revolutionäre Organisation sei in der Lage, in Petrograd "binnen 24 Stunden mindestens 100 000 Arbeiter" mobilzumachen. Für eine komplette Revolution veranschlagte er 20 Millionen Rubel (umgerechnet etwa 134 Millionen Euro) und ließ sich zunächst einmal von Feldjägern eine Million in bar nach Kopenhagen bringen. Das Datum verstrich, und die große Rebellion blieb immer noch aus.
Doch als der Zar schließlich abgedankt hatte, nach der Februarrevolution 1917, lobte der Gesandte Brockdorff-Rantzau, Helphand habe "als einer der Ersten für den Erfolg gearbeitet, der jetzt erzielt ist".
Den bedeutendsten deutschen Beitrag zum Ende Nikolais II. lieferten allerdings nicht Agenten, sondern die Militärs. Im Herbst 1916 stand das deutsche Heer tief auf dem Territorium des Zarenreichs. Hunderttausende russische Soldaten waren gefallen. Und unter dem andauernden Druck des Kriegs brach die russische Wirtschaft zusammen.
Ende 1916 mussten Betriebe die Produktion einstellen, weil es an Rohstoffen mangelte. Auf dem Land fehlte es an Bauern und Pferden. In Petrograd und Moskau wurden die Mehlvorräte knapp.
Zunächst demonstrierten die Arbeiter; am 8. März 1917 - dem Internationalen Frauentag - schlossen sich in Petrograd Tausende Frauen an, die vor Lebensmittelläden Schlange standen. Das war, so der Historiker Heiko Haumann, "der Durchbruch zur Revolution". Einem Steppenbrand gleich griff der Protest auf das ganze Reich über. Der völlig überforderte Zar musste den Thron aufgeben.
An die Stelle der Romanows trat die Doppelherrschaft; mit der gemäßigt konservativen Provisorischen Regierung, welche über den Staatsapparat verfügte, und dem linken Petrograder Rat (=Sowjet) der Arbeiter und Soldatendeputierten. In ihm spielten die Bolschewiki zunächst nur eine Nebenrolle.
Die neuen Machthaber etablierten das bis dahin liberalste Regime der russischen Geschichte: mit Koalitions-, Versammlungs-, Pressefreiheit. Das Reich befand sich "auf dem besten Wege zu einer demokratischen Regierungsform", urteilt der Historiker Manfred Hildermeier. Den Krieg allerdings wollte man nicht beenden, solange der Preis dafür die deutsche Hegemonie in Osteuropa war.
Für Lenin kam die ganze Entwicklung überraschend. Anfang 1917 hatte der 46-Jährige noch erklärt, seine Generation werde vermutlich die Revolution nicht mehr erleben. Nun - nach dem Sturz des Zaren - saß er in der Schweiz fest, "eingepfropft wie in einer Flasche" (Helphand).
Eine Rückkehr über Frankreich oder England blieb ausgeschlossen; die Entente-Mächte hatten kein Interesse daran, ausgerechnet Lenin nach Russland zu lassen, der ein sofortiges Ausscheiden seines Landes aus dem Krieg verlangte. Davon abgesehen fürchteten Lenin und Genossen, bei einer Fahrt über Nord- und Ostsee versehentlich von deutschen U-Booten torpediert zu werden.
Mal erwog Lenin, sich als taubstummer Schwede auszugeben und incognito durch Deutschland zu reisen, mal mit einem Flugzeug heimlich über die Ostfront zu fliegen. Am Ende schloss er sich dem Vorschlag anderer linker Emigranten aus Russland und Polen an, die für die Fahrt mit der Eisenbahn durch Deutschland und Skandinavien plädierten. Ein riskantes Unterfangen, denn dieser Schritt konnte nur mit Zustimmung der kaiserlichen Behörden erfolgen, und Lenin und die anderen fürchteten, sich zu kompromittieren.
Mit 31 Personen machte sich Lenin auf den Weg, darunter auch mehrere Mitglieder anderer linker Splittergruppen und Familienangehörige.
