29.07.2008

BRENNPUNKTGIFT IM SCHIRM

Attentate und politische Morde gehörten zum Repertoire der großen Geheimdienste - der Zweck heiligte für Kommunisten wie Antikommunisten jedes Mittel.
Eine bessere Tarnung hätte es nicht geben können, gerade in England. Wer hält dort schon einen Regenschirm für verdächtig? Der bulgarische Regimekritiker Georgi Markow ahnte, dass sein Leben in Gefahr war. Trotzdem fiel ihm der Mann mit dem Schirm erst auf, als es schon zu spät war.
Am 7. September 1978 wartete Markow an der Londoner Waterloo Bridge auf seinen Bus, als er plötzlich einen Stich im Bein verspürte. Er drehte sich um und sah einen Mann mit Regenschirm davoneilen. Kurz danach bekam er hohes Fieber, vier Tage später war er tot. Erst bei der Obduktion entdeckten Ärzte eine nur Millimeter große Kapsel, die das Gift Rizin verströmte. Heute weiß man, dass die Kapsel durch einen raffinierten Gasdruck-Mechanismus an der Spitze des Schirms in die Haut des Dissidenten geschossen wurde. Der Mörder wurde nie gefasst, Hilfe kam vom KGB.
Der Kalte Krieg war ein Exerzierfeld des politischen Mordes - auf beiden Seiten der ideologischen Grenzlinien. Unliebsame Personen sollten für immer zum Schweigen gebracht und warnende Exempel für potentielle Überläufer statuiert werden. Manchmal richtete sich die zerstörerische Energie auch gegen ideologisch-politisch als gefährlich erachtete Staatschefs. Bekanntestes Beispiel: Fidel Castro.
Wie die Mordspezialisten der ideologischen Erzfeinde vom KGB, so versuchte die CIA, ihr kubanisches Zielobjekt mit der vermeintlich besten landestypischen Tarnung umzubringen. Der US-Geheimdienst plante schon 1960, den Revolutionär Fidel Castro mit hochgiftigen Zigarren zu töten. Das Attentat schlug jedoch fehl, wie viele weitere in den folgenden Jahren. Der ehemalige kubanische Abwehrchef Fabián Escalante behauptet, nicht weniger als 638 Anschläge auf Castro seien versucht worden - zumindest 8 gab die CIA bisher zu. Darunter das exotische Projekt, den passionierten Taucher Castro zu einer mit Sprengstoff gefüllten Muschel zu locken.
Auch weniger phantastische Mordpläne, die sich etwa auf Mafia-Auftragskiller stützten, misslangen. Ebenso schlug der Plan fehl, Castros deutsche Ex-Geliebte Marita Lorenz, die der Máximo Líder geschwängert und zur Abtreibung gezwungen haben soll, als Mörderin anzuheuern. Das Gift von der CIA spülte sie angeblich im Bidet herunter - und gestand Jahrzehnte später ein: "Ich lieb den alten Sack immer noch."
Die Furcht vor der Ausbreitung des kubanischen Revolutions-Virus motivierte die CIA international zu verdeckten Aktionen. So 1960 im Kongo, als dort der erste frei gewählte Premierminister Patrice Lumumba, ein Antikolonialist, technische Hilfe aus der Sowjetunion angefordert hatte, um seine noch ungefestigte Macht zu konsolidieren. CIA-Chef Allen Dulles kabelte an den CIA-Kontaktmann in Léopoldville, die Beseitigung Lumumbas müsse "dringendes und vorrangiges Ziel sein". Die CIA ließ schon mal Giftfläschchen in den Kongo fliegen - und unterstützte gleichzeitig die kongolesische Opposition unter Führung von Joseph Mobutu mit Geld und Waffen. Der stürzte Lumumba und sorgte mit dessen Auslieferung an einen von Lumumbas Erzfeinden dafür, dass dieser im Januar 1961 exekutiert wurde.
Von der CIA ins Werk gesetzte Attentate liefen stets nach demselben Muster ab: Bewusst schwammig gehaltene Anweisungen insinuierten, der US-Präsident heiße den jeweiligen Mord persönlich gut. Als politische Legitimation diente dabei die Behauptung, ein weiterer Streich des Kommunismus auf dem Weg zur Weltherrschaft könne nur so verhindert werden. Auf diese Weise war die CIA wohl auch in unterschiedlichem Ausmaß für den Sturz und die Ermordung von Rafael Trujillo (Diktator der Dominikanischen Republik, 1961), Ngo Dinh Diem (Präsident Südvietnams, 1963) und René Schneider (Militärchef in Chile, 1970) verantwortlich.
Gewissensbisse passten weder in die Zeit noch zum Berufsbild des Agenten. Schon gar nicht zum Stereotyp des seelenlosen sowjetischen Agenten, der auf der Kinoleinwand mit kaltem Blick lautlos und perfekt mordete.
Auf den ersten Blick schien die Realität nicht weit davon entfernt - auch in Deutschland. Ende der fünfziger Jahre ermordete Bogdan Staschinski im Auftrag des KGB in kurzem Abstand kaltblütig die nach Deutschland emigrierten ukrainischen Nationalisten Lew Rebet und Stepan Bandera. Sein spezielles Mordinstrument zerstäubte Blausäuredampf. Der führte bei den Opfern zum sofortigen Herzstillstand, der wie ein Herzversagen aussah. Doch der Mörder war nicht so perfekt wie seine Waffe: Er verliebte sich in eine überzeugte Antikommunistin, bekam Gewissensbisse - und lief 1961 in die Bundesrepublik über.
45 Jahre später, im Jahr 2006, erkrankte in London auf rätselhafte Weise ein Mann, der dem Kreml als Verräter galt: Alexander Litwinenko. Er starb qualvoll an einer Vergiftung mit radioaktivem Polonium. Wieder fehlen Beweise, aber vielleicht war der Mord eine Warnung im Geist des Kalten Kriegs: Niemand ist sicher - nirgendwo. CHRISTOPH GUNKEL
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Von Christoph Gunkel

SPIEGEL SPECIAL Geschichte 3/2008
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