18.12.2007

DER TRIUMPH STALINSDER GROSSE TERROR

„Periode des großen Umschwungs“ nennt sich der sozialistische Neubeginn - Diktator Stalin erweist sich als Menschenverächter und rücksichtsloser Antreiber auf der Großbaustelle Sowjetunion.
In Berlin unterzeichnen an diesem Tage Reichsaußenminister Konstantin von Neurath und der polnische Botschafter Józef Lipski einen Nichtangriffspakt, der mindestens zehn Jahre halten soll. Und der Großindustrielle Gustav Krupp von Bohlen und Halbach lässt seinen Führer hochleben: Hitler habe den deutschen Proletarier endlich zum "disziplinierten Soldaten der Arbeit und damit zu unserem Kameraden gemacht" in einem Reich, dessen rassistisches Regime gar auf tausend Jahre ausgelegt sein will.
Als Erbauer herrlicher Zukunftswelten sehen sich an diesem 26. Januar 1934, zehn Jahre nach Lenins Tod, auch jene fast 2000 feierlich gekleideten und hochgestimmten Menschen in Moskau, die an seinem Mausoleum vorbei und über den Roten Platz in den Kreml eilen: Delegierte aus allen Teilen der Sowjetunion, jeder mit einem roten Einlasskärtchen in der Tasche, der nummerierten, mit den Porträts Lenins und Stalins bedruckten Mandatsbescheinigung für den 17. Parteitag der Bolschewistischen Partei der Sowjetunion.
Denen, die sich an diesem Freitagabend in der alten Ziegelburg der russischen Zaren versammeln, suggeriert der getragene Ton offizieller Propaganda eine kollektive Rolle als "Avantgarde des Proletariats". Von außen freilich ist manches bereits besser zu sehen: Leo Trotzki, der des Landes verwiesene, seiner sowjetischen Staatsbürgerschaft beraubte Revolutionär und Rivale des allmächtigen Generalsekretärs Josef Stalin, etwa erwartet in seinem französischen Exil allenfalls noch "eine imposante Parade der Bürokratie".
Doch in Wahrheit steht dieser "Parteitag der Sieger" (Stalin) nach zwei Dritteln des sowjet-russischen Weges zwischen Bürgerkrieg und Weltkrieg für weit mehr als nur für bürokratische Domestizierung und Abwicklung der Revolution. Er wird zu der Messlatte für zerstörte Illusionen innerhalb einer Bewegung, die in Kenntnis, ja Bewunderung der Französischen Revolution nichts mehr fürchtet als ihren "Thermidor" - die reaktionäre Phase gesellschaftlicher Umstülpungen mit Führerkult, Herrschaft des Apparats und rücksichtsloser Unterdrückung Andersdenkender im Gefolge.
In ihm bündeln sich wie unter einem Brennglas die Gewichtsverschiebungen:
* vom weltrevolutionärem Aufbruch zum nationalen Erstarren in russischem Weltmacht-Anspruch;
* von der Lust am permanenten Revoluzzen bis zur Sehnsucht nach einem manierlichen Sozi-Staat;
* von Lenins Landnahme für die Bauern zu deren martialischer Zwangskollektivierung.
Der große Menschheitstraum von neuen, anderen Produktionsverhältnissen, von viel Gerechtigkeit und wenig Herrschaft, von der Internationale, die das Menschenrecht erkämpft - schon in den Jahren vor, vor allem aber nach diesem Parteitag verkommt der russische Realisierungsversuch endgültig zur groben Farce. Und je weiter beim Experiment "Sozialismus in einem Land" gesellschaftliche Wirklichkeit und menschheitsbeglückende Rhetorik auseinanderklaffen, umso höher wachsen bis in die achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts hinein die Potemkinschen Fassaden aus Propagandalügen, Selbstbetrug und Abschottung von der Außenwelt.
So unstreitig Lenin Wegbereiter für Stalin ist, so wenig findet er in Stalin seinen einzig logischen Vollender. Schon die paranoide Akkuratesse, mit welcher der Generalsekretär den acht Jahre älteren Parteigründer nach dessen Tod einerseits zum bolschewistischen Quasi-Heiligen entrücken und andererseits dessen engste Mitstreiter ermorden lässt, demonstriert die Sorge des Usurpators, ursprünglicher "Leninismus" könne womöglich doch noch die Massen ergreifen und sie gegen den Diktator mobilisieren. Einsichten des späten Lenin werden bald vor dem Auge unbefugter Leser mindestens so streng in den Giftschränken der Bibliotheken weggesperrt wie angeblich konterrevolutionäres Schrifttum. Und wer die damalige Sprengkraft des sogenannten Lenin-Testaments von Anfang 1923 mit seiner Warnung der Delegierten des 12. Parteitags vor Stalin wenigstens erahnen will, muss nur der Biografie des oppositionellen Dichters Warlam Schalamow folgen, der 1929 das erste Mal wegen Verbreitung dieses letzten Lenin-Willens verhaftet wird und dafür insgesamt 20 Jahre in Stalins Straflagern zubringen muss.
Parallel dazu wächst der Druck auf den russischen Arbeiter: Alle ideologischen Schulen wetteifern ums höchste, kompromissloseste Industrialisierungstempo. Alle wollen den russischen Bauernkittel abstreifen, vor allem aber fürchtet die Opposition Stalins Vorwurf, das unterentwickelte Land zur wehrlosen Beute für "Aggressoren" zu machen.
Bis heute markiert der 17. Kongress jener Partei, die 1898 aus der Russländischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei hervorging, 1952 in KPdSU umbenannt und erst 1991 beerdigt wurde, für viele Menschen in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion mindestens eine familiengeschichtliche Zäsur: Sein 16-tägiger Verlauf, seine Protokolle helfen noch immer zu verstehen, mit welchen Delegierten des Parteitages der rote Großvater einst sympathisierte, welcher der dort aufgezählten Todsünden des Sowjet-Sozialismus er später beschuldigt wurde, wann seine Verfolgung begann, welche Strafe er erhielt und wem er, wenn er Glück hatte, in der sowjetischen Lagerwelt begegnete.
