DER SPIEGEL



DER TOTALITÄRE STAAT

VOLK OHNE GRENZEN

Ein Essay von Michael Wildt

Von Wildt, Michael

Waren Holocaust und Krieg nach dem Machtantritt Adolf Hitlers unvermeidbar?

Nur vier Tage nach seiner Ernennung zum Reichskanzler traf sich Adolf Hitler mit den Befehlshabern der Reichswehr in der Privatwohnung des Chefs der Heeresleitung, General der Infanterie Kurt Freiherr von Hammerstein. Was er den zwei Dutzend versammelten Generälen am Abend dieses 3. Februar zu sagen hatte, bildete den Kern seines politischen Programms: "Völlige Umkehrung der gegenwärtigen innenpolitischen Zustände in Deutschland", so notierte Generalleutnant Curt Liebmann Hitlers Ausführungen. "Keine Duldung der Betätigung irgendeiner Gesinnung, die dem Ziel entgegen steht (Pazifismus!). Wer sich nicht bekehren lässt, muss gebeugt werden. Ausrottung des Marxismus mit Stumpf und Stiel." Und: "Beseitigung des Krebsschadens der Demokratie" sowie "Eroberung neuen Lebensraums im Osten und dessen rücksichtslose Germanisierung".

Auch daran, dass der Aufbau der Armee wichtigste Voraussetzung für diese Politik ist, ließ Hitler keinen Zweifel. Im Gegenteil, die "Stärkung des Wehrwillens mit allen Mitteln" sei so wichtig, dass dem gegenüber alles andere zurücktreten müsse, ließ er seine Zuhörer wissen. Und das Volk, insbesondere die Jugend, müsse auf die Überzeugung eingeschworen werden, dass "nur der Kampf uns retten kann".

Die Generäle hörten Hitlers Programm gern, hatte doch die Reichswehrführung schon 1921 im Geheimen damit begonnen, unter Bruch des Versailler Vertrags den Aufbau eines großen Heeres zu planen. Nun war endlich eine Regierung an der Macht, die ihre Politik auf den Krieg ausrichtete.

Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht stimmte im Sommer 1933 einem Programm zu, dem zufolge in den kommenden acht Jahren 35 Milliarden Reichsmark an staatlichen Mitteln in die Aufrüstung investiert werden sollten - eine gigantische Summe, wenn man bedenkt, dass das gesamte Volkseinkommen Deutschlands im Jahr 1933 etwa 46 Milliarden Reichsmark betrug.

Die Heeresführung legte im Dezember 1933 nach und plante die Vergrößerung des stehenden Heeres. 21 Divisionen mit 300 000 Mann sollten bis März 1938 verfügbar sein - eine Zahl, die nur mit der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht zu erreichen war, was der Versailler Vertrag verbot. Aufrüsten wollten auch die Marine und das neugebildete Reichsluftfahrtministerium unter Hermann Göring.

Im Juni 1933 kündigte die Hitler-Regierung einseitig ein Moratorium aller Auslandsschulden an, was die Gläubigerstaaten zu Recht als aggressiven Affront verstanden.

Im Oktober trat das Deutsche Reich mit Aplomb aus dem Völkerbund aus und zog sich aus allen internationalen Abrüstungsverhandlungen zurück, um sich sämtlicher völkerrechtlicher Verpflichtungen zu entledigen und die Aufrüstung ungehemmt vorantreiben zu können.

Gleichzeitig suchte das NS-Regime die internationale Öffentlichkeit zu täuschen, indem die Militärausgaben vom üblichen Budget abgekoppelt und Sonderbuchhaltungen eingerichtet wurden. Ab 1934 wurden die Rechnungen der Rüstungsfirmen mit Wechseln bezahlt, die auf die Metallurgische Forschungsgesellschaft gezogen wurden, eine Schattenfirma, hinter der die Reichsbank stand. Diese sogenannten Mefo-Wechsel konnten die Unternehmen dann bei der Reichsbank einlösen.

Zwischen 1933 und 1935 stieg der Anteil der Militärausgaben am Volkseinkommen von weniger als einem Prozent auf fast zehn Prozent. Kein kapitalistischer Staat, hält der britische Wirtschaftshistoriker Adam Tooze fest, hat je in so kurzer Friedenszeit eine Umschichtung des gesamten Sozialprodukts in solchem Ausmaß vorgenommen.

Finanziert wurde das Ganze auf Pump. Mit ebenso waghalsigen wie verantwortungslosen Jongleurskünsten lavierte Schacht zwischen dramatisch sinkenden Exporterlösen und Devisenreserven auf der einen und dringend benötigtem Geld, um Rohstoffe für die Rüstungsproduktion zu importieren, auf der anderen Seite. Trotz des rasanten Verfalls der öffentlichen Finanzen hielt das Regime unerbittlich an der Aufrüstung fest, mit dem immer deutlicher werdenden Kalkül, die immens angewachsenen Schulden durch den Krieg, durch Eroberungen, Kontributionen und rücksichtslose Ausplünderung der eroberten Gebiete wieder ausgleichen zu können.

