Von Schnibben, Cordt
John F. Kennedy hatte seine Präsidentschaft im Jahr 1961 kaum angetreten, da musste er mit seiner Truppe junger, intelligenter Minister entscheiden, wie es weitergehen sollte im Kalten Krieg: mit Konfrontation oder mit Rückzug? Doch besonders Kennedys frisch ernannter Verteidigungsminister Robert McNamara, den der Präsident vom Chefposten der Ford-Werke abgeworben hatte, war auf den völlig neuen Job schlecht vorbereitet. Er sollte Entscheidungen über den eskalierenden Krieg im fernen Vietnam treffen, ohne von der Kultur und Geschichte Südostasiens etwas zu wissen.
"Noch schlimmer war", so erinnerte McNamara sich später in seinem Buch "Vietnam, das Trauma einer Weltmacht", "dass unsere Regierung keine Fachleute zur Hand hatte, die uns beraten und unsere Unkenntnis hätten ausgleichen können ... Wie die meisten Amerikaner hielt auch ich den Kommunismus für einen monolithischen Block ... Wir fühlten uns eingekreist und gefährdet, diese Angst lag auch unserer Einmischung in den Vietnam-Konflikt zu Grunde."
Bis Ende der fünfziger Jahre hatte die US-Regierung ihre Einflusssphäre aus- und ein amerikanisches Weltreich aufgebaut. Sie unterhielt Militärstützpunkte auf allen Kontinenten und Bündnisverträge mit rund 50 Ländern. Der Gegenspieler, Sowjetführer Nikita Chruschtschow, hatte den Sieg des Kommunismus durch "die nationalen Befreiungskriege in der Dritten Welt" prophezeit und dem Westen gedroht: "Wir werden euch beerdigen."
Spätestens nach der Kuba-Krise 1962 war klar, dass die amerikanischen und russischen Führer einander keine unmittelbaren Kriegsabsichten zutrauten. Doch sie beäugten den jeweils anderen voller Misstrauen, schürten Stellvertreterkriege und rangen darum, die Zweiteilung der Welt in eine amerikanische und eine sowjetische Machtsphäre zu zementieren. Kennedy war angetreten, die USA zur unumstrittenen moralischen und kulturellen Führungsnation zu machen. Von seinem Vorgänger hatte er die "Domino-Theorie" geerbt: Wenn eines der Länder Südostasiens in die Hände der Kommunisten geriete, würden alle Staaten der Region wie umstürzende Dominosteine bald ebenfalls den Kommunisten zufallen.
Kennedy erklärte zwar, Vietnam stelle den Eckstein der freien Welt dar, man dürfe es nicht aufgeben. Wie aber eine korrupte, im Volk verhasste südvietnamesische Regierung gegen eine starke Befreiungsfront gehalten werden sollte, wusste er nicht. Der Präsident und sein Außenminister Dean Rusk kannten sich in diesem Teil der Welt so wenig aus wie der Verteidigungsminister.
Nach McNamaras rückblickender Einschätzung wurden dabei vor allem drei Dinge übersehen: Die US-Regierung begriff nicht, dass der Kampf des Vietcong nicht so sehr ein sozialistischer, sondern "seinem Wesen nach ein nationaler war"; dass China und die Sowjetunion unterschiedliche Interessen in Vietnam verfolgten; und dass es "ein schwerer Fehler" war, "die Möglichkeit einer Neutralität" des Landes, wie vom französischen Präsidenten Charles de Gaulle vorgeschlagen, "nicht einmal in Erwägung zu ziehen". So wurden die USA immer tiefer in einen unübersichtlichen Dschungelkrieg hineingezogen.
Glaubt man den Militärexperten beider Seiten, dann entschied der Ho-Tschi-minh-Pfad als strategische Versorgungsader darüber, dass die Führungsmacht des Westens den längsten Krieg ihrer Geschichte schließlich verloren gab.
Major Vo Kim Cuong hörte solches Lob gern, denn der legendäre Pfad ist ein Unternehmen seiner Familie: Sein Vater, der nordvietnamesische Brigadegeneral Vo Bam, begann mit dem Ausbau dieses Wunderweges, und er war der Ingenieur, der schwierige Brücken, geschickte Tarnkonstruktionen und komplizierte Dschungelpassagen baute.