Von 1225 Teilnehmern mit Stimmrecht überlebt nur weit weniger als die Hälfte die nächsten fünf Jahre. Von den 139 Genossen, die Generalsekretär Stalin ins Zentralkomitee wählen lässt, stirbt nur etwa ein Viertel eines natürlichen Todes. 98 werden zwischen 1936 und 1938 auf seinen Befehl oder jedenfalls mit seiner Billigung umgebracht - mehr als 70 Prozent.
Doch noch reicht bei niemandem die Phantasie dafür aus, sich buchstäblich aufs Korn genommen, zum Abschuss freigegeben zu fühlen, als der "Gensek" mit einem Scharfschützen-Gewehr, Geschenk der Waffenwerker aus Tula, von der Balustrade des Kremlpalastes auf den Kongress anlegt - zum Spaß und unter allgemeinem Beifall.
Vor allem alte Leninsche Kader werden alsbald liquidiert oder aus der Partei entfernt. Beträgt Anfang 1934 der Anteil jener Mitglieder und Delegierten, die bereits vor der Revolution oder spätestens während des Bürgerkriegs der KP beigetreten waren, noch 80 Prozent, so ist er beim nächsten, dem 18. Parteitag fünf Jahre später auf 19 Prozent abgestürzt.
"Wo ist die alte Garde?", fragt 1939 aus dem Exil der Oktober-Revolutionär und spätere Sowjetdiplomat Fjodor Raskolnikow - und antwortet: "Sie lebt nicht mehr. Sie haben alle erschossen, Stalin."
Niemand hat bisher alle Säuberungsopfer gezählt, niemand die Einzelschicksale historiografisch erschöpfend kartiert. Die Angaben reichen für die Jahre 1937/1938 von amtlichen 2,5 Millionen Verhafteten und 680 000 Erschossenen bis zu wissenschaftlich geschätzten sieben Millionen Weggesperrten und einer Million Toter. "Der Kommunismus war die einzige Bewegung der jüngeren Geschichte", urteilt der Mannheimer Politologe Hermann Weber, "die mehr ihrer eigenen Führer, Funktionäre und Mitglieder selbst umgebracht hat, als dass es ihre Feinde taten."
Dabei inszeniert der Generalsekretär den Parteitag zunächst als Versöhnungsfest mit ausgestoßenen Oppositionellen. Altbolschewiken wie Grigorij Sinowjew, Lew Kamenew und Nikolai Bucharin werden demonstrativ wieder in die Partei aufgenommen.
Alle Verirrten bedanken sich für die kurzzeitige Vergebung mit schwülstigen Ergebenheitsadressen beim "Feldmarschall der proletarischen Kräfte" (Bucharin) und "Begabtesten aller Schüler Lenins" - so Michail Tomski, sowjetischer Gewerkschaftschef in den zwanziger Jahren. Zweieinhalb Jahre später, im August 1936, nimmt sich Tomski aus Angst vor Stalins Mordgehilfen das Leben.
Bucharin gesteht zerknirscht: "Genosse Stalin war immer völlig im Recht, als er unter blendender Anwendung marxistisch-leninistischer Dialektik jene Versuche theoretischer Rechtsabweichung zunichte machte, die von mir formuliert worden waren." Auch seine "Schüler", die ihm darin gefolgt seien - und längst in NKWD-Gefängnissen gefoltert werden -, hätten ihre "verdiente Strafe erhalten". Für so viel demonstrativ-feige Gesinnungslosigkeit erhält Bucharin zur Belohnung vorübergehend den Chefredakteurs-Posten beim Regierungsblatt "Iswestija". Im März 1938 wird auch er erschossen; der "Hausherr" hatte seinen Spaß gehabt.
Als endlich Sinowjew dem ideologischen Klassiker-Dreigestirn Marx-Engels-Lenin auch noch Stalin beigesellt, ist der Gipfel an Ohrenbläserei erreicht. Seinem Kollegen Kamenew aus der längst ausgeschalteten "Leningrader Opposition" bleibt nur noch das würdelose Gelöbnis, "jener Kamenew, der 1925 bis 1933 gegen die Partei und ihre Führung kämpfte", sei wirklich und endgültig "ein politischer Leichnam".
Der Delegierte Walerij Meschlauk, damals 40 Jahre alt und Vizechef der staatlichen Planbehörde Gosplan, hält die Szene noch im Sitzungssaal als Karikatur fest: Kamenew I liegt mit erigiertem Glied auf dem Operationstisch, Kamenew II im Operateurskittel legt das Skalpell daran. Unterschrift: "Genosse Kamenew als sein eigener Anatom." Der schadenfrohe Zeichner darf in den nächsten vier Jahren noch zum Staatsplanchef und Volkskommissar für Maschinenbau aufsteigen, bevor er erschossen wird.
Nachdem Sinowjew am 25. August 1936 seinen letzten Gang angetreten hatte, lässt sich Stalin dessen Angst vor der Hinrichtung immer wieder vorspielen - von seinem Leibwachen-Chef Karl Pauker, einem jüdischen Friseur aus Lemberg. Wie der Genosse sich an die Stiefel seiner Henker geklammert, wie er gebettelt habe, noch einmal Stalin anrufen zu dürfen, wie er endlich Zuflucht genommen habe zur alten jüdischen Klage "Höre, Israel, unser Gott ist der einzige Gott" - da sei der Gensek, berichtet ein Besucher, jedes Mal fast vor Lachen erstickt. Freilich: Der begabte Parodist steht leider nicht sehr lange als Leibwächter zur Verfügung - knapp ein Jahr später erhält auch er den Genickschuss.
