21.10.2008

DIE AMERIKANISCHE GESELLSCHAFT

ON THE ROAD AGAIN

Von Fleischhauer, Jan

Die Gründungsväter zog es von der Alten in die Neue Welt. Den Hang zum Wandern scheinen sich auch ihre Nachfahren bewahrt zu haben. Wohl nirgendwo sonst auf der Welt ziehen die Menschen so viel um wie in Amerika.

Neulich musste ich beim Frühstück an meinen Nachbarn Bill in Amerika denken. In der Zeitung las ich über den Ruin der Mittelschicht, und plötzlich sah ich Bill vor mir. Ich machte mir Sorgen, was aus ihm geworden war. Er schien mir nicht gut gerüstet für die Krise. Eigentlich habe ich mir immer Sorgen um ihn gemacht, solange wir uns kannten.

Bill lebte mit seiner Familie die Straße runter in White Plains, einem Vorort von New York, wo ich mit meiner Familie im Sommer 2001 ein Haus bezogen hatte. Er war Buchhalter bei einem kleinen christlichen Verlag, wir lernten uns auf einem Schulfest kennen, und jedes Mal, wenn wir uns danach sahen, hatte er ein neues Auto, ein neues Boot oder sogar ein neues Haus.

Bill war meine erste Bekanntschaft mit den "Subprime"-Krediten, die inzwischen das halbe amerikanische Bankensystem in den Abgrund gezerrt haben. Ich verstand schon damals nicht, wie man für ein Haus, das einem nicht gehört, das Geld für ein doppelt so teures bekommen kann. Ich hätte aus Angst vor den Schulden nicht eine Nacht schlafen können, aber Bill schien das nicht das Geringste auszumachen. Vielleicht kannte er auch nur einen diskreten Arzt, der ihn am Monatsanfang mit einer Großportion Beruhigungsmittel versorgte, jedenfalls war er ständig dabei, "sich zu vergrößern", wie er das nannte. Als wir Amerika nach vier Jahren verließen, wohnte er in einem Haus, in das unseres gut zweimal hineingepasst hätte.

Es ist nicht gutgegangen, wie ich von einer Freundin erfahren habe, die ich neulich anrief, um mich nach der Nachbarschaft zu erkundigen. "Ach Bill, ja, interessant, dass du fragst", sagte sie, "der musste verkaufen. Er ist jetzt über den Fluss gezogen, wo es billiger ist." Sie sagte das leichthin, so als sei es das Normalste der Welt, mal eben sein schönes, neues Haus aufzugeben. Aber dann erinnerte ich mich, dass man in den Staaten jede Art von Ortswechsel gelassener sieht, auch den erzwungenen. Was bei uns schnell eine Katastrophe wäre, gilt dort einfach als temporäre Veränderung.

Die Amerikaner ziehen laufend um, tatsächlich scheint es eine ihrer Hauptbetätigungen zu sein: Sie ziehen von Norden nach Süden und von Ost nach West. Sie ziehen neuen Geschäften entgegen oder einem Jobangebot, das vielversprechend klingt. Sie ziehen dahin, wo die Sonne öfter scheint und die Lachse besser beißen. Manchmal ziehen sie auch einfach nur um, weil sie das Gefühl haben, sie sind zu lange an einem Platz geblieben.

Das halbe Land ist ständig in Bewegung. 38,7 Millionen Menschen haben vergangenes Jahr ihre alte Bleibe verlassen und sich auf den Weg woandershin gemacht, manche nur ein paar Blocks weiter oder in eine andere Stadt, viele aber auch ans andere Ende des Landes, wo sie niemand kennt und niemand erwartet hat. Innerhalb von zehn Jahren hat die Mehrheit der Amerikaner ihren Wohnort gewechselt, so etwas kennt man sonst nur aus Bürgerkriegsgebieten.

Ganze Städte sind auf diese Weise in den vergangenen Jahren entstanden. Es sind keine Städte mehr im herkömmlichen Sinne, eher Ausfaserungen der Stadtgrenzen. Die Soziologen haben einen neuen Begriff dafür gefunden, sie nennen diese Art von Ansiedlungen "sprawl", was so viel wie Wildwuchs bedeutet. Die neuen Siedlungen legen sich wie Ringe aneinander, es ist schwer zu sagen, wo die eine endet und die andere beginnt. Man fährt an endlosen Stripmalls vorbei, mit Wendy-Restaurants, chinesischen Reinigungen und "Best Buy"-Elektronikmärkten. Vom Auto aus gesehen wirken große Teile des Landes wie eine endlose einstöckige Shopping-Zone. Man kann ohne GPS schnell verlorengehen.

Die meisten Amerika-Besucher denken bei den USA an die Metropolen, New York natürlich, auch Los Angeles oder San Francisco. Aber nur eine Minderheit der Amerikaner lebt in großen Städten. Früher lag das typische Amerika auf dem Lande oder in der Kleinstadt, heute ist es der Suburb. Der Suburb hat keinen guten Ruf. Er ist die Endstation des weißen Mittelschichtspaars mit Kindern, wie man es aus Filmen wie "American Beauty" kennt. Seine Bewohner gelten als langweilig und oberflächlich und dort, wo sie einen nicht zu Tode langweilen, als psychotisch oder gehemmt pervers. Seit dem Erfolg der Fernsehserie "Desperate Housewives" assoziieren die Leute immerhin mit dem Vorortleben nicht mehr Serientäter, sondern geliftete Vierzigjährige mit Essstörungen.

