21.10.2008

DIE AMERIKANISCHE KULTUR

AMERIKA ERZÄHLT

Von Hillgruber, Katrin

Von Hawthorne bis DeLillo, von Melville bis Roth - ein Streifzug durch die US-Literatur

Alles begann mit einem leuchtend roten A. Die Initiale von "adulteress", Ehebrecherin, wurde Mitte des 17. Jahrhunderts in Boston der Einwanderin Hester Prynne auf die Brust geheftet. Zeitlebens sollte sie das dunkelrote Kainsmal auf ihren Kleidern tragen, auf dass sie zur lebenden Hieroglyphe werde. Stundenlang musste Hester mit ihrem Baby Pearl auf dem Arm am Pranger stehen. Unter die gaffende Menge mischte sich inkognito ihr Mann, ein tiefreligiöser Arzt, der Hester zwei Jahre zuvor in die Neue Welt vorausgeschickt hatte. Während der entwürdigenden Zeremonie auf dem Marktplatz, einem Exzess der Sittlichkeit, dachte er nicht daran, seiner Frau zu helfen.

"Der scharlachrote Buchstabe" ("The Scarlet Letter", 1850) von Nathaniel Hawthorne gilt als der erste amerikanische Gesellschaftsroman von Weltrang. Hawthorne, dessen Ururgroßvater an den Hexenprozessen von Salem beteiligt war, klagte die Lebensfeindlichkeit der Puritaner schon mit der Verve des ersten Satzes an.

Er wirft den Einwanderern vor, in das ersehnte Neuland gekommen zu sein, um dort als Erstes Mauern der Engstirnigkeit zu errichten und in ihrer maßlosen Beschäftigung mit der "Sünde" lebensfeindliche Verbote zu erlassen. Statt ihren ursprünglichen "Utopien menschlicher Tugend und Glückseligkeit" zu folgen, habe die "selbstgerechte Kolonie von Massachusetts" nichts anderes als "die schwarze Blume der Zivilisation, ein Gefängnis" errichtet. Das tiefe, leuchtende Rot als Symbol für Hesters Mut und Sinnlichkeit hat bis heute nichts an Strahlkraft eingebüßt: "Der scharlachrote Buchstabe" gilt als ein Vorfahr feministischer Literatur. Einige seiner Motive variierte zuletzt Paul Auster in dem Roman "Die Brooklyn-Revue".

Aus der calvinistischen Eisenklammer der Prinzipientreue und phantasiearmen Tüchtigkeit gab es für die Autoren einer beginnenden nordamerikanischen Nationalliteratur mehrere Auswege: die Seefahrt oder "Go West", der von Pioniergeist getragene Aufbruch in die Wildnis, wie sie dem antiurbanen Impuls eines Thomas Jefferson entsprach, dem Verfasser der Unabhängigkeitserklärung von 1776. Oder aber die Flucht in die irrationale Düsternis, von Edgar Allan Poe nach 1830 meisterlich exerziert in seinen Schauergeschichten wie "Der Untergang des Hauses Usher" oder in "Der Bericht des Arthur Gordon Pym aus Nantucket", in dem es um eine Ich-Zerrüttung auf hoher See geht. Schließlich: die Flucht aus der Welt in den heimischen Wald und zu sich selbst.

Henry David Thoreau schuf mit dem romanhaften Tatsachenbericht "Walden oder Leben in den Wäldern" ("Walden; or, Life in the Woods") im Jahr 1854 einen Klassiker der Hingabe an das Leben und die Natur, der von britischen Arbeiterführern über Tolstoi bis hin zu Marcel Proust immer wieder begeisterte Leser fand. Ein Mann besinnt sich auf seine eigenen Fähigkeiten und zieht - zufällig am 4. Juli, dem amerikanischen Unabhängigkeitstag - in ein Blockhaus am Waldensee von Concord, Massachusetts. Dort protokolliert er seine Erlebnisse, Ausgaben, Gedanken. Den Spitz- und Schimpfnamen "Yankee" macht er zu einem Gütesiegel des einfachen Lebens. "Walden" ist ein appellatives Brevier für alle Lebenslagen, vom empfohlenen Verzehr gebratener Ratten bis zum radikal modernen Plädoyer für die Einsamkeit.