Eigentlich sollte die Abfahrt ohne Aufsehen erfolgen, aber auf dem Zürcher Bahnhof ging es dann munter zu, wie der deutsche Militärattaché beobachtete. Etwa hundert Russen hatten sich versammelt, die einen "schimpften wie die Rohrspatzen, sie brüllten, die Reisenden seien alle deutsche Spitzel und Provokateure oder 'man wird euch alle aufhängen, ihr Judenhetzer'". Ein junger Russe tat sich besonders hervor und rief immer wieder "Provokateure, Lumpen, Schweine". Als der Zug ausfuhr, sangen jedoch die Parteifreunde Lenins auf dem Bahnsteig die "Internationale".
Über Berlin führte der Weg dann nach Sassnitz auf Rügen, wo die Fähre nach Trelleborg, der schwedischen Hafenstadt, ablegte. Zwei Tage dauerte die Reise bis zur Ostsee-Insel.
Später hieß es, der wohl berühmteste Zug der Weltgeschichte sei plombiert gewesen, was Winston Churchill spotten ließ, Lenin wäre "wie ein Pest-Bazillus" transportiert worden. Doch das stimmt nicht. Wohl waren drei Türen des Waggons plombiert, aber die vierte nutzten Platten und die beiden begleitenden deutschen Offiziere, um Milch für die Kinder entgegenzunehmen oder Zeitungen zu kaufen. Ein Kreidestrich auf dem Boden markierte die Trennung zwischen den "exterritorialen" Abteilen der Russen und denen der Deutschen.
Die Reisenden vertrieben sich die Langeweile mit dem Absingen französischer Revolutionslieder, was Platten schließlich untersagte, weil er Ärger mit den Deutschen fürchtete. Lenin übte sich derweil in der Planwirtschaft. Da die Raucher unter den Reisenden immer wieder die Toilette blockierten, schnitt er Bezugskarten zu. Nur mit einer Raucherkarte durfte man im Kabuff qualmen.
Dass die Regierung Seiner Majestät Wilhelms II. den Transport ermöglichte, ist immer wieder kritisiert worden. Bereits Fritz Fischer wies 1961 in seinem Klassiker "Griff nach der Weltmacht" darauf hin, dass die Deutschen einen Frieden auch mit der Provisorischen Regierung hätten schließen können.
Schon aus wohlerwogenem Eigeninteresse: Der Kriegseintritt der USA stand unmittelbar bevor; ein Frieden an der Ostfront wurde sofort gebraucht. Und zwar ein Frieden, den man nicht noch militärisch sichern musste, weil er den Deutschen fast ganz Osteuropa zusprach. Für einen solchen Frieden - ohne Annexionen - hätte die deutsche Führung allerdings den Traum von der Weltmacht aufgeben müssen, und dazu war sie nicht bereit. Stattdessen wählte Berlin weiterhin den bequemen Weg: das Bündnis mit dem Feind des Feindes.
Jakob Fürstenberg - der Geschäftspartner Helphands und Vertraute Lenins - nahm die Gruppe in Trelleborg in Empfang. Nach einigen Tagen in Stockholm ging die Reise mit der Bahn über den Grenzort Haparanda nach Russland; entgegen allen Befürchtungen ließ die Provisorische Regierung das zu. Am Abend des 16. April gegen 23 Uhr traf Lenin in Petrograd ein.
Der Petrograder Arbeiter- und Soldatenrat und Lenins Parteifreunde bereiteten ihm einen großen Empfang: rote Fahnen, Musikkapellen, ein Spalier aus Arbeitern und Soldaten auf dem geschmückten Bahnsteig.
Während der Reise hatte Lenin aus der Parteizeitung "Prawda" erfahren, dass die Petrograder Bolschewiki den Krieg fortsetzen und die Provisorische Regierung stützen wollten, weil sie Russland noch nicht reif für den Sozialismus hielten.
Noch in der gleichen Nacht verkündete Lenin einen neuen Kurs: Die Verteidigung des Vaterlandes sei "kleinbürgerlich" und ein "Betrug der Bourgeoisie an den Massen". Nein zum Krieg, nein zur Provisorischen Regierung, Fortsetzung der Revolution. War in Russland erst die Diktatur des Proletariats errichtet, so glaubte Lenin, würde die Weltrevolution folgen. Einen Monat später hatte er seine Partei auf Kurs gebracht.
