18.12.2007

DAS IMPERIUM EXPANDIERTHERRSCHAFT DER GREISE

18 Jahre lang stand Leonid Breschnew der kommunistischen Großmacht vor, fast die Hälfte davon als schwerkranker Mann - sein Name steht für totale Stagnation und für den Niedergang des Sowjetexperiments.
Es war eine Begegnung der unheimlichen Art. Für einen Journalisten wie den Autor, damals Moskau-Korrespondent des SPIEGEL und mit dem Wagen unterwegs, waren die Beobachtungen, die er inmitten der russischen Waldaihöhen an einem Sommernachmittag des Jahres 1981 machen konnte, so sensationell wie riskant:
Jäh öffnete sich der Blick durch den Wald auf eine großflächige Kreuzung. Eine ungewöhnlich breite Trasse, offenbar frisch betoniert und nach beiden Seiten mit Fahrverbotsschildern und Schranken gesperrt, querte die Fernstraße M-10 Leningrad-Moskau. Dort stoppte abrupt eine Kolonne von dunkelgrünen Militärfahrzeugen, die aus östlicher Richtung heranpreschten. Soldaten mit Maschinenpistolen sprangen heraus, sperrten die Straße und sicherten die Trasse nach allen Seiten hin ab.
Dann dröhnender Motorenlärm. Auf der Betonpiste rollten mit Tarnnetzen überspannte vielachsige Selbstfahrlafetten vorbei. Auf ihnen waren röhrenartige Ungetüme verankert, je etwa 20 Meter lang, gut 2 Meter hoch - vorn abgeflacht, hinten, mit Planen abgedeckt, eine Art Höcker.
Auch für das ungeübte Auge war klar: Hier fuhren gewaltige Raketen auf ihren fahrbaren Abschussrampen entlang. Den Maßen nach konnten es nur SS-20 sein: jene neuen sowjetischen Wunderwaffen, die damals mit ihrer Reichweite von annähernd 5000 Kilometern und bis zu drei atomaren Sprengköpfen Westeuropa in Angst und Schrecken versetzten.
War das die Gelegenheit für einen journalistischen Scoop? Noch nirgendwo war ein Foto der geheimnisvollen Waffe erschienen. Die Kamera lag griffbereit im Wagen. Doch da draußen verfolgten Soldaten jede Bewegung, hatten den Mercedes mit der Korrespondenten-Nummer längst im Visier. Aussteigen war unmöglich, ein Schnappschuss durch die Scheibe ebenso gefährlich. War ein Foto eine womöglich jahrelange Haft wegen "Spionage" wert?
Die Vernunft sagte nein. Die ersten SS-20-Fotos erschienen dann erst Jahre später, nachdem sich die Konfrontation um die Raketen weiter zugespitzt hatte. Sie führte zur Nato-Nachrüstung mit "Pershing"-Raketen und Marschflugkörpern und damit zu einem erneut hektischen Waffenwettlauf zwischen Ost und West, dessen astronomische Kosten wesentlich zum Zusammenbruch der Sowjetunion beitrugen.
Es war die Ära Leonid Breschnews, der 18 lange Jahre über das rote Imperium herrschte, fast die Hälfte davon schwerkrank - jene Zeit, da das Land längst der Stagnation anheimgefallen war. Das Experiment Sowjetunion war in einer Sackgasse steckengeblieben. Der deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt verglich die sieche Weltmacht zu dieser Zeit mit einem afrikanischen Entwicklungsland, als er sie ein "Obervolta mit Raketen" nannte.
Im Oktober 1964 hatte die Führung der KPdSU gegen ihren Chef Nikita Chruschtschow geputscht und ihn gestürzt. Es war ein unblutiger Machtwechsel: Die Politbürokraten zitierten Chruschtschow aus dem Schwarzmeerurlaub zurück und schickten ihn einfach in Pension. Nachfolger Leonid Illjitsch Breschnew, 57, wurde als Kompromisskandidat erkoren und beließ dem Vorgänger sogar die meisten seiner Privilegien - eine monatliche Pension in Höhe von 500 Rubel, Datscha und Stadtwohnung, Essen im Kreml-Speisesaal und ein Auto mit Chauffeur.
Wie alle seine Vorgänger kam der neue Kremlherr aus der Provinz, dem ukrainischen Dnjepropetrowsk. Im Krieg hatte er es als Politoffizier bis zum Generalmajor gebracht. Damals wurde er in der Personalakte noch als Ukrainer geführt. Erst später, nach Beginn der höheren Karriere in der KPdSU, verwandelte er sich in einen "Russen".