Thoreau orientierte sich an dem programmatischen Essayband "Nature" des ehemaligen Bostoner Pfarrers und transzendentalistischen Philosophen Ralph Waldo Emerson, der mit "The American Scholar" eine geistige Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten verfasste. In den Jahren ab 1830 bildeten Emerson, Thoreau, Hawthorne und der Reformpädagoge Amos Bronson Alcott das sogenannte Concord Quartet. Diese ungewöhnliche Ideenschmiede trug wesentlich zur Bildung der geistigen Identität Nordamerikas bei.

"The American Scholar" kündet von jener Freiheitsliebe und dem Urvertrauen in die eigenen Kräfte, wie es der "Selfmademan" Washington Irving verkörperte. Als erster Ostküstenliterat bereiste er den Wilden Westen und beklagte wie der Romancier Henry James ("Portrait of a Lady", "The Europeans") den Mangel an Kultur beziehungsweise "manners" und das prosaische Wesen seiner Landsleute im Vergleich zu Europa.

Auch Mark Twains berühmte Reisebeschreibung "Die Arglosen im Ausland" ("The Innocents Abroad", 1869) nimmt satirisch die Perspektive des Vandalen aus der Neuen Welt ein. Die Anziehung und Abstoßung von Europa wird für viele amerikanische Autoren zum bestimmenden Thema, für Wahl-Pariser wie den homosexuellen Afroamerikaner James Baldwin, für Henry Miller, die Avantgardisten John Dos Passos ("Manhattan Transfer") und Gertrude Stein oder für Patricia Highsmith. Die "Queen of Suspense" wollte stets "möglichst weit weg von zu Hause leben"; sie starb im Tessin.

"Nur zwei Amerikaner wohnten im Hotel. Von all den Leuten, die ihnen auf ihrem Weg in ihr Zimmer auf der Treppe begegneten, kannten sie niemand", heißt es so knapp wie kleinlaut in der Short Story "Katze im Regen" von Ernest Hemingway. Ihm zufolge lässt sich alle moderne Literatur von Mark Twain alias Samuel Langhorne Clemens herleiten. Mit "Die Abenteuer des Huckleberry Finn" schuf Mark Twain ebenso wie James Fenimore Cooper mit der "Lederstrumpf"-Romanserie einen Mythos der Jugendliteratur, vergleichbar Jerome D. Salingers "Der Fänger im Roggen" (1951). Cooper warnte bereits in "Der letzte Mohikaner" (1826) vor der Vernichtung der Harmonie zwischen Mensch und Natur.

Von keinem Zweifel angekränkelt, besang der unorthodoxe Nationalpoet Walt Whitman "God's own country": Trotz der ernüchternden Teilnahme am Sezessionskrieg von 1861 bis 1865 schwang er sich in "Leaves of Grass" zu der Behauptung auf, er selbst sei "ein Amerikaner, einer der rauen, ein Kosmos", und Amerika an sich sei das größte Gedicht. Der Kulturhistoriker Van Wyck Brooks bezeichnete das halbe Jahrhundert zwischen 1815 und 1865 als "Blüte Neu-Englands". Sie gedieh, obwohl der wachsende Bundesstaat durch den Konflikt um die Sklavenhaltung tief gespalten war. Thoreau etwa beteiligte sich an einer Organisation, die Sklaven aus den Staaten südlich des Ohio-River in die Freiheit schleuste.

Es war eine Frau, Harriet Beecher Stowe, die mit einem Fortsetzungsroman den Nerv der Zeit traf: "Onkel Toms Hütte" ("Uncle Tom's Cabin; or, Life among the Lowly", 1852). Mehr als eine halbe Million Europäerinnen schrieben damals an Stowe, um die Abolitionistin in ihrem Kampf zu unterstützen - eine einmalige Aktion. Das Buch findet bis heute ein globales Echo, auch wenn sich die Interpretation des rührseligen Epos um den rechtschaffenen Sklaven Tom und seine Odyssee durch die Südstaaten sehr gewandelt hat; mit Tom identifiziert sich längst kein Schwarzer mehr.

