18.12.2007

ORTSTERMINSCHATTENREICH DES FÜHRERS

FKein Wegweiser, keine Gedenktafel führt zu diesem Ort. Haus Nummer 6 an der Moskauer Starowolynskaja-Straße liegt verschwiegen hinter vier Meter hohen Holzzäunen in einem Wald aus hundertjährigen Birken und Fichten.
Knarzend wird das Eisentor zur Seite gerollt. Dahinter sind Offiziere des präsidialen Wachdienstes FSO auf Posten. Sie schotten das Allerheiligste der vor einem halben Jahrhundert versunkenen stalinistischen Ära bis heute vor der Außenwelt ab: das Gelände der Stalin-Datscha.
Die "Blischnjaja", die dem Kreml nächstgelegene der staatlichen Residenzen, war Stalins Zuhause in den letzten knapp 20 Jahren seiner Herrschaft. Von hier aus hat er, wenn er nicht im Kreml saß, die Vernichtung tatsächlich wie ein vermeintlich Andersdenkender gelenkt, und die unerhört gewaltsame Industrialisierung seines Landes betrieben. Hier ist er, am 5. März 1953, den Folgen eines Schlaganfalls erlegen.
Ein Asphaltweg führt unter gewaltigen Baumkronen vorbei am 1942 erbauten, türkisfarbenen Luftschutzbunker des "Woschd", des Führers aller Sowjetmenschen, vorbei am Bade- und Billardhäuschen auch, hinein ins Schattenreich Stalins. "Selbst auf Luftbildern der Faschisten im Zweiten Weltkrieg war hier nichts zu erkennen", sagt der Sprecher des Wachdienstes: "Und bis gestern hat kein westlicher Korrespondent hierher auch nur einen Fuß gesetzt."
Was im sowjetischen Volksmund verniedlichend die "Stalin-Datscha" hieß und Gegenstand furchtsamen Getuschels war, erweist sich beim Augenschein als zweistöckige klassizistische Villa mit dorischem Säulenportal, 13 Veranden und mehr als 1100 Quadratmeter Wohnfläche pro Stockwerk.
Das Zentrum von Stalins Schattenreich war der Große Speisesaal. Hier hat er Hof gehalten, in Gesellschaft von Staatsgästen wie dem Chinesen Mao Zedong oder dem Jugoslawen Milovan Djilas. Hier hat er den Genossen vom Politbüro abends Brot und grausame Spiele verordnet. Und hier ist er am Ende, umgeben von Ärzten, deren vor Furcht zitternde Hände zeitweise den Dienst versagten, gestorben.
Dicke Gardinen und hohe Bäume vor dem Fenster schlucken das Tageslicht im Großen Speisesaal. Es riecht wie immer in Räumen, die niemand mehr nutzt und trotzdem niemand zu verändern wagt. Im Eck steht unversehrt der Schallplattenschrank aus Nussbaumholz, ein Geschenk Winston Churchills und Lieblingsspielzeug des Hausherrn. Auch Servietten mit Stalins Monogramm und der Telefonsessel mit den um acht Zentimeter verlängerten Füssen für den kleinwüchsigen Despoten sind erhalten.
Der Diwan von zwei Meter Länge, auf dem Stalin nach viertägigem Todeskampf starb, ist mit einem weißen Leinenbezug und einer Steppdecke versehen. Rund um ihn waren, während der so bewunderte wie gehasste "Stählerne" mit dem Tode rang, all jene Politbüro-Mitglieder versammelt, die das Schicksal der Sowjetunion in den folgenden Jahren bestimmen sollten.
Das Diadochen-Quartett, bestehend aus Lawrentij Berija, Nikolai Bulganin, Georgij Malenkow und Nikita Chruschtschow hatte noch am Abend vor Stalins Zusammenbruch bis vier Uhr morgens die zweifelhafte Ehre genossen, beim letzten der berüchtigten Datscha-Gelage dabei zu sein. Bei jener Pflichtveranstaltung für den engsten Kreis also, die Stalin ersonnen hatte, um seine Vertrauten gefügig und durch mannhaftes Zechen gesprächig zu machen.
Rund um die lange Tafel mit den 18 Stühlen, die bis heute den Großen Speisesaal ziert, wurden die nach dem Generalissimus mächtigsten Männer der Sowjetunion zu grotesken Demutsgesten genötigt. Außenminister Molotow hatte, seine Frau war da schon in den Gulag verbannt, mit einem polnischen Kommunisten Walzer zu üben. Chruschtschow bekam ein Schild mit der Aufschrift "Schwanz" angeheftet oder musste, aller Leibesfülle zum Trotz, in der Hocke schmissige Kosaken-Hits vortanzen. ZK-Kultursekretär Andrej Schdanow assistierte am Steinway-Flügel.
Die Pläne, Stalins geheimes Refugium auf 26 Hektar Grund im Wolhyner Wald in ein Museum zu verwandeln, sind 1955 auf Eis gelegt worden. Seither ist offen, was werden soll aus dem steinernen Erbe des Mannes, der sich "Vater der Völker" nannte und mehr Landsleute in den Tod schicken ließ als jeder andere Herrscher im 20. Jahrhundert.
Stünde er zur Wahl, würde trotzdem gut ein Viertel der jungen Russen für Stalin stimmen. Darum werden die Türen zur Wald-Villa dem Volk wohl weiter verschlossen bleiben. Eine Gedenkstätte ist nicht geplant, eine Pilgerstatt unerwünscht, sagt der Mann vom Kreml-Sicherheitsdienst: "Solange Stalinismus als gesellschaftliches Phänomen in Russland existiert, können wir hier kein Museum einrichten." WALTER MAYR
Von Walter Mayr

