29.07.2008

IM BANN DER BOMBEIM NAMEN DER DEMOKRATIE

Die USA präsentieren sich als freiheitliche, moralisch überlegene Alternative zum Sowjetkommunismus - derweil stürzt der US-Geheimdienst CIA 1953 in Iran und 1954 in Guatemala mit skrupellos inszenierten Putschen gewählte bürgerliche Reformregierungen.
BEISPIEL IRAN: DOLLARS FÜR DEN STAATSSTREICH
Im April 1951 wird in Iran der 70-jährige Mohammed Mossadegh mit überwältigender Parlamentsmehrheit zum Ministerpräsidenten des Landes bestimmt. Mossadeghs Ansehen als nationaler Reformpolitiker und seine Absicht, die quasikoloniale Verfügung Großbritanniens über Irans Erdöl zu beenden, haben den Ausschlag für ihn gegeben.
Als erstes Gesetz seiner Amtszeit lässt Mossadegh die Verstaatlichung der Ölfelder beschließen. Ein scharfer Konflikt mit Großbritannien ist programmiert. Denn die Briten haben seit 1901 das Monopol auf Förderung, Raffinierung und Verkauf des iranischen Erdöls. Auf Basis von Verträgen, die mit einem korrupten, willfährigen Monarchen ausgehandelt wurden, zahlt die Anglo-Iranian Oil Company (AIOC) absurd wenig für das Öl: Allein die Gewinne von 1950 übersteigen die Summe der Lizenzgebühren der vorangegangenen 40 Jahre.
Mossadegh wird mit der Verstaatlichung zum Helden aller Antikolonialisten in der "Dritten Welt". Aber auch das amerikanische Nachrichtenmagazin "Time" erklärt ihn zum "George Washington Irans", zum "weltweit berühmtesten Mann, den sein uraltes Volk seit Jahrhunderten hervorgebracht hat" und zum "Mann des Jahres 1951".
Doch die Briten lehnen alle Entschädigungsangebote ab und mobilisieren bis hin zu einer Seeblockade der iranischen Häfen alles, um die Verstaatlichung zu torpedieren. Vergebens. Einen Umsturzplan des britischen Geheimdienstes gegen seine Regierung entdeckt Mossadegh rechtzeitig. Er lässt im Oktober 1952 die britische Botschaft schließen und das Personal samt gescheiterten Agenten ausweisen.
Nun ersuchen die Briten den Geheimdienst des Verbündeten USA um Amtshilfe beim Sturz der iranischen Regierung. Die CIA ist kooperativ, muss aber bis zum Ablauf der Amtszeit des demokratischen Präsidenten Truman warten, der Staatsstreichen abgeneigt ist. Nach der Wahl des republikanischen Präsidenten Dwight D. Eisenhower im November 1952 sind die Rahmenbedingungen für eine offensivere US-Politik im Kalten Krieg gegeben.
Eisenhowers designierter Außenminister John Foster Dulles ist der Architekt der neuen "Rollback"-Politik gegen den Kommunismus. Um Dulles für einen Putsch in Iran zu gewinnen, malt ein britischer Geheimdienstvertreter ihm in Washington das Schreckensbild einer angeblich drohenden Machtergreifung des Kommunismus in Iran aus. Das alarmistische Szenario ist zwar von der politischen Situation weit entfernt, denn Mossadegh hat als Demokrat und Antikommunist rein nationale Motive, und der Einfluss der kommunistischen Tudeh-Partei hält sich in Grenzen. Doch daran stört sich Dulles nicht. Denn erstens grenzt für ihn, den langjährigen Anwalt einiger der weltgrößten Multis, schon die Verstaatlichung eines Unternehmens wie der AIOC an Kommunismus. Zweitens wittert er die Gelegenheit, gleich ein "Rollback"-Signal zu setzen.
Der zuständige Direktor der CIA heißt Allen Dulles und ist der jüngere Bruder des Außenministers. "Das war das erste und einzige Mal in der amerikanischen Geschichte, dass die offene und die verdeckte Außenpolitik der Vereinigten Staaten in den Händen eines Geschwisterpaares lag", schreibt Putsch-Historiker Stephen Kinzer. "Sie arbeiteten nahtlos zusammen, und fortan standen der CIA, die immer besser für geheime Operationen gerüstet schien, auch die diplomatischen Hilfsmittel des Außenministeriums zur Verfügung."
Im März 1953 wird Präsident Eisenhower bei einer Sitzung des Nationalen Sicherheitsrates für den Putsch in Iran gewonnen. Ausschlaggebend dafür ist das Argument seines Außenministers, bei einer Machtübernahme des Kommunismus "wäre die freie Welt des ungeheuren Kapitals beraubt, das die iranische Erdölproduktion und Erdölvorräte in Iran darstellen".
Der Code für den geplanten Staatsstreich lautet "Operation Ajax". Ein iranischer General im Ruhestand, Faslollah Sahedi, wird zum Putschführer erkoren. CIA-Chef Dulles schickt der Teheraner Filiale eine Million Dollar für "jedwede Maßnahme", die geeignet ist, "zum Sturz Mossadeghs zu führen". Sein Bruder im Außenministerium weist den US-Boschafter in Teheran an, putschwillige Iraner als Helfer zu rekrutieren.
