29.01.2008

DER TOTALITÄRE STAATDER HITLER-MYTHOS

Militärische Erfolge und eine Propaganda, die den „Führer“ zum treusorgenden Übervater aller Deutschen stilisierte, machten Hitler bald zum vergötterten Idol - auch für viele, die zunächst noch skeptisch waren. Von Ian Kershaw
Heute ist Hitler ganz Deutschland" - diese Schlagzeile vom 4. August 1934 verdeutlichte, welche entscheidende Machtverlagerung soeben stattgefunden hatte. Beim Tod von Reichspräsident Paul von Hindenburg zwei Tage zuvor hatte Adolf Hitler sogleich die Reichspräsidentschaft abgeschafft, und die Reichswehrsoldaten hatte er einen persönlichen Eid schwören lassen, mit dem sie ihm als "Führer des Deutschen Reiches und Volkes" unbedingten Gehorsam gelobten.
Nun war Hitler Staatsoberhaupt, Oberster Befehlshaber der Streitkräfte, Regierungschef und Führer der Monopolpartei NSDAP in einer Person. Seine Macht in Deutschland war total, da keinen Verfassungsbeschränkungen unterworfen. Die Schlagzeile deutete aber nicht nur die wesentlich veränderte Machtkonstellation an, sondern setzte Hitler mit dem von ihm regierten Land gleich und besagte, dass er und das deutsche Volk aufs Engste miteinander verbunden seien.
Die "Volksabstimmung", die am 19. August 1934 den machtpolitischen Wandel nachträglich legitimieren sollte, zielte darauf ab, diese Übereinstimmung zu demonstrieren. "Hitler für Deutschland - ganz Deutschland für Hitler" lautete die Parole. Wie das Abstimmungsergebnis jedoch zeigte, blieb die Wirklichkeit hinter der Propaganda zurück. Den offiziellen Zahlen zufolge hielten fast ein Sechstel der Wählerinnen und Wähler dem immensen Konformitätsdruck stand und stimmten nicht mit Ja. In manchen großen von der Arbeiterschicht bewohnten Gebieten versagte bis zu ein Drittel der Wählerinnen und Wähler Hitler ihre Stimme.
Dabei war Hitlers persönliche Anziehungskraft, wie aus manchen Anzeichen zu ersehen, um einiges stärker als die des NS-Regimes und erheblich größer als die der Partei. "Für Adolf Hitler ja, aber tausendmal nein für die braunen Bonzen", lautete zum Beispiel ein handschriftlicher Zusatz auf einem Abstimmungszettel in Potsdam. Die gleiche Meinung war auch an anderen Orten zu vernehmen.
Es gibt zahlreiche Anhaltspunkte dafür, dass Hitler - selbst in der rückblickend oft als "gut" erinnerten Zeit Mitte der dreißiger Jahre - bei weitem keine totale Anziehungskraft besaß, auch wenn die gleichförmige Propaganda der Massenmedien mit ihren ständigen Jubelarien auf den "Führer" einen anderen Eindruck vermittelte. Starke Kritik an Hitler wird zum Beispiel aus einem Berliner Gestapo-Bericht vom März 1936 ersichtlich. In einer Zeit, in der die meisten Deutschen noch mit einem schlechten Lebensstandard zu kämpfen hatten, stießen der luxuriöse Lebensstil und die Korruptheit der Parteibonzen vielen Leuten sauer auf, und sie fragten sich dem Bericht zufolge: "Warum duldet der Führer das?" Offenbar, so folgerte die Gestapo, mache "das Vertrauen der Bevölkerung zu der Persönlichkeit des Führers z. Zt. eine Krise durch".
Dann jedoch marschierten deutsche Truppen in die entmilitarisierte Zone des Rheinlands ein. Mit diesem spektakulären Schachzug, der die westlichen Demokratien in ihrer Schwäche bloßstellte, konnte Hitler seinen bislang größten außenpolitischen Triumph feiern. Die innenpolitischen Probleme der Vormonate - die Lebensmittelknappheit, die hohen Preise, die niedrigen Löhne und der von den Katholiken heftig abgelehnte Kirchenkampf des Regimes - waren in der um sich greifenden Euphorie vorübergehend vergessen. Selbst wenn man das absurde Ergebnis der am Ende des Monats abgehaltenen manipulierten "Wahl" (bei der nach offiziellen Zahlen 98,9 Prozent "für die Liste und damit für den Führer" stimmten) außer Acht lässt, war die Remilitarisierung des Rheinlands zweifellos ein äußerst populärer Akt, der ganz wesentlich Hitlers kühner und geschickter Führung zugeschrieben wurde.
Vieles deutet darauf hin, dass Hitler in der Zeit zwischen Hindenburgs Tod im August 1934 und der Ausweitung des Deutschen Reichs auf Österreich und das Sudetenland vier Jahre später tatsächlich die Unterstützung der großen Mehrheit des deutschen Volks zu gewinnen vermochte. Dieser Rückhalt sollte sich für den katastrophalen Kurs der anschließenden deutschen Politik als überaus wichtig erweisen. Vielleicht abgesehen von der Zeit unmittelbar nach dem überraschenden Sieg über Frankreich im Sommer 1940 war der "Führer" niemals populärer als auf dem Höhepunkt seiner außenpolitischen Erfolge im Jahr 1938.
