29.01.2008

DER WEG IN DIE DIKTATURDAS KREUZ BEI DEN NAZIS

Bei den letzten freien Wahlen der Weimarer Republik erhielt Hitler Stimmen aus allen Schichten. Die NSDAP war die erste deutsche Volkspartei.
Es gehört zu den historischen Binsenweisheiten, dass Adolf Hitler 1933 nicht an die Macht gewählt wurde. In keiner Reichstagswahl erreichten die Nationalsozialisten während der Weimarer Republik eine absolute Mehrheit. Aber die enormen Erfolge der NSDAP bei den Urnengängen 1930 und 1932 waren eine Voraussetzung, dass Reichspräsident Paul von Hindenburg Hitler im Januar 1933 zum Reichskanzler ernannte. Denn hinter Hitler standen nicht nur die braunen Schläger der SA und der gutorganisierte Apparat seiner Partei, sondern auch jene Millionen Deutsche, die ihm ihre Stimmen gegeben hatten. Ihre Zahl überstieg die der NSDAP-Mitglieder stets bei weitem.
Lange hieß es, die NSDAP verdanke ihre Erfolge vor allem den Frauen, die Arbeiter dagegen seien weitgehend immun gewesen gegen die braune Propaganda. Alles falsch: Die Nazis wurden von allen Schichten der Gesellschaft gewählt.
Es war der Mainzer Politikwissenschaftler Jürgen Falter, der 1991 in seiner Studie "Hitlers Wähler", die inzwischen als Klassiker gilt, mit vielen Irrtümern aufräumte. Der einem breiten Fernsehpublikum als Parteienforscher bekannte Professor relativierte auch die Annahme, dass viele KPD-Wähler zur NSDAP übergelaufen wären und dass die Jugend besonders anfällig für die Nazis gewesen war. Da die NSDAP ihre Stimmen aus allen Schichten und aus allen politischen Lagern erhielt, sei sie, so Falter, die erste deutsche Volkspartei gewesen. Mit diesem Begriff war seit dem 19. Jahrhundert der Anspruch verbunden, nicht für einzelne Interessengruppen oder Schichten, sondern für das ganze Volk zu sprechen.
Gelungen war den Nazis dieser Aufstieg zu der mit Abstand stärksten Partei der Weimarer Republik in nur wenigen Jahren. Noch 1928 war die NSDAP eine unbedeutende rechte Splitterpartei, die, hätte es eine Fünfprozenthürde gegeben, mit nur 2,6 Prozent nicht ins Parlament gekommen wäre. Aber schon bei der Reichstagswahl am 14. September 1930 stiegen die Nationalsozialisten zur zweitstärksten Fraktion auf und waren klarer Sieger des Urnengangs. Für den britischen Historiker Ian Kershaw war dies "das bemerkenswerteste Ergebnis in der Geschichte des deutschen Parlamentarismus".
Hatte Hitlers Partei 1928 nur 800 000 Stimmen erhalten, so verachtfachte sich im September 1930 deren Anzahl auf fast sechseinhalb Millionen. Bei der Reichstagswahl am 31. Juli 1932 konnte die NSDAP ihr Ergebnis mit 13,8 Millionen sogar mehr als verdoppeln.
Dennoch waren die Parteispitzen enttäuscht, für die absolute Mehrheit fehlten ihnen immer noch 4,8 Millionen Stimmen. Und gegenüber der Wahl des Reichspräsidenten im Frühjahr 1932, bei der Hitler gegen Hindenburg kandidiert hatte, und der Landtagswahl in Preußen im April 1932 hatten sie ihr Ergebnis nur geringfügig verbessert. Als am 6. November 1932 schon wieder ein neuer Reichstag gewählt werden musste, erlitten die Nationalsozialisten sogar empfindliche Verluste. Im Vergleich zur Juli-Wahl votierten zwei Millionen weniger für sie.
Die nächste Reichstagswahl am 5. März 1933 fand nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten statt. Aber auch Hitler als Reichskanzler und die brutale Unterdrückung politischer Gegner garantierten der NSDAP keine absolute Mehrheit. Bei dieser alles andere als freien Wahl stimmten über 17 Millionen und damit 43,9 Prozent der Wähler für die NSDAP.