Bereits Anfang 1959, so erzählte Major Vo, habe das nordvietnamesische Politbüro in Hanoi beschlossen, eine militärische Versorgungslinie vom kommunistischen Norden in den von Amerikanern beschützten Süden aufzubauen, um den Revolutionären Waffen zukommen und Soldaten einsickern zu lassen. Diese waren zumeist ursprünglich im Süden beheimatete Vietminh, die sich 1954, nach dem Waffenstillstand mit den Franzosen und der Teilung des Landes, in den Norden abgesetzt hatten. Zu dieser Zeit hatten die Kommunisten die Hoffnung aufgeben müssen, durch politische Aktionen doch noch zu den im Genfer Abkommen von 1954 vereinbarten allgemeinen Wahlen in ganz Vietnam zu gelangen. Immer mehr Kommunisten und Oppositionelle fielen den Säuberungsaktionen des Diem-Regimes in Saigon zum Opfer.
Anfangs nur 440 Soldaten begannen, den Pfad anzulegen und trieben ihn Meter um Meter voran, immer tiefer in den südlichen Teil des Landes hinein. Selbst zwei Zentner schwere Kanonenrohre wanderten auf Schultern in den Süden, schwerere Teile auf Fahrrädern oder auf Elefanten. Das Heer der Träger war bis Anfang 1963 auf 10 000 angewachsen.
Bei Luftangriffen krochen die Partisanen in Tunnel, die mittels doppelter Bambusrohrwände so konstruiert waren, dass sogar in unmittelbarer Nähe explodierende Bomben wirkungslos blieben.
1964 hatten die Amerikaner Abschnitte des Ho-Tschi-minh-Pfades entdeckt, die sofort bombardiert wurden. Vergebens. Die 1960 im Süden gebildete Nationale Befreiungsfront, besser bekannt als "Vietcong", und ihre bewaffneten Streitkräfte kontrollierten bereits weite Teile des Landes und trieben die Regierungstruppen in die Enge. Daraufhin entschloss sich die US-Regierung, Südvietnam nicht länger nur mit 23 000 Militärberatern, sondern mit eigenen Truppen zu unterstützen.
Im März 1965 landeten die ersten Marineinfanteristen am Strand von Da Nang; bis Ende des Jahres war die Zahl der GIs in Vietnam auf 185 000 angewachsen. Für die vietnamesischen Kommunisten war das Eingreifen der Amerikaner ein Schock, denn den GIs ging der Ruf der Unbesiegbarkeit voraus.
Nun begann aber auch die Sowjetunion - bis zum Sturz Chruschtschows im Oktober 1964 kein großer Freund militärischer Aktionen in Vietnam -, ihre Waffenlieferungen immens zu steigern.
Der Vietcong und seine Genossen im Norden reagierten auf das Eingreifen der Amerikaner zunächst mit dem generalstabsmäßigen Ausbau des Ho-Tschiminh-Pfades. Große Teile der nordvietnamesischen Armee eilten an diese "Front". Auf sie warfen die Amerikaner insgesamt fast zwei Millionen Tonnen Splitter- und Napalmbomben. Doch es gelang ihnen nicht, den stetigen Waffenstrom von Nord nach Süd zu unterbinden. Jahrelang rollte der Nachschub, bereitete sich die Befreiungsfront auf den großen Schlag vor. Am 31. Januar 1968 begann die kriegsentscheidende Tet-Offensive des Vietcong. Die Partisanen krochen überall im Lande aus ihren Erdlöchern; die Stadtguerilleros stürmten Regierungsgebäude und drangen sogar in die Saigoner US-Botschaft ein.
Auch wenn dieser Ansturm angesichts der US-Übermacht rein militärisch nicht siegen konnte, bereitete er den politischen Sieg der Guerilla vor. Denn die amerikanische Öffentlichkeit, drei Jahre lang durch die Zuversicht der Militärs getäuscht, war über das Ausmaß des vietnamesischen Untergrunds entsetzt. Mit jedem GI, der fortan im Leichensack heimkehrte, erstarkte die Antikriegsbewegung. Der Vietnam-Krieg wurde nicht länger nur in Indochina ausgefochten, sondern auch auf den Straßen Amerikas.