Bis heute ranken sich Widerstandslegenden um den 17. Parteitag: Obwohl Stalin in seinem Rechenschaftsbericht - und nach ihm über hundert Redner - ausschließlich von Erfolgen und Triumphen sprechen, obwohl das Protokoll massenhaft Lobsprüche auf den "genialen" und "großen Führer der Partei und aller Werktätigen" und Jubelrufe wie "Es lebe unser Stalin" verzeichnet, erfolgt ein letzter halbherziger, ergebnisloser Versuch der Meuterei.
Erst 1960 gibt der ehemalige Moskauer Delegierte Wassilij Werchowych - eines von drei Mitgliedern der 63-köpfigen Zählkommission, die der Hinrichtung entgehen - ein lange gehütetes Geheimnis preis: Das Politbüro-Mitglied Stanislaw Kossior habe ihm damals von Versuchen hinter den Kulissen erzählt, den allgemein beliebten Leningrader Parteichef Sergej Kirow zur Übernahme des Parteivorsitzes zu überreden.
Auch Nikita Chruschtschow, damals als glühender Stalinist erstmals ins Zentralkomitee gewählt, hat diesen letzten Hauch von Verschwörung später bestätigt: Boris Scheboldajew, Parteisekretär aus dem Nordkaukasus, habe verschiedene Delegierte und zum Schluss Kirow selbst angesprochen mit dem Vorschlag, "zu Lenins Testament zurückzukehren: Das Volk sagt, es wäre gut, dir das Amt des Generalsekretärs zu übertragen."
Kirow, so Chruschtschow, hätte nichts Eiligeres zu tun gehabt, als Stalin von dieser Offerte zu erzählen - und auch davon, dass er den Antrag sofort von sich gewiesen habe. Josef Stalin, will Chruschtschow vom Hörensagen wissen, verspricht gerührt: "Danke, das werde ich dir nicht vergessen."
Nicht einmal elf Monate später wird Kirow in Leningrad das Opfer eines Attentats. Der Mord gerät einerseits zum Startsignal für die wütendsten und in ihren wechselnden Begründungen absurdesten politischen Massenmorde der Menschheitsgeschichte; andererseits weisen neuere Forschungsergebnisse immer mehr die Handschrift des NKWD nach - und legen damit die Vermutung nahe, dass der Täter von Stalins Geheimpolizei ferngesteuert war.
Anonymen Widerstand aus den Reihen der Delegierten bezeugt auch das Abstimmungsergebnis über die zukünftigen ZK-Kader, obwohl massierte Ablehnung einzelner Führungspersonen eigentlich kaum nach außen dringen kann. Die Wahlzettel für jedes Gremium enthalten exakt so viele Kandidatennamen, wie zu wählen sind. Und jeder gilt als gewählt, der mehr als die Hälfte der Delegiertenstimmen, also mindestens 613 Kreuze zusammenbringt - kein Problem angesichts der verbreiteten Meinung, geheimes Wählen sei gefährlicher bourgeoiser Firlefanz.
Dennoch notiert Olga Schatunowskaja, ein weiteres Mitglied der Zählkommission, das die Jahre des Terrors in sibirischen Lagern überlebte, heimlich die sensationelle Zahl 292: So viele Gegenstimmen, weit mehr als jeder andere ZK-Wahlkandidat im Jahr 1934, kassiert der Genosse Stalin.
Der für die Parteitagsorganisation verantwortliche Politbürokrat und Chef der Moskauer Parteiorganisation, Lasar Kaganowitsch, nimmt die Bulletins der Neinsager unverzüglich unter Verschluss und entwirft für die Öffentlichkeit ein neues, passenderes Resultat: Stalin darf drei Gegenstimmen behalten, Kirow bekommt vier - und Chruschtschow, Kaganowitschs treuer Gehilfe beim Moskauer Metro-Bau, auch drei. Der, in den Betrug nicht eingeweiht, ist glücklich und gerührt, auch in diesem Punkt seinem geliebten Lehrer so nah zu sein.
Als er selbst an die Macht kommt und Stalins Demontage betreibt, betraut er das Opfer Schatunowskaja mit der Rehabilitierung ihrer Leidensgenossen. Eine 1960 angeordnete Überprüfung der versiegelten Parteitagsunterlagen ergibt, dass 171 Stimmzettel der aufschlussreichen ZK-Wahl ganz beiseitegebracht wurden. Die erdrückende Mehrheit der Delegierten des "Parteitages der Sieger" erwartete ein düsteres Schicksal. "Stalin sah nach der Abstimmung in jedem von ihnen einen potentiellen Gegner", schreibt Stalin-Biograf Dmitrij Wolkogonow.
Die Schatunowskaja-Kommission ermittelte in den Kellern der NKWD-Nachfolgeorganisation KGB: Vom 1. Januar 1935 bis Juli 1940 verhaftet Stalins Stasi 19 840 000 Sowjetbürger; 7 Millionen davon, weit mehr als jeder dritte, finden in Lagern, Zuchthäusern und Gefängnissen den Tod.
Nikita Chruschtschow soll geweint haben, als er davon erfuhr. Aber wenig später ließ er sich von den Alt-Stalinisten Michail Suslow (KPdSU-Chefideologe) und Frol Koslow (ZK-Sekretär) überreden, die Zahlen weitere 15 Jahre unter Verschluss zu halten. Die Informationsblockade fällt erst im Zeichen von Gorbatschows Glasnost: Im Februar 1990 veröffentlicht die Zeitschrift "Argumente und Fakten" endlich einen Brief der Schatunowskaja mit ihren Recherche-Ergebnissen aus den sechziger Jahren.