Der Rüstungsproduktion war es auch in erster Linie zu verdanken, dass die Arbeitslosigkeit sank. Mit den vom Staat massiv geförderten Rüstungsinvestitionen entstanden zahlreiche neue Arbeitsplätze wie etwa in der Luftfahrtindustrie. Die Flugzeugproduktion erlebte einen beispiellosen Aufschwung von knapp 4000 Beschäftigten im Januar 1933 auf 54 000 zwei Jahre später und annähernd 240 000 Beschäftigte im Frühjahr 1938. Deutschland erreichte als erstes Industrieland nach der Depression die Vollbeschäftigung, während sich beispielsweise in den USA noch bis 1940 eine hohe Arbeitslosigkeit hielt. In den Berichten, die sozialdemokratische Vertrauensleute heimlich an den Exilvorstand der SPD in Prag schickten, hieß es 1936 resigniert, dass "große Teile der Arbeiterschaft" mittlerweile "Freiheit" gegen "Sicherheit" am Arbeitsplatz eingetauscht hätten.

Dennoch wurden auch die kleinen Leute geschröpft, selbst wenn sie es kaum bemerkten. So hielt das NS-Regime trotz Vollbeschäftigung den Beitragssatz zur Arbeitslosenversicherung weiterhin bei 6,5 Prozent des Lohns und leitete die Milliarden, die nun nicht mehr für das Arbeitslosengeld ausgegeben werden mussten, in die Rüstungsproduktion um.

1935 wagte Hitler mit der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht den ersten offenen Bruch mit dem Versailler Vertrag. Wenige Monate später, im März 1936, ging er einen entschiedenen Schritt weiter und ließ deutsche Truppen in das entmilitarisierte Rheinland einmarschieren. Schon im Februar 1933 hatte er vor den Generälen zugegeben, dass die Phase des militärischen Aufbaus die gefährlichste sei und es sich zeigen werde, ob insbesondere Frankreich Politiker besitze, die der deutschen Politik entschlossen Einhalt geböten. Hitlers Truppen hatten den Befehl, sich bei dem geringsten Anzeichen einer Reaktion seitens der französischen Armee sofort zurückzuziehen.

Doch Frankreich mochte ohne britische Unterstützung keine militärische Auseinandersetzung eingehen, und Großbritannien war durchaus bereit, der deutschen Forderung nach Revision des Versailler Vertrags nachzugeben. Hitler hatte sein Vabanquespiel gewonnen. Zwar verurteilte der Völkerbund den deutschen Einmarsch, aber praktische Konsequenzen hatte dies nicht. Der Glaube, dass Hitler offenbar alles zu gelingen schien, fand in der deutschen Bevölkerung über die Anhänger des Nationalsozialismus hinaus weiten Widerhall. Die "Wahlen" zum Reichstag am 29. März 1936 gerieten zu einem Triumphzug des "Führers".

Nun wurde die Wirtschaft massiv auf den Krieg ausgerichtet. In einer geheimen Denkschrift vom August 1936 forderte Hitler, dass die deutsche Armee in vier Jahren einsatz- und die deutsche Wirtschaft in vier Jahren kriegsfähig sein müssten. Die Planzahlen für neue Panzerdivisionen und bestausgerüstete motorisierte Infanteriedivisionen, erkennbar konzipiert für eine Angriffsarmee, übertrafen die phantastischen Vorgaben aus dem Jahr 1933 noch und ließen die Anforderungen an die Volkswirtschaft in die Höhe schießen.

Diese Mobilisierung der deutschen Wirtschaft und Gesellschaft durch den Nationalsozialismus bot jungen Menschen bislang ungeahnte Möglichkeiten. Eine junge Generation, die sich in der Weimarer Gerontokratie mit einem 80-Jährigen als Reichspräsidenten schon verloren glaubte, gelangte jetzt an die Schalthebel der Macht. Reinhard Heydrich war gerade 30 Jahre alt, als er die Leitung des Geheimen Staatspolizeiamts in Berlin übernahm. Joseph Goebbels wurde mit 35 Jahren im März 1933 zum Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda ernannt. Nicht älter war Heinrich Himmler, als er Mitte 1936 Chef der gesamten deutschen Polizei wurde. Albert Speer war 28 Jahre, als Hitler ihn 1933 entdeckte und mit der Verwirklichung seiner gigantomanischen Architekturentwürfe beauftragte.