Die amerikanischen Militärs antworteten auf die Tet-Offensive mit einem neuen Oberbefehlshaber, einer neuen Strategie und Operationen, denen sie siegesgewisse Namen gaben wie "Certain Victory" und "Complete Victory". Mit "Säuberungsaktionen" in den Dörfern und Wäldern versuchte die militärische Übermacht, die Partisanen aufzustöbern. Mit geringem Erfolg. Denn die Vietcong sickerten einzeln nach Saigon ein und fanden dort Unterschlupf bei "roten Adressen" - unverdächtigen Bürgern, die die Partisanen für einige Tage versteckten, ernährten und an die nächste Adresse weiterreichten.
Eine dieser "roten Adressen" war Do Thi Huu Bich. Schon im Jahr 1944 hatte sich die damals 19-Jährige in Saigon der antikolonialen Widerstandsbewegung Vietminh angeschlossen. "Aus Liebe zum Vaterland", wie sie sagt. "Damals hielten die Japaner unser Land besetzt, und nach ihnen fielen die Franzosen ein. Ich verstand von Politik nicht viel, aber in der Zigarettenfabrik, die einem Franzosen gehörte, haben sie uns wie Arbeitstiere gehalten." Als die Franzosen 1954 schließlich militärisch und politisch am Ende waren, stand schon die nächste fremde Macht Gewehr bei Fuß.
Do Thi Huu Bich baute in ihrem Saigoner Stadtteil die Nationale Befreiungsfront mit auf - ein Widerstandsbündnis, dem neben den Kommunisten auch Bauernverbände, Gewerkschaften und religiöse Gruppen angehörten.
Allein die wachsende Zahl amerikanischer Soldaten hielt das Regime des südvietnamesischen Präsidenten Nguyen Van Thieu an der Macht. Für viele der insgesamt drei Millionen US-Soldaten war Vietnam ein Niemandsland. "Sie haben in uns nicht Menschen gesehen, sondern verkommene Wilde", sagt Do Thi Huu Bich, "sie haben nicht begriffen, dass wir für unsere Ideale kämpften, für Unabhängigkeit und Frieden. Sie haben nur an Urlaub in Bangkok gedacht, wir an den Sieg."
Nach Sonnenaufgang schwebten gewöhnlich die Hubschrauber in die Dörfer, und die großen weißen Männer durchwühlten die Hütten nach Partisanen oder verteilten Kaugummi; sie zerstörten die Reisfelder oder schleppten Reissäcke heran, auf denen stand: "Donated by the people of the United States"; sie legten ihre dicken Arme um die Hüften der Mädchen und ließen sich fotografieren; sie zündeten eine Hütte an oder verbanden einem kleinen Jungen den Fuß - je nachdem, wie die Nacht davor gewesen war oder wer die Truppe kommandierte oder welche Post sie aus der Heimat bekommen hatten.
In ihren Festungen hörten sie über den Soldatensender Popmusik, spielten Gitarre und Karten, rauchten Cambodian Red oder Lao Green und zeigten sich ihre Alben mit den immergleichen Fotos.
Und während sie dann für ihren Oberbefehlshaber zusammenlogen, wie viele Feinde sie getötet hatten, damit dessen Presseleute aus dem beeindruckenden "body count" wieder einen erfolgreichen Tag im Kampf gegen die kommunistische Bedrohung machen konnten, krochen die Vietcong in den Dörfern aus ihren Erdlöchern, sammelten die Reisportionen ein, die die GIs verteilt hatten, ohrfeigten die Mädchen, die sich von den Eindringlingen hatten umarmen lassen, verteilten Medikamente und Waffen und Parolen, versprachen den Frieden, die Einheit und die Freiheit und verprügelten diejenigen, die sie verdächtigten, die Prügel der Amerikaner nicht stumm überstanden zu haben, oder sie ertränkten sie kurzerhand - je nachdem, wie ihr Tag unter der Erde gewesen war.
Die alltäglichen Fernsehbilder waren es, die aus diesem Krieg in den Dschungeldörfern Indochinas einen globalen Krieg machten. Die Abendnachrichten trugen die Gewalt so lange in die Wohnzimmer der Amerikaner, bis es auf manchen ihrer Straßen ähnlich zuging wie in Saigon während der Tet-Offensive.