Doch die ganze Wahrheit findet sich auch dort noch nicht. Trotzki steht zu dieser Zeit noch immer auf dem Index, die Beziehungen zum jüdischen Staat Israel sind schlecht. So bleibt der antisemitische Kontext Stalinscher Parteisäuberungen weiter ein Tabu, obwohl Ende der zwanziger, Anfang der dreißiger Jahre der alte Chauvinisten-Schlachtruf "Schlag die Juden, rette Russland" in bolschewistischer Verkleidung längst wieder rehabilitiert schien. Stalin selbst muss bremsen: Trotzki, Kamenew, Sinowjew seien als Oppositionelle zu bekämpfen - "und nicht etwa, weil sie Juden sind". Hatte Lenin im antisemitischen, Pogrom-bereiten Mob vom Schlage der "Schwarzhunderter" noch den Feind des Proletariats gesehen, so behandelt Stalin diesen Mob zunehmend als bodenständigen Verbündeten gegen die kosmopolitisch-wankelmütige Intelligenzija. Wie Lenin zu verstehen ist, darüber entscheidet er ohnehin allein.
Schon Anfang der zwanziger Jahre, als sich Lenins Gesundheitszustand erheblich verschlechtert, kommt es zwischen Nadeschda Krupskaja, Lenins Lebensgefährtin, und Stalin zu einem heftigen Streit wegen dessen Verhängung einer Kontaktsperre über Lenin: Er solle sich gefälligst nicht in ihr Privatleben einmischen, fordert die Lehrerin; sie wisse schließlich besser, was für Lenin gut und was schädlich sei.
Im Bett dürfe sie darüber gern entscheiden, erwidert ihr rüde der Georgier, der den todkranken Lenin nicht mehr fürchten muss und bereits große Macht hat. Doch "mit dem Führer zu schlafen" (Molotow will sogar gehört haben: "mit dem Führer aufs selbe Scheißhaus zu gehen") heiße "nicht, ihn zu besitzen. Lenin gehört nicht nur Ihnen, er gehört auch der Partei. Vor allem der Partei".
Anfang der dreißiger Jahre ist diese Partei in den Alleinbesitz Stalins übergegangen - und damit sowohl die Herrschaft im Lande als auch die absolute Deutungshoheit über jedes Wort, das Lenin jemals gesprochen oder geschrieben hat.
Arbeiter und Bauern, Schauspieler und Schriftsteller, Straßenbahnführer, Polizisten, Kutscher und Professoren - so notiert der tschechische Journalist J. E. Srom, Korrespondent der "Prager Presse", im März 1926 in einem vertraulichen Bericht für seine Regierung - "alle fürchten sich vor etwas, alle haben Angst, dass ein unvorsichtiges Wort für sie schlimmste Folgen haben könnte".
Ein harmlos klingendes Kürzel ist die Chiffre des Schreckens. Die vier Buchstaben OGPU stehen für "Ossoboje Gossudarstwennoje Polititscheskoje Uprawlenije", Besondere Staatliche Politische Verwaltung. So heißt die geheime Staatspolizei in der Nachfolge der Tscheka. 1934 verwandeln sich die furchteinflößenden Versalien abermals zu NKWD (Volkskommissariat für innere Angelegenheiten) - nach dem Kriege dann zu KGB (Komitee für Staatssicherheit). Der Putinsche FSB (Föderaler Sicherheitsdienst) von heute knüpft als Ausspäh- und Inquisitionsagentur des Kreml an die Arbeit der Vorgänger-Geheimdienste an, auch wenn die Sowjetunion längst verschwunden ist und Russland zumindest formell demokratisch regiert wird.
Wie sah die Sowjetunion wirklich aus in jenen dreißiger Jahren, als Partei-Propagandisten das Volk mit der Losung "Stalin ist der Lenin unserer Zeit" zu traktieren begannen?
Die von der Internationalen Arbeiterbewegung stets als sektiererisch ausgegrenzte Stalin-Doktrin vom "Sozialismus in einem Land" besitzt inzwischen höchste ideologische wie praktische Priorität. Nach der diplomatischen Wieder-Anerkennung durch die Deutschen im Vertrag von Rapallo ziehen allmählich die anderen europäischen Staaten, allen voran Großbritannien, ihre Fahnen im roten Moskau auf. Die Periode internationaler Ächtung und Diskriminierung geht zu Ende. Die Sowjetunion tritt 1934 dem Völkerbund bei, um eine Tribüne zu besetzen, wo "Aggressoren entlarvt werden können" (Stalin). In offiziellen Deklarationen setzt Moskaus Außenpolitik auf Frieden, Intensivierung von Handelsbeziehungen, Unterstützung nationaler Unabhängigkeitsbestrebungen - und auf die Warnung, "für jeden Schlag zwei Schläge an die Kriegstreiber austeilen" zu wollen, "die versuchen, die sowjetischen Grenzen zu verletzen" (Stalin).
Doch gleichzeitig tendiert das außenpolitische Interesse der bolschewistischen Hauptstadt-Elite gegen null: Das Hauen und Stechen innerhalb des Apparats um die richtige Parteilinie sowie das wirtschaftliche, organisatorische und politische Chaos in den riesigen Provinzen absorbieren all ihre Kraft. Statt internationale Präsenz zu zeigen, betreibt Stalin seine Weltpolitik zunehmend über die Kommunistische Internationale. Statt auf die Verhandlungskunst professioneller Diplomaten setzt er auf Revolutionsexport und handzahme, häufig ungebildete nationale KP-Kader.
Verzweifelt und vergeblich stemmt sich ein Mann gegen diese Entwicklung: Georgij Tschitscherin, der alte zuckerkranke Menschewik, der sechs Jahre älter als Stalin ist und einst noch als Titularrat im zaristischen Außenministerium gedient hat. Er spricht fast alle europäischen Sprachen, hat die Verträge mit Deutschland sowohl in Brest-Litowsk wie in Rapallo unterzeichnet, fast zwölf Jahre lang als Trotzkis Nachfolger das sowjetische Volkskommissariat für Auswärtige Angelegenheiten geleitet und in seinem Amt eine spartanische Klause bewohnt.