Der erste CIA-Versuch, Mossadegh mittels Abgeordneten-Kaufs scheinlegal aus dem Amt wählen zu lassen, scheitert, denn dieser bekommt Wind von dem Plan und lässt Anfang August 1953 nach einer landesweiten Volksabstimmung das Parlament auflösen. Nun will Putschregisseur Kermit Roosevelt - ein 37-jähriger Nahost-Experte der CIA und Enkel des einstigen Präsidenten Theodore Roosevelt - Schah Mohammed Resa Pahlewi für eine (verfassungswidrige) Amtsenthebung Mossadeghs benutzen. Ein Oberst der Königlichen Garde soll Mossadegh am 14. August das Schah-Schreiben übergeben und ihn im Fall von Widerstand durch die Gardisten verhaften lassen. Doch loyales Militär verhaftet den Emissär, und als der Schah am nächsten Morgen im Radio vom Platzen des Staatsstreichs hört, flieht er mit Gattin Soraya nach Rom.
Nun lässt Drahtzieher Roosevelt alle scheinlegalen Tricks fahren und wird brachial: Bezahlte Schlägerbanden marodieren durch Teheran, schießen auf Moscheen, schlagen Schaufenster ein, brüllen: "Lang lebe Mossadegh und der Kommunismus!" Rivalisierende, gleichfalls von Roosevelt finanzierte Schläger randalieren im Namen des geflohenen Schahs. Mossadegh schickt gegen den Mob Ordnungskräfte los - ohne zu ahnen, dass auch deren Chefs auf Roosevelts Gehaltsliste stehen. Am 19. August schließen sich Polizei- und Militäreinheiten, deren Anführer wiederum bestochen sind, dem Aufruhr an, stürmen Außenministerium, Polizeizentrale und Hauptquartier des Armee-Generalstabs. Mossadegh wird verhaftet, General Sahedi zum Ministerpräsidenten ernannt. Der Schah kehrt - voll ungläubiger Freude - aus dem Exil auf seinen Pfauenthron zurück.
Eine Generation von Iranern wächst im Bewusstsein heran, dass ihr zunehmend verhasster Monarch eine Marionette der CIA ist. Für die US-Außenpolitik aber erweist sich die verdeckte Operation zum Sturz einer gewählten Regierung als Scheintriumph, der sich 26 Jahre später bitter rächen wird: Nicht zuletzt der lang angestaute Zorn auf Amerika befeuert 1979 den schiitischen Fundamentalismus und Chomeinis antiamerikanische Revolution.
BEISPIEL GUATEMALA: SÖLDNER UND BOMBEN
Jacobo Arbenz Guzmán, Sohn eines 1899 aus der Schweiz nach Guatemala eingewanderten Apothekers, hat sich an der Militärakademie seines Landes hochgedient und eine Frau mit ausgeprägtem sozialem Gewissen geheiratet. Er ist 37 Jahre alt, als er im März 1951 beim ersten friedlichen Machtwechsel in Guatemala Präsident wird, gewählt mit 65 Prozent der abgegebenen Stimmen. Beim Amtsantritt formuliert Arbenz drei Grundziele: Er will das Land erstens aus seiner halbkolonialen Abhängigkeit in wirtschaftliche Unabhängigkeit führen, zweitens die feudalen Strukturen in kapitalistische verwandeln und drittens dies in einer Weise tun, die den Lebensstandard der Masse des Volkes hebt.
Die Bevölkerung des mittelamerikanischen Landes ist bettelarm, rund drei Viertel der drei Millionen Guatemalteken sind Analphabeten. Zwei Prozent der Grundbesitzer verfügen über 70 Prozent des Landes, während zwei Drittel aller Bauern sich zehn Prozent der Anbaufläche teilen. Um diesen Zustand zu beenden, nimmt Präsident Arbenz nach einem Parlamentsbeschluss vom Juni 1952 eine demokratische Bodenreform in Angriff. Nach diesem Gesetz können brachliegende Anbauflächen von Großgrundbesitzern oberhalb einer bestimmten Größenordnung an landlose Bauern verteilt werden, wofür die Vorbesitzer vom Staat in der Höhe des Steuerschätzwertes ihres Landes zu entschädigen sind.
Dies betrifft vor allem den mit Abstand größten Grundbesitzer und privaten Arbeitgeber des Landes - die US-amerikanische United Fruit Company. Ihr gehört etwa ein Fünftel der landwirtschaftlichen Fläche Guatemalas. Sie nutzt aber weniger als 15 Prozent ihres Besitzes, weil sie die riesigen fruchtbaren Landstriche angeblich als Ausgleich für eventuelle Ausfälle braucht. Das Entschädigungsangebot lehnt das Unternehmen rundheraus als viel zu gering ab, obwohl es exakt den eigenen früheren Wertangaben gegenüber den Finanzbehörden entspricht.