SPIEGEL SPECIAL Geschichte 4/2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


SPIEGEL SPECIAL Geschichte 4/2007
Titelbild
Abo-Angebote

Sichern Sie sich weitere SPIEGEL-Titel im Abo zum Vorteilspreis!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Video 01:20

Video zeigt Schiffsunglück Fähre rammt Kaimauer auf Gran Canaria

  • Video "Video zeigt Schiffsunglück: Fähre rammt Kaimauer auf Gran Canaria" Video 01:20
    Video zeigt Schiffsunglück: Fähre rammt Kaimauer auf Gran Canaria
  • Video "Amateurvideo zeigt Angriff: Fallschirmbomben gegen syrischen Ort" Video 00:45
    Amateurvideo zeigt Angriff: Fallschirmbomben gegen syrischen Ort
  • Video "Webvideos der Woche: Mitschleifer, Umkipper, Querparker" Video 03:05
    Webvideos der Woche: Mitschleifer, Umkipper, Querparker
  • Video "Videoanalyse zur Wahl in Frankreich: Wie knapp wird es nach dem jüngsten Anschlag?" Video 03:22
    Videoanalyse zur Wahl in Frankreich: Wie knapp wird es nach dem jüngsten Anschlag?
  • Video "Proteste gegen Parteitag in Köln: Spießrutenlauf für AfD-Delegierte" Video 02:36
    Proteste gegen Parteitag in Köln: Spießrutenlauf für AfD-Delegierte
  • Video "US-Amateurvideo: Truck schleift PKW meilenweit mit" Video 01:36
    US-Amateurvideo: Truck schleift PKW meilenweit mit
  • Video "Videoanalyse zum AfD-Parteitag: Die schwerste Niederlage für Frauke Petry" Video 02:41
    Videoanalyse zum AfD-Parteitag: "Die schwerste Niederlage für Frauke Petry"
  • Video "Aeromobil: Das fliegende Auto" Video 00:52
    Aeromobil: Das fliegende Auto
  • Video "Blauwale beim Fressen gefilmt: Manchmal hat der Krillschwarm Glück" Video 00:44
    Blauwale beim Fressen gefilmt: Manchmal hat der Krillschwarm Glück
  • Video "Videoanalyse zur Wahl in Frankreich: Wie knapp wird es nach dem jüngsten Anschlag?" Video 03:22
    Videoanalyse zur Wahl in Frankreich: Wie knapp wird es nach dem jüngsten Anschlag?
  • Video "Kipp-Laster: Hochfahren kommt vor dem Fall" Video 00:34
    Kipp-Laster: Hochfahren kommt vor dem Fall
  • Video "Militärübung Max Thunder: USA und Südkorea proben Szenarien gegen Nordkorea" Video 01:41
    Militärübung "Max Thunder": USA und Südkorea proben Szenarien gegen Nordkorea
  • Video "Vorwurf sexuelle Belästigung: Fox-News-Star Bill O'Reilly gefeuert" Video 01:08
    Vorwurf sexuelle Belästigung: Fox-News-Star Bill O'Reilly gefeuert
  • Video "Info-Panne im Pentagon: Wie sich der US-Flugzeugträger verfuhr" Video 02:17
    Info-Panne im Pentagon: Wie sich der US-Flugzeugträger "verfuhr"
  • Video "Rummenigge in Rage: Wir wurden beschissen" Video 03:15
    Rummenigge in Rage: "Wir wurden beschissen"