Laut Sebastian Haffners plausibler Einschätzung gelang es Hitler bis 1938, "die große Mehrheit der Mehrheit, die 1933 noch gegen ihn gestimmt hatte", für sich einzunehmen. Haffner glaubt sogar, Hitler habe bis dahin fast das gesamte deutsche Volk hinter sich gebracht, so dass über 90 Prozent der Deutschen 1938 "Führergläubige" gewesen seien. Doch da es damals keine echten Meinungsumfragen gab, die vorhandene öffentliche Meinung ausschließlich von nationalsozialistischen Stellen stammte und jeder, der die offizielle Propaganda hätte in Frage stellen wollen, mit Einschüchterung und Repression zu rechnen hatte, bedeutet die genannte Zahl nicht mehr als eine vage Vermutung - und ist wahrscheinlich zu hoch gegriffen.
Gleichzeitig lässt sich kaum bestreiten, dass das NS-Regime seit 1933 an Ansehen gewonnen hatte und der größere Rückhalt im Volk zu einem Gutteil auf Veränderungen beruhte, die als Hitlers persönliche "Leistung" angesehen wurden. Diese Sicht war vor allem das Ergebnis unablässiger propagandistischer Bemühungen, die bewusst auf die Schaffung und Stärkung eines heroisch-genialen Hitler-Bilds zielten; entsprechend konnte Joseph Goebbels 1941 die Schaffung des "Führer"-Mythos mit einiger Berechtigung als seine bis dahin größte Propagandaleistung bezeichnen.
Besonders treffend hat Hitler selbst das Propagandabild von den ganz persönlichen "Leistungen" auf den Punkt gebracht. In seiner (ebenfalls von Haffner zitierten) Reichstagsrede vom 28. April 1939 sagte er:
Ich habe das Chaos in Deutschland überwunden, die Ordnung wiederhergestellt, die Produktion auf allen Gebieten unserer nationalen Wirtschaft ungeheuer gehoben ... Es ist mir gelungen, die uns allen so zu Herzen gehenden sieben Millionen Erwerbslosen restlos wieder in nützliche Produktionen einzubauen ... Ich habe das deutsche Volk nicht nur politisch geeint, sondern auch militärisch aufgerüstet, und ich habe weiter versucht, jenen Vertrag Blatt um Blatt zu beseitigen, der in seinen 448 Artikeln die gemeinste Vergewaltigung enthält, die jemals Völkern und Menschen zugemutet worden ist. Ich habe die uns 1919 geraubten Provinzen dem Reich wieder zurückgegeben, ich habe Millionen von uns weggerissenen, tiefunglücklichen Deutschen wieder in die Heimat geführt, ich habe die tausendjährige historische Einheit des deutschen Lebensraumes wiederhergestellt, und ich habe ... mich bemüht, dieses alles zu tun, ohne Blut zu vergießen und ohne meinem Volk oder anderen daher das Leid des Krieges zuzufügen. Ich habe dies ... als ein noch vor 21 Jahren unbekannter Arbeiter und Soldat meines Volkes aus meiner eigenen Kraft geschaffen ...
Die Behauptung, Deutschlands Schicksal allein und eigenhändig geändert zu haben, ist natürlich absurd. Faszinierend an dieser litaneihaften Aufzählung von Punkten, die für die meisten einfachen deutschen Zeitgenossen erstaunliche persönliche Erfolge des "Führers" darstellten, ist jedoch, dass es dabei um nationale "Errungenschaften" ging und nicht um zentrale Grundsätze der Hitlerschen Weltanschauung.
Die mit krankhafter Besessenheit betriebene "Beseitigung" der Juden und der "Kampf um Lebensraum" werden dort mit keinem Wort erwähnt. Die Wiederherstellung der Ordnung, der Wiederaufbau der Wirtschaft, die Beseitigung der Arbeitslosigkeit, die Aufkündigung der vom verhassten Versailler Vertrag auferlegten Restriktionen und die Herstellung der nationalen Einheit stießen nicht nur bei eingefleischten Nazis, sondern weit darüber hinaus, wenn auch auf unterschiedliche Weise, in praktisch jedem Bereich der deutschen Gesellschaft auf ein großes positives Echo. Meinungsumfragen, die lange nach Kriegsende gemacht wurden, belegen, dass viele Deutsche diese "Leistungen" nach wie vor positiv mit Hitler in Verbindung brachten.
Angesichts des Zustands, in dem sich Deutschland sechs Jahre zuvor befunden hatte, vertraten die Menschen, die 1939 die "Führer"-Rede anhörten, - und sogar viele frühere Nazi-Gegner - zwangsläufig die Ansicht, Hitler habe Außergewöhnliches erreicht. Nur wenige lehnten die ungeheure Unmenschlichkeit, auf der Deutschlands Wiederaufbau fußte, nachdrücklich ab. Und nicht viele waren in der Lage, hellsichtig zu analysieren, was hinter den "Leistungen" steckte, und etwa zu bemerken, dass das Deutsche Reich finanziell ruiniert und die Regierungsstrukturen untergraben wurden.
Vor allem vermochten nur wenige zu begreifen, welches kolossale Risiko mit dem vom NS-Regime eingeschlagenen Weg verbunden war. Und kaum jemand war so informiert, dass er die Behauptung, Hitler sei die ganze Zeit bemüht, seinem Volk (und anderen Völkern) Kriegsleiden zu ersparen und Blutvergießen zu vermeiden, nachhaltig Lügen strafen konnte. Das, was die meisten Deutschen im Frühjahr 1939 als eigenständige, von Hitler erfolgreich verwirklichte Ziele betrachteten, bildete nur die Grundlage für den rassistisch-imperialistischen Eroberungskrieg, den die nationalsozialistische Führung vorbereitete.