Gleich nachdem der Chef der United Fruit Company, Sam Zemurray, von seinem Public-Relations-Strategen die Warnung bekommt, in Iran habe Mossadegh das Öl verstaatlicht ("Guatemala könnte sich daran ein Beispiel nehmen"), finanziert Zemurray in den USA einen massiven Pressefeldzug gegen die Arbenz-Regierung: In führenden US-Publikationen werden begeisterte Reportagen über die United Fruit Company gedruckt und düstere Warnungen vor einer angeblich in Guatemala drohenden marxistischen Diktatur verbreitet.
Für dieses Szenario gibt es zwar keinerlei faktische Grundlagen, dafür stimmt es aber genau mit der Weltsicht von John Foster Dulles überein, der vor seiner Ernennung zum Außenminister viele Jahre lang als Star-Anwalt die Interessen der United Fruit Company vertreten hat. Beweise für Moskauer Drahtzieherei in Guatemala braucht er ebenso wenig wie ein frommer Fundamentalist Beweise für Satans infernalische Umtriebe braucht. Nachdem die "Operation Ajax" in Iran Mossadegh gestürzt hat, wird ein entsprechendes Kommandounternehmen für Guatemala mit dem Codenamen "Operation Success" geplant: Einer Welle von inszenierten Gewaltakten soll ein militärischer Angriff folgen, der wie ein Bürgerkrieg aus Notwehr gegen eine drohende kommunistische Machtübernahme zu drapieren ist.
Als Rebellenführer wird der im honduranischen Exil lebende Oberst Carlos Castillo Armas angeheuert. Auf dem Militärflughafen in Opa-Locka, Florida, entsteht die Befehlszentrale der Verschwörer.
Im März 1954 drückt Außenminister Dulles bei der Organisation Amerikanischer Staaten in Caracas eine Resolution durch, derzufolge jedes Land der Hemisphäre gegen die Ausdehnung des internationalen Kommunismus "angemessene Maßnahmen" ergreifen dürfe. Vergebens protestiert Guatemalas Außenminister Guillermo Toriello, die Resolution stelle eine "Internationalisierung des McCarthyismus" dar und richte sich in Wahrheit gegen jede Art von Sozialreform, die privatwirtschaftliche Interessen bedrohe. Angesichts der "Erklärung von Caracas" ahnt Präsident Arbenz Schlimmes, zumal er kaum über Waffen zur Landesverteidigung verfügt, weil die USA seit 1948 ihre Lieferungen eingestellt haben. In seiner Not begeht er eine Dummheit: Er lässt eine Schiffsladung Waffen aus der Tschechoslowakei kaufen, die im Mai 1954 den Hafen von Puerto Barrios erreicht. Die Waffen erweisen sich zwar als großenteils veraltet, mangelhaft und für Verteidigungszwecke kaum zu gebrauchen. Aber für die Putschstrategen ist das alte Eisen die ideale Munition: Die Waffenlieferung aus einem Ostblockland geben sie als definitiven Beweis dafür aus, dass die Regierung Arbenz aus Moskau ferngesteuert werde.
Die "Operation Success" läuft jetzt auf vollen Touren. Eine Miniarmee aus guatemaltekischen Exilanten, amerikanischen Glücksrittern und mittelamerikanischen Söldnern wird in Nicaragua, Honduras und Florida trainiert. Der CIA-Geheimsender "Stimme der Freiheit" sendet fortwährend Falschmeldungen über militärische Unruhen und Aufstände in Guatemala. Am 18. Juni 1954 überquert Oberst Castillo mit seiner gekauften Armee auf Jeeps und Lastwagen die guatemaltekische Grenze. Vergebens protestiert Guatemalas Außenminister Toriello beim Sicherheitsrat der Vereinten Nationen gegen die Invasion, die "bestimmte ausländische Monopole angestiftet" hätten. Zwei Flugzeuge der CIA bombardieren Kasernen und den Flughafen in Guatemala City. Außenminister Dulles stellt sich dumm und erklärt am 19. Juni, es handle sich um eine "Erhebung der Guatemalteken gegen ihre Regierung". Arbenz widerspricht im Hörfunk: "Unser Verbrechen besteht darin, dass wir eine Agrarreform durchgeführt haben, die den Interessen der United Fruit Company zuwiderlief ... Es sind die guatemaltekischen Freunde von Mr. Foster Dulles, die in unserem Volk Terror verbreiten wollen."
Die CIA schickt weitere Flugzeuge, die Guatemala drei Tage und Nächte lang mit Luftangriffen in Angst und Schrecken versetzen, während die "Stimme der Freiheit" frei erfundene Meldungen vom massenhaften Überlaufen des Militärs zu den Rebellen verbreitet. Am 27. Juni 1954 kapituliert Arbenz - als Nachfolger ruft sich der CIA-Söldner Castillo zum Präsidenten Guatemalas aus.
Im Namen der Freiheit beginnt eine Diktatur. F
Von Rainer Traub

SPIEGEL SPECIAL Geschichte 3/2008
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