Mit so bedeutenden Romanciers wie William Faulkner ("Absalom, Absalom!", 1936) und Carson McCullers ("Das Herz ist ein einsamer Jäger", 1940) blieben die Südstaaten das Terrain der "Schicksalssymphoniker", des "Southern Gothicism", wie Truman Capote erklärte. "Die Grasharfe" (1951) geriet zur Liebeserklärung an seine Kindheitslandschaft rund um New Orleans: "Dieses, die Grasharfe war es, die alles bewahrte, die alles erzählte, die Harfe der Stimmen, die uns alles ins Gedächtnis zurückrief. Wir lauschten."

Der Erzählband "Uncle Tom's Children" des selbsterklärten "Black Boy" Richard Wright offenbarte 1938, welcher Lebensgefahr Schwarze unter der Rassentrennung nach wie vor ausgesetzt waren. Als eigentlicher Begründer der "slave narrative" gilt der aus Nigeria verschleppte Olaudah Equiano, der 1797 als freier Mann in London starb. Sein autobiografischer Abenteuer- und Protestroman erlebte unzählige Auflagen. Heutzutage ist es vor allem die einzige afroamerikanische Nobelpreisträgerin Toni Morrison ("Jazz", 1992), die auch als Essayistin immer wieder auf die verdrängte "symbolische Gegenposition" des Afrikanischen in der US-Kultur hinweist.

Wie der Buckel eines Wals gipfelte die "American Renaissance" in Herman Melvilles Opus magnum "Moby-Dick" ("Moby-Dick; or, The Whale", 1851), das er wiederum Nathaniel Hawthorne widmete - "zum Zeichen meiner Bewunderung für seinen Genius". Die "Blackness", die finstere Schwärze, die der ehemalige Seefahrer Melville bei Hawthorne rühmte, trifft in gleichem Maße auf ihn selbst und das Epos über den berühmtesten Fisch der Literaturgeschichte zu. Aber ist das Säugetier Wal nicht in Wahrheit ein metaphysisches Wesen? Um diese Frage wortreich, aber erfolglos zu erörtern, setzt Melvilles magische Beschreibung eines elementaren Zweikampfs zwischen Mensch und Tier mit einem etymologischen Kapitel ein. "Sicherlich stand meine Walfangreise schon längst auf dem Riesenprogramm der Vorsehung", sinniert der Erzähler Ismael: "Ich denke mir, dieser Teil des Theaterzettels dürfte etwa so gelautet haben: Heißer Präsidentschaftswahlkampf in den USA / Ein gewisser Ismael geht auf Walfang / Blutige Schlacht in Afghanistan." Diese Schlagzeilen erdachte Melville vor 157 Jahren.

"'Das Todeshaus' war eine jener krassen Einrichtungen menschlicher Gefühllosigkeit und menschlicher Dummheit, für die man eigentlich niemanden verantwortlich machen konnte", schreibt der deutschstämmige Theodore Dreiser in seinem Hauptwerk "Eine amerikanische Tragödie" (1925). Die Vereinigten Staaten erschienen und erscheinen vielen ihrer kritischen Autoren trotz der verfassungsgemäßen Verheißung von Glück und Freiheit als ein Land der Gewalt. "Why is Your Writing So Violent?", fragte sich die unerhört produktive Gesellschaftschronistin Joyce Carol Oates. Unzählige junge Mädchen haben in ihren Büchern Gewalterfahrungen gemacht.

Dreisers Held Clyde Griffiths, Sohn eines verarmten Straßenpredigers aus Kansas, erlebt den amerikanischen Traum und dessen brutale Kehrseite. Um eine reiche Erbin zu heiraten, will er sich seiner Geliebten, einer schwangeren Fabrikarbeiterin, bei einer Bootsfahrt entledigen. Im letzten Moment schreckt er zurück, doch zu spät: Roberta ertrinkt. Obwohl es sich um unterlassene Hilfeleistung handelt, wird Clyde zum Tode verurteilt. Dreiser malt die Wartezeit bis zur Hinrichtung quälend in Echtzeit aus. Seine flammende Anklage gegen die Todesstrafe hat ihre traurige Aktualität bewahrt.