Tatsächlich sind die Suburbs eine erstaunlich vielfältige Welt. 60 Prozent der Asiaten leben hier, die Hälfte der Hispanics und 40 Prozent der Afroamerikaner. Familien machen lediglich ein Drittel der Vororthaushalte aus, die meisten Bewohner sind alleinstehend. Wer sich auf eine Fahrt begibt, kann "die unglaublichsten Dinge" sehen, wie der Autor David Brooks beobachtet hat: "lesbische Zahnarztpraxen, iranische McMansions, koreanische Megakirchen, atomwaffenfreie Gewerbegebiete, orthodoxe Stetl mit chassidischen Juden, die jeden Samstag am Straßenrand zur Synagoge tapern".

Der Suburb ist zugleich eine sehr provisorische Welt, er ist das Gesicht der mobilen Gesellschaft. Alles verändert sich mit enormer Geschwindigkeit. Man fährt auf dem Weg zum Friseur an einer Einfamilienhaussiedlung vorbei und denkt sich, hoppla, hier war doch gestern noch ein Feld. Wo nichts für die Ewigkeit ist, nimmt es niemand mit den Bauvorschriften ganz ernst, das gibt dem Vorort-Amerika auch immer einen eigenartigen Dritte-Welt-Charme.

Besucher aus Europa sind regelmäßig schockiert, wie nachlässig Strom- und Telefonleitungen von den Masten baumeln. Die Wände eines neuerrichteten Hauses sind in der Regel so dünn, dass man nach dem Bohren eines Lochs vor die Tür läuft, um nachzugucken, ob die Spitze des Dübels auf der anderen Seite schon herausguckt. Als ich nach dem ersten Winter meine Heizrechnung bekam, dachte ich an einen bösen Streich des Elektrizitätswerks. Ich konnte mir schlechterdings nicht vorstellen, dass ich 700 Dollar pro Monat verbraucht hatte. Dafür ist es im Sommer in den eigenen vier Wänden so heiß, dass man ohne Klimaanlage nicht einen Tag überlebt.

Zweihundert Jahre lang sind die Amerikaner westwärts gezogen. Man sollte meinen, dass sich die Dinge gesetzt haben, aber der Drang nach Westen scheint ungebrochen. Die am schnellsten wachsende Stadt Amerikas war bis vor kurzem Las Vegas. Am Rand der Wüste entstand jeden Monat ein neues Viertel, 4200 Häuser mit Vorgarten und Carport. Die Polizisten bekamen regelmäßig neue Stadtpläne, damit sie sich zurechtfanden. Seit sich das Wachstum im Spielerparadies etwas abgekühlt hat, liegt jetzt Dallas als Boomregion auf Platz Nummer eins. Keine Ahnung, was die Leute alle da wollen. Vielleicht mögen sie einfach Texas.

Die vergangenen fünf Jahre sind die meisten Amerikaner umgezogen, weil sie es sich leisten konnten. Wie bei meinem Nachbarn Bill war das nächste Haus einfach die größere Version des vorherigen. Jetzt marschiert ein ganzer Teil der Gesellschaft in die andere Richtung, aber die Leute nehmen auch das erstaunlich gefasst.

Nach jeder Flutkatastrophe kann man im Fernsehen Menschen sehen, die vor den Trümmern ihrer Existenz stehen und nun von einem Fernsehteam befragt werden, wie es weitergehen solle. Natürlich gibt es Tränen, aber alles in allem wirken die Leute ziemlich ungerührt. Neulich sah ich in einem Fernsehbeitrag eine ältere Dame, die gerade durch einen Hurrikan alles verloren hatte, im Hintergrund sah man noch die Planken ihres Hauses im Wasser schwimmen. Wie es ihr denn gehe, wollte der Reporter wissen. "Um ehrlich zu sein, ich hatte schon bessere Tage", antwortete sie trocken.

Vielleicht liegt den Amerikanern die Umzieherei einfach im Blut. Wenn man darüber nachdenkt, dann verdankt die Nation ihre Existenz dem Bewegungsdrang von Menschen, die es zu Hause nicht mehr aushielten. Statt sich in den beengten Verhältnissen auf dem alten Kontinent einzurichten, bestiegen sie einfach ein Schiff und machten sich auf und davon - eine Kränkung, von der sich die Zurückgebliebenen nie ganz erholt haben.

Die Soziologen streiten bis heute, ob die Unstetheit der Gesellschaft als Ganzes nun schadet oder nicht. Vor ein paar Jahren erschien in den Staaten ein Buch von Robert Putnam mit dem eingängigen Titel "Bowling Alone", das sofort zum Bestseller wurde. Es beschreibt die Amerikaner als ein Volk hochindividualisierter, unkommunikativer Einzelwesen, die über die Zäune ihrer Grundstücke immer schwerer Kontakt zueinander finden. Die Putnam-Schule erfreut sich gerade unter Sozialwissenschaftlern nach wie vor großer Beliebtheit.

Man kann die Dinge aber auch entspannter sehen. Der Philosoph George Santayana, der lange in Harvard lehrte, wies einmal darauf hin, dass die Amerikaner Probleme nicht zu lösen versuchen wie andere Nationen: Sie lassen sie einfach hinter sich. Wenn sie etwas stört, ziehen sie weiter, so wie es sie von Anfang an getan haben. Das ist sicherlich sehr oberflächlich, aber es macht die Dinge viel einfacher. Vielleicht sind die Amerikaner deshalb auch ein relativ glückliches Volk. F


SPIEGEL SPECIAL Geschichte 4/2008
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