So sehr die in dieser Rede aufgestellten Behauptungen auch auf tönernen Füßen standen, lässt sich ihnen doch entnehmen, in welchen Bereichen die Masse der Bevölkerung dazu gebracht werden konnte, Hitler zu unterstützen. Zwar sind Verallgemeinerungen zum Rückhalt des NS-Regimes mit Vorsicht zu genießen, weil so gut wie alle Regimegegner zu schweigen gezwungen waren, aber es ist sicherlich nicht falsch zu sagen, dass die Integrationskraft des Hitler-Mythos in den Friedensjahren der Diktatur einen weitgehenden Konsens zementiert hat.
Allerdings war es ein künstlich fabrizierter Konsens; die andere Seite dieses Propagandakonstrukts bildete die Unterdrückung der politischen Gegner, "Rassenfeinde" und anderer Außenseiter der proklamierten "Volksgemeinschaft". Zentraler Bestandteil dieses Konstrukts war Hitlers "Supermann"-Image, das Goebbels mit seiner damals hochmodernen und äußerst erfolgreichen politischen Vermarktungsstrategie schon vor der "Machtergreifung" geschaffen hatte.
Als dann den Nazis 1933 das staatliche Propagandamonopol in die Hände fiel, stand einer raschen Verbreitung des Hitlerschen "Charismas" durch die Massenmedien nichts mehr im Wege. Allerdings hätten die ausgeklügelten, äußerst raffinierten Techniken zur Schaffung des "Führer"-Mythos keine Wirkung entfalten können, wenn dazu nicht schon lange vor Hitlers Reichkanzlerschaft der fruchtbare Boden bestellt worden wäre. Eine nationale Errettung sehnten 1933 nicht nur NS-Anhänger herbei; derartige Hoffnungen waren damals weit verbreitet und auch bereits mit Hitlers Person verknüpft. Als er die Macht übernahm, hatten schon über 13 Millionen Wählerinnen und Wähler zumindest teilweise jenen "Führer"-Kult verinnerlicht, den sich die große (wenn auch fluktuierende) Masse der zur NSDAP und ihren Unterorganisationen gehörenden Mitglieder zu eigen gemacht hatte. Damit war die organisatorische Grundlage zur weiteren Verbreitung des "Führer"-Kults vorhanden.
Angesichts des Scheiterns der Weimarer Demokratie und der Krisensituation, in der die Hitler-Regierung an die Macht kam, war es klar, dass der neue Reichskanzler durch ein paar rasch erzielte Erfolge seine Popularität wesentlich vergrößern könnte. Alles war bereit, damit die Bewunderung für Hitler schnell um sich greifen und die "Mehrheit der Mehrheit", die im März 1933 noch nicht für ihn gestimmt hatte, gewonnen werden konnte. Die Geschwindigkeit, mit der sich der Hitler-Kult nun verbreitete, muss vor diesem Hintergrund und in Bezug auf die meisterlich eingesetzte Propagandametaphorik gesehen werden.
In ausschlaggebenden gesellschaftlichen Bereichen konnte Hitler dadurch großen Rückhalt gewinnen, dass er scheinbar nicht in einseitig parteipolitischem, sondern in nationalem Interesse handelte und sich weniger als Partei- denn als Staatsführer gab. Seine wachsende Popularität wurde auch von seinen Gegnern gesehen. Die von Prag aus agierende Sopade (SPD im Exil) betonte im April 1938 wie schon in früheren Berichten, in Deutschland sei die Ansicht weit verbreitet, "dass Hitler in zwei wesentlichen Punkten auf die Zustimmung einer Mehrheit des Volkes rechnen könne: 1) er hat Arbeit geschaffen und 2) er hat Deutschland stark gemacht".
In der Anfangszeit des "Dritten Reiches" spürten die meisten Deutschen nach Jahren düsterer Hoffnungslosigkeit eine neue Zielrichtung, Energie und Dynamik. Viele hatten das Gefühl, nun endlich eine Regierung zu haben, die Deutschland wieder auf die Beine bringen würde. Natürlich sorgte Hitler, der nur über rudimentäre Wirtschaftskenntnisse verfügte, nicht persönlich dafür, dass sich die Wirtschaft in den ersten Jahren des "Dritten Reiches" erholte. Für den raschen Aufschwung gab es verschiedene komplexe Gründe, und falls die wirtschaftliche Erholung überhaupt der Planung eines einzelnen Menschen zu verdanken gewesen sein sollte, dann derjenigen von Reichsbankpräsident und Reichswirtschaftsminister Hjalmar Schacht. Hitlers Beitrag bestand vor allem darin, das politische Klima zu verändern und die Zuversicht zu verbreiten, dass es in Deutschland wieder aufwärts gehe. Von der Propaganda wurde der Wirtschaftsaufschwung jedoch als Hitlers persönliche Leistung dargestellt, und der "Führer" war nur zu gern bereit, sich dafür in den höchsten Tönen loben zu lassen. Die meisten Leute meinten, er habe das Lob verdient.
Dieser Schachzug trug wesentlich dazu bei, auch jene Deutschen für Hitler zu gewinnen, die ihn 1933 nicht gewählt hatten. Es sah fraglos so aus, als habe der "Führer" Deutschland von der Geißel der Massenarbeitslosigkeit, an der andere europäische Länder (und auch die USA) weiterhin schwer zu tragen hatten, befreit und für eine Art "Wirtschaftswunder" gesorgt. Im Spätsommer 1934 stellte ein Sopade-Bericht aus dem Ruhrgebiet fest, dass selbst "die indifferente Arbeiterschaft ... größtenteils hitlergläubig" sei. Weiter hieß es dort: "Der Umstand, dass durch die 'Arbeitsbeschaffung' Arbeitslose in wenn auch noch so schlecht bezahlte Arbeit gekommen sind, hat sie sehr beeindruckt. Sie trauen Hitlers 'schneller Entschlusskraft' zu, dass er, wenn er 'richtig informiert' wird, eines Tages das Steuer über Nacht zu ihren Gunsten herumwerfen wird."
