21.10.2008

ORTSTERMIN

DER PARK DER HOFFNUNG

Von Frohn, Axel

Wer am Wochenende der Metropole Washington entfliehen will, fährt gern in den Shenandoah Nationalpark. Angelegt wurde er vor allem von Arbeitslosen zu Zeiten der Großen Depression.

FIm Herbst, wenn sich die Blätter verfärben, hat Ranger Karen Beck-Herzog Hochsaison. Dann fahren an den Wochenenden Zehntausende Städter aus dem Großraum Washington hinauf in den Shenandoah Nationalpark. Die Fahrt dauert nur etwa eineinhalb Stunden bis zur Hauptattraktion des Parks, dem Skyline Drive. Die Traumstraße windet sich 170 Kilometer über die Höhen der Blue Ridge Mountains. Immer wieder eröffnen sich dort neue Aussichten, mal über das Tal des Shenandoah River bis hin zu den Bergketten der Appalachen im Westen, mal über die sanfter ansteigenden Vorgebirgshügel des Virginia Piedmont im Osten.

Karen Beck-Herzog, eine schlanke Mittdreißigerin, ist kein typischer Ranger. Man könnte sie als Aussteigerin bezeichnen. Sie stammt aus New Jersey und arbeitete im Investmentgeschäft, bis ihr die 80-Stunden-Wochen zu viel wurden.

Zu ihrer Rangerkluft gehört ein Hut, wie ihn Pfadfinder tragen, oder der Cartoon-Bär Smokey, der früher vor Waldbrandgefahren warnte. Nach der Familie ist der Park das Wichtigste in ihrem Leben. Sie kennt viele Menschen, deren Schicksal er berührt hat - im Guten wie im Schlechten. Vielleicht erzählt sie seine Geschichte darum so anschaulich.

Die Nationalparkidee stammt aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Landschaft und Natur sollten bewahrt, der Öffentlichkeit zur Erholung zugänglich gemacht und künftigen Generationen unbeeinträchtigt hinterlassen werden.

Der Gründung des Yellowstone Nationalparks 1872 folgten bald weitere Parks wie Yosemite und Sequoia in Kalifornien oder Grand Canyon in Arizona. Die Beliebtheit dieser Parks im Westen des Kontinents wuchs mit der Verbreitung von Eisenbahn und Automobil. 1919 wurden bereits knapp 100 000 Fahrzeuge in den Parks gezählt. Was lag daher näher, als die Idee auch in den Osten der USA zu bringen, in die Nähe der großen Bevölkerungszentren?

Die Motive, den Shenandoah Nationalpark zu schaffen, seien weitgehend "kommerzieller Natur" gewesen, sagt Rangerin Beck-Herzog. Im Jahr 1924 gründeten über tausend ortsansässige Geschäftsleute eine Handelskammer, die "der Welt die landschaftlichen, historischen, industriellen und anderen Werte des berühmten Shenandoah-Tals" nahebringen sollte. Vor allem aber erhofften sich die Beteiligten eine Ankurbelung der lokalen Wirtschaft durch Touristendollars. Immerhin lebten nicht weniger als 40 Millionen potentielle Besucher im Einzugsbereich des Nationalparks. 1926 wurde das Projekt vom US-Kongress genehmigt.

Da konnte von unberührter Wildnis im angehenden Nationalpark allerdings keine Rede mehr sein. Bereits 1914 hatte ein Förster der US-Regierung im künftigen Parkgebiet Brandrodungen, weitgehenden Kahlschlag auf den westlichen Hängen der Blue Ridge Mountains, Bodenerosion und die zunehmende Umwandlung von Waldflächen in Weideland beklagt. Ende der zwanziger Jahre folgte ein verheerendes Waldsterben. Kastanienbäume, die mit ihren Früchten, ihrem dauerhaften Nutzholz und ihrer einträglichen gerbstoffhaltigen Borke das Leben der Bergbewohner viele Jahrzehnte lang geprägt hatten, fielen 1927 einer Pilzkrankheit zum Opfer. Zwei Jahre später setzte eine Dürrekatastrophe ein.

Einen mächtigen Verbündeten, diese Landschaft neu zu gestalten, hatten die Parkbefürworter in Präsident Herbert Hoover. Der hatte kurz vor seinem Amtsantritt eine Ansammlung von Holzhütten in den Blue Ridge Mountains bauen lassen und zog sich dorthin gern zum Forellenfischen zurück. Im Sommer verlegte er sogar seine Regierungsgeschäfte in die Berge.

Aus einem Hilfsfonds des US-Kongresses für die von der großen Trockenheit am härtesten betroffenen Gebiete zweigte Hoover Geld für sein Lieblingsprojekt ab: den Skyline Drive. "Die Menschen in dieser Berggegend sind in einer Notlage", rechtfertigte sich 1931 das US-Innenministerium. "Der Straßenbau bietet ihnen Arbeit statt Wohlfahrt."

Als Franklin Delano Roosevelt 1933 Präsident wurde, ging es erneut darum, wie der Park Menschen Arbeit bringen könnte. Die Depression in den USA befand sich auf ihrem Höhepunkt, etwa 15 Millionen Amerikaner waren arbeitslos. Besonders schlecht dran waren Jugendliche ohne Berufsausbildung und ohne Arbeitserfahrung.

Weniger als drei Wochen nach seinem Amtsantritt schlug Präsident Roosevelt dem Kongress daher die Schaffung eines Civilian Conservation Corps (CCC) vor, einer Naturschutzorganisation, die sich der Waldarbeit, der Vorbeugung gegen Bodenerosion, dem Hochwasserschutz und Ähnlichem widmen sollte. Vorbild war der Freiwillige Arbeitsdienst der Weimarer Republik, nicht etwa Hitlers späterer paramilitärischer Reichsarbeitsdienst, die manchmal miteinander verwechselt werden.