Aber auch in der Wirtschaft löste eine junge Generation die alten Wirtschaftsführer ab. Junge Chemiker wie Otto Ambros und Heinrich Bütefisch übernahmen rüstungsstrategisch wichtige Positionen in der Leitung der IG Farben. Berthold Beitz folgte 1941 mit 28 Jahren als kaufmännischer Direktor der Karpathen-Öl AG den deutschen Truppen in das eroberte Galizien, um die dortigen Ölfelder für die deutsche Wirtschaft auszubeuten. Später rettete er dort jüdische Zwangsarbeiter vor der Vernichtung. Ebenso wurde Hanns Martin Schleyer 1941 als 26-Jähriger Besatzungsfunktionär in Prag. Und nicht zuletzt boten die antisemitischen Entlassungen von Juden in den Universitäten, Krankenhäusern und Anwaltskanzleien jungen Akademikern schon 1933 beste Aufstiegschancen. Von Schleyer stammt auch die Schilderung jenes Generationsgefühls: "Die uns in jungen Jahren in der Kampfzeit anerzogene Bereitschaft, Aufgaben zu suchen und nicht auf sie zu warten, der ständige Einsatz für die Bewegung auch nach der Machtübernahme haben uns früher als üblich in die Verantwortung gestellt."

Aufgewachsen im oder nach dem Ersten Weltkrieg, fehlte dieser Generation das existentielle körperliche Erlebnis von den Verwüstungen des Schlachtfelds. Krieg war für sie ein Spiel. In seinem Buch "Geschichte eines Deutschen" schildert Sebastian Haffner, Jahrgang 1907, wie er als Kind eifrig die Heeresberichte studierte und wie Gefangenenzahlen, Geländegewinne und versenkte Schiffe "ungefähr die Rolle spielten wie Torschüsse beim Fußball oder Punkte beim Boxen".

"Es war", so Haffner, "ein dunkles, geheimnisvolles Spiel, von einem nie endenden, lasterhaften Reiz, der alles auslöschte, das wirkliche Leben nichtig machte, narkotisierend wie Roulette oder Opiumrauchen." Er und seine Kameraden hätten es den ganzen Krieg hindurch gespielt, vier Jahre lang, und dieses Spiel "war es, was seine gefährlichen Marken in uns allen hinterlassen hat". Deshalb seien nicht die älteren Frontsoldaten, sondern diese Jugendlichen "die eigentliche Generation des Nazismus".

Ihre Adoleszenz erlebten diese jungen Männer in den prekären und instabilen Nachkriegsjahren. Wirtschaftliche Not herrschte ebenso wie politischer Bürgerkrieg. Die immateriellen Werte der bürgerlichen Gesellschaft wie Fleiß, Sparsamkeit und solide Haushaltsführung zerstoben im Wirbel der Inflation. Zukunft hieß für die Kriegsjugendgeneration vor allem radikale Kritik an den hohlen Versprechen liberaler Politiker, hieß Misstrauen in die Steuerungsmedien bürgerlicher Gesellschaft wie parlamentarische Demokratie, Gewaltenteilung und durch Gesetz verbürgtes Recht. Die Diskontinuität, der Bruch mit der Vergangenheit und der Blick auf das Zukünftige wurden Kennzeichen dieser Generation, die wie kaum eine zweite in Deutschland im 20. Jahrhundert die Jugend zum Programm erhob. Zukunft konnte nur ein Gegenmodell zum Bestehenden, eine neue, radikal andere Ordnung sein, die "wahre" Gemeinschaft stiftete und dem Einzelnen einen verlässlichen Sinn seiner selbst gab.

Nicht Bürger wollten sie sein, sondern Führer, nicht gewählte, sondern erwählte, natürliche Elite des Volkes. Führerschaft gründete sich auf dem angeblichen Wissen um die organische Entwicklung von Natur und Volk und bestätigte sich durch die Tat. Was zählte, war der politische Wille und die Entschiedenheit, ihn durchzusetzen. Allein der Erfolg hatte Bedeutung und rechtfertigte zugleich das Handeln wie die Idee. Die Tat legitimierte sich selbst. Führer entwarfen nicht nur politische Konzepte, sie formulierten nicht allein Erlasse, sie erteilten ebenso die Befehle vor Ort, sorgten dafür, dass die Praxis der "Idee" entsprach. Handeln zielte immer auf Unbedingtheit, auf das Ganze, durfte weder einer regulierenden Norm noch irgendeinem Moralgesetz unterworfen sein.