Zur Zeit der Weltwirtschaftskrise, im Vorfeld von Präsident Roosevelts New Deal von 1933, erlebte die US-Literatur eine Art Blütezeit aus Stahl. Die satirische Verknappung, die Pointierung in Form der Kurzgeschichte bot sich als adäquate Antwort auf eine immer härtere Wirklichkeit an. Die Short Storys von Sherwood Anderson ("Winesburg Ohio: Roman um eine kleine Stadt", 1919) ziehen durch die Kunst der Auslassung in ihren Bann: Wie von kaum merklichen Erdbeben angestoßen, beginnt das Denken und Fühlen der einsamen Protagonisten um jeweils einen Punkt zu kreisen. Nobelpreisträger Sinclair Lewis karikierte 1922 in seinem Roman "Babbitt" das kleinstädtische Amerika. Er schuf den Prototypen des arglosen Mainstream-Materialisten, wie er in den Romanen von Richard Ford ("Unabhängigkeitstag", 1995) in Gestalt des Frank Bascombe fröhliche Urständ feiert.

Dreiser hatte sich - wie Brecht - von Upton Sinclairs sozialkritischem Roman "Der Dschungel" ("The Jungle", 1906), dessen Schauplatz die riesigen Schlachthäuser Chicagos sind, inspirieren lassen. Die Verbindungen zwischen Journalismus und Literatur waren in den USA stets viel enger und fruchtbarer als hierzulande; das belegen Autoren wie Susan Sontag, Joan Didion oder Tom Wolfe ("Fegefeuer der Eitelkeiten"), einer der Begründer des "New Journalism". Diese Tendenz setzte sich in diversen "Non Fiction"-Romanen fort, einer Tradition, die Truman Capote ("Kaltblütig") bis zur Gefährdung seiner eigenen Person pflegte. Norman Mailer, der wilde alte Mann der US-Literatur, blieb ihr bis zu seinem letzten Werk, einer abstrusen Hitler-Fiktion, treu.

Die ungeheure Vitalität und Anziehungskraft der amerikanischen Literatur liegt einerseits in ihrer Verbindung von Tiefsinn mit Spannung und realistischer Darstellungskraft. Experiment und Popularität schließen sich dabei nicht aus. Das beweist etwa der Roman "Fahrenheit 451" des inzwischen 88-jährigen Science-Fiction-Veteranen Ray Bradbury. 1953 kondensierte er das Klima der Hexenjagd unter McCarthy und die grassierende Angst vor einem Atomkrieg zu einer futuristischen Parabel. Auch Kurt Vonneguts erschütternder Erlebnisbericht "Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug" ("Slaughterhouse-Five", 1969) über die Bombardierung Dresdens 1945 bezeugt einen nihilistischen Humor. Der Beat-Poet Jack Kerouac verherrlichte in "On the Road" (1957) auf seine Weise die Weite des Landes und machte das transitorische Lebensgefühl unsterblich.

Der andere konstante Kraftstrom speist sich aus dem "Melting Pot", dem Einwanderungsland Amerika. Der aus Polen stammende Isaac B. Singer beschrieb den Tag seiner Ankunft in New York 1935 in allen Schattierungen und Einzelheiten. In den Werken des Einwanderersohns Saul Bellow oder Vladimir Nabokovs ("Lolita", 1955) nimmt sich die russische Fabulierlust amerikanischer Sujets an. Paul Auster lässt sich als Nachfahre österreichischer Juden bei der Arbeit an seinen "postmodernen Detective Novels" von Wiener Walzern inspirieren. Eine Mischung aus jüdischer und amerikanischer Sehnsucht nach dem Gelobten Land durchzieht sein Werk. Die Kehrseite des "Melting Pot" hat der in Kalifornien lebende Katastrophist T. C. Boyle in "América" ("The Tortilla Curtain", 1995) gegeißelt: das unwürdige Dasein illegaler mexikanischer Einwanderer.

Einsame Helden, den Kopf voller Verschwörungstheorien - das ist das Kennzeichen der "System Novels", die Thomas Pynchon und Don DeLillo zu packender Meisterschaft entwickelt haben. Pynchon setzte mit seinem Roman "Die Enden der Parabel" ("Gravity's Rainbow", 1973) ganze Dechiffriersyndikate in Bewegung. Diesem Autor ist es gelungen, völlig hinter seinem phantastischen, zwischen Paranoia und Anti-Paranoia mäandernden Werk zu verschwinden.