Vom Aussehen her war Breschnew geradezu "ein Bild von einem russischen Mann", wie der langjährige Moskau-Korrespondent Gerd Ruge schreibt: ein untersetzter stattlicher Kerl mit dichtem schwarzen Haar und auffallend buschigen Augenbrauen, im Gegensatz zum gemeinen sowjetischen Apparatschik in elegante Maßanzüge gekleidet, jovial und seiner Wirkung auf Frauen bewusst.
Davon zeugten diverse "Soldatenbräute", die dem einstigen General bei seinen Reisen als Begleiterinnen dienten, wie auch seine Krankenschwester in den späteren Leidensjahren, eine Dauer-Geliebte, deren Ehemann zum General befördert wurde. Auf seine Frauengeschichten war Breschnew durchaus stolz. Als sein bevorzugter westlicher Gesprächspartner Willy Brandt nach dem Skandal um den DDR-Spion Günter Guillaume zurücktrat und dabei auch von Frauenaffären die Rede war, konnte Breschnew das nicht begreifen: "Fotos mit Weibern? Dafür würde ich noch Geld hinlegen, besonders, wenn ich darauf wie ein richtiger Mann aussehe."
Die Ära des nach Stalin am längsten herrschenden Parteichefs war widersprüchlich wie die von keinem seiner Vorgänger und Nachfolger. Sie war zwar vielleicht insgesamt die friedlichste Zeit der gesamten Sowjetgeschichte. Aber sie wurde auch durch Gewaltakte wie die Niederschlagung des Prager Frühlings im Jahr 1968 unterbrochen.
Nach langem Zögern entschied sich Breschnew für eine militärische Beendung des international populären Versuchs der tschechoslowakischen KP, Sozialismus und Demokratie zu verbinden. Von drei Seiten her marschierten am 20. August 1968 Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei ein. Dass es nicht zu einem Blutbad kam wie in Budapest 1956, war den Prager Führern zu danken - Verteidigungsminister General Martin Dzúr veranlasste, dass die Soldaten in den Kasernen blieben.
Die abtrünnigen Prager Genossen jedoch mussten in Moskau ein Protokoll unterschreiben. Es dekretierte ein sofortiges Ende der Prager Reformen. Ein politischer Witz aus jenen Tagen geht so: "Bei einem Treffen in Moskau beschlossen die brüderlichen kommunistischen Parteien, den Genossen Dubcek im Hinblick auf seine Verdienste um die Sache des Sozialismus aufzuhängen. Die Hinrichtung fand in freundschaftlicher Atmosphäre statt." In der Sowjetunion reagierten Dissidenten auf den Gewaltakt mit vereinzelten Demonstrationen, die jedoch sofort aufgelöst wurden. Weltpolitisch war die Invasion für Moskau ein Desaster. Auch mehr als 50 Bruderparteien protestierten gegen den Gewaltakt oder schwiegen - darunter die kommunistisch regierten Staaten Jugoslawien, China und Rumänien sowie die mächtige KP Italiens. Nur wenige wagten es, sich gegen solche Zustände aufzulehnen. Sie wurden verhaftet und abgeurteilt wie die Schriftsteller Julij Daniel und Andrej Sinjawski, verbannt wie der Nobelpreisträger Andrej Sacharow, der 1968 verlangte, Moskau solle die im Prager Frühling propagierten demokratischen Reformen übernehmen. Oder sie wurden in Irrenanstalten gesperrt - wie jener Leutnant, der 1969 vor dem Kreml auf Breschnews Auto geschossen hatte.
Hatte Chruschtschow noch versucht, sich von Stalin zu distanzieren, so deckte Breschnew nun den Mantel des Schweigens über die Untaten des Generalissimus. Er ließ an dessen Grab vor der Kremlmauer - dorthin hatte Chruschtschow den anfangs im Mausoleum aufgebahrten Leichnam verbannt - sogar eine Granitbüste aufstellen. Auch den von Chruschtschow verdammten Personenkult belebte er mit zunehmenden Alter neu und schmückte sich wieder mit dem Titel eines Generalsekretärs.