Das Projekt, nicht nur Deutschland "rassisch" neu erstehen zu lassen, sondern ganz Europa völkisch neu zu ordnen, jene Faszination, nicht nur andere, schönere Welten zu entwerfen, sondern auch schreckliche Wirklichkeit werden zu lassen, hat Intellektuelle, Akademiker, Wissenschaftler scharenweise zu bereitwilligen Stützen des NS-Regimes werden lassen. Endlich glaubte sich der Philosoph an der Macht, der Arzt in der Rolle eines uneingeschränkten Gestalters menschlichen Lebens, der Historiker in der Position, Weltgeschichte zu machen, und der Volkswirt in der Lage, eine europäische Großraumwirtschaft, besser Raubwirtschaft zugunsten des Deutschen Reiches zu organisieren.

Von Anfang an wollte die nationalsozialistische Führung den Krieg um "Lebensraum" führen. Der dazu notwendigen Aufrüstung galten alle Aufmerksamkeit, alle Ressourcen ihrer Politik. Dazu mobilisierte sie die deutsche Bevölkerung und sämtliche ökonomischen Mittel, selbst mit der Konsequenz, durch die immense Schuldenwirtschaft die deutsche Volkswirtschaft zu zerrütten. In ihrem zynischen Kalkül würden die Beschlagnahmungen, die Kontributionen und der Raub von Vermögen aus den eroberten Gebieten die volkswirtschaftliche Bilanz Deutschlands wieder ausgleichen. Und die jungen Eliten in Staat, Militär und Wirtschaft unterstützten diese Politik, weil sie Gestaltungskraft, Expansion und Machtzuwachs bedeutete.

So eindeutig die nationalsozialistische Politik von 1933 an auf den Krieg ausgerichtet war, so unvermeidlich war er dennoch nicht. Wie Hitlers vorsichtiges Taktieren bei der Besetzung des Rheinlands zeigt, war er sich in diesen ersten Jahren der NS-Herrschaft keineswegs sicher, dass seine Politik aufgehen könnte. Eine entschlossene Reaktion der europäischen Nationen, insbesondere Frankreichs, Englands und auch Italiens, hätte der deutschen Expansionspolitik durchaus Einhalt gebieten können.

Doch deuteten die Westmächte die deutsche Außenpolitik als bloße Revision des Versailler Vertrags, dessen Bestimmungen sie mittlerweile durchaus als zu hart beurteilten. Als der britische Premier Chamberlain nach Abschluss des Münchner Abkommens 1938 nach London zurückkehrte, wurde er als "peacemaker" gefeiert, der einen drohenden europäischen Krieg abgewendet habe. Italien betrieb selbst eine Eroberungspolitik im Mittelmeerraum, für die es deutsche Unterstützung brauchte. Und alle, einschließlich des Vatikans, sahen es gern, wenn sich die nationalsozialistische Aggressivität gegen den Bolschewismus und die Sowjetunion richtete. Den Kern der nationalsozialistischen Politik, den Krieg um "Lebensraum", der an den europäischen Grenzen von 1914 nicht haltmachte, haben die übrigen europäischen Mächte zu spät erkannt, um rechtzeitig eingreifen zu können. Erst als Hitler Polen überfiel, erklärten Großbritannien und Frankreich dem Nazi-Regime den Krieg.

Der Krieg entschied auch über das Schicksal der europäischen Juden. Unvermeidbar war der Holocaust jedoch nicht, obwohl das neue Regime von Anfang an unmissverständlich klarmachte, dass es eine radikal antisemitische Politik betreiben würde. Der Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April 1933, die gleich nachfolgenden Gesetze zum Ausschluss von Juden aus dem Öffentlichen Dienst sowie die zahlreichen antisemitischen Verordnungen und Schikanen überall im Reich ließen an der Entschlossenheit des NS-Regimes, die Juden aus Deutschland zu vertreiben, keinen Zweifel.

Und die Hitler-Regierung fand zahlreiche Helfer. Die Stadtverwaltung Köln bestimmte Ende März, dass öffentliche Aufträge nicht mehr an Juden zu vergeben seien, und untersagte jüdischen Sportlern die Benutzung der öffentlichen Sportplätze. Der Münchner Oberbürgermeister wies Anfang April an, dass jüdische Ärzte in Münchner Krankenhäusern nur noch jüdische Patienten behandeln dürften. Der Bürgermeister des saarländischen Zweibrücken verbot im Mai die Teilnahme jüdischer Schausteller und Platzmieter am Jahrmarkt. In Frankfurt sollten jüdische Lehrer nicht mehr Deutsch und Geschichte unterrichten. In Berlin wurde jüdischen Schülern ab Oktober keine Schulgeldermäßigung mehr gewährt - alles nur eine kleine Auswahl aus den kommunalen Verwaltungsmaßnahmen gegen Juden in den ersten Monaten des NS-Regimes.