Der Vietnam-Krieg veränderte auch Deutschland: Er schürte Zweifel am American Way of Life und an dem, was von vielen Empörten nun "Weltimperialismus" genannt wurde; er politisierte Schriftsteller, Künstler und Filmemacher; er machte aus einem bis dahin bloß antiautoritären Generationenaufstand das, was heute "die Revolte der 68er" heißt; und er ließ eine kleine radikale Minderheit den ersten Terrorakt begehen - Andreas Baader und seine Freunde steckten ein Frankfurter Kaufhaus in Brand, "aus Protest gegen die Gleichgültigkeit, mit der die Menschen dem Völkermord in Vietnam zusehen".
Im März 1972 startete Nordvietnam, ermutigt durch die weltweite Solidaritätsbewegung, eine neue Offensive mit dem Ziel, Amerika bei den schleppenden Pariser Friedensgesprächen unter Druck zu setzen. Präsident Nixon, der seit 1969 die Zahl der amerikanischen Divisionen schrittweise reduziert und sich auf die "Vietnamisierung"des Krieges verlassen hatte, antwortete mit mehreren Bombenoffensiven gegen Nordvietnam, die Weihnachten 1972 ihren Höhepunkt erreichten - ohne den Kriegswillen der Nordvietnamesen brechen zu können.
Kurz darauf, am 27. Januar 1973, wurde das Pariser Waffenstillstandsabkommen unterzeichnet und der endgültige Abzug der US-Truppen innerhalb von 60 Tagen vereinbart. Schon am nächsten Tag begann das Oberkommando in Hanoi mit den Planungen für den Sturm auf Saigon. Denn die weltpolitische Lage wurde von Hanoi als günstig eingeschätzt: Die vom "Watergate"-Skandal erschütterten USA waren ebenso von innenpolitischen Auseinandersetzungen zerrissen wie das China des siechen Mao Zedong nach dem Ende der fatalen "Kulturrevolution".
Nordvietnam riskierte den Bruch des Waffenstillstands, um die Amerikaner endgültig aus Vietnam zu vertreiben. Am 10. März 1975 überrannten die Nordvietnamesen die Stadt Ban Me Thuot und brachen bald auch an anderen Fronten durch; in Panik flüchteten die südvietnamesischen Regierungstruppen. Der Generalstab in Hanoi ließ nun weitere vietnamesische Divisionen über die offene Grenze am 17. Breitengrad einmarschieren. Auf dem Ho-Tschi-minh-Pfad, nun eine Autobahn, rollten sie zum Sieg, am 1. Mai 1975 fiel Saigon, die Niederlage der USA war perfekt.
Als "töricht" wertet der Mann, der das US-Engagement in Indochina sieben Jahre lang zu verantworten hatte, im Rückblick den Vietnam-Krieg. McNamara bezweifelt, ob "sich die Sowjetunion und China in den siebziger und achtziger Jahren wesentlich anders verhalten und mehr Einfluss gewonnen hätten, wenn die Vereinigten Staaten nicht in den Indochina-Krieg eingetreten wären".
Dass dieser Krieg zwischen der mächtigsten Militärmaschine des Westens und einer Armee von Bauernsoldaten, dass diese große Schlacht zwischen Ost und West und Arm und Reich, die etwa zwei bis drei Millionen Menschen getötet hat und Abermillionen in ihrem Weltbild erschütterte, dass dieser Krieg, wie sein Architekt in seinen Memoiren ausplaudert, nicht mehr war als das langanhaltende Irren eines Haufens ahnungsloser Minister, Präsidentenberater und Militärs: Das ist das letzte Massaker, das er in den Hirnen der Überlebenden anrichtet.
Die siebeneinhalb Millionen Tonnen Bomben, die auf Indochina gefallen waren (mehr als zweimal so viel wie auf alle Länder im Zweiten Weltkrieg), hatten das Verkehrssystem und viele Deiche und damit den Reisanbau zerstört. Ein Drittel der Südvietnamesen war aus ihren Dörfern geflüchtet, 900 000 waren Waisen geworden, eine halbe Million Krüppel.
Die Niederlage der USA in Vietnam stellt sich aus heutiger Sicht als seltsame Sackgasse der Geschichte dar. Ein gutes Jahrzehnt später begannen die Länder des Sozialismus wie Dominosteine umzufallen und reihten sich offen oder verdeckt in das Imperium des Kapitalismus ein. Auch Vietnam ist längst auf dem Weg zur Marktwirtschaft - regiert von den Kadern, die im Dschungel gekämpft hatten, um die Kapitalisten aus dem Land zu jagen. F
SPIEGEL SPECIAL Geschichte 3/2008
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