Das CCC stand arbeitslosen ledigen jungen Männern zwischen 18 und 25 Jahren offen, deren Familien von der Wohlfahrt lebten. Sie erhielten freie Unterkunft, Verpflegung, Gesundheitsfürsorge und Fortbildungsunterricht. Vergütet wurde ihr Einsatz mit "einem Dollar pro Tag". Davon gingen im Monat 25 Dollar zur Unterstützung an deren Familien. Obgleich die Arbeit ausschließlich zivilen Zwecken diente, unterstanden die Lager Offizieren der US-Armee.

Roosevelts Idee wurde ein großer Erfolg. Keine andere Einrichtung des New Deal erfreute sich größerer Beliebtheit. Dem CCC traten mehr als drei Millionen junge Männer bei.

Die beiden ersten Lager wurden dort aufgeschlagen, wo Ende 1935 der Shenandoah Nationalpark eröffnet werden sollte. Bis zur Auflösung des CCC 1942 entstanden acht weitere Lager, in denen zusammen ständig mehr als tausend "boys" arbeiteten. Sie legten Wanderpfade an, errichteten Feuerwachttürme, bauten Schotterstraßen für die Feuerwehr, Picknickplätze und öffentliche Toiletten.

Am Skyline Drive glätteten "die Jungs" die Abhänge. Sie konstruierten Aussichtsplattformen, sicherten die Fahrbahn mit hölzernen Leitplanken ab oder mit niedrigen Mauern aus Felsgestein. Künstliche Seen für Forellensetzlinge wurden angelegt, feuergefährliches Unterholz und tote Kastanienbäume entfernt, Tausende Bäume versetzt, um Aussichten zu erhalten, und Hunderttausende Bäume und Sträucher gepflanzt, um Aussichten zu schaffen.

Das Ergebnis war ein Naturpark, angelegt nach den Plänen von Landschaftsdesignern und Gartenarchitekten. Eine gute Tat, könnte man meinen, und doch gab es viele Menschen, die für die Schaffung dieses künstlichen Paradieses bitter bezahlen mussten. Denn als der Bundesstaat Virginia der US-Regierung das Areal schenkte, war das Gebiet nicht unbewohnt. Wie viele Landbesitzer, Pächter und gewohnheitsrechtliche Siedler, die in den Bergen hausten, die Gegend bevölkerten, ist unbekannt. Die Angaben schwanken zwischen 2000 bis 3000 Menschen und "mehreren tausend Familien".

Sie alle mussten den Park verlassen. Viele gingen freiwillig, andere wurden im öffentlichen Interesse enteignet und entschädigt, der Rest - etwa 465 Familien - wurde zwischen 1935 und 1937 zwangsweise umgesiedelt. Nach der Räumung brannten Mitglieder des CCC ihre Häuser nieder.

Noch heute, erzählt Karen Beck-Herzog, gebe es unter den Vertriebenen und deren Nachkommen "böses Blut". Die Parkverwaltung versuche deshalb, die Rolle dieser Menschen bei der Entstehung des Parks zu würdigen, sie zu ermutigen, ihre alten Familiengrabstätten und Friedhöfe auf dem Parkland zu pflegen und weiter für Beisetzungen zu nutzen. Das scheine, sagt die Rangerin, die alten Wunden zu heilen.

Ein anderer Schandfleck in den Annalen des Parks ist die Rassentrennung. Die kommerziellen Betreiber im Shenandoah Nationalpark, der im alten Süd- und Sklavenstaat Virginia gelegen ist, plädierten zunächst dafür, alle Parkeinrichtungen wie Unterkünfte oder Restaurants für Schwarze und Weiße getrennt zu schaffen. Der Parkdirektor teilte ihre Einstellung. "Ich glaube", schrieb er 1940 an seinen Vorgesetzten, "die beste Politik ist eine entschiedene Rassentrennung, auch wenn dieser Vorschlag nicht auf die Zustimmung der Gruppe von Negern treffen wird, die ihr Paradies auf Erden sofort haben will."

Zähneknirschend musste Roosevelts Innenminister den Vorrang der lokalen Gesetze Virginias vor seinen eigenen politischen Überzeugungen akzeptieren. Schwarze Amerikaner erhielten ihren eigenen, separaten Campingplatz im Park sowie eigene Klos und Wasserhähne. Doch 1950 wurde die Rassentrennung im Park vollständig aufgehoben - eine Entwicklung, die sich in anderen Teilen der USA noch bis zur Mitte der siebziger Jahre und länger hinzog.

Heute machen vor allem rücksichtsloses Gewinnstreben und Eigeninteresse der geschützten Natur zu schaffen. Smog von Kohlekraftwerken hat die Sicht von den Berghöhen von 130 auf 25 Kilometer reduziert. Eine dem Rinderwahn vergleichbare Krankheit, die von Farmen eingeschleppt wird, bedroht das Rotwild. Die Besitzer geländegängiger Fahrzeuge zerstören stellenweise den Boden und die Vegetation. Und skrupellose Pflanzendiebe und Wilderer gefährden den Bestand an wildem Ginseng und Schwarzbären.

"Die Probleme des Parks", sagt Rangerin Beck-Herzog, "spiegeln die Probleme der Gesellschaft wider." AXEL FROHN


SPIEGEL SPECIAL Geschichte 4/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

SPIEGEL SPECIAL Geschichte 4/2008
Titelbild
Abo-Angebote

Sichern Sie sich weitere SPIEGEL-Titel im Abo zum Vorteilspreis!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ORTSTERMIN:
DER PARK DER HOFFNUNG