Ebenso beeilten sich zahlreiche deutsche Verbände, Vereine, Organisationen, der antijüdischen Politik zu folgen. Als die Hamburgische Philharmonische Gesellschaft erfuhr, dass der neue Reichskanzler Hitler gern bereit sei, die Schirmherrschaft für die Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag von Johannes Brahms am 7. Mai 1933 zu übernehmen, vorausgesetzt, sämtliche jüdischen Künstler verschwänden aus dem Programm, entsprachen die Hamburger beflissen diesem Wunsch. Die Mitglieder der Sektion Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste ließen gehorsamst den Ausschluss von Heinrich Mann, Alfred Döblin, Jakob Wassermann und anderen geschehen - mit der rühmlichen Ausnahme von Ricarda Huch, die daraufhin ihren Austritt erklärte. Der deutsche Boxerverband schloss Anfang April 1933 alle jüdischen Mitglieder von den Wettkämpfen aus. Mit der Kassenärztlichen Vereinigung organisierte der Hartmannbund den Ausschluss jüdischer Kollegen. Der Verband der privaten Krankenversicherungsunternehmen wies im Mai an, die Rechnungen von jüdischen Ärzten künftig nur noch zu bezahlen, wenn es sich auch um jüdische Patienten gehandelt habe.

Der bekannte protestantische Berliner Generalsuperintendent Otto Dibelius, der später Mitglied der Bekennenden Kirche wurde, schrieb zu Ostern 1933 an die Pastoren seiner Provinz in einem vertraulichen Rundbrief, dass für die Motive, aus denen die völkische Bewegung hervorging, "wir alle nicht nur Verständnis, sondern volle Sympathie haben. Ich habe mich trotz des bösen Klanges, den das Wort vielfach angenommen hat, immer als Antisemiten gewusst".

Nicht zu vergessen die unzähligen örtlichen

Sport-, Gesangs-, Schützenvereine oder die lokale Feuerwehr, die allesamt im Laufe des Jahres 1933 den "Arierparagraphen", also den Ausschluss jüdischer Mitglieder, in ihr Vereinsstatut übernahmen. Es kann wohl kaum unterschätzt werden, welche Wirkung diese Ausgrenzungen für die soziale Isolierung der jüdischen Familien im Ort besaßen. Am 31. Dezember zog Victor Klemperer in seinem Tagebuch Bilanz: "Ereignisse des Jahres: das politische Unglück seit dem 30. Januar, das uns persönlich immer härter in Mitleidenschaft zog. Evas sehr schlechter Gesundheits- und Gemütszustand. Der verzweifelte Kampf um das Haus. Der Fortfall aller Publikationsmöglichkeit. Die Vereinsamung."

Gewalt gegen Juden war von Anfang an mit im Spiel. Unmittelbar nach den Reichstagswahlen im März 1933 ließen SA und andere NSDAP-Gliederungen ihrem antisemitischen Hass freien Lauf. So entführten SA-Männer in Breslau den Theaterintendanten Paul Barnay und schlugen ihn mit Gummiknüppeln und Hundepeitschen krankenhausreif. In Straubing wurde ein jüdischer Großkaufmann verschleppt und seine Leiche später durchschossen aufgefunden. In Königsberg wurde die Synagoge angezündet, es gab Brandanschläge auf mehrere jüdische Geschäfte. In Magdeburg überfielen Nationalsozialisten ein kleines Hotel, das häufig jüdische Reisende beherbergte, feuerten mehrere Schüsse ab und verletzten zahlreiche Gäste mit Messerstichen. Ausschreitungen am 6. März auf dem Kurfürstendamm in Berlin eskalierten zu blutigen Verfolgungsjagden. In Dortmund trieben am 20. März SA- und SS-Trupps den jüdischen Metzger Julius Rosenfeld und seinen Sohn durch die Stadt zu einer Ziegelei, wo beide an die Wand gestellt und mit einer Schusswaffe bedroht wurden. Sie wurden geschlagen, mussten das "Horst-Wessel-Lied" singen, und der Sohn wurde gezwungen, seinem Vater mit einer in Flammen gesetzten Zeitung den Bart abzubrennen.

Gerade in der Provinz, in den Dörfern und kleinen Orten, wo die Nazis zwar die Führungspositionen erobert, aber noch nicht die politische Macht errungen hatten, war die Verfolgung der jüdischen Nachbarn als "Volksfeinde", als "rassische Gegner des deutschen Volkes" das zentrale politische Instrument, um die bürgerliche Ordnung anzugreifen und die sogenannte Volksgemeinschaft herzustellen. In der politischen Praxis vor Ort hieß das zuerst, soziale Distanz herzustellen, Solidarität und Mitleid mit den Verfolgten zu stigmatisieren, um die jüdischen Nachbarn zu isolieren und für rechtlos, ja vogelfrei zu erklären.