Der spätere Außenminister der Wende, Eduard Schewardnadse, umschmeichelte den Parteichef als "Steuermann, der das Volk in den reinen Himmel, zu den klaren Gipfeln des Kommunismus hob" - und das zu einer Zeit, als der schon längst "in einem Dämmerzustand" vor sich hin vegetierte (so der zeitweilige Botschafter in Bonn, Walentin Falin). Breschnew ließ sich zum Staatsoberhaupt und zum Marschall ernennen (was außergewöhnliche Privilegien mit sich brachte - etwa das exklusive Recht auf eigenen Grund und Boden) sowie mit einer ans Groteske grenzenden Ordensflut überhäufen. Allein 21 sowjetische Auszeichnungen trug er wie eine "Ikonenwand auf seiner breiten Brust" (Falin), dazu kamen noch 15 ausländische Orden. Leninpreise sammelte er zuhauf - insgesamt sieben -, einen unter anderem für Literatur: Der wurde ihm für die drögen Schilderungen seiner mageren Kriegstaten verliehen, die ein anonymes Autorenkollektiv verfasst hatte.
Der Generalsekretär selbst las so gut wie nichts, außer Zirkusheften und Autojournalen. Vertrauten gegenüber rühmte sich der Chef der KPdSU, weder Marxens "Kapital" noch Lenins Werke je genau gelesen zu haben. Sein Dogma: "Das Land ist stabil, friedlich und in gutem Zustand. Ich freue mich, dass bei uns alles normal vonstattengeht." Der "entwickelte Sozialismus", auch eine Wortschöpfung der Breschnew-Zeit, hatte im sowjetischen Alltag freilich seine Tücken. Wenn das Gerücht umlief, im Moskauer "Dom mebeli" werde es demnächst brauchbare Möbel geben, blockierten Tausende Moskauer schlagartig die umliegenden Straßen und organisierten sich in sogenannten Sotnjas - Hundertschaften, wie die Kosaken sie in Kriegszeiten gebildet hatten. Nur so war das tagelange Anstehen nach einem neuen Tisch oder Schrank zu überstehen.
Dabei hätte das riesige Land, das sich über elf Zeitzonen ausdehnte und mit Bodenschätzen aller Art gesegnet war, aufgrund seiner schier unerschöpflichen Ressourcen durchaus den höchsten Lebensstandard der Welt erreichen können.
Doch außer der Rüstung und dem Geheimdienst mit seinen Millionen Informanten funktionierte nicht allzu viel. An die Stelle des verheißenen Sozialismus fürs Volk trat ein neues "Feudalsystem" (Wolkogonow) von einigen hunderttausend Privilegierten. So sah es wirklich aus zwischen Kaliningrad und Wladiwostok: Gerade mal 177 Rubel verdiente der Durchschnittsbürger 1982 am Ende der Breschnew-Ära (nach dem damaligen offiziellen Kurs in heutiger Währung knapp 300 Euro, nach dem realistischen damaligen Kurs auf dem Schwarzmarkt maximal 100 Euro). Jedem Sowjetbürger standen zu jener Zeit laut Plan neun Quadratmeter Wohnraum zu. In der Praxis teilten sich bis zu vier mehrköpfige Familien eine Wohnung mit Gemeinschaftsküche, -toilette und -bad, was die Kriminalität anheizte und jungen Paaren keinerlei Privatsphäre ermöglichte. Die Lebenserwartung der Männer lag bei 61 Jahren, was vor allem dem hohen Alkoholkonsum geschuldet war, den der Staat als Wodka-Monopolist förderte.
Die Hälfte des Einkommens gaben Sowjetbürger für Nahrungsmittel aus. Für deren Erwerb mussten sie statistisch 550 Stunden im Jahr Schlange stehen. 37 Milliarden Arbeitsstunden wurden auf diese Weise jährlich vergeudet. Die Hauptvitaminquelle der Russen, der Kohl, wurde von Kolchoslastern direkt vor die Geschäfte gekippt, ebenso die oft verschimmelten oder gefrorenen Kartoffeln. An jedem einzelnen Ei musste der Kunde riechen, um herauszufinden, ob es nicht schon faul war. Einzig Brot war in annehmbarer Qualität zu haben, aber auch das nur dank umfangreicher Getreideimporte aus dem Westen - bis zu 42 Millionen Tonnen jährlich. Dafür wurden nicht nur Erlöse aus dem Gas- und Erdölexport aufgewendet, sondern noch Hunderte Tonnen des Goldschatzes verkauft.