Ähnliches bestätigte kein Geringerer als Willy Brandt, nachdem er von seinem norwegischen Exil aus in der zweiten Hälfte des Jahres 1936 Deutschland einen heimlichen Besuch abgestattet hatte. Auch seiner Meinung nach hatte das NS-Regime durch die Arbeitsbeschaffung selbst in den Kreisen jener Deutschen an Rückhalt gewonnen, die früher links gewählt hatten.
Ab 1936 herrschte Vollbeschäftigung. Antriebsmotor für den Arbeitsmarkt war inzwischen die Aufrüstung, die allerdings ernste Gefahren für die Zukunft mit sich brachte. Doch nur wenigen Deutschen bereitete die Herkunft der Arbeitsplätze wirklich Sorgen. Tatsache war, dass es jetzt Arbeit gab, wo früher aufgrund der Massenarbeitslosigkeit ungeheure Not geherrscht hatte. Dieser Wandel wurde größtenteils Hitler persönlich zugeschrieben. Mochte dieses propagandistische Bild auch stark von der Realität abweichen, so war es doch von nachhaltiger Wirkung. Noch lange nach dem Krieg glaubten viele Deutsche ungeachtet der von ihnen durchlebten Katastrophe, dass die Beseitigung der Massenarbeitslosigkeit und das Ende der tiefen Wirtschaftskrise im Wesentlichen Hitler zu verdanken gewesen seien.
Wie Meinungsumfragen Ende der vierziger Jahre in der amerikanischen Besatzungszone festhielten, gehörten zu den positiven Dingen, die man mit Hitler assoziierte, gute Lebensbedingungen sowie Vollbeschäftigung, und auch rund zehn Jahre später zeigten sich junge Leute in Norddeutschland überzeugt, Hitler habe durch die Beseitigung der Arbeitslosigkeit viel Gutes getan. Noch in den siebziger Jahren dachten Arbeiter im Ruhrgebiet gern an die Friedenszeit im "Dritten Reich" zurück, die in ihrer Erinnerung mit Vollbeschäftigung und mit vergnüglichen Ausflügen im Rahmen der nationalsozialistischen Freizeitorganisation "Kraft durch Freude" verbunden war.
Der zweite Punkt, den die Sopade als Grund für Hitlers Rückhalt hervorhob, war zweifellos ein Schlüsselfaktor. Hitler hämmerte den Deutschen pausenlos ein, dass Deutschland durch die - angeblich von den "Novemberverbrechern" herbeigeführte - Niederlage von 1918 und durch den Versailler Vertrag von 1919 schwer gedemütigt worden sei. Die vehemente Ablehnung des als ungerecht empfundenen Vertrags war in Deutschland quer durch alle politischen Lager verbreitet. Dass das deutsche Heer nur noch 100 000 Mann umfassen durfte, galt als dauerhaftes Zeichen nationaler Schwäche.
Die tollkühnen außenpolitischen Schachzüge, mit denen Hitler die Knebelung durch den Versailler Vertrag beseitigen und Deutschland wieder Stärke und Ansehen verschaffen wollte, stießen im Volk auf massenhafte Zustimmung, solange sie nicht mit Blutvergießen verbunden waren. Der Austritt aus dem Völkerbund 1933, das Plebiszit im Saarland 1935 sowie die im selben Jahr in Aussicht gestellte neue große Wehrmacht, die Remilitarisierung des Rheinlands 1936 und der "Anschluss" Österreichs 1938 galten als - noch wenige Jahre zuvor unvorstellbare - triumphale nationale Großtaten, die allein durch Hitlers staatsmännisches "Talent" ermöglicht worden waren. Sie offenbarten die Schwäche der Westmächte, die in Deutschland seit Kriegsende das Sagen gehabt hatten.
Über die Reaktionen auf die Einführung der Wehrpflicht im März 1935 wusste die Sopade zum Beispiel zu berichten:
Begeisterung am 17. März ungeheuer. Ganz München war auf den Beinen. Man kann ein Volk zwingen zu singen, aber man kann es nicht zwingen, mit solcher Begeisterung zu singen. Ich habe die Tage von 1914 miterlebt und kann nur sagen, die Kriegserklärung hatte auf mich nicht den Eindruck gemacht wie der Empfang Hitlers am 17. März ... Das Vertrauen in politisches Talent und ehrlichen Willen Hitlers wird immer größer, wie überhaupt Hitler wieder im Volk außerordentlich an Boden gewonnen hat. Er wird von vielen geliebt.
Das von Hitler gepflegte Image eines Staatsmannes, der das Ansehen seines Landes in der Welt wiederherstellte, die Deutschland zustehenden Rechte fanatisch verteidigte und dabei Blutvergießen vermied, wurde mit der Sudetenkrise und der dadurch im Sommer 1938 heraufbeschworenen Kriegsgefahr erstmals wesentlich in Frage gestellt. Daraufhin ermöglichten die Westmächte Hitler in München Ende September einen letzten großen außenpolitischen Triumph - der ihm aber aufgrund seiner Kriegsbereitschaft eigentlich gegen den Strich ging.
Aus dem Umstand, dass dann der Kriegsbeginn im September 1939 im Volk weniger auf Begeisterung als auf Resignation stieß, ist wiederum zu ersehen, dass Hitler die Vergrößerung seiner Anhängerschaft während der Friedensjahre des "Dritten Reiches" mit Hilfe falscher Versprechungen erreicht hatte. Die meisten Menschen waren für die Erhaltung des Friedens. Hitler aber strebte die ganze Zeit nach Krieg und war dabei überzeugt, die Öffentlichkeit über seine wahren Absichten täuschen zu müssen, wie er in einer vertraulichen Rede vor deutschen Pressevertretern im November 1938 zugab:
Die Umstände haben mich gezwungen, jahrzehntelang fast nur vom Frieden zu reden. Nur unter der fortgesetzten Betonung des deutschen Friedenswillens und der Friedensabsichten war es mir möglich, dem deutschen Volk ... die Rüstung zu geben, die immer wieder für den nächsten Schritt als Voraussetzung notwendig war.