Ohne Zweifel lehnte eine Mehrheit der deutschen Bevölkerung die Gewalttätigkeiten gegen Juden ab. Aber die antijüdische Politik des Regimes stieß durchaus auf einen breiten Konsens. Selbst Thomas Mann, der sich in der Weimarer Republik vom Nationalpolitiker in einen Republikaner verwandelt hatte, merkte in seinem Tagebuch 1933 an, dass die "Entjudung der Justiz" am Ende kein Unglück darstelle, und fuhr selbstbezogen fort: "Die Revolte gegen das Jüdische hätte gewissermaßen mein Verständnis, wenn nicht der Wegfall der Kontrolle der Deutschen durch den jüdischen Geist für jenes so bedenklich und das Deutschtum nicht so dumm wäre, meinen Typus mit in denselben Topf zu werfen und mich mit auszutreiben."

Die Grundlinien der antisemitischen Politik des NS-Regimes in der Vorkriegszeit waren bereits 1933 zu erkennen: die deutschen Juden sozial zu isolieren, sie zu berauben und aus Deutschland zu vertreiben. Das Parteiprogramm der NSDAP von 1920 hatte unmissverständlich unter Punkt 4 festgelegt: "Staatsbürger kann nur sein, wer Volksgenosse ist. Volksgenosse kann nur sein, wer deutschen Blutes ist, ohne Rücksichtnahme auf Konfession. Kein Jude kann daher Volksgenosse sein." 37 000 deutsche Juden verließen 1933 das Land, in den folgenden vier Jahren waren es jeweils gut über 20 000.

Den Flüchtlingen wurden zahlreiche Steuern, Abgaben, Gebühren auferlegt, so dass sie von ihrem Vermögen nur einen geringen Bruchteil für ihr neues Leben im Ausland mitnehmen konnten. Von den rund 50 000 jüdischen Geschäften, die es Anfang 1933 im Deutschen Reich gegeben hatte, waren bis Mitte 1935 bereits 20 bis 25 Prozent in "arische" Hände übergegangen. Mitte 1938 existierten nur noch etwa 9000 jüdische Läden, die dann in einem "Arisierungswettlauf" ebenfalls die Besitzer wechselten. Volksgemeinschaft hieß auch Raub und Bereicherung, und etliche Volksgenossen gelangten mit jüdischem Eigentum zu beachtlichem Wohlstand.

Zwischen der erkennbaren Zustimmung zum Nationalsozialismus, der Popularität Hitlers und der Zustimmung zur Judenverfolgung, so der Hamburger Historiker Frank Bajohr, gab es eine sichtbare Interdependenz. Schon 1933 war es, wie Victor Klemperer festgehalten hat, für viele Deutsche nicht mehr opportun, sich mit Juden zu zeigen oder zu treffen. Etliche jüdische Deutsche bemerkten, dass Bekannte sie nicht mehr grüßten oder ihnen auf der Straße auswichen. Zudem ließ sich die antisemitische Politik für den eigenen Vorteil nutzen, indem missliebige jüdische Nachbarn denunziert oder lästige wirtschaftliche Konkurrenten ausgeschaltet wurden. Nicht zuletzt konnte man die sozialen Verhältnisse lustvoll umdrehen, kleine Finanzbeamte durften nun einstmals mächtige jüdische Bankiers ungestraft schikanieren, Jugendliche jüdische Honoratioren und Kaufleute als Opfer durch die Straßen treiben.

Doch geriet die antisemitische Politik des Regimes, die deutschen Juden zugleich auszurauben und vertreiben zu wollen, in einen unüberbrückbaren Widerspruch, denn mittellose jüdische Menschen waren im Ausland nicht erwünscht und besaßen kaum eine Chance, irgendwohin emigrieren zu können. So behinderten die Nationalsozialisten durch ihre Raubpolitik selbst, was sie erreichten wollten: die Vertreibung der Juden aus Deutschland. Die Auswanderung, stellte der Oberabschnitt Süd des Sicherheitsdienstes der SS (SD) Ende 1937 fest, sei "praktisch zum Stillstand gekommen".

Solche selbstgeschaffenen Sackgassen führten im NS-Regime nicht dazu, pragmatisch auf die Schwierigkeiten zu reagieren und die Zielvorgaben zu überprüfen. Vielmehr versuchte man, die Hindernisse mit noch größerer Radikalität und Entschlossenheit des Willens zu überwinden. "Das Wort unmöglich", so forderte Himmler kategorisch, "darf es nicht geben und wird es niemals bei uns geben."

