18.12.2007

SEITENBLICKURLAUB VON DER REVOLUTION

Kaum einer hat Wladimir Iljitsch Lenin jemals so gesehen: Im Sommer 1910 flaniert der asketische Revolutionär verliebt durch die Gassen von Paris. Hatte es nicht stets so geschienen, als bedeuteten ihm Bücher mehr als Frauen? Jetzt aber kann er, wie der französische Sozialist Charles Rappoport erstaunt notiert, "seine mongolischen Augen nicht von der Kleinen lassen".
Inessa Armand, Tochter aus einer französisch-schottischen Künstlerehe und nach dem frühen Tod ihres Vaters in einer der reichsten Unternehmerfamilien Russlands aufgewachsen, ist 36 Jahre alt, sieht aber aus wie 26. Sie hat große Augen und kastanienbraunes Haar. Lenin ist 40, untersetzt und fast kahlköpfig. "Ich hatte eine verrückte Lust, mich Dir zu nähern", schreibt Inessa über die erste Begegnung. Wenige Wochen später bringt Lenin Inessa in der Rue Marie-Rose 2 unter. Er selbst wohnt mit Frau und Schwiegermutter in Nummer 4.
Sieben Jahrzehnte waren die pikanten Stellen des Briefwechsels zwischen Lenin und seiner Geliebten ein gutgehütetes Geheimnis der Sowjetunion, erst in den neunziger Jahren wurde der volle Wortlaut bekannt. Nichts durfte das Propagandabild von Lenin als perfektem Revolutionär stören: Inessa Armand sollte als "Kampfgefährtin", nicht als Bettgenossin Lenins in die Geschichte eingehen.
Deshalb waren die Editionen der Lenin-Briefe stets zensiert, die intimsten Stellen fehlten. Da bittet Lenin zum Beispiel um Entschuldigung nach harscher Kritik: "Ärgere Dich nicht, ich tue es aus Liebe." Oder er bedeckt Inessa mit "tausend Küssen".
Seine Mitstreiter kannten Lenin nur als fanatischen Revolutionär. Eine Hungersnot preist er "als Träger des Fortschritts", weil sie die Revolution beschleunige; kurz nach der Hinrichtung seines Bruders besteht er das Abitur mit Bestnoten. "Lenin gürtete sich einfach mit dem Panzer seines eisernen Willens", so Bolschewik Nikolai Bucharin. "Diesen Panzer konnte nichts durchdringen."
Nur Inessa, die Lebenslustige. Häufig lässt Lenin sich von ihr Beethovens "Appassionata" auf dem Klavier vorspielen. Ihm gefallen ihre gutgeschnittenen Kleider und die extravaganten Hüte. Lenins Frau Nadeschda Krupskaja dagegen legt wenig Wert auf Äußeres. Als Lenin Inessa kennenlernt, ist die Krupskaja 41, sieht aber aus wie 50 - er kennt sie schon seit der Verbannung. Sie kocht und wäscht für ihn. In den Flitterwochen übersetzen sie Werke englischer Sozialisten.
Mit Inessa Armand aber macht Lenin, der Rastlose, sogar Urlaub von der Revolution: Er verschafft der unbekannten Genossin Einlass beim Kongress der Sozialistischen Internationale in Kopenhagen im August 1910 - und vergnügt sich anschließend zwölf Tage mit ihr in der dänischen Hauptstadt. Im Frühjahr 1911 gründet er bei Paris eine Schule für Untergrundagenten: Inessa darf ein Seminar über Wirtschaftspolitik halten. Lenin sitzt Tag für Tag in der hinteren Bank, nur um sie anschauen zu können.
Als Lenin und die Krupskaja 1914 in die Schweiz umziehen, wohnt Inessa in Bern alsbald im Haus gegenüber, oft kommt sie vorbei. Krupskaja weiß von der Beziehung ihres Mannes, der seinen Genossen vieldeutig predigt, "weder Mönch noch Don Juan zu sein". Im Zug, der 1917 Lenin quer durch Deutschland nach Russland bringt, sind Gattin und Geliebte mit von der Partie. Nach der kommunistischen Machteroberung bekommt Inessa eine Wohnung in Kremlnähe und eines der ersten Telefone mit Selbstwählfunktion - Geräte, die eigentlich für die Führungsspitze des neuen Staates reserviert waren.
Drei Jahre später im Bürgerkrieg: überall Aufstände und Hungersnöte. Lenin telefoniert und dekretiert: hierhin einen Zugwaggon mit Fleisch, dahin einen mit Fett. Mitten in den Wirren schreibt er angstvolle Briefe an Inessa, die eine schwere Grippe plagt. "Brauchen Sie vielleicht Medikamente?", will er wissen und fragt nach ihrer Schuhgröße: "Ich hoffe, dass ich Gummistiefel besorgen kann."
Auf Drängen Lenins fährt sie zur Kur in den Kaukasus. "Mein Herz fühlt sich wie tot an ... nachdem es all seine Kraft und Leidenschaft für Wladimir Iljitsch und die Sache verausgabt hat. Ich bin eine lebende Leiche", vertraut sie ihrem Tagebuch an.
Drei Wochen später ist Inessa tot. Immer wieder liest Lenin das Telegramm: "Es gelang nicht, die an Cholera Erkrankte zu retten." Bei der Beerdigung hält er mühsam die Tränen zurück. Wenn sich durch eine Bewegung der Kreis der Trauergäste verschob, "ließ sich auch Lenin herumschieben", erinnert sich Zeitgenossin Angelika Balabanowa, "ohne jeden Widerstand, so, als sei er dankbar, wenn man ihn der Toten näherbrachte".
Lenin stirbt gut drei Jahre nach Inessa. Er sei nie "über ihren Tod hinweggekommen", schreibt Alexandra Kollontai. Sein einbalsamierter Leichnam ruht bis heute auf dem Roten Platz. Wenn am Morgen in Moskau die Sonne aufgeht, fällt der Schatten des Lenin-Mausoleums auf die Kremlmauer - die letzte Ruhestätte Inessa Armands. MATTHIAS SCHEPP
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Von Matthias Schepp

SPIEGEL SPECIAL Geschichte 4/2007
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