Die große Mehrzahl der Deutschen betrachtete die Wiederherstellung des Nationalstolzes und der militärischen Stärke, die Hinwegsetzung über den Versailler Vertrag und die Ausweitung des Deutschen Reichs auf Österreich und das Sudetenland als eigenständige Ziele. Die meisten Deutschen konnten oder wollten nicht begreifen, dass die Verwirklichung dieser Ziele für Hitler und die NS-Führung nur das Vorspiel zu einem grenzenlosen deutschen Eroberungskrieg darstellte.
Ein weiterer Punkt, der Hitler neben seinen angeblichen außenpolitischen Leistungen zweifellos viel Unterstützung einbrachte, war die Wiederherstellung der "Ordnung" im Innern - oder was als solche empfunden wurde.
In den krisengeschüttelten letzten Jahren der Weimarer Republik hatte die nationalsozialistische Propaganda wesentlich dazu beigetragen, einem Großteil der Bevölkerung einen übertriebenen Eindruck von der vorhandenen Kriminalität, der angeblichen Dekadenz und den gewalttätigen Unruhen zu vermitteln (die zu einem nicht geringen Teil von den Nazis selbst angezettelt worden waren). Einmal an der Macht, kam es Hitler sehr zugute, dass er als Repräsentant der "Volksjustiz" und des "gesunden Volksempfindens" galt. Er wurde als Staatsmann dargestellt, der für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Moral sorgte und gegen jeden vorging, der Recht und Ordnung gefährdete.
Als Hitler Ende Juni 1934 die SA-Führung zerschlug, betrachteten das viele als zwar skrupellose, doch notwendige Vorgehensweise, da sich dieser Teil der NS-Bewegung äußerst unbeliebt gemacht hatte. In seiner Reichstagsrede vom 13. Juli 1934 übernahm Hitler die persönliche Verantwortung für die stattgefundenen Morde. Aus einem an Machiavelli erinnernden brutalen, machtpolitischen Coup wurde in der öffentlichen Darstellung eine unumgängliche Maßnahme zur Beseitigung einer drohenden innenpolitischen Gefahr und zur Beseitigung von Korruption und Unmoral.
Hitler hob besonders auf die ausschweifende, ungezügelte Lebensweise der SA-Führung und Ernst Röhms Homosexualität ab und machte sich dabei weit verbreitete Vorurteile zunutze. Es gelang ihm, sich unangefochten über grundlegende Rechtsprinzipien hinwegzusetzen, da er mit seiner Behauptung durchkam, er habe als "oberster Gerichtsherr" des deutschen Volks in wohlverstandenem Staatsinteresse gehandelt. Statt heftig dafür verurteilt zu werden, dass er einen Massenmord in Auftrag gegeben hatte, erntete er für sein skrupelloses Vorgehen gegen vorgebliche staatsgefährdende Missstände und Untaten große Zustimmung. "Der Führer hat bei der breiten Masse, insbesondere bei jenen, welche der Bewegung noch abwartend gegenüberstanden, durch sein tatkräftiges Handeln ungeheuer gewonnen; man bewundert ihn nicht nur, er wird vergöttert", urteilte eine untere NS-Dienststelle in einer vertraulichen Meldung.
Viele andere Berichte kamen zum gleichen Schluss. Auch sozialdemokratische Oppositionskreise, denen eher daran gelegen war, das NS-Regime zu kritisieren, vermerkten Hitlers wachsenden Rückhalt in der Bevölkerung. So hieß es etwa aus Bayern: "Allgemein muss man leider feststellen: Die Leute denken nicht politisch; sie denken, jetzt hat Hitler Ordnung gemacht, jetzt geht es wieder aufwärts; die Saboteure, die sein Aufbauwerk gestört haben, sind vernichtet." Und aus Berlin wurde ergänzend berichtet: "Die Autorität Hitlers ist in weiten Kreisen gestärkt. Immer wieder hört man die Leute sagen: 'Hitler greift doch durch.'"
Die Meinung, Hitler habe in Deutschland für Ordnung gesorgt, war auch noch Jahre nach dem Krieg im Land verbreitet. Zum "Führer"-Mythos gehört nicht nur, dass Hitler die Beseitigung der Massenarbeitslosigkeit und der Bau der Autobahnen zugeschrieben wird. Untrennbar mit diesem Mythos verbunden ist auch die Ansicht, der "Führer" habe zwar "Fehler" gemacht (wohl jene Schritte, die seinem Land den ruinösen Krieg brachten, der für Millionen Tod und Vernichtung bedeutete), habe aber immerhin in Deutschland "aufgeräumt", moralische Normen gestärkt, das Chaos beendet und die Kriminalität beseitigt, so dass man abends auf den Straßen wieder sicher unterwegs sein konnte.