Tschitscherin verurteilt die Beflissenheit des Kreml, besonders das Verhältnis zu Deutschland von den wechselnden Beziehungen zur KPD abhängig zu machen: Es sei "zutiefst verlogen", schreibt er bereits Mitte 1929 aus der Kur in Wiesbaden an Stalin, "die internationale Lage der UdSSR zu untergraben oder in Gefahr zu bringen, nur um der holprigen Agitation des Genossen (und KPD-Chefs) Ernst Thälmann aufzuhelfen".
Und der Kosmopolit Tschitscherin entwickelt eine geniale Idee, die - wäre sie nicht Papier geblieben - den Geschichtsverlauf hätte ändern können: Stalin solle sich, wie einst Zar Peter der Grosse, inkognito im zivilisatorisch fortgeschrittenen Westen umtun: "Wie gut wäre es, wenn Sie, Stalin, nachdem Sie Ihr Äußeres verändert haben, für einige Zeit im Ausland reisen würden. Mit einem wirklichen Dolmetscher, keinem tendenziösen. Dann könnten Sie sich mit den Realitäten vertraut machen. Und mit dem Preis, den die Schreie vom angeblichen Herannahen der letzten Schlacht haben. Dann stünde der empörende Unfug der ,Prawda' in seiner ganzen Nacktheit vor Ihnen."
Doch Stalin bleibt zu Hause. Er und seine Genossen kommen selten aus dem Kreml heraus und kaum je mit dem Alltag des eigenen Landes in Berührung. "Sie verschlafen alles" in ihrer "Beschränktheit", spottet Tschitscherin übers heilige Politbüro, als es einen Antrag auf sowjetische Unterstützung für den antibritischen König von Afghanistan, Amanullah, kurzerhand von der Tagesordnung absetzt: Staatsoberhaupt Michail Kalinin, ein revolutionärer Schlosser aus den Petersburger Putilin-Werken, will nichts wissen von Diplomatie am Hindukusch, dafür aber alles über den Bau einer Landstraße zu den Moskauer Vororten.
Wortgewaltig kritisiert Tschitscherin die fortwährenden Säuberungen, die sein Amt nur beim Arbeiten störten. So etwas riskiert in anderen Politikbereichen schon längst keiner mehr. Nicht in den Gewerkschaften, nicht in den Regionen, nicht in der Armee, deren Enthauptung unmittelbar bevorsteht - nirgendwo auf den Korridoren der Macht. Dafür liegen die Folterwerkzeuge der Diktatur zu sichtbar bereit.
Ein Vierteljahr nach Lenins Tod erhält die "Hauptverwaltung für Literatur- und Verlagsangelegenheiten" (Glawlit) per neuem Pressegesetz alle Kontroll- und Zensurbefugnisse, die kennzeichnend sind für einen totalitären Staat. Ferngesteuert von Stalins Geheimpolizei ist künftig kein Anlass zu klein, kein Thema zu unbedeutend, um nicht umgehend Verbotsreflexe auszulösen.
So sind plötzlich "Mitteilungen über Selbstmorde" infolge von "Arbeitslosigkeit und Hunger" untersagt (1925), Tanzveranstaltungen durch Glawlit genehmigungspflichtig (1926), die Veröffentlichung genauer Fahrtrouten und Auftrittsorte von Regierungsmitgliedern verboten, Filmvorführungen auf dem Lande mit der OGPU abzustimmen (1926), Funkstationen und besonders deren Mikrofone zu bewachen wie militärische Einrichtungen (1927). Der Export von Bibeln aus Deutschland ist nicht mehr gestattet (1928), Werke des Dichters Michail Lermontow sind aus öffentlichen Bibliotheken zu entfernen (1931) - und so weiter, schier ohne Ende.
Tausende solcher Gängelungen und Verbotsvorschriften berichten beredter über die Periode des "großen Umschwungs" als viele Auftragsschreibereien jener Jahre - von Fjodor Gladkows "Zement" (1925) bis zu Wassilij Iljenkows "Triebachse" (1932). "Wenn wir unsere Kräfte nicht bis zum Heldentum steigern", erkennt am Romanende Gladkows Held Gleb Tschumalow, "dann gehören wir alle am Glockenturm aufgehängt." Ein literarischer Persilschein für Stalin, den Menschenverächter und obersten Antreiber auf der Großbaustelle Sowjetunion. Der Autor darf dafür denn auch, dekoriert mit zwei Stalinpreisen, friedlich im Bett seiner Moskauer Nomenklatura-Wohnung sterben.
Natürlich ist nicht alles Nötigung oder inszenierter Heldenkult, was die Stalinschen Fünfjahrpläne an industrieller Schweißauspressung generieren. Gewiss gab es daneben auch nach 10, 15 Jahren sowjetischer Praxis noch die Faszination des Umbruchs, das Hochgefühl sozialistischen Neubeginns, den Taumel industriellen Fortschritts.
In den Komsomol-Brigaden des riesigen Wasserkraftwerks Dnjeproges beispielsweise, das zwischen 1927 und 1932 bei Saporoschje in der südlichen Ukraine errichtet wird. Oder auf den Baustellen der Turksib, jener in rücksichtslosem Akkord über 1452 Kilometer gezogenen Eisenbahnlinie zwischen dem ehemaligen Turkestan und Sibirien. Oder bei der Rekordmontage der Landmaschinenfabrik in Rostow, die 1930 ebenso vorfristig in Betrieb geht wie das nach dem Tscheka-Chef Felix Dserschinski benannte Stalingrader Traktorenwerk.
Zum wichtigen Katalysator einer "lichten Zukunft", eines "fröhlicheren Lebens", ja generell "menschlichen Glücks" ernennt eine emsige Parteipropaganda jene neue, "Stalinsche" Verfassung, die der 8. Außerordentliche Sowjetkongress am 5. Dezember 1936 einmütig zum Grundgesetz des Landes macht.