Adolf Eichmann, der für den SD im März 1938 nach Wien geschickt worden war, stellte unter Beweis, wie die Vertreibung trotz Ausplünderung gelingen konnte - mit terroristischen Mitteln. Eichmann zwang die Wiener jüdische Gemeinde zur Mitarbeit, erpresste von ihr etliche Millionen Reichsmark und demonstrierte damit, dass dem SD mit genügend - krimineller - Energie gelang, was die Ministerialbürokratie mit ihren umständlichen Methoden nicht schaffte: die Vertreibung der Juden von diesen selbst finanzieren zu lassen. Die neugegründete Wiener "Zentralstelle für jüdische Auswanderung" wurde zum Modell für Berlin und Prag. Das Regime begann, die "Judenfrage" mit systematischer Gewalt zu "lösen".

Die Atmosphäre in Deutschland im Jahr 1938 blieb gewalttätig aufgeladen. Die vom NS-Regime inszenierte Sudetenkrise führte zu einer immer schriller werdenden Pressekampagne für die "unterdrückten" Sudetendeutschen in der Tschechoslowakei, die "heim ins Reich" geholt werden sollten. Zugleich wuchs die Furcht vor einem neuen Krieg, der um das Sudetenland geführt werden müsste. In Behördenberichten war von einer "wahren Kriegspsychose", sogar von "Panik" die Rede.

Während der Glaube an Hitler in jenen spannungsvollen Wochen vor dem Münchner Abkommen ungebrochen war, entluden sich die Emotionen auf andere Weise: Der SD notierte in seinem Monatsbericht für September, dass sich in der Bevölkerung die Stimmung gegen die Juden "unter dem Eindruck der außenpolitischen Entwicklung verschärft" habe. Ende Oktober meldete der SD, "dass Aktionen gegen die jüdische Bevölkerung zum Teil auch daraus entstanden sind, dass die Parteiangehörigen den Augenblick zur endgültigen Liquidierung der Judenfrage gekommen glaubten".

In einzelnen Kreisen begannen die lokalen NSDAP-Gruppen mit eigenständigen "Arisierungen", indem sie die Juden des Orts zusammentrieben und mit Gewalt zwangen, ihr Eigentum - Häuser, Geschäfte, Grundstücke - zu Schandpreisen zu verkaufen. Anschließend vertrieb man die Menschen. Aus dem mittelfränkischen Bechhofen berichtete der SD: Man habe die letzten drei der dort wohnenden Juden am 20. September "aus ihren Häusern herausgeholt, geschlagen und angespuckt, mit Füßen getreten und zum Teil barfuß durch die Ortschaft getrieben. Auch die Kinder nahmen an dieser Demonstration nach Aufforderung teil".

Die Zerstörungswut, die hasserfüllten Emotionen, die wenige Wochen später den Novemberpogrom beherrschten, sind nur mit der gewalttätigen Aufladung des Jahres 1938 und den Spannungen, die Europa an den Rand des Krieges brachten, zu begreifen. Dass der Novemberpogrom als aggressive Entladung der angespannten Kriegsfurcht derartig brutal und destruktiv werden konnte, offenbart zudem die Intensität der Emotionen, die tiefe Furcht, die im Herbst 1938 in Deutschland herrschte und die eine solche Destruktionskraft entwickeln konnte.

Die kleinen Pogrome in der Provinz im September und Oktober sowie die Gewaltexzesse am 9. und 10. November 1938 zielten nicht mehr allein auf Diskriminierung und Isolierung der jüdischen Nachbarn, sondern auf deren endgültige Vertreibung und auf die Auslöschung der jüdischen Kultur in Deutschland. Morde wurden dabei billigend in Kauf genommen.

Die Logik der Gewalt, die 1933 mit der nationalsozialistischen Politik gegen die Juden einsetzte, besaß keine inneren Hemmschwellen oder moralischen Widerlager. "Recht ist, was dem Volke nützt", lautete die utilitaristische Parole. Der schrankenlose Antisemitismus, der Deutschland "judenrein" machen wollte, wurde, da sich die Auswanderungsbedingungen verschlechterten, noch radikaler. Statt Emigration ging es nun um gewaltsame Vertreibung, um Deportation aller deutschen Juden in ein fernes Land, am besten außerhalb Europas, etwa nach Madagaskar. Dem Zweck hatten sich alle Mittel zu beugen.

Unter den deutschen Eliten zeigte sich am Vorabend des Krieges eine erschreckende Bereitschaft, Mord als "Problemlösung" mit einzukalkulieren. Die Auffassung, dass es doch billiger sei, kranke und behinderte Menschen als "Ballastexistenzen" zu töten, als sie mit staatlichen Mitteln zu ernähren, konnte man nicht nur in NS-Kreisen, sondern auch von Ärzten hören. Der Historiker Werner Conze empfahl 1939, das Problem der "ländlichen Überbevölkerung" in weiten Teilen Ostmitteleuropas unter anderem mit der "Entjudung der Städte und Marktflecken" zu lösen.