Neben der Erholung der Wirtschaft sowie der Wiederherstellung von "Ordnung" und militärischer Stärke gab es noch einen anderen Umstand, durch den Hitler an Rückhalt gewann: Er verkörperte jene "positiven" Werte, die man damals mit nationaler Einheit und "Volksgemeinschaft" verband. Die Propaganda stellte den "Führer" unablässig als strenges, aber verständnisvolles Oberhaupt dar, das bereitwillig auf ein zufriedenstellendes normales Leben verzichtete, um Tag und Nacht zum Wohle des Volkes zu arbeiten. Bei aller Kritik an unteren Chargen und dem negativen Eindruck, den die Öffentlichkeit von den im Alltag oft als unzulänglich erlebten Parteifunktionären - den "kleinen Hitlern" - hatte, war der "Führer" in den Augen eines Großteils der Bevölkerung jemand, der sich nicht von Partikularinteressen und materiellen Bestrebungen leiten ließ und dessen Selbstlosigkeit einen deutlichen Gegensatz zur Habgier und Korruptheit der Parteibonzen bildete.
Die von Goebbels wie Beschwörungsrituale alljährlich zu "Führers Geburtstag" veröffentlichten Lobgesänge auf "unseren Hitler" und die populären, in hohen Auflagen verkauften Fotobände, in denen Heinrich Hoffmann scheinbar den "privaten" Hitler zeigte - Hitler, wie ihn keiner kennt (1932), Jugend um Hitler (1934), Hitler in seinen Bergen (1935) und Hitler abseits vom Alltag (1937) -, zielten alle darauf ab, die "menschliche" Seite des "Führers" zu präsentieren und hervorzuheben, dass er als "Mann des Volkes" "heroische" Eigenschaften entwickelt habe.
Wie viele Menschen damals dem widerlichen Personenkult mit Haut und Haaren verfallen waren, lässt sich natürlich nicht sagen. Es waren auf jeden Fall nicht wenige. Hitlers Adjutanten mussten Berge von Briefen, unbeholfenen Gedichten und Lobpreisungen, Fotografien und Geschenken bewältigen - unter letzteren auch ein Sack Kartoffeln, deren Sorte der "Führer" anscheinend besonders mochte.
In den Anfangsjahren des "Dritten Reiches" nannte eine wachsende Zahl von Eltern ihren männlichen Nachwuchs "Adolf", obwohl die Standesbeamten schon 1933 die Anweisung erhalten hatten, eine solche Namensgebung möglichst zu unterbinden, um den Namen des "Führers" zu schützen.
Derartige Auswüchse des "Führer"-Kults beschränkten sich zweifellos überwiegend auf eine fanatische, nazifizierte Minderheit. Doch selbst Menschen, die die Personenkultexzesse nicht mittrugen, übernahmen oftmals zumindest Teile des positiven Bilds, das die Propaganda von Hitler zeichnete.
Die "Volksgemeinschaft" definierte sich durch die Ausgrenzung bestimmter Bevölkerungsgruppen, weshalb die nationalsozialistische Interpretation dieses Begriffs zwangsläufig auf Rassendiskriminierung hinauslief.
Da die Maßnahmen zur Herstellung von "Rassereinheit" - wie die spätere Verfolgung von Homosexuellen, Roma und "Asozialen" - vorhandene Vorurteile ausnutzten und scheinbar die Stärkung eines homogenen Volksstaats bezweckten, stützten sie den öffentlich vermittelten Eindruck, Hitler verkörpere die "Volksgemeinschaft".
Darüber hinaus verstärkte auch die unablässige Anprangerung der angeblichen mächtigen Volksfeinde - Bolschewismus, westliche "Plutokratie" und vor allem die (in der Propaganda mit beiden verbundenen) Juden - Hitlers Anziehungskraft als Verteidiger der Nation und Bollwerk gegen alles, was deren Überleben von außen oder innen bedrohte. Zwar teilte ein Großteil der Bevölkerung keineswegs Hitlers antisemitische Paranoia, betrachtete den Antisemitismus allerdings auch nicht als so gravierenden Makel, dass dadurch die dem "Führer" mehrheitlich zugeschriebenen positiven Eigenschaften überwogen hätten. Da eine latente Abneigung gegen Juden schon vor Beginn der nationalsozialistischen Hasspropaganda weit verbreitet war, konnte dem bei einer großen Minderheit anzutreffenden "dynamischen" Hass kein Einhalt geboten werden - erst recht nicht, als diese Minderheit ab Januar 1933 an der Macht war.
Dass es damals - inzwischen gut erforschte - unterschiedliche Einstellungen zur Judenverfolgung gab, wurde durch die verschiedenen Reaktionen auf die Verkündung der Nürnberger Gesetze im September 1935 und auf die "Reichskristallnacht" im November 1938 deutlich sichtbar. Immerhin aber scheint es den Nazis gelungen zu sein, den meisten Menschen die Existenz einer "Judenfrage" weißzumachen und in einer Zeit wachsender Kriegsgefahr die vorhandenen antisemitischen Gefühle noch zu vertiefen.
Als sich die in der "Reichskristallnacht" offen zutage tretende Gewalt sogar in Nazi-Kreisen als unpopulär erwies, distanzierte Hitler sich öffentlich von dem Pogrom, das er selbst in Auftrag gegeben hatte. Doch trotz weitgehender Ablehnung derartiger Methoden herrschte inzwischen das allgemeine Gefühl, dass Juden in Deutschland keinen Platz mehr hätten. Indem Hitler die Juden mit der (vor allem von ihm selbst heraufbeschworenen) wachsenden internationalen Gefahr in Verbindung brachte, bekräftigte er sein Image als fanatischer Verteidiger der Interessen seines Volkes.
Materiell profitierten ebenfalls viele Leute davon, dass die Juden aus der deutschen Gesellschaft ausgeschlossen, enteignet und vertrieben wurden. Zahlreiche Deutsche zogen ihren Vorteil aus der "Boykottbewegung", die - mit Hitlers Reichskanzlerschaft einsetzend - in Wellen die Juden aus dem Geschäftsleben verdrängte und den Weg dafür bereitete, sie mit Hilfe des "Arisierungs"-Programms von 1938 auszurauben. Auch hier hatten viele Menschen das Gefühl, Hitler dankbar sein zu müssen, und verschwendeten keinen Gedanken daran, welche Belastungen und Nöte die betroffene unbeliebte Minderheit deshalb zu ertragen hatte.