"Defizit"-Ware, wie gehobene Artikel genannt wurden, verkauften die Angestellten meist unter dem Ladentisch. Als während der Olympischen Spiele 1980 unter anderem deutsche Butter in Städten angeboten wurde, in denen es sportliche Wettbewerbe gab, kam es zu Schlägereien zwischen aufgebrachten Kundinnen und Verkäufern, welche die begehrte Ware für eine besser zahlende Klientel horteten.
Ein Drittel der Gesamtproduktion verschwand spurlos: nur auf dem Papier hergestellt, verdorben, gestohlen, auf dem Schwarzmarkt verramscht.
Mit dieser Realität mussten normale Bürger überall täglich kämpfen. Ob Pfeffer oder Kaffee, Brillen oder Gummistiefel, Theaterkarten oder Flugtickets - alles musste auf krummen Wegen besorgt werden.
Wer hingegen hinreichend Rubel besaß, musste nicht darben. Auf den privaten Märkten der Kolchosbauern wurde das Angebot nie knapp: Tomaten und Gurken gab es dort, Äpfel und Birnen, Pilze und Beeren, Weintrauben, Zitronen und Feigen aus dem Kaukasus, riesige Melonen aus Usbekistan, aber auch köstliche saure Sahne, Fische, schieren Speck als Grundlage für flaschenweise hinuntergespülten Wodka, Geflügel, sogar Spanferkel. Alles freilich zu einem Vielfachen des Ladenpreises - das Kilogramm Tomaten etwa für 10 Rubel, offiziell damals gut 15 Euro.
Insgesamt stammten von den vier Prozent Boden, der landesweit für Selbstversorgung und privaten Handel bewirtschaftet werden durfte, etwa ein Drittel aller im Land erzeugten Lebensmittel - denn nur auf dieser Scholle wurde wirklich geackert; die Kolchosen blieben über all die Jahrzehnte ineffektiv.
Dies war der Alltag in einem insgesamt hochindustrialisierten Staat, in dem es aber immer wieder keine Zahnbürsten gab, keine Glühbirnen oder Batterien, keine Wecker, keine Schrauben und keine Antibabypillen. Abtreibungen dagegen, die Zehntausende junge Frauen alljährlich über sich ergehen ließen, kosteten ganze fünf Rubel.
Als das Land unter Breschnew den 60. Jahrestag der Revolution beging, war die große Sowjetmacht längst nur noch auf Papier gebaut - auf einen Plan, der für fünf Jahre von einer gigantischen Bürokratie ausgeheckt, in der Praxis aber nie erfüllt wurde. Mehr als 60 Ministerien - darunter welche für "Mittleren Maschinenbau" oder "Kraftwerke" - verwalteten eine real gar nicht existierende Wirtschaft.
Die Arbeiter ("Die da oben tun so, als ob sie uns bezahlen, und wir tun so, als ob wir arbeiten") verharrten unter solchen Umständen im ständigen Bummelstreik. "Daumendrehen, Diebstahl und Trunksucht" galten, so ein emigrierter Dissident, als die üblichen Verhaltensweisen der Sowjetgesellschaft.
Für die herrschende Elite war es, wie alle wussten, ein goldenes Zeitalter der Selbstbedienung - so Georgij Arbatow, ein Mitarbeiter Breschnews. Breschnew selbst, ein Autonarr, verfügte über einen Fuhrpark von 80 Luxusautos, darunter Rolls-Royce und handgefertigte Panzerlimousinen vom Typ "Sil". Wollte er seiner Leidenschaft frönen, der Jagd, konnte er unter mehr als 100 Gewehren auswählen. Einen Oberjäger, der ihm Wildschweine und Elche zutrieb, beförderte er zum General. Botschafter Falin, der sich bei ihm über die kargen Bezüge der Diplomaten beklagt hatte, schickte er einmal zur Belebung der Speisekarte eine Wildsau nach Bonn. Noch am Tag vor seinem Tod habe er jagen wollen in Sawidowo, 120 Kilometer nördlich von Moskau.
Auch die anderen Mitglieder der Nomenklatura besaßen Stadtwohnungen in den Zuckerbäcker-Türmen der Stalin-Ära, Datschen und Autos, kauften in Sonderläden ein und ließen sich in Sonderkliniken behandeln. Zur neuen Klasse des degenerierten Kommunismus zählten neben der Parteiprominenz die Minister und die Chefs der Republiken, hohe Offiziere, Manager großer Staatsbetriebe, Wissenschaftler, Spitzensportler, leitende Redakteure der wichtigsten Zeitungen, Schriftsteller, Künstler, Kosmonauten und "Helden der sozialistischen Arbeit".