Voraussetzung für die Wahlerfolge der Nazi-Partei war ihre Öffnung für alle Schichten, Konfessionen und Berufe. Schon 1928 hatte Hitler erklärt: Die NSDAP "ist keine Bewegung einer bestimmten Klasse oder eines bestimmten Standes oder Berufes, sondern sie ist im höchsten Sinne des Wortes eine deutsche Volkspartei. Alle Schichten der Nation will sie erfassen, alle Berufsgruppen dabei umschließen, will an jeden Deutschen herankommen, der nur guten Willens ist, seinem Volke zu dienen und der mit seinem Volk leben will und blutmäßig zu seinem Volke gehört."
Das war neu für die Politik der Weimarer Republik. Denn weitaus stärker als später in der Bundesrepublik orientierten sich damals die Parteien entlang bestehender gesellschaftlicher Spannungslinien: Zentrum und Bayerische Volkspartei sprachen katholische Wähler an, verschiedene Regionalparteien bedienten die Vorbehalte gegenüber Preußen und dem Zentralstaat, SPD und KPD begriffen sich als Vertre- tung der Arbeiterschaft gegenüber den Besitzenden.
Die NSDAP aber legte sich nicht auf ein einzelnes Milieu fest. Indem sie Verbände etwa für Juristen, Arbeiter, Frauen und Jugendliche schuf, gelang es ihr auch besser als anderen Parteien, verschiedenste Interessengruppen einzubinden. Getragen von einer Koalition der Unzufriedenen verstand sie sich als Protestbewegung und war so für Menschen in allen Bevölkerungsgruppen attraktiv.
Das bedeutete allerdings nicht, dass sich die Stimmen für Hitler gleichmäßig verteilten. 1930 waren unter den Wählern der NSDAP Selbständige, Bauern, Rentner und Pensionäre überdurchschnittlich häufig vertreten. Dagegen gaben die drei Millionen Arbeitslosen ihre Stimmen eher der KPD. Bei der Wahl im Juli 1932 stimmten für die NSDAP:
* rund 34 Prozent der Wahlberechtigten in Gemeinden mit weniger als 5000 Einwohnern. In Großstädten mit über 100 000 Einwohnern waren es nur 28 Prozent;
* rund jeder vierte Arbeiter, fast jeder fünfte Angestellte und Beamte, jede dritte Hausfrau, 39 Prozent der Selbständigen und Mithelfenden und fast jeder zweite Berufslose (Rentner, Pensionäre, Studenten mit eigenem Haushalt);
* jeder achte arbeitslose Arbeiter, gut jeder vierte arbeitslose Angestellte.
Wichtiger noch als Beruf oder Wohnort war vor 1933 der Faktor Konfession für die Wahlentscheidung der Deutschen, so Parteienforscher Falter. Bis zum Urnengang im März 1933 erwiesen sich Katholiken als weitgehend immun gegenüber der NSDAP. Erst bei der Stimmabgabe im März 1933 nahm ihr Anteil deutlich zu.
Noch im Juli 1932 stammten nur 17 Prozent der NSDAP-Wähler aus überwiegend katholischen Regionen, 83 Prozent waren Nichtkatholiken. Die Wahlkreise, in denen die NSDAP ihre besten Ergebnisse erzielen konnte, lagen im überwiegend protestantischen Mittelfranken: Rothenburg ob der Tauber (76 Prozent) und Uffenheim (73 Prozent). Hätten bei diesem Urnengang nur Protestanten gewählt, dann hätte die NSDAP im Reichstag über eine knappe Mehrheit verfügt.
Und noch etwas fällt bei der Analyse der Wahlergebnisse auf: Zwar wählten Großstädter insgesamt seltener als Menschen auf dem Land oder in Kleinstädten die NSDAP. Aber die Wähler, die in den Großstädten für die Hitler-Partei votierten, wohnten nach Feststellungen des amerikanischen Soziologen Richard Hamilton vor allem in den Vierteln der Wohlhabenden.
Die Oberschicht sah in der NSDAP vor allem ein Bollwerk gegen die bolschewistische Bedrohung. Teile der Arbeiterschaft wiederum hielten sie für eine Alternative zu SPD und KPD und hofften auf soziale Verbesserungen.
Für die Mittelschichten war sie eine Partei, die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Protest bündelte. Allen NSDAP-Wählern gemeinsam war die Ablehnung der verhassten Weimarer Republik. F
Von Florian Altenhöner