Die scheinbar endlose Kette von Erfolgen, die Hitler in den "Friedensjahren" der NS-Zeit für sich verbuchen konnte, hatte einen weiteren verstärkenden Nebeneffekt. Ab 1933 konnten die Unterorganisationen der NSDAP ihre Fangarme in fast alle Gesellschaftsbereiche ausstrecken. Auf die eine oder andere Weise waren schließlich Millionen von Deutschen in der NS-Bewegung "organisiert" und konnten sich kaum ganz dem Klammergriff des "Führer"-Kults entziehen. Scharen von kleinen Funktionären und Karriereristen verdankten dem von Hitler geleiteten "System" Aufstieg und Stellung.
Die besondere Betonung von "Führung" und "Leistung" machte sich den menschlichen Ehrgeiz zunutze und lud zu skrupellosem Konkurrenzkampf ein. Angesichts der unerhörten Möglichkeiten, die sich nun zu eröffnen schienen, wurde viel Energie darangesetzt, die in Hitler verkörperte nationale Erneuerung voranzutreiben. Auf sämtlichen Ebenen des Regimes verfuhren viele Leute im wörtlichen oder metaphorischen Sinne nach dem Motto, das der Staatssekretär im preußischen Landwirtschaftsministerium Werner Willikens im Februar 1934 verkündet hatte:
Jeder, der Gelegenheit hat, das zu beobachten, weiß, dass der Führer sehr schwer von oben her alles das befehlen kann, was er für bald oder für später zu verwirklichen beabsichtigt. Im Gegenteil, bis jetzt hat jeder an seinem Platz im neuen Deutschland dann am besten gearbeitet, wenn er sozusagen dem Führer entgegenarbeitet.
Und mit dem anschließenden Satz, es sei "die Pflicht eines jeden, zu versuchen, im Sinne des Führers ihm entgegenzuarbeiten", lieferte Willikens einen Schlüssel zum Verständnis der Funktionsweise des "Dritten Reiches" und zur Bedeutung der zwischen "Führer" und Gesellschaft bestehenden Bindung.
Diese Bindung war natürlich nicht bei allen Beteiligten gleich stark. Neben den Fanatikern gab es Skeptiker und - auch wenn sie ihre Ansichten nicht auf sinnvolle Weise zum Ausdruck bringen konnten - Dissidenten. Außerdem war es nicht möglich, die Begeisterung für Hitler ständig und unverändert hochzuhalten. Einen Höhepunkt erreichte der Enthusiasmus jeweils in triumphalen Momenten wie bei der Verkündung der Remilitarisierung des Rheinlands 1936 - um anschließend bei den meisten Menschen wieder dem "grauen Alltag" Platz zu machen.
Dennoch war die affektive Integration, die unzweifelhaft auf Hitlers wachsende Popularität in den ersten Jahren der Diktatur zurückzuführen ist, von enormer Bedeutung. Die Lobgesänge auf Hitler hatten ein und dieselbe Funktion, ob sie nun echt oder (wie zweifellos in vielen Fällen) gekünstelt waren. Millionen von Deutschen, die sich sonst vielleicht gegen das Regime und die NS-Doktrin gestellt, Zweifel gehabt oder nur am Rande mitgewirkt hätten, unterstützten Hitler nun in aller Öffentlichkeit. Das war für die Dynamik der NS-Herrschaft ganz entscheidend.
Auf der unteren Ebene bedeutete der wachsende "Führer"-Kult, dass Hitler zu unpopulären Politikbereichen auf Abstand gehen und immense persönliche Unterstützungsreserven praktisch nach Belieben ausnutzen konnte. So wurde der "Kirchenkampf" mit seinen negativen Auswirkungen untergebenen NS-Führern wie Goebbels und Rosenberg und nicht Hitler angelastet. Als im Frühjahr 1936 die positive Stimmung in der Bevölkerung nachließ, diente das - direkt auf Hitlers "große Leistung" konzentrierte - Rheinland-Spektakel dazu, die Unterstützung für das Regime von neuem zu beflügeln. Zweck der Reichstags-"Wahl" vom 29. März 1936 war, nach innen und außen zu demonstrieren, dass das Volk einig hinter Hitler stand. Dies war nicht das letzte Mal, dass sich Regimegegner in der Zeit des "Dritten Reiches" enttäuscht sahen und isoliert fühlten; und Hitler hatte den Rückhalt, den er für die weitere Verfolgung seiner Expansionsziele benötigte. "Der Diktator lässt sich vom Volke verpflichten zu der Politik, die er gewollt hat!", hieß es dazu treffend in einem Sopade-Bericht.
Durch die Volksabstimmungen, die Hitler bei solchen Gelegenheiten anberaumen konnte, wurde seine Stellung gegenüber den verschiedenen Gruppierungen innerhalb der Machtelite des Regimes enorm gestärkt. Im engeren Kreis der NS-Führung sorgte Hitlers immense Popularität dafür, dass er mit seinen dogmatischen Ansichten und seinem politischen Kurs selbst dann nicht in Frage gestellt werden konnte, als Göring und andere NS-Führer 1938/39 wegen der wachsenden Gefahr eines Kriegs gegen die Westmächte kalte Füße bekamen.