In Moskau versammeln sich Belegschaften von Großbetrieben unter Transparenten mit der Aufschrift "Es lebe die Verfassung der Freiheit, der Freude und des Glücks". Im Kolchos "Roter Kämpfer" des Woronescher Gebietes begrüßen alle Bauern "mit Freude" die Verfassung und überhaupt "alle Gedanken des Genossen Stalin". Besonders jenen, dass keiner, der nicht am Sozialismus baut, mitessen darf von jenen angeblich "acht Milliarden Pud Brotgetreide (gut 131 Millionen Tonnen), die wir Kollektivbauern dem Lande geben".
Die ideologische Liturgie verlangt nicht nur die Erfüllung, sondern die Übererfüllung der Wirtschaftspläne: 1936 beispielsweise sind jedem Bediensteten der sowjetischen Eisenbahn vom Plan 310 000 "Tonnenkilometer" aufgegeben. Doch er schafft sogar 354 810 und damit eine propagandistisch bejubelte Planerfüllung von 114,4 Prozent.
Von Propaganda weit weniger ausgeleuchtet dagegen eine düstere Gegenwelt, ohne die viele Großbaustellen so wenig zu vollenden gewesen wären wie die Pyramiden oder das siebentorige Theben des Altertums: das Imperium der Straflager, kurz Gulag.
Nur als Stalins Unterdrückungspersonal noch glaubt, dem Volk sein Treiben als Besserungsarbeit und Kriminalitätsprophylaxe verkaufen zu können, wird ein Prestige-Objekt offen als gigantische Zwangsarbeit mit humanistischer Zielsetzung beworben - der Bau des Ostsee-Weißmeer-Kanals: Auf Plakaten des Jahres 1932 hantieren muskulöse Gestalten emsig mit Spaten und Montiereisen. "Kanal-Soldat", steht da, "durch heiße Arbeit schmilzt Deine (Haft-)Zeit."
120 000 Häftlinge schinden sich unter unmenschlichen Bedingungen für die Wasserstraße, die niemals wirtschaftliche Bedeutung erlangt; jeder zehnte verliert dabei sein Leben.
Später wird aufs Vorzeigen, gar auf Heroisierung der Sklavenarbeit verzichtet. Die Kohlegruben in Sibirien, die "fliegenden" Holzfäller-Lager zwischen der Weißmeerküste und Wologda, das Chemiekombinat von Solikamsk, die Steppenlager in Kasachstan, der Lagerverband für den Bau der Transsib und der Baikal-Amur-Eisenbahn mit seinen 260 000 Gefangenen, das Nickelkombinat von Norilsk nördlich des Polarkreises - sie alle kommen bereits ohne überflüssige Publizität aus.
Doch auch ohne darüber in den Zeitungen der Partei zu lesen, weiß der Sowjetbürger, wem in vielen Fällen die wirtschaftlichen Erfolge zu verdanken sind. Jedenfalls nicht seinen "Subbotnik" genannten unfreiwillig-freiwilligen Sonderschichten, an denen sich der Lyriker Wladimir Majakowski kurzfristig berauscht hat: "Hart ist der Winter. Die Kälte ist groß. Am Leib unsre Blusen, die schweißigen. Wir Kommunisten stapeln den Stoß Holz am Subbotnik, am fleißigen."
1930 ist die Stoßarbeit des Dichters für Stalins Sozialismus beendet. Majakowski erschießt sich, "quitt mit dem Leben", unter bis heute nicht geklärten Umständen. Im selben Jahr schreiben "Arbeiter und Angestellte" dem Generalsekretär Stalin einen anonymen Brief; die Genossen der OGPU registrieren einen Moskauer Poststempel und strafwürdige Offenheit. "Seit 13 Jahren", heißt es da, "verordnen Sie der russischen Bevölkerung alle möglichen Experimente. Sie lassen sie in Hunger und Kälte und Rechtlosigkeit verfaulen, Sie überziehen sie mit Terror und Beleidigungen ... Gehen Sie doch einmal inkognito in die Städte (von Moskau bis Wladiwostok) und Dörfer aller Republiken und hören Sie die Flüche, mit denen Arbeiter und Bauern Sie bedenken. Anders als ,Schurken' und ,Banditen' nennt Sie dort niemand."
Gewaltige Sammlungen von Dossiers und Spitzelberichten der Geheimpolizei belegen, dass der Personenkult um den "geliebten Stalin" weit mehr obrigkeitliche Inszenierung ist als Herzenssache des einfachen Volkes und seiner geliebten Dichter.
Niemand hat den Stalin-Mythos so eindringlich gegen den propagandistischen Strich gebürstet wie der russisch-jüdische Lyriker Ossip Mandelstam in seinem berühmten, nur heimlich kolportierten Gedicht aus dem Jahr 1933. Weil Stalin väterlicherseits vom wilden kaukasischen Bergvolk der Osseten abstammte, tritt er darin als "Bergmensch" auf:
Und wir leben, doch die Füße, sie spüren keinen Grund, / Auf zehn Schritt nicht mehr hörbar, was er / spricht, unser Mund, / doch wenn's reicht für ein Wörtchen, ein kleines - / Jenen Bergmenschen im Kreml, ihn meint es. / Nur zu hören vom Bergmenschen im Kreml, dem Knechter, / vom Verderber der Seelen und Bauernabschlächter. / Seine Finger wie Maden so fett und so grau, / Seine Worte wie Zentnergewichte genau. / Lacht sein Schnauzbart dann - wie Küchenschaben, / Und sein Stiefelschaft glänzt hocherhaben. / Um ihn her - seine Führer, die schmalhalsige Brut, / Mit den Diensten von Halbmenschen spielt er, mit Blut. / Einer pfeift, der miaut, jener jammert, / Doch nur er gibt den Ton - mit dem Hammer. / Und er schmiedet, der Hufschmied, Befehl um Befehl - / In den Leib, in die Stirn, dem ins Auge fidel. / Jede Hinrichtung schmeckt ihm - wie Beeren, / Diesem Breitbrust-Osseten zu Ehren.