SPIEGEL SPECIAL Geschichte 1/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


SPIEGEL SPECIAL Geschichte 1/2008
Titelbild
Abo-Angebote

Sichern Sie sich weitere SPIEGEL-Titel im Abo zum Vorteilspreis!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Video 03:33

Faszinierende Animation So will Elon Musk den Mars besiedeln

  • Video "Faszinierende Animation: So will Elon Musk den Mars besiedeln" Video 03:33
    Faszinierende Animation: So will Elon Musk den Mars besiedeln
  • Video "Virales Gute-Laune-Video: Tom Hanks crasht Hochzeitsfeier" Video 01:04
    Virales Gute-Laune-Video: Tom Hanks crasht Hochzeitsfeier
  • Video "US-Amateurvideo: Sturm bläst Hausdach über Straßenkreuzung" Video 00:46
    US-Amateurvideo: Sturm bläst Hausdach über Straßenkreuzung
  • Video "Längste Meeresbrücke der Welt: 55 Kilometer über das Wasser" Video 00:43
    Längste Meeresbrücke der Welt: 55 Kilometer über das Wasser
  • Video "Duo zum Duell zur TV-Debatte: Clintons geplante Tantigkeit" Video 04:25
    "Duo zum Duell" zur TV-Debatte: Clintons geplante Tantigkeit
  • Video "Drohnenvideo: Aleppo, die zerstörte Stadt" Video 00:57
    Drohnenvideo: Aleppo, die zerstörte Stadt
  • Video "Die Lachnummer des Jahres: Nordkoreas U16-Keeper und sein Riesenbock" Video 00:54
    Die Lachnummer des Jahres: Nordkoreas U16-Keeper und sein Riesenbock
  • Video "US-Überwachungsvideo: Helikopter-Notlandung auf Straßenkreuzung" Video 00:43
    US-Überwachungsvideo: Helikopter-Notlandung auf Straßenkreuzung
  • Video "Weiße Haie vor Südafrika: Raubfische auf dem Rückzug" Video 01:24
    Weiße Haie vor Südafrika: Raubfische auf dem Rückzug
  • Video "TV-Debatte Clinton vs. Trump: Die Highlights der Show" Video 03:48
    TV-Debatte Clinton vs. Trump: Die Highlights der Show
  • Video "Videoanalyse: Auf halber Strecke ging Trump die Puste aus" Video 00:44
    Videoanalyse: "Auf halber Strecke ging Trump die Puste aus"
  • Video "Gezeitenflut am Qiantang-Fluss: Die perfekte, gefährliche Welle" Video 01:24
    Gezeitenflut am Qiantang-Fluss: Die perfekte, gefährliche Welle
  • Video "Debattenniederlage: Trump gibt defektem Mikrofon die Schuld" Video 00:32
    Debattenniederlage: Trump gibt defektem Mikrofon die Schuld
  • Video "Fast: Gigantisches Radioteleskop in Betrieb" Video 00:53
    "Fast": Gigantisches Radioteleskop in Betrieb
  • Video "Starker Auftritt zum Antritt: Gisdol gibt Gas" Video 02:50
    Starker Auftritt zum Antritt: Gisdol gibt Gas