Die Generalstäbler, die auf den Luftkarten für die deutsche Bomberflotte im September 1939 die jüdischen Stadtviertel Warschaus für die vollständige Zerstörung markierten, konnten sich gewissermaßen "wissenschaftlich" auf eine einschlägige antisemitische Studie berufen: "Das Judentum im osteuropäischen Raum" von Peter-Heinz Seraphim, damals Leiter der Polen-Abteilung in Theodor Oberländers Institut für Osteuropäische Wirtschaft in Königsberg. Hitler selbst datierte bezeichnenderweise seine Ermächtigung zu den Euthanasiemorden rückwirkend auf den 1. September 1939, den Beginn des Krieges.

Als die Wehrmacht Polen überfiel, töteten Einsatzkommandos der SS sowie volksdeutsche Milizen Tausende Angehörige der polnischen Elite, katholische Pfarrer, politische Amtsträger, Ärzte, Lehrer. Himmler erteilte im Oktober den Befehl zur "völkischen Flurbereinigung" in den annektierten westpolnischen Gebieten. Eine Million Menschen, Polen wie Juden, sollten demzufolge ins sogenannte Generalgouvernement deportiert werden, gleichgültig, ob sie dort Überlebenschancen hatten oder nicht. Eichmann organisierte im selben Monat die Deportation von Tausenden Juden aus Mährisch-Ostrau und Wien in ein unwirtliches Gebiet nahe Nisko am San.

Heydrich skizzierte ein "Judenreservat" für die deutschen Juden nahe Krakau, ein großes Ghetto, in dem Zehntausende zusammengepfercht dahinvegetieren sollten. Generalgouverneur Hans Frank sprach es Ende November 1939 brutal offen aus: "Der Winter wird hier ein harter Winter werden. Wenn es kein Brot gibt für Polen, soll man nicht mit Klagen kommen ... Bei den Juden nicht viel Federlesens. Eine Freude, endlich einmal die jüdische Rasse körperlich angehen zu können. Je mehr sterben, umso besser."

Im Schatten des Krieges radikalisierte sich die nationalsozialistische Verfolgungspolitik zum Massenmord. Zwar lag die Auslöschung ganzer jüdischer Gemeinden, wie sie im Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion im Spätsommer 1941 geschah, ebenso wie die systematische Deportation der europäischen Juden in die Vernichtungslager oder der Massenmord von Hunderttausenden in den Gaskammern noch außerhalb des Horizonts der Täter. Aber ihrem Denken, ihrer Absicht, ein "judenfreies" Europa zu schaffen, war der Völkermord inhärent.

Das rassistisch-utilitaristische Denken der jungen deutschen Eliten, das "Rassefeinde", "Gemeinschaftsfremde" und "Asoziale" zu "Ballastexistenzen" erklärte, derer man sich rasch und mitleidlos entledigen müssen, und das die jüdische Minderheit zur "Judenfrage" umdefinierte, die "endgültig" gelöst werden müsse, war schon vor 1933 durchaus virulent gewesen. Die Biologisierung des Sozialen, die dazu führte, dass für soziale Probleme folgerichtig biologische "Lösungen" gesucht wurden, gab es seit dem 19. Jahrhundert. Aber der nationalsozialistische Machtantritt, mit dem Rassismus und Antisemitismus zur Staatsdoktrin wurden, eröffnete diesem Denken den politischen Raum, um aus den Ideen gesellschaftliche Praxis werden zu lassen. Das Sterilisationsgesetz aus dem Juli 1933 ist dafür ein Beispiel.

Aber erst der Krieg ließ die Verfolgung zur Vernichtung werden. Der Holocaust, die systematische, organisierte Ausrottung der europäischen Juden, war keineswegs mit der Machtergreifung unvermeidlich, er lag 1933 noch außerhalb des Horizonts antisemitischer Politik. Aber die Unerbittlichkeit, mit der alle Juden aus dem deutschen Machtbereich zum Verschwinden gebracht werden sollten, sowie der unbedingte Wille zum Krieg machten den Holocaust zu einer Handlungsoption, die der Politik der Nationalsozialisten innewohnte. Es führte kein zwangsläufiger Weg von der Machtergreifung 1933 nach Auschwitz, doch unter den selbstgeschaffenen Gewaltverhältnissen, in der rassistischen Logik, die mit kaltem Kalkül Menschen in Problemfälle verwandelte, schien der Massenmord schließlich für zahlreiche Deutsche eine "Endlösung" zu sein. F

MICHAEL WILDT,

Jahrgang 1954, ist Historiker am Hamburger Institut für Sozialforschung sowie Autor zahlreicher Bücher und Aufsätze über den Nationalsozialismus. 2007 erschien von ihm "Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung. Gewalt gegen Juden in der deutschen Provinz 1919 - 1939".



SPIEGEL SPECIAL Geschichte 1/2008
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