In Don DeLillos Roman "Libra" (1988), den die Symbolik der Zahl drei bestimmt, wird die Wirklichkeit erst durch die Präsenz der Medien gültig. Das Attentat in Dallas am 22. November 1963 macht den Underdog Lee Oswald, in dessen Perspektive DeLillo mimetisch schlüpft, zu einer Ikone des Bösen. Durch die Fernsehübertragung der Todesschüsse wird er wiedergeboren und fortan mit den landesüblichen drei Namen verewigt: Lee Harvey Oswald.

Nach dem Attentat auf John F. Kennedy hat kaum ein politisches Ereignis die US-Autoren mehr bewegt als der 11. September 2001. Sechzig Jahre nach Pearl Harbor offenbarte sich erneut die Verwundbarkeit der Supermacht. Paul Austers Ich-Erzähler hält in "Die Brooklyn-Revue" fest: "Es war acht Uhr, als ich auf die Straße trat, acht Uhr am Morgen des 11. September 2001 - sechsundvierzig Minuten bevor das erste Flugzeug in den Nordturm des World Trade Center raste. Nur zwei Stunden später trieb der Rauch von dreitausend verbrannten Leibern auf Brooklyn zu und regnete als weiße Wolke aus Asche und Tod auf uns hernieder." Verhaltene Trauer prägt Don DeLillos Reaktion auf Nine-Eleven in "Falling Man", während Austers Frau Siri Hustvedt in "Die Leiden eines Amerikaners" ("The Sorrows of an American", 2008) larmoyante Schwerstarbeit am Trauma verrichtet.

Don DeLillos hochkomische und todesbittere Supermarkt-Apologie "Weißes Rauschen" ("White Noise", 1984) über die konsumfreudige Familie eines Professors für Hitlerstudien, die von einem Chemieunfall überrascht wird, bestätigt seinen Rang als einer der originellsten Chronisten der amerikanischen Gegenwart. Der Schauplatz Universitäts-Campus verbindet DeLillo, Jahrgang 1936, mit zwei anderen Grand Old Men: den erotomanischen Realisten Philip Roth und John Updike, dem Schöpfer der legendären "Rabbit"-Romane.

Der Theologieprofessor Roger Lambert sinniert in Updikes "Das Gottesprogramm - Rogers Version" ("Roger's Version", 1986) über den jugendlichen Körper seiner Halbschwester Edna, mit dem begierige männliche Hände eine "Art von Autowäsche" vollführen, "aus der ihr amerikanischer Körper zur Frau erblüht hervorgehen würde, mit polierten Stoßfängern und einem unergründlichen Kofferraum, ein jungfräuliches Fahrzeug, das abgenommen und zugelassen war für die legale Fortzeugung der Rasse". Roman um Roman pflanzt sich das Werk der beiden Großmeister ebenso verlässlich fort. Roth widmete sich ausführlich den Inkontinenzproblemen seines Schriftsteller-Helden Nathan Zuckerman in "Exit Ghost" (2007). Nun will er sich wohl endgültig von Zuckerman verabschieden.

Der Geist des Postmodernismus manifestiert sich in so interessanten jüngeren Autoren wie dem kürzlich verstorbenen David Foster Wallace, der das Chaos als Stilprinzip pflegte, oder dem konventionelleren Jonathan Franzen.

Sucht man aber nach dem Urgrund der modernen amerikanischen Literatur, so taucht neben Nathaniel Hawthornes A ein weiterer magischer Buchstabe auf: Thomas Pynchons "V.". Der Titel dieses Romandebüts von 1963 bezieht sich auf die geheimnisvolle Fremde V., nach der eine der Hauptfiguren wie besessen sucht: "Was dem Lustmolch gespreizte Schenkel bedeuten, dem Ornithologen die Flugwege der Zugvögel, dem Werkzeugmacher seine Drehbank, das war für den jüngeren Stencil der Buchstabe V."

Die Hieroglyphe hat sich längst verselbständigt. F


SPIEGEL SPECIAL Geschichte 4/2008
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