Verbannung und eine spätere Verurteilung zu fünf Jahren Lagerhaft sind der Preis für diese Dichtung, deren Kenntnis auch Mandelstams Gönner Bucharin mit in den Tod reißt. Mandelstam selbst stirbt Ende 1938 in einer Krankenbaracke bei Wladiwostok. Doch davon weiß die Öffentlichkeit der westlichen Demokratien nichts - und so lässt sie sich vom propagandistischen Spektakel ebenso blenden wie von gigantischen ökonomischen Erfolgsziffern, mit denen die sowjetische Statistik Jahr für Jahr aufwartet.
Eine angeblich um das 19fache hochgefahrene Industrieproduktion allein zwischen 1924 und 1937: Mit einem Warenwert von 103 Milliarden Rubel, siebenmal so viel wie die Industrie unterm Zaren im letzten Friedensjahr vor dem Ersten Weltkrieg zu produzieren imstande war. Landwirtschaftliche Erzeugung - seit 1913 um das Anderthalbfache gestiegen. "Wir wollen nicht übertreiben", frohlockt 1935 Wjatscheslaw Molotow, Stalins Schatten, den sie in der Partei den "steinernen Hintern" nennen, aber die Werktätigen wüssten längst, "dass unser Land auf dem Wege ist, reich zu werden".
Apparat-Rhetorik sechs Jahre vor dem nächsten Krieg, der die letzten Reserven aus dem Land herausquetscht - kaum zwei Jahre nach der grausamen, von Molotow mitverschuldeten Hungersnot in der Ukraine. Aus dieser einstigen Kornkammer Russlands hatten Zwangsenteignung und Zwangskollektivierung, drakonische Getreideabgabe-Quoten und brutale Polizeiaktionen auf dem Lande binnen fünf Jahren ein Siechenhaus gemacht, in dem 3,7 Millionen Menschen qualvoll umkamen.
Während Molotow in Vorstellungen von zukünftigem Reichtum und Überfluss schwelgt, verschafft sich sein Genosse Jan Gamarnik, Armeekommissar und Chef der militärischen Polit-Verwaltung, ein Bild von der tatsächlichen Lage. Regelmäßig müssen sämtliche Wehrkreise detaillierte Berichte über die Stimmung in der Truppe liefern - und die ist in der Ukraine auch noch im April 1935 miserabel.
Er "glaube nicht, was über die Parteitage so geschrieben wird", räsoniert Rotarmist Masurkewitsch, "solange meine Mutter vom ständigen Hunger ganz aufgedunsen ist". Kommandeur Kurilenko, ebenfalls vom Lande, weiß von vielen Hungernden daheim und meint, den Bauern würde "es besser gehen, wenn sie noch individuell wirtschaften könnten wie 1926, 1927". Soldat Kolodko fragt sich sogar, "warum ich dieses Land überhaupt noch verteidigen soll, wo sie von zu Hause schreiben, dass es nichts mehr zu Essen gibt".
Doch die meisten Polit-Offiziere sorgen sich nur noch um die eigene Karriere. Statt politischer Anwalt ihrer Bauern-Soldaten zu sein, die im Vergleich zu Zivilisten wenigstens noch 175 Gramm Fleisch täglich erhalten, reichen sie die Dossiers an Geheimdienststellen weiter, die jede Kritik an schlechter Versorgung und am Lebensmittelkarten-System erbarmungslos im Keim ersticken.
Stalin hat angeordnet, Lebensmittel-Reserven dort zu konzentrieren, wo Schlüsselindustrien aufgebaut werden. Wer nicht für die Industrialisierung arbeitet, braucht auch nicht zu essen, heißt die Logik. Das ist bei einer Bevölkerungsverteilung von etwa 40 Millionen Menschen in den Städten und rund 120 Millionen auf dem Lande brutalster Sozialdarwinismus. "Stalin steht auf der Tribüne, hält den Hammer mit der Sichel", dichteten die Dörfler der dreißiger Jahre, "unter ihm, da liegt der Bauer, ohne Hemd und ohne Hose."
Ein tollkühner Arbeiter namens Bogomolow schreibt Mitte der dreißiger Jahre in einem Brief an Stalin, was ein trister Dorfladen mitten in Zentralrussland so im Angebot hat: "Gutes Salz ist Mangelware. Nur ungemahlenes gibt es, solche Klumpen, fürs Vieh. Seife ist schon seit einem Monat aus. Schuhsohlen, eine wichtige Sache für Bauern, gibt es auch nicht. Vorhanden sind gegenwärtig drei Taschentücher, zehn Paar graue Filzstiefel und ein halbes Regal voll Wodka."
Wo hart erarbeitetes Geld nichts mehr kaufen kann, werden spezielle Versorgungseinrichtungen für spezielle Bevölkerungsgruppen rasch zu zusätzlichen Instrumenten politischer Disziplinierung. Wer 1932 als Bewohner des Regierungshauses am Moskauer Bolotnaja-Platz Anspruch auf eine Sonderration, genannt "Spez-Pajok", hat, erhält monatlich vier Kilogramm Fleisch und die gleiche Menge Wurst, drei Pfund Butter, zwei Liter Pflanzenöl, sechs Kilogramm frischen Fisch und zwei Kilogramm Heringe, je drei Kilogramm Zucker und Mehl, drei Kilogramm Nudeln, acht Dosen Konserven, 20 Eier, zwei Kilogramm Käse, ein Kilogramm Kaviar, 50 Gramm Tee, 1200 Zigaretten, zwei Stück Seife und täglich 800 Gramm Brot und einen Liter Milch. Alles war "beinahe kostenlos", notiert sarkastisch eine neuere Studie zur Bevölkerungsversorgung in jener Zeit, "und man konnte durchaus davon satt werden".