Zur einzigen bekannt gewordenen Massendemonstration der Breschnew-Ära kam es ausgerechnet in den Wochen der Olympischen Spiele 1980 in Moskau, als der rebellische Poet, Sänger und Schauspieler Wladimir Wyssozki, 42, starb. Er hatte schon als Jugendlicher im Straflager gesessen, bevor er zum populärsten Protestsänger des Landes aufstieg.
Als er starb, strömten bis zu 50 000 Menschen zum Taganka-Theater, an dem er den "Hamlet" gespielt hatte. Zum Begräbnis versammelten sich nochmals Zehntausende, sie verwandelten den Friedhof in ein Blumenmeer. Die Menge wurde von der Polizei brutal auseinandergetrieben, in den russischen Medien war der Vorgang tabu.
Unruhe daheim war das Allerletzte, was der Kreml in jenen Jahren brauchen konnte. Denn er hatte sich - zum zweiten Mal in der Amtszeit Breschnews - in ein militärisches Abenteuer gestürzt.
Die am frühen Morgen des 27. Dezember 1979 vom Rundfunk gemeldete Invasion Afghanistans durch die Sowjetunion ("in Erfüllung ihrer internationalen sozialistischen Verpflichtungen") war der folgenschwerste außenpolitische Fehler. Sie sollte sich zu einem zehnjährigen Krieg mit fast 15 000 toten Soldaten ausweiten und trug erheblich zum Kollaps der Sowjetunion bei. Kremlchef Breschnew, an fortschreitender Zerebralsklerose leidend, war das Symbol der Agonie. Senil und verwirrt, mit starrem Blick, kaum verständlicher Sprache und unsicheren Bewegungen wurde er im Fernsehen gezeigt. Bei den großen Mai- und Novemberparaden auf dem Roten Platz musste er gestützt werden, den Arm beim Winken starr nach oben haltend.
Leonid Breschnew starb, 75 Jahre alt, am 10. November 1982. Sein Nachfolger Jurij Andropow, 68, war der Kandidat der beiden mächtigsten Säulen der Sowjetmacht - des Geheimdienstes KGB, den er seit 15 Jahren führte, und des Militärs. "Er war klüger als die meisten anderen Sowjetführer, er wusste, was im Land vorging", schreibt Biograf Wolkogonow. Aber er fährt fort: "Seine tschekistische, polizeiliche Weltsicht taugte nicht als Basis für den sich anbahnenden radikalen Wandel."
Die Militärausgaben der UdSSR stiegen in den achtziger Jahren auf 70 Prozent des Staatshaushalts an. Aus Afghanistan kehrten immer mehr tote Sowjetsoldaten in Zinksärgen heim. Und dann erkrankte auch Andropow schwer und verbrachte einen Großteil seiner kurzen Amtszeit im Krankenhaus. Seine Nieren versagten, er starb im Februar 1984. Die Sowjetunion war im siebenten Jahrzehnt am Ende ihrer Bahn angekommen; sie vermochte keinen akzeptablen Chef mehr hervorzubringen. Denn Nachfolger wurde nun Konstantin Tschernenko, 72 - ein schlichter Apparatschik, der schon bei seiner Wahl an einem Lungenemphysem litt, sich nur noch mühsam bewegen und nicht mehr zusammenhängend sprechen konnte. Im März 1985 starb auch Tschernenko. Vorsitzender des Beisetzungsausschusses wurde Michail Gorbatschow, 54.
Endlich begann eine neue Ära. Aber es war schon zu spät.
Autor Kogelfranz, 73, arbeitete von 1962 bis 1998 beim SPIEGEL, davon 1978 bis 1981 als Korrespondent in Moskau.

Der ewige Zirkus, wo wie Seifenblasen / Versprechen platzen, juble, wer da kann. / Große Veränderungen? - Nichts als Phrasen. / Das alles mag ich nicht, das kotzt mich an.
Der Subkultursänger WLADIMIR WYSSOZKI, in seinem Protestlied "Das kotzt mich an".
Von Siegfried Kogelfranz

SPIEGEL SPECIAL Geschichte 4/2007
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