Die große Beliebtheit machte Hitler außerdem, und das war noch wichtiger, für jene Gruppierungen innerhalb der nationalkonservativen Machtelite - vor allem in der Wehrmachtsführung und teilweise im Auswärtigen Amt - unantastbar, deren Angst vor einem zukünftigen katastrophalen Krieg 1938 zu ersten Anzeichen einer Opposition gegen den gefährlichen außenpolitischen Kurs führte. Als die Westmächte dem "Führer" in die Hände spielten und ihm einen weiteren "Triumph ohne Blutvergießen" ermöglichten, stand Ende September 1938 für die entstehenden Oppositionskreise fest, dass jeder Versuch, Hitler abzusetzen, zum Scheitern verurteilt wäre. Und diese Erkenntnis trug während der siegreichen ersten Kriegsphase zur Lähmung des konservativen Widerstands bei.
Indem Hitler die Massen für sich gewann, vermochte er seine Autonomie zu erweitern, die sonst in manchen Regimebereichen möglicherweise Beschränkungen unterlegen hätte. Und das bewirkte wiederum, dass die ideologischen Vorstellungen, auf die Hitler seit Beginn seiner politischen "Karriere" zwanghaft fixiert war - die "Beseitigung" der Juden und das Streben nach "Lebensraum" -, gegen Ende der dreißiger Jahre nicht einfach als ferne, utopische Wunschgedanken, sondern als realisierbare politische Ziele in Erscheinung traten. Durch die Bereitschaft, dem "Führer" "entgegenzuarbeiten", war dieser Prozess auf allen Ebenen des Regimes gefördert worden. Schon das spiegelte die Dominanz, die Hitler nach der Machtübernahme so schnell erreicht, gefestigt und erweitert hatte, wobei er in entscheidenden Momenten durch die von seiner wachsenden Popularität erzeugte Zustimmung aus dem Volk gestützt worden war.
Letzter Punkt ist die Wirkung des erweiterten "Führer"-Kults auf Hitler selbst. Menschen aus seinem engeren Umfeld haben später gesagt, sie hätten um 1935/36 herum bei Hitler eine Veränderung festgestellt. Er sei stärker als früher von seiner eigenen Unfehlbarkeit überzeugt gewesen und habe kaum noch Kritik an sich herangelassen. Seine Ansprachen bekamen einen stärker messianischen Unterton. Die schon lange bei ihm zu beobachtende Tendenz, sich für etwas Besonderes zu halten, nahm nun derart übertriebene Züge an, dass er sich für von der Vorsehung auserwählt hielt.
Als er nach dem erfolgreichen Rheinland-Coup bei einer seiner "Wahl"-Reden sagte: "Ich gehe mit traumwandlerischer Sicherheit den Weg, den mich die Vorsehung gehen heißt", da war das mehr als bloße Rhetorik. Hitler glaubte fest daran. Er hatte zunehmend das Gefühl, unfehlbar zu sein. Seine narzisstischen Charakterzüge, die kriecherischen Schmeicheleien seiner Entourage und der ihn immer wieder stimulierende Jubel der Massen führten spätestens Mitte der dreißiger Jahre dazu, dass Hitler unverrückbar daran glaubte, Deutschlands Schicksal liege in seiner Hand, und er allein könne sein Land bei der bevorstehenden großen Auseinandersetzung zum "Endsieg" führen. "Wesentlich hängt es von mir ab, von meinem Dasein, wegen meiner politischen Fähigkeiten", bedeutete er seinen Generälen kurz vor dem Zweiten Weltkrieg. In diesem Zusammenhang sprach er von der "Tatsache, dass wohl niemand wieder so wie ich das Vertrauen des ganzen deutschen Volkes" haben werde. "In der Zukunft wird es wohl niemals wieder einen Mann geben, der mehr Autorität hat als ich. Mein Dasein ist also ein großer Wert-Faktor ... Niemand weiß, wie lange ich noch lebe. Deshalb Auseinandersetzung besser jetzt."
Zu diesem Zeitpunkt, im August 1939, hatten alle Teile des Regimes ebenso wie die Massen, die jeden "Erfolg" Hitlers bejubelten, ihr Schicksal fest an die Entscheidungen des "Führers" gebunden. Und so sollte es bis 1945 auch bleiben. Als im Laufe des Krieges aus scheinbar ruhmreichem Sieg eine unerbittlich wachsende Katastrophe wurde, die zunehmenden Niederlagen zwangsläufig Hitlers charismatische Führungsgrundlage unterminierten und schließlich erkennbar war, dass er Deutschland in den Abgrund führte, sorgte die verhängnisvolle, in der "guten" Zeit der dreißiger Jahre besiegelte Hitler-Bindung dafür, dass es keinen Weg zurück gab. Das deutsche Volk hatte Hitlers Triumphe unterstützt und war nun dazu verdammt, die Katastrophe zu durchleiden, in die der "Führer" es geführt hatte.
ÜBERSETZUNG: JÜRGEN PETER KRAUSE

IAN KERSHAW,
Jahrgang 1943, ist Professor für Neuere Geschichte an der Universität Sheffield und Autor einer zweibändigen Hitler-Biografie.

Zerschlagung der Gewerkschaften
Am 1. Mai 1933 feierte die NSDAP noch mit den Gewerkschaften den neu ausgerufenen "Feiertag der nationalen Arbeit". Einen Tag später besetzten Nationalsozialisten gewaltsam Gewerkschaftshäuser und verhafteten führende Gewerkschaftsvertreter. Am 10. Mai wurde die "Deutsche Arbeitsfront" (DAF) gegründet, eine Zwangsvereinigung von Unternehmern, Angestellten und Arbeitern. Die Gewerkschaften und ihre Organisationen wurden verboten und zerschlagen.
Von Ian Kershaw

SPIEGEL SPECIAL Geschichte 1/2008
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