Doch obwohl für alle Nichtprivilegierten der Hunger eine Alltagserfahrung ist, obwohl die Listen enttarnter Volksfeinde und die Schlangen verzweifelter Angehöriger vor der Geheimdienst-Zentrale am Moskauer Lubjanka-Platz immer länger, die Heere der Jasager und Zuträger immer größer werden, obwohl sich über Gegenwartskunst, Literatur und Theater der graue Nebel ideologischer Monotonie senkt, ist es für viele Zeitgenossen eine große Zeit, die größte ihres Lebens.
Sie schauen durch die sich zunehmend menschenverachtend gebärdende Ein-Mann-Diktatur gleichsam hindurch, spüren ausländischen Respekt vor neuer Stärke und den inneren Bann permanenter Erfolgsmeldungen, die Ansprüche auf eine Weltmacht-Rolle und globalen Einfluss mehr als plausibel zu machen scheinen: hohe ökonomische Zuwachsraten von jährlich 16 Prozent und mehr, Selbstversorgung mit Traktoren und anderer Agrartechnik, eine gigantische Bildungsoffensive, die binnen eines Jahrzehnts den Analphabetismus im Lande mehr als halbiert und 1927 mit Schüler- und Studentenzahlen (10,7 Millionen und 169 000) aufwartet, die Resultate zaristischer Akademikerausbildung weit hinter sich zurücklassen.
Wo es den Anschein hat, dass unentwegt gewaltige Erfolge errungen, Aufgaben von historischer Größe bewältigt werden, scheint vielen grobes, ja grausames Staatsgebahren hinnehmbar, mitunter sogar geboten zu sein. Und umgekehrt trägt das unfassbare Ausmaß der Apparatgewalt zu einer mitunter grotesken Umwertung uralter Ängste bei:
Als beherzte Ärzte 1939 von Moskau eine drohende Pest-Epidemie abwenden, wird auch ein älterer Mediziner wegen Kontaktverdachts vom Geheimdienst in Quarantäne geschafft - auf bewährte Art: frühmorgens, ohne Erklärungen, mit der knappen Weisung, nur das Nötigste mitzunehmen. Der Mann ist verwirrt, weiß nicht, was "dort" vonnöten ist und noch weniger, was er sich hat zuschulden kommen lassen. Als er endlich von der Isolierstation seine Frau anrufen darf, tut er es mit folgenden, von dem berühmten Pathologen Jakow Rapoport überlieferten Worten: "Sorge dich nicht, meine Teure, es ist nicht das Schreckliche, was wir befürchtet haben - es ist nur die Pest."
Aber auch jenseits solcher Ausnahmesituationen scheinen Defizite an persönlicher Freiheit und bürgerlichen Rechten für Millionen akzeptabel, solange sie sich als innere und äußere Stärke des Staates darstellen lassen. Allenfalls Minderheiten haben eine Vorstellung von diesen Werten einer vom römischen Recht geprägten Zivilisation, die jahrhundertelang nur als ideologische Kontrabande ins orthodoxe Russland gelangen konnten. Deshalb vermisst kaum einer, was er niemals oder nur kurz geschmeckt hat.
Und deshalb blieb vielen Russen die Kritik unverständlich, Stalins Konzept für Modernisierung und Industrialisierung sei, ganz abgesehen vom Aspekt der damit verbundenen Massenverbrechen, weder besonders effektiv noch kostengünstig gewesen. Berücksichtige man den immer noch erbärmlichen Lebensstandard der Menschen, schrieb beispielsweise der deutsche Sozialhistoriker Richard Lorenz bereits in den siebziger Jahren, "hat die Sowjetunion unter Stalin den teuersten Weg zur Industriegesellschaft eingeschlagen".
Doch die Angemessenheit des Preises wird immer strittig bleiben. Denn niemand kann ausschließen, dass alle anderen Wege wenige Jahre später in die Niederlage gegenüber der nationalsozialistischen Aggression aus Deutschland geführt hätten. F

Die Kommunalka
Der sowjetische Alltag ist vom entnervenden Gedränge in der üblichen Wohnung, genannt "Kommunalka", geprägt: Etliche Familien leben auf engstem Raum, oft müssen sich mehrere Generationen ein Zimmer teilen - egal ob es um Liebe geht oder ob jemand stirbt. Ständig tobt Streit über die Küche und das Klo für alle, über Geräusche und Gerüche. Für Privatleben ist kein Platz. "Schlaf schneller, Genosse", fordert Satiriker Michail Sostschenko, "dein Bett braucht schon ein anderer."

Politischer Witz
Drei Männer treffen in einer Gefängniszelle zusammen und fragen einander nach dem Grund ihrer Verhaftung. Der Erste sagt, er sitzt wegen einer negativen Äußerung über Karl Radek, den führenden sowjetischen Publizisten und Politiker. Der Zweite sagt, er sitzt, weil er Karl Radek gelobt hat. Der dritte Häftling schweigt melancholisch. Als die beiden ihn fragen, antwortet er: "Und ich - ich bin Karl Radek ..."

PROZEDUREN
* Den Schädel mit einem Eisenring zusammenpressen;
* den Angeklagten in ein Säurebad tauchen;
* ihn nackt und gefesselt Ameisen oder Wanzen aussetzen;
* ihm eine glühende Stahlrute in den After treiben ("Geheimstempel");
* langsam mit dem Stiefel seine Geschlechtsteile zertreten.
Einige typische sowjetische Foltermethoden in den dreißiger Jahren, aufgezählt und beschrieben in ALEXANDER SOLSCHENIZYN, "Der Archipel Gulag".

"Unsere Lokomotive fährt voran zur Station Kommunismus. Wir kennen keinen anderen Weg. In unseren Händen, Karabiner."
Sowjetisches Lied.
Von Jörg R. Mettke

SPIEGEL SPECIAL Geschichte 4/2007
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