Für Helphand muss der Richtungswechsel ein später Triumph gewesen sein, denn mit der Forderung, die Macht sofort "in die Hände des Proletariats" zu legen, übernahm Lenin eine Position, die Helphand einst Trotzki nahegebracht hatte.
Aus deutscher Sicht erwies sich der Transfer Lenins als die wohl wichtigste Revolutionsmaßnahme. Schon sie allein rechtfertigt die These, dass die Bolschewiki ohne deutsche Hilfe nicht im Herbst 1917 an die Macht gelangt wären. Denn der Parteiführer begriff schneller als alle Rivalen, dass sich die Auflösung der russischen Gesellschaft nicht stoppen ließ, wenn man die großen Fragen hinausschob: die Bodenreform, die Regelung der Nationalitätenproblematik, die Friedensfrage.
Anzeichen von Anarchie waren bereits unübersehbar. In Depeschen des Auswärtigen Amts häuften sich Berichte über erschlagene Gutsbesitzer und grausige Fälle von Lynchjustiz. Anfang Juli notierten deutsche Diplomaten in Stockholm, was sie über die Lage in Petrograd erfahren hatten: "Die Geschäfte sind in sehr schlimmer Verfassung, und die Stadt steht vor dem Bankrott. Die Lebensmittelverhältnisse haben sich immer mehr verschlechtert, die Ansammlungen vor den Läden werden immer größer."
Die Brotration betrug 200 Gramm pro Tag; gleichzeitig brach die Industrieproduktion ein, und die Preise explodierten. An der Front nahmen die Soldaten, meist Bauern, zunehmend ihr Schicksal selbst in die Hand. Zermürbt vom Hunger und dem Grabenkrieg desertierten Hunderttausende, oft gelockt von der Nachricht, dass in der Heimat das Land aufgeteilt werde.
Die Berliner Regierung registrierte erfreut, dass Lenins Forderungen nach Frieden und Landverteilung großen Zulauf fanden. "Lenins Propaganda ist von der Art, welche sich bei der großen Masse am wirkungsvollsten erweist", heißt es in einem Lagebericht vom 5. Juli 1917. Einige Tage später notierte der Gesandte in Stockholm, aus Russland eingehenden Berichten zufolge sei "die Zeit nicht mehr fern, wo die Lenin-Gruppe ans Ruder kommt und damit der Friede ... da wäre".
Noch kurz vor Lenins Rückkehr hatte das Reichsschatzamt dem Auswärtigen Amt weitere fünf Millionen Mark bewilligt. Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Richard von Kühlmann prahlte gegenüber Hindenburg und dem Kaiser, dass die bolschewistische Bewegung ohne die "stetige weitgehende Unterstützung" des Auswärtigen Amtes nie hätte "den Umfang annehmen und sich den Einfluss erringen können, den sie heute besitzt".
In der Nacht zum 7. November - nach altem russischen Kalender der 25. Oktober - besetzten die Garnisonsregimenter und die Roten Garden, alles in allem nicht mehr als 20 000 Mann, morgens um zwei Uhr die strategisch wichtigen Punkte; die Gegenwehr war gering und die Machtfrage entschieden. Mit der Verhaftung der Minister der Provisorischen Regierung im Winterpalais am folgenden Tag endete die sogenannte Oktoberrevolution.
Lenin trat an die Spitze einer Regierung, die sich "Rat der Volkskommissare" nannte.
Unter Historikern herrscht weitgehend Einigkeit, dass es für die Bolschewiki leichter war, die morsche Provisorische Regierung zu stürzen, als anschließend die Macht zu behaupten und in ganz Russland durchzusetzen. Die staatliche Verwaltung brach nach der Oktoberrevolution zusammen, überall fehlte es am Nötigsten: Getreide, Kohle, Kleidung. Im Norden Russlands, auch in Sibirien und in den südlichen Teilen des ehemaligen Zarenreichs sammelten sich Gegner des neuen Regimes. Schon bald versank die einstige Großmacht in Anarchie und Bürgerkrieg.
Das Kaiserreich unter Wilhelm II. trug einerseits zu dem Chaos bei, denn deutsche Truppen hielten beträchtliche Teile des ehemaligen Zarenreiches besetzt. Aber zugleich investierten die Diplomaten Seiner Majestät Millionen, um die Bolschewiki in Zentralrussland an der Macht zu halten, weil nur diese bereit waren, einen deutschen Siegfrieden zu akzeptieren - und weil niemand in Berlin glaubte, dass ein real existierender Sozialismus auf die Beine kommen würde.
"Die Bolschewiki sind großartige Kerle und haben alles bisher sehr schön und brav gemacht", notierte Anfang Dezember 1917 der Diplomat Kurt Riezler, der damals die deutsche Russland-Politik maßgeblich bestimmte.
Es wird vermutlich nie zu klären sein, welche Summen das kaiserliche Deutschland Ende 1917 den Bolschewiki zuleitete. Dass es erhebliche Beträge waren, steht außer Zweifel. Im Archiv des Auswärtigen Amtes findet sich dazu ein erstaunliches Dokument. Am 25. November 1917 telegrafierte der Verbindungsmann des Auswärtigen Amtes im Hauptquartier in Bad Kreuznach nach Berlin:
"Jetzige Petersburger Regierung hat mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. Banken verweigern ihr jegliche finanzielle Unterstützung, deren Regierung zur Beschaffung der Lebensmittel für Volk und Heer dringend bedarf ... Gelingt es ihr durch dringend benötigtes Geld der Schwierigkeiten Herr zu werden und ihre Losung in Volk und Heer durchzusetzen, so wird sie sich halten können, bis Waffenstillstand geschlossen ist. Dies hat Lenin erkannt, deshalb wendet er sich an uns ... Oberste Heeresleitung hält es für sehr erwünscht, wenn es gelänge, der Leninschen Regierung Geld zuzuführen."
Das Auswärtige Amt drahtete zurück: "wegen Geldunterstützung für Bolschewiki wird weiteres veranlasst". Wenige Tage später hielt Riezler fest, dass die Bolschewiki "nunmehr Geld haben".
Zugleich verfolgten die Deutschen ihre Interessen aber auf eine Weise, die für die Bolschewiki äußerst schmerzhaft war: Bei den Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk nahmen sie Lenins Proklamation vom Selbstbestimmungsrecht der Völker beim Wort und schlugen vor, auch Polen und das Baltikum abzuspalten. De facto sollten diese Gebiete der deutschen Einflusssphäre zugeschlagen werden.
Die russische Delegation war wie vor den Kopf geschlagen und bat um eine Auszeit. Trotzki schlug den Genossen vor, den Krieg einfach für beendet zu erklären und sich ansonsten zu weigern, einen "annexionistischen Frieden zu unterschreiben". Und so geschah es zunächst.
Von einem Bündnis mit Lenin, der nun immer radikaler wurde, wollte der Kaiser nichts mehr hören. "Bolschewikis wollen Revolution, wollen großen Arbeiterbrei machen", schimpfte Wilhelm und plädierte für "totschlagen".
Am 18. Februar 1918 begann Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg mit der "Operation Faustschlag". In nicht einmal zwei Wochen stießen die deutschen Truppen in einem riesigen Bogen vor, der vom Baltikum im Norden über Weißrussland und die Ukraine bis an den Don reichte. Die Operation band zwar rund eine Million Soldaten, die an der Westfront dringend benötigt wurden. Aber Hindenburg erreichte sein Ziel. Am 3. März unterzeichneten die Bolschewiki dann doch das Friedensdiktat von Brest-Litowsk.
Russland musste ein Gebiet fast so groß wie Argentinien abtreten; ein Drittel der Einwohner, beinahe die gesamte Kohle- und Erdölförderung und die Hälfte der Industrie gingen verloren. Und trotz des Friedens ließ Hindenburg seine Truppen bis auf die Krim und zum Donez-Becken marschieren, um sich Rohstoffe zu sichern.
Doch aus Lenins Sicht gab es keine Alternative, wie er den widerstrebenden Genossen einhämmerte: "Ihr müsst diesen Schandfrieden unterschreiben, um die Weltrevolution zu retten, um ... ihren einzigen Brückenkopf zu erhalten - die Republik der Sowjets."
Nach dem Friedensschluss eröffnete das Reich eine Botschaft in Moskau, das seit März 1918 Hauptstadt war.
Deutsche Diplomaten konnten sich nun vor Ort informieren. Sie registrierten mit Sorge, dass sich im Mai 1918 Lenins Lage zuspitzte. Noch verfügte der Regierungschef nicht über die uneingeschränkte Macht der späteren Jahre. Es gab noch linke Oppositionsparteien wie die Sozialrevolutionäre. Empört über den Friedensvertrag von Brest-Litowsk und den Vormarsch des deutschen Heeres, verlangten diese eine Wiederaufnahme der Kämpfe an der Seite der Entente oder zumindest einen Partisanenkrieg gegen die kaiserlichen Soldaten.
Den deutschen Akten zufolge haben Bestechungsgelder aus der Kasse des Reiches maßgeblich dazu beigetragen, dass alles blieb, wie es war. Es sei gelungen, "die Bolschewisten davon abzuhalten, in das Entente-Fahrwasser hinüberzuschwenken", berichtete Staatssekretär Kühlmann am 5. Juni 1918 in Berlin. Man habe dafür allerdings "größere Summen aufwenden" müssen.
Der deutsche Botschafter in Moskau, Wilhelm Graf von Mirbach, war ein Aristokrat alter Schule. Ihm entging nicht, dass auch die Alliierten Millionen an diverse Dunkelmänner verteilten, um Russland wieder in den Krieg gegen Deutschland zu ziehen. Er bezifferte seinen monatlichen Bestechungsbedarf auf etwa drei Millionen Mark: "Nie war das käufliche Russland käuflicher als jetzt."
Am 6. Juli sprachen zwei Sozialrevolutionäre in der Botschaft vor, verlangten den Adligen in einer persönlichen Angelegenheit zu sprechen und zeigten ein Empfehlungsschreiben. Mirbach begab sich mit den Besuchern in sein Arbeitszimmer und setzte sich an den breiten Marmortisch. Nach einigen Sätzen über einen angeblichen entfernten Verwandten des Botschafters zogen die Männer auf einmal Pistolen aus ihren Aktentaschen. Der Diplomat sprang auf und stürzte los, aber nach wenigen Metern traf ihn ein Schuss in den Hinterkopf.
Noch am Tag des Attentats erschien Lenin am Tatort. Sein Beileid wirkte auf die Deutschen "kalt wie eine Hundeschnauze".
Sowjetrussland glich inzwischen einer "belagerten Festung": Im Norden bei Murmansk waren Briten und Amerikaner gelandet, im Süden wehrte sich die Rote Armee gegen konterrevolutionäre Kosaken, in Samara an der Wolga hatte sich eine Gegenregierung etabliert und Truppen in Marsch gesetzt, und gegen Baku stießen die Türken vor.
Kaiser Wilhelm trommelte nun für einen Kurswechsel: "Es ist gefährlich, unser Los noch ferner mit den sterbenden Bolschewiki zu vereinen!" Selbst im Auswärtigen Amt wuchs die Skepsis, ob sich die Bolschewiki würden halten können. In dieser Zeit erhielten auch ihre Gegner, etwa die Don-Kosaken oder monarchistische Kreise Millionen aus deutschen Kassen, wie der Historiker Winfried Baumgart schon vor Jahrzehnten in einer spektakulären Studie nachgewiesen hat. Berlin wollte sich potentielle Nachfolger Lenins gewogen und Alternativen offenhalten.
Am Ende setzten sich aber die Befürworter einer Fortführung der taktischen Allianz mit dem bolschewistischen Russland durch. Die Deutschen gaben Lenin eine Zusage, nicht auf Petrograd zu marschieren, was es diesem ermöglichte, in höchst bedrängter Lage Truppen abzuziehen und an seiner Ostfront einzusetzen.
Dass die scheinbar vor dem Fall stehenden Bolschewiki das Land nach einem Attentat auf Lenin dann mit grausigem Terror überzogen, entging ihren deutschen Verbündeten nicht. Am 13. September 1918 etwa meldete ein deutscher Hauptmann Eylers aus Petrograd:
"Die Zustände in Petersburg und im übrigen Russland spotten jeder Beschreibung ... Die Leute werden ohne jedes gerichtliche Verfahren in denkbar rohester Weise hingeschlachtet." Betrunkene Rotgardisten würden Gefangene "als Zielscheiben zum Revolverschiessen" verwenden und nicht einmal Frauen und Kinder schonen.
Dem roten Terror des Sommers 1918 fielen auch der ehemalige Zar und seine Familie in ihrem Exilort Jekaterinburg, 1700 Kilometer entfernt von Moskau, zum Opfer. Lenin wollte nicht, dass sie im Falle seines Sturzes von seinen Gegnern befreit würden. Ein Kommando Tschekisten hatte daher schon im Juli Nikolai II., die Zarin, die fünf Kinder sowie den Hausarzt und drei Bedienstete erschossen - im Keller eines Wohnhauses.
Bis heute streiten Experten, ob Wilhelm II. seinen Cousin hätte retten können. Dass die beiden füreinander nie viel übrig hatten, ist kein Geheimnis. Dennoch hatte Wilhelm im März 1917 dem Ministerpräsidenten der Provisorischen Regierung gedroht, er werde ihn persönlich dafür verantwortlich machen, sollte der Zarenfamilie ein Haar gekrümmt werden.
Gegenüber den Bolschewiki zeigte sich Wilhelm dann nicht so entschlossen. Die an ihn herangetragene Bitte, dem Zaren Asyl zu gewähren, lehnte Wilhelm mit dem Argument ab, die Russen könnten darin einen Versuch sehen, die Monarchie in Russland wieder einzuführen. Er ließ nur "eindringliche Mahnungen" an die Bolschewiki übermitteln, den Zaren nicht zu töten. Von nachhaltigen Forderungen, gar einem Junktim, also einer Verknüpfung mit anderen politischen Fragen, ist nichts bekannt.
Bezeichnenderweise kommentierte Wilhelm die Nachricht vom Mord an seinem Verwandten allein mit kaltem Blick auf die politische Lage, wie aus einem Bericht des Legationsrates Werner Freiherr von Grünau aus dem Sonderzug Wilhelms hervorgeht:
"Seine Majestät haben bemerkt, dass ... wir nun dem übrigen Russland gegenüber in schwieriger Lage seien. Es müsse dafür gesorgt werden, dass Entente uns nicht für Ermordung verantwortlich mache; der Versuch werde sicher gemacht werden."
Nur für die Zarin Alexandra, geborene Alice von Hessen-Darmstadt, und ihre Schwester verwandten sich deutsche Diplomaten mit Nachdruck. Sie verlangten von den Bolschewiki, den Damen "mit aller möglichster Rücksichtnahme zu begegnen". Da die deutschen Stellen über keine eigenen Informationsquellen verfügten, blieb ihnen allerdings nichts anderes übrig, als den Auskünften der Bolschewiki zu glauben, alles sei in bester Ordnung.
Diese hielten noch Jahre nach dem Mord die Mär aufrecht, der Zar sei zwar tot, die Familie Nikolais hingegen am Leben. Lenins Unterhändler besaßen sogar die Chuzpe und erklärten den Deutschen, man könne über ein Freilassung der Zarin und ihrer Kinder sprechen, wenn im Gegenzug die Deutschen eine "gleiche russische Verwendung" für "unbequeme Persönlichkeiten in Deutschland zuließen". Lenin zielte damit auf Leute wie Karl Liebknecht ab, später Mitbegründer der KPD, der wegen Hochverrats in Luckau in der Lausitz einsaß.
Das war im September 1918, die Zarin seit zwei Monaten tot, und so langsam dämmerte es den deutschen Strategen, dass sie am Ende die Verlierer des Zweckbündnisses zwischen Lenin und dem Hohenzollernreich sein würden.
Zum Schluss trauten sich Wilhelms Generäle nicht einmal mehr, Soldaten aus der Ukraine oder dem Baltikum an die Westfront zu verlegen, weil die Männer inzwischen als unzuverlässig galten: Sie sympathisierten mit Lenins Revolution. Eine Anfrage der Bolschewiki, ob sie 20 000 Maschinengewehre, 200 000 Gewehre und 500 Millionen Patronen haben könnten, lehnte die Oberste Heeresleitung mit dem Hinweis ab, es bestehe die Gefahr, dass die Waffen "vielleicht später auch gegen uns verwendet werden könnten".
Denn so kühl wie das Auswärtige Amt kalkulierte auch Lenin, und während er den Sommer über in Moskau mit dem Kaiserreich kooperierte, scheute er zugleich weder Geld noch Aufwand, jene Genossen im Reich zu unterstützen, die eine deutsche Sowjetrepublik anstrebten.
Die Deutschen hätten gewarnt sein müssen - es war die gleiche Revolutionierungspolitik, die sie in den Jahren zuvor unterstützt hatten, als es gegen den Zaren ging.
Am 5. November 1918 brach Wilhelm II. die Beziehungen zu Sowjetrussland ab, das nicht mehr gebraucht wurde. Sechs Tage später unterzeichnete eine deutsche Delegation die Waffenstillstandsbedingungen der Alliierten, mit denen der Frieden von Brest-Litowsk annulliert wurde. Statt Territorium zu gewinnen, verlor Deutschland im Frieden von Versailles ein Siebtel seines Gebietes. Und auch Wilhelm war nicht mehr zu halten und flüchtete ins Exil nach Doorn in die Niederlande. Dort lebte Wilhelm der Letzte bis 1941.
Von Moskau aus höhnte Lenin, der deutsche Imperialismus habe sich unglaublich aufgebläht und sei "unter Zurücklassung eines fürchterlichen Gestanks geplatzt".
Es mag als Form historischer Gerechtigkeit angesehen werden, dass sich über die Implosion des von Lenin gegründeten Sowjetimperiums Gleiches sagen lässt. Es geschah allerdings erst etliche Jahrzehnte später. KLAUS WIEGREFE;
FLORIAN ALTENHÖNER, GEORG BÖNISCH, HEIKO BUSCHKE, WLADIMIR PYLJOW, ANIKA ZELLER

"Es ist so gekommen, dass jetzt gerade der Deutsche neben dem bestialischen Imperialismus das Prinzip der Organisation ... der strengsten Rechnungsführung, der Kontrolle verkörpert ... Lernt von den Deutschen, ihr verlausten russischen kommunistischen Faulenzer!"
LENIN über die Vorzüge der Deutschen

Tischmanieren
Fast hätten die Bolschewiki bei der hastigen Zusammenstellung einer repräsentativen Delegation für die Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk vergessen, neben Arbeitern, Soldaten, Matrosen und Frauen als Vertreter des "revolutionären Russland" auch einen Bauern einzuladen. Im letzten Moment erspähten sie auf dem Weg zum Zug einen alten, graubärtigen Mann im Bauernrock - und nahmen ihn mit. Den zahlreichen Banketten stand dieser Roman Staschkow freilich ratlos gegenüber. Auf die Frage der servierenden Ordonnanz, ob er Rot- oder Weißwein bevorzuge, antwortete der Ackersmann, er wolle den stärkeren.

Dialektiker gegen Diplomat
Mitte Dezember 1917 wird Trotzki von Lenin zum Leiter der sowjetischen Delegation in Brest-Litowsk ernannt. Spezialauftrag: Er soll mit seinem exzellenten Deutsch und seiner glänzenden Rhetorik die Verhandlungen so lang wie möglich verschleppen - in der Hoffnung auf eine Meuterei der mit bolschewistischer Propaganda überschütteten deutschen Soldaten. Gewieft nutzt der Dialektiker Trotzki die Schwäche des deutschen Verhandlungsleiters Kühlmann für ein philosophierendes Räsonnieren im Geiste Hegels und reizt so alle Chancen zum Verschleppen aus.

"Die Bourgeoisie muss erwürgt werden, und dafür müssen wir beide Hände frei haben."
LENIN-Argument für die Notwendigkeit eines sofortigen Friedens mit dem äußeren Feind Deutschland.
Von Wiegrefe, Klaus, Altenhöner, Florian, Bönisch, Ggeorg, Buschke, Heiko, Pyljow, Wladimir, Zeller, Anika

SPIEGEL SPECIAL